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Rallycross

Die neue Weltmeisterschaft

Rallycross, Rennszene Foto: sport auto 10 Bilder

Weihnachten ist abgeschafft, dafür feiern wir X-mas, Raider heißt ja längst Twix, und das größte Action-Spektakel für die Jugend der Welt X-Games. X ist der angesagteste Buchstabe der Gegenwart, und so kündet Rallycross RX nicht nur von einer neuen Weltmeisterschaft, sondern auch von frischem Wind im Automobilsport.

27.06.2014 Markus Stier Powered by

Mattias Ekström zückt seine Videokamera und dreht ein Erinnerungsfilmchen. "Ich war ja schon auf vielen Pressekonferenzen, aber selten war eine so gut besucht wie die hier", sagt der DTM-Star und Schwedens Motorsport-Aushängeschild. Es ist der Aufbruch in eine neue Ära. Nach Formel 1, Rallye, Sportwagen und Tourenwagen darf sich erstmals in der Automobilsportgeschichte auch Rallycross mit einem Weltmeisterschaftsprädikat schmücken.

Rallycross RX der schnellstwachsende Motorsport der Welt

Seit der amerikanische Vermarktungsgigant IMG vor zwei Jahren die Rechte an der Europameisterschaft erwarb, ging es steil bergauf. Flugs in RX umgetauft, sonnte man sich im Glanz der populären X-Games. Die halsbrecherische Show, bei der neben Skateboardern und Motocrossern bei wilden Events auch turbobefeuerte Allradautos auf einem Schotterparcours gegeneinander antreten, versuchte die Expansion nach Europa mit durchwachsenem Erfolg. In gewohnter Ignoranz für die übrige Welt schuf man in den Vereinigten Staaten eine Global Rallycross Championship, aber die GRC hat vom Rest des Planeten bisher kaum Besitz ergriffen.

Stattdessen sticht nun die Rallycross RX in die sich auftuende Lücke. Die alte Europameisterschaft findet nur mehr im Rahmenprogramm von fünf WM-Läufen statt. Promoter Martin Anayi verkündet stolz: "Wir sind der am schnellsten wachsende Motorsport der Welt." Zwölf Läufe auf vier Kontinenten stehen im Kalender. Mit Istanbul ist ein Brückenkopf nach Asien geschlagen. Den eigentlich geplanten Einsatz im nordafrikanischen Marokko opferte man dem größeren südamerikanischen Markt im motorsportverrückten Argentinien. Dem US-Markt geht man noch aus dem Weg, erobert dafür aber Kanada.

Um den Ticketverkauf anzuheizen, hievt der Vermarkter nationale Größen in die Autos. Im französischen Lohéac wird der vierfache Tourenwagen-Weltmeister Yvan Muller erwartet, Italiens zurückgetretener Rallye-Held Gigi Galli ist in Franciacorta eingeplant, der zweifache Rallye-Weltmeister Carlos Sainz in Argentinien. "Wir suchen noch einen bekannten Fahrer für Deutschland", sagt Vermarkter Martin Anayi. Er hätte für das dritte Septemberwochenende am Estering bei Buxtehude gern Ex-Formel-1-Mann Timo Glock oder DTM-Ass Timo Scheider.

Jacques Villeneuve mit an Bord

Die Attraktion von Rallycross heißt allerdings Jacques Villeneuve, und mit ihm geht Promoter IMG zurzeit am liebsten hausieren. Außer in der Königsklasse selbst fährt sonst nirgends ein früherer Formel- 1-Champion. Allerdings muss der Weltmeister von 1997 erst beweisen, dass er die Vorschusslorbeeren wert ist. Der Mann aus Québec versuchte sich nach einem gescheiterten Comeback in der Königsklasse in einem halben Dutzend Disziplinen, von NASCAR bis zur französischen Eisrennserie Trophée Andros, ohne je einen Titel einzufahren.

