Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Rad- contra Autofahrer

Keine Vorfahrt für Rad-Rambos

Rad- contra Autofahrer, Thomas Fischer Foto: Dino Eisele

Das Miteinander von Radlern und Autofahrern im Straßenverkehr ist nicht frei von Konflikten. Thomas Fischer kennt aus eigener Erfahrung beide Welten und plädiert für mehr Rücksichtnahme – auch von Seiten der Biker.

01.05.2013 Thomas Fischer Powered by

Behaupte bloß keiner, ich sei so ein Rambo mit Armaturenbrett vor dem Kopf, der auf der Straße seine niederen Instinkte auslebt, indem er – vorzugsweise mit einem dicken und schweren SUV bewaffnet – schwächere Verkehrsteilnehmer einschüchtert. Und der den Begriff Radler zu- allererst mit einem Mixgetränk assoziiert.

Fahrradfahrer sind leicht verletzlich

Weit gefehlt: Ich fahre zwar seit 36 Jahren Auto, aber seit nunmehr 45 Jahren auch regelmäßig Fahrrad. Zigtausende von Kilometern habe ich dabei schon runtergestrampelt. Und hurra: Ich lebe noch. Ich bin als Jugendlicher mit dem Rad durchs Rhône-Tal an die Côte d'Azur und über die Alpen wieder zurück getourt und radle noch heute viel durch die Gegend – wohlgemerkt in Stuttgart, einer Stadt, die wegen ihrer schmalen Straßen, nur spärlich vorhandener Radwege und einer Topografie mit 300 Höhenmeter Differenz zwischen meinem Zuhause und dem Talkessel nicht gerade als Fahrrad-Dorado gilt.

Ich kenne also aus eigener Erfahrung beide Perspektiven sehr gut und weiß, wovon ich rede, wenn es um die Betrachtung der nicht immer konfliktfreien Kohabitation von Auto- und Radfahrern geht. Ich kann nachempfinden, wie es sich anfühlt, wenn man auf der Landstraße vom Luftwirbel eines vorbeibrausenden Trucks mit seinem Drahtesel fast in den Graben gedrückt wird. Und ich kenne die Furcht, in der City von einer plötzlich unachtsam geöffneten Fahrertür schlagartig gebremst und aus dem Sattel gehoben zu werden. Radfahrer sind – mehr noch als Fußgänger – die fragilsten Verkehrsteilnehmer.

Sie schützt weder ein Gehweg noch ein Zebrastreifen. Und im Gegensatz zu den anderen Zweiradlern – den Motorradfahrern – sind Radfahrer nicht mit robuster Schutzbekleidung unterwegs und werden auf der Straße selten als vollwertige Verkehrsteilnehmer wahrgenommen. Deshalb mache ich mir um unsere beiden Söhne mehr Sorgen, wenn sie leichtsinnigerweise ohne Kopfschutz mit dem Fahrrad unterwegs sind, als wenn sie auf dem Motorrad cruisen, wo sie Lederkleidung, Protektoren und Integralhelm tragen.

Kampfradler unterwegs

Drei Viertel aller Fahrradunfälle sind auf Kollisionen mit Kraftwagen zurückzuführen – das ist eine eindeutige Statistik. Aber doch nur die halbe Wahrheit. Denn die Zahl der Radler ist in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Der Fahrradbestand in Deutschland hat in den letzten zehn Jahren von 60 auf 70 Millionen zugenommen. Aktuell werden hierzulande jährlich vier Millionen Fahrräder verkauft – eine Million mehr als Neuwagen. Und der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr ist auf 13 Prozent geklettert – in manchen Städten wie Freiburg oder im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg sind es bis zu 40 Prozent.

Das Risiko, auf Konfrontations- und im schlimmsten Fall Kollisionskurs mit Autofahrern zu kommen, ist dadurch natürlich gewachsen. Aber deshalb herrscht kein Krieg zwischen beiden Parteien, auch wenn das bisweilen von der Fahrradfraktion so aufgebauscht wird. Kann ja auch nicht sein, wenn selbst nach Angaben des Fahrradclubs ADFC 90 Prozent aller Radfahrer einen Auto-Führerschein besitzen.

Bei einem Bruchteil der restlichen zehn Prozent bin ich mir allerdings nicht so sicher, ob nicht bewusst die Autofahrer zum Feindbild heraufbeschworen werden. "Kampfradler" nennt Verkehrsminister Peter Ramsauer diese Spezies.

