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Ralf Czytkowski

Oldtimerhalle Dortmund

Foto: Hardy Mutschler 12 Bilder

Ralf Czytkowski hasst Club-Besserwisser und Concours-Klassiker. Seine Oldtimerhalle Dortmund spiegelt die raue Realität: Alles ist vergänglich, und nur wenige überleben.

14.01.2007 Alf Cremers Powered by

"Kommt rein, Ihr Fuzzis. Wollt ihr 'ne Tasse Kaffee?"

Ralf Czytkowski, ein stämmiger Mann mit prächtigem Schnauzbart und Cazal-Sonnenbrille, begrüßt uns in bester Ruhrpott-Manier. Rau, aber herzlich, und sehr direkt. Die Oldtimerhalle Dortmund juckt uns schon lange, Mercedes-Freaks wissen sofort, wovon wir reden. Nirgendwo in Deutschland stehen mehr alte S-Klassen und SLC rum als hier im Stadtteil Marten, da, wo Dortmund unmerklich in Bochum übergeht. In der Einfahrt parkt ein neuer SL, schwarz mit Hardtop.

Mobile.de hält uns Süchtige regelmäßig mit 107ern und 116ern auf Trab. Wenn man wenig Geld und viele Kilometer eingibt, heißt es gern Martener Straße 537. Ein Schnäppchenmarkt für Sternenjünger, ständig über 150 Fahrzeuge im Angebot. Die Internetforen des 107er- und 116er-Clubs lesen sich jedoch wie Warnhinweise auf Arzneimittelpackungen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Technikreferenten oder Teile-Lageristen. Einer von denen war garantiert schon mal auf Einkaufstour in Dortmund. Gruselige Berichte kursieren die Runde, wohlwollend ist schon mal von einem Missverständnis die Rede. Im Ernstfall heißt es dann Kernschrott.

"Is' alles Verhandlungssache"

 Mit den Hochglanz-Exponaten auf den Bildergalerien der Clubs können Ralf Czytkowskis patinierte Okkasionen natürlich nicht konkurrieren. Fünf, sechs, maximal zehn in der finsteren modernen Halle sind, sobald ein Lichtstrahl ihre bunten Metallic-Lacke streift, original, ziemlich rostfrei und innen sauber.

Etwa ein 380 SLC mit Gasanlage in Silberdistel, ein 350 SEL in Milanbraun mit Velours Tabak und ein anthrazitfarbener 500 SLC, direkt neben einem citrusgrünen verbastelten AMG-Bomber. Die Preisschilder sind nur Orientierungshilfen. "Is' alles Verhandlungssache", sagt Ralf und legt eine verständnisvolle Güte in seine Stimme.
Er sieht, wie unsere Augen glänzen

"Mit mir kannze reden – wen ich leiden kann, dem komm ich entgegen. Wer dumm rumlabert, der lässt dat Ding stehen." Er sieht, wie unsere Augen glänzen. Ein Autohändler sieht das, und so einer wie Ralf erst recht. Seit zwanzig Jahren ist er im Geschäft, seit sieben hier in der Oldtimerhalle. "Nummer 28 will ich!" hallt es, stumm und spontan wie ein unterdrückter Schrei von Mitleid und Gier.

Der 280 SLC, silbergrün mit grünem Leder, Automatic, Color und Schiebedach. weckt Besitzerinstinkte. Die paar Rostblasen spielen keine Rolle. Seine 116er und SLC sind meist verbrauchte Ware, was draußen steht, hat es meist hinter sich. Sie alle singen lautlos den Benz-Blues der Siebziger. Die Lamellen in den SLC-Fenstern klingen wie Harfen in Moll, ihr Silber ist längst welk.

Sensible Mercedes-Spinner können das Requiem drahtlos im Hirn – ganz ohne Becker Mexico – empfangen. Matter Lack, zerrissenes Velours, perforierte Radläufe, faustgroße Rostlöcher und Bruchspinnen im Verbundglas bedeuten das sichere Todesurteil für die verlorenen 56 Karossen auf dem Hof. Ihre Farbpalette reicht von Ikonengold über Magnetitblau bis Nickelgrün. Offene Wunden klaffen von amputierten Scheinwerfern und Stoßstangen. Schimmlige Betriebsanleitungen vergilben in der Sonne. Wie Tränen läuft schorfiger Rost die C-Säulen herunter. Nur die Schweizer Autobahnvignetten auf den Frontscheiben sind bunt wie neu. Die jüngste ist von 97, die jüngste TÜV-Plakette von 92. Ralf Czytkowski hat sein Youngtimer-Reich von seiner Pförtnerloge aus stets im Blickfeld, angeschraubte LKW-Spiegel helfen ihm dabei.

Die kannze vergessen, dat sind Teileträger, denen ich die Rübe abhaue." Damit meint er, dass sie nur noch zum Schlachten taugen." Motor und Getriebe raus, alles wat noch zu gebrauchen is, fertig!" Bis auf den Siebener-BMW da vorn in Bronzitbeige-Metallic oder den eibengrünen 500 SE mit den 335.000 Kilometern auf der Uhr hinten rechts, die wären noch ganz okay, stehen aber schon lange.

Er sieht sich als Opfer der Hetzkampagne

Ralf Czytkowski sieht sich in der Internet-Hetzkampagne als Opfer, nicht als Täter: "Die ziehen mich durch den Kakao, dabei sach ich genau, wat Sache is. Ich schreib' die Dinger nich schön, nur wollen dat die Klugscheißer eben nich begreifen." Auf seiner mobile.de-Homepage heißt es ausdrücklich: "Sie werden bei uns keinen Wagen im Topzustand mit lückenloter Historie und Scheckheft finden, außerdem haben wir keine rostfreien Fahrzeuge." Eine unmissverständliche Botschaft.

Stets heißt es in seinen Anzeigen: "Besser ist eine Besichtigung IN NATURA." Wie kommt er überhaupt zu der riesigen Flotte havarierter Mercedes-Tanker? Ist es Leidenschaft, Schicksal oder Geschäftssinn? "Früher bin ich die Ludenkarren viel gefahren, heute nehm' ich mir ganz selten am Wochenende mal so 'nen 107er."

"Ich mag die wohl ganz gern, aber in erster Linie will ich Geld damit verdienen. Muss ich aber nich, et macht mir halt Spaß. Ich kauf' Mercedes, die alt und billich sind, meistens blind am Telefon für ein paar Hunderter. Rost? Motor läuft nicht? Egal, die lass' ich dann mit dem Hänger holen, kreuz und quer durch die Republik."

Realsatire mit Unterhaltungswert

Ein türkisfarbener 126er mit heftigen Spoilern und SEC-Motorhaube weckt plötzlich unser Interesse. Die Karikatur eines Luxusautos. Am Innenspiegel hängt ein Wunderbaum-Imitat, eine Auspuffblende mit armdickem Doppelrohr klebt am Heck, innen steckt das Handy noch auf dem Halter. "Der hat einem Pommesbuden-Besitzer gehört", sagt Ralf und zieht die Cazal ab – seine Porno-Brille, wie er sie nennt.

"Die hab' ich extra für euch mitgebracht, damit ich auf den Fotos gut rüberkomme." Ralf Czytkowski hat einen trockenen Humor, manchmal weiß man nicht, ob er es ernst meint oder ob er scherzt. Sein Unterhaltungswert ist hoch, Realsatire schwingt mit. Würde man von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen? Ja doch, die 28,wenn der Preis stimmt, und fahrbereit muss er sein. Lass uns die rote Nummer holen! 

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