Beim Auftakt in Portugal blieb der 43-Jährige unauffällig, wurde von Reifenschäden und Benzindruck-Problemen gebremst und backt kleine Brötchen: "Ich bin vor allem hier, um den Altersdurchschnitt ein bisschen anzuheben." Auch ohne technische Malaisen hängt die Latte hoch für den Quereinsteiger. Jedes der sechs Topteams hat mindestens einen Siegfahrer. Dazu kommen immer wieder starke Gäste wie der mehrfache US-Meister Tanner Foust.

Beim Team Hansen-Peugeot ist man mit dem amtierenden Europameister Timur Timerzyanov und Jungtalent Timmy Hansen stark besetzt. Marklund-VW ist mit Nachwuchsmann Anton Marklund und dem aus der GRC abgeworbenen Champion Tomaas Heikkinen bestens aufgestellt. Olsbergs-Ford kann sich mit Andreas Bakkerud und Reinis Nitiss ebenfalls sehen lassen. Der Norweger Bakkerud gewann in seiner ersten Saison in der Topkategorie der Supercars zwei Rennen, und der im Vorjahr in der kleineren Super-1600-Klasse nach Belieben dominierende Lette Nitiss fasst in den - dank Zweiliter-Turbo mit 45 Millimeter großen Luftmassenbegrenzern - 600 PS starken Allradern ebenfalls problemlos Fuß.

Teamwertung in Rallycross RX erstmals ausgeschrieben

Die zum ersten Mal ausgeschriebe Teamwertung ist ein cleverer Schachzug des Vermarkters. Sie bietet großen Herstellern eine Bühne, öffnet ihnen aber nicht Tür und Tor. Peugeot hat zur Entwicklung des 208 lediglich die Vergrößerung des Kardantunnels beigetragen, ansonsten ist das von Rallycross-Legende Kenneth Hansen entwickelte Auto eigentlich ein verkappter Citroën DS3 aus dem Vorjahr, aber das stört die große Konzernschwester kein bisschen. "Offiziell engagiert sich Peugeot Sport in der Rallye Dakar, und halboffiziell sind wir hier vertreten", erklärt Sportchef Bruno Famin.

Ähnlich handhaben es die anderen Hersteller. Ford zog sich aus der Rallye-WM zurück, finanziert aber mit kleinem Geld die Fiesta des schwedischen Olsbergs-Teams. VW blickt wohlwollend auf die ebenfalls in Schweden aufgebauten Polo des Marklund-Teams, gibt technische Tipps und liefert Ersatzteile, ein echter Werks-VW aus der Sportabteilung in Hannover ist aber vorerst nicht geplant. Niemand will das munter wachsende, aber immer noch zarte Pflänzchen vorzeitig zertreten.

Die FIA hat ihren Technik-Spezialisten Karl-Heinz Goldstein auf das Reglement angesetzt. Im Rallycross gibt es - angefangen beim Motor bis zum Fahrwerk - große Freiheiten, die bisher nur deshalb nicht genutzt wurden, weil die Teams kein Geld für teure Entwicklungen aktiver Fahrwerke und in den meisten anderen Serien längst verbotener technischer Gimmicks haben. "Wir müssen aufpassen, dass das hier nicht ausufert und ein Hersteller alle anderen überrennt", sagt Goldstein. Der Vater des legendären Röhrl-Ascona 400 hat im Paragrafen-Dschungel als Erstes den völlig freigestellten Antriebsstrang ausgeixt. Getriebe ohne Zugkraftunterbrechung wird es vorerst nicht geben.

Rückkehr des Quattro

Dem Schweden Mattias Ekström sind diese Details wurscht. Der Tourenwagen-Star, der sich auch auf Schotterpisten sehr heimisch fühlt, hat in der aktuellen Goldgräberstimmung ein eigenes Team gegründet. "Hier entsteht etwas Neues, und da will ich dabei sein." Mit dem jungen Landsmann Pontus Tidemand bildet er ein Zweiwagenteam, wann immer es der DTM-Kalender erlaubt. Wenn er selbst verhindert ist, will er prominente Gaststarter für sein Rallycross-Team an Land ziehen.