Beim Typus Kampfradler werde ich das Gefühl nicht los, dass er sich den Autofahrern gegenüber moralisch überlegen fühlt. Frei nach dem Motto: Ihr Blechheinis seid die Bösen – die Umweltverpester, die Stauverursacher, die Ressourcenvernichter. Wir Radfahrer hingegen sind die Gutmenschen. Die Astreinen, weil wir keine Schadstoffe emittieren und nicht mal Feinstaub verursachen – allenfalls den Schweiß der Gerechten verströmen. Es fällt als Radler ja auch so leicht, selbstgerecht zu sein. Sind sie doch in der öffentlichen Wahrnehmung die Coolen, die Cleveren, die Fitten, die Geräuschlosen (weil sie nicht mal klingeln, wenn sie von hinten in eine Fußgängergruppe rauschen).

Wer kennt sie nicht, die fiesen Tricks der Kampfradler, wenn sie sich im Namen von Recht und Gerechtigkeit Vorfahrt verschaffen? Beispielsweise beim Durchwitschen zwischen zwei Autoschlangen rechts und links mal kurz den einen oder anderen Außenspiegel abtreten oder eine Beule in die Tür drücken. Je nach Ampelphase von der Straße auf den Bürgersteig und den Zebrastreifen und gleich wieder zurück auf die Straße wechseln. Mit vollem Karacho durch Parks und Fußgängerzonen brettern. Manche Hasardeurs-Aktion ist sogar durch die Straßenverkehrsordnung legalisiert wie das entgegengesetzte Befahren von Einbahnstraßen – gerne auch in der illegalen Version des Nachts ohne jede Beleuchtung.

Das Radfahren ist ja auch so easy geworden. Selbst für unsportliche Menschen.
Früher gab es grobschlächtige Low-Tech-Räder mit Dreigang-Nabenschaltung und schmalbereifte Rennräder mit Fünf- oder Zehngang-Schaltung. Darüber lächeln die Radler heute müde. Aktuell ist das Fahrradangebot kaum weniger vielfältig als bei den Autos. Es gibt City-Bikes, Hollandräder, Klappräder, Rennräder, Trekkingräder, Crossräder, Mountainbikes und neuerdings sogar Pedelecs mit Elektroantrieb. Zur Ausrüstung gehören Scheibenbremsen, LED-Scheinwerfer mit Nabendynamo und geschmeidig wechselnde Schaltwerke, die eines nicht allzu fernen Tages vielleicht schon 50 Gänge bieten werden. Manche dieser HighTech-Räder kosten so viel wie ein ordentlicher Gebrauchtwagen.

Das alles macht Radfahren noch vielfältiger und noch schöner. Aber es verführt bei den weniger Gutartigen unter den Gutmenschen zu Desperado-Tun. Es ist ja auch so leicht, ungeschoren davonzukommen. Im Gegensatz zu zwei- und vierrädrigen Kraftfahrzeugen, die allesamt Nummernschilder tragen müssen, sind Räder völlig anonyme Vehikel. Und hinter dieser Anonymität kann man sich dann vermeintlich alles erlauben. Radfahren unter Alkoholeinfluss beispielsweise gilt in der Radler-Gemeinde quasi als Kavaliersdelikt.

Menschenverstand einschalten

Leider gibt es weder beim Fahrrad- noch beim Autokauf eine Extraportion Hirn als Sonderausstattung. Deshalb sollte die Randgruppe der Wutbürger unter beiden Parteien wenigstens ab und zu den gesunden Menschenverstand einschalten, um im Straßenverkehr rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Ein bisschen mehr Rücksicht und etwas weniger Ideologie auf beiden Seiten – dann kommt die Vernunft nicht mehr unter die Auto - beziehungsweise Fahrräder. Die Losung "Autos raus aus den Städten und freie Wildbahn für Radfahrer" kann keine Lösung sein.

Denn dann landen wir in Rad-Diktaturen wie im niederländischen Amsterdam oder im nordrhein-westfälischen Münster, wo sich die Radfahrer massenhaft gegenseitig über den Haufen fahren und Fußgänger mittlerweile das allerschwächste Glied in der Kette sind.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Empfehlungen aus dem Netzwerk