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Rallycross EM

Die neue Trendsportart

Rallye-Cross, Heckansicht Foto: Markus Stier 11 Bilder

Umzingelt von den großen Motorsport-Imperien Formel 1, Rallye-WM, Le Mans oder Tourenwagen-WM leistet ein kleines Dorf in Aremorica Widerstand. In der tiefsten bretonischen Provinz demonstriert die Rallycross-EM, dass sie selbst das Zeug zur Großmacht hat.

27.10.2013 Markus Stier Powered by

Selbst auf der Michelin-Karte im großen Maßstab ist das Dorf nicht leicht zu finden: Loheac, eine 700-Seelen-Gemeinde weit abseits der Touristenrouten an der Küste. Eine spitze Zunge würde die Ansiedlung 30 Kilometer südöstlich von Rennes ein Kuhkaff nennen. Sébastien Loeb sagt: "Loheac ist ein mythischer Ort.“ Nun ist man in der Bretagne mit derlei Begriffen schnell bei der Hand – keine 50 Kilometer Luftlinie entfernt im Wald von Broceliande wurde angeblich Merlin geboren. Am Ortseingang steht kein Druide, aber ein Methusalix, der statt eines weißen Barts eine weiße Mütze trägt und routiniert und freundlich die langen Kolonnen auf die umliegenden Wiesen dirigiert.

Der Veranstalter erwartet mindestens 30.000 Menschen zu einem Spektakel, das gerade in der Bretagne hoch geschätzt ist. Rallycross ist eine seit den Siebzigern etablierte Sportart mit Tradition und einzigartigem Format. Ein halbes Dutzend Autos stürmt auf einem von allen Zuschauern nahezu komplett einsehbaren Rundkurs aus dem Stand auf die erste Kurve zu, fährt sich ordentlich in die Kisten und hetzt anschließend über sechs Runden über eine Piste aus Asphalt und Schotter.

Rallye-Cross: Ein Dasein im Schatten

Es wird gedriftet und gesprungen wie im Rallyesport, und es gibt härtere Ausbremsmanöver als in der Formel 1. Klingt wie der perfekte Motorsport, hat aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten bis auf ein paar Unentwegte niemanden interessiert.

Plötzlich scheint alles anders zu sein. Auf den Böschungen von Loheac stehen die Gallier in dichten Reihen, durch das Fahrerlager wälzen sich Menschenmassen mit Kind und Kegel. Zuge geben, im "Tempel des Rallycross“, wie Loeb es nennt, geht es ein bisschen anders zu als in der zehn Läufe fassenden Europameisterschaft. Im britischen Lydden Hill dagegen sind es allenfalls 6.000 Zuschauer.

In diesem Jahr gilt eine Faustregel: Da, wo sich die dickste Menschentraube bildet, ist Loeb. Der neunmalige Rallyeweltmeister fand noch ein freies Wochenende im Kalender und ließ sich überreden, als Gast anzutreten – eingeladen vom Veranstalter, um den Rummel noch mehr anzuheizen. Die Rennen werden live auf Equipe TV gezeigt, Co-Kommentator ist Guy Fréquelin, Loebs früherer Teamchef, selbst ein früherer Sieger von Loheac. Timur Timerzyanov ist kein Fan von Loheac, und was den Rummel um Loeb betrifft, meint der amtierende Europameister kurz angebunden: "Der ist halt hier, um die Leute anzulocken.“

Loeb ist kein Einzelfall. In Schweden holte man schon Mattias Ekström, in Barcelona war vor der Absage wegen sintflutartigen Regens Carlos Sainz als Attraktion vorgesehen.

Weitreichende Expansionspläne

Die Zugpferde sind Teil des großen Plans. Martin Anayis Sondereinsatzkommando umfasst nur sechs Leute, aber die sind Teil einer enorm schlagkräftigen Truppe. Anayi arbeitet bei der Vermarktungsagentur IMG – Sitz in New York, 6.000 Mitarbeiter. Die Agentur vermarktet seit einer Weile die Speedway-Szene, auch ein Sport für Liebhaber.

Vor einigen Jahren beschloss man, die Motorsportaktivitäten auszuweiten. Die Rallye-WM war gerade zu haben, weil der Promoter pleite war, doch die Kosten waren dem Londoner Büro von IMG zu hoch. Der TV-Spezialist Steve Saint und der Motorsport-Journalist Tim Whittington rieten zur Rallycross-EM. Die Rechte musste IMG nicht einmal kaufen – man gründete ein Joint Venture mit der FIA.

Früher vermarktete jeder Veranstalter sein Rennen selbst. Nun gab es erstmals einen zentralen Promoter. Im letzten Herbst ging Anayi mit einem TV-Konzept auf die wichtigste Fernsehmesse in Monaco und fand prompt Abnehmer. "Wir senden Rallycross in diesem Jahr in 40 Ländern, in 25 davon live“, sagt Anayi. Es sind vorwiegend kleine Kabelsender, in Deutschland läuft das Format auf Sport 1 Plus, doch Anayi ist sich sicher: "Wenn es gut läuft, kommt es dann auf Sport 1. Und wer weiß, wo dann?“

Der Promoter sieht die Lage so entspannt, weil der Erfolg viel schneller kam als geplant. Rallycross ist zurzeit ein Selbstläufer. Auch wenn das Punktesystem und der Qualifikationsmodus für die zwei Halbfinals und das Finale etwas kompliziert ist, die Rennen an sich sind einfach zu verstehen, spannend und unterhaltsam. Und sie sind kurz, perfekt für das Fernsehen. Dazu sind die Kurse so überschaubar, dass sich der technische Aufwand in engen Grenzen hält. "Wir produzieren das hier für einen Bruchteil dessen, was die Rallye-WM kosten würde“, sagt Anayi.

Doch die Fernsehtauglichkeit war immer schon gegeben – dennoch krähte außer dem gallischen sonst kein Hahn nach diesem Sport, bis er in den Zaubertrank fiel. Angeheizt von Energydrink-Herstellern wie Red Bull hat sich eine große Szene von Trend- und Extremsportarten entwickelt. Red Bull sponsert in der Rallycross-EM nicht nur Gaststarter Loeb, sondern auch Europameister Timerzyanov. Seriensponsor ist der amerikanische Konkurrent Monster.

In Amerika gehört Rallycross zum Programm der X-Games. Wenn die Jugend es liebt, wenn sich Inlineskater in Sprintrennen gegenseitig in die Rollen fahren, warum das Ganze nicht auch mit Autos machen? Männer wie Ken Block, Rallyefahrer und Mitgründer der Skate-Klamottenmarke DC, oder Tanner Foust sind in den Staaten und im World Wide Web Kult. Foust ist einer der Moderatoren der US-Version von Top Gear, kommt aus der Driftrennszene und ist sich sicher: "Das hier wird uns noch lange am Laufen halten.“

Rallye-Cross: Bühne für kleine, bezahlbare Autos

Foust ist nicht nur ein regelmäßiger Gaststarter in der EM, der 2013 schon zwei Läufe gewann, sondern auch ein kluger Analytiker: „Der gesamte Motorsport in den USA ist mit großen Autos verbunden. Die Jugend kauft kleine Autos, und Rallycross ist dafür bei uns die einzige Bühne. Hersteller wie Ford stecken da richtig Geld rein.“

Foust fährt einen Ford Fiesta und lobt am Rallycross die Volksnähe: „Hier kommst du so nahe heran, dass du dir noch die Finger am Auspuff verbrennen kannst.“ Tim Whittington, der viele Jahre mit seiner Begeisterung für Rallycross relativ allein dastand, glaubt: "Vielleicht ist das der geeignete Sport für ein Publikum des 21. Jahrhunderts.“

Und die Jugend schaut sich nicht nur zunehmend Rallycross an, sie macht auch mit. Waren die auf World Rally Cars basierenden Prototypen mit ihren auf über 600 PS gezüchteten Motoren früher eine klare Domäne für erfahrene alte Hasen, mischen heute die Jungen heftig mit. Im Hause der Ex-Champions Pallier und Hansen ist schon die nächste Generation am Start – der Europameister ist 26, die jüngsten Talente Anfang 20.

Männer wie der von der Rallye-WM in die Rallycross-Szene gewechselte Petter Solberg sorgen für Promi-Flair. Dass die Szene gesund ist, zeigt sich aber auch an der Masse. „37 Teilnehmer in der kleinen 1600er-Klasse, das hatten wir noch nie“, sagt René Münnich.
Aktuell bildet der Löbauer zusammen mit Mandy August das einzige deutsche Team in der EM. Der viermalige Deutsche Meister hat in seinem Skoda Fabia die insgesamt viertschnellste Laufzeit in seiner Klasse gefahren, aber mit Ach und Krach das Halbfinale erreicht. „Zwölf Plätze in den Finals sind zu wenig“, sagt Münnich.

Es gab viele Befürchtungen der Traditionalisten, als IMG für das TV im Winter einige Regeln änderte, doch das Murren hält sich in Grenzen. "Mit denen kann man ja reden“, lobt der Löbauer.

Eine Saison kostet eine halbe Million Euro

Vom großen Aufschwung der Szene merkt der 36-Jährige noch nicht viel. "Es ist nicht so, dass jetzt ständig Leute bei mir anrufen, weil sie mich sponsern wollen. Eher fragen sie, ob