Der eigentliche Clou aber ist das Auto. Audi hat gerade einen sportlichen Kleinwagen mit großem Namen präsentiert. Der S1 erinnert an den wildesten aller Rallye-Quattros, der nach dem Verbot der Gruppe-B-Monster im Rallye-Sport beim Rallycross eine zweite Heimat fand. "Wenn irgendeine Marke hier hergehört, dann ist es Quattro", verkündete Ekström im Stile eines Marketing-Profis und ließ für den zweiten Lauf im englischen Lydden Hill von eigenen Ingenieuren und Motoren-Papst Lehmann zwei S1 entwickeln - mit dem Segen der Audi-Sportabteilung. Vermarkter Anayi schwört, bei der bayerischen Konkurrenz in München denke man über ein Mini-Engagement nach.

Solberg kämpft für Citroën

Aus Geldmangel nicht einmal halboffiziell vertreten ist Citroën. Trotzdem kann sich die kleine Peugeot-Schwester die Hände reiben, denn "Hollywood" hält die Fahne mit dem Doppelwinkel hoch. Eine Saison lang zahlte der populäre Norweger Petter Solberg wegen unzuverlässiger Technik Lehrgeld. Der Rallye-Weltmeister von 2003 hat den Motorenpartner gewechselt, seine Vierzylinder kommen jetzt von Pipo, wo auch die Rallye-Teams von Hyundai und M-Sport-Ford ihre Motoren bauen lassen. Mitsamt Ehefrau und Teamchefin Pernilla, dem Hund und Sohn Oliver zog die Familie drei Wochen in die eigene Werkstatt ein, um den DS3 weiterzuentwickeln.

Bei den ersten gemeinsamen Testfahrten bummelte Solberg nur halbherzig herum und raunte: "Ich will mein wahres Tempo nicht zeigen." Solberg verlor im Winter drei Sponsoren, ging aber trotzdem vor Saisonbeginn drei Tage im bretonischen Lohéac testen. Der Aufwand zahlte sich aus. "Mister 110 Prozent" gewann am Finaltag in Portugal zwei Quali-Läufe, sein Halbfinale und von der Pole Position auch das Finale. "Das fühlt sich ebenso großartig an wie mein erster Rallye-WMSieg", sagt der blonde Strahlemann als erster Tabellenführer der neuen WM.

Die kurzen, spektakulären Rennen mit Drifts, Sprüngen, Türklinkenduellen und Crashs passen prima in den Zeitgeist. Während die traditionellen Serien an Überalterung des Publikums leiden, will Rallycross RX vor allem die Youtube-Jugend locken. Video-Idol Ken Block tritt bei drei Läufen an. Martin Anayi ist stolz auf Fernsehverträge mit 30 Sendern, mit Empfang in 100 Ländern und über 800 Millionen Haushalten. Branchenkenner lassen sich indes kein X für ein U vormachen. In den meisten Fällen handelt es sich um Kabelsender, die nicht frei empfangbar sind.

In Deutschland wird Rallycross RX bei Sport 1+ zu sehen sein. "Unser kurzfristiges Ziel ist erst einmal live auf Sport 1 präsent zu sein", verkündet Martin Anayi. Immerhin hat man mit einem Energy-Drink-Hersteller einen hippen und schlagkräftigen Seriensponsor. Die an die Rennstrecken geschickten Vertreter von Monster Energy haben keine Zottelfelle und bedrohlichen Reißzähne, dafür aber lange Beine und mindestens Körbchengröße D. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein findiger Kopf auch hier eine neue Konfektionsgröße einführt: Size X.

WM-Kalender Rallycross RX 2014

3.-4. Mai Montalegre, Portugal
24.-25. Mai Lydden Hill, Großbritannien
14.-15. Juni Hell, Norwegen
28.-29. Juni Kouvola, Finnland
5.-6. Juli Höljes, Schweden
12.-13. Juli Mettet, Belgien
7.-8. August Trois-Rivières, Kanada
6.-7. September Lohéac, Frankreich
23.-24. September Estering, Deutschland
27.-28. September Franciacorta, Italien
11.-12. Oktober Istanbul, Türkei
22.-23. November San Luis, Argentinien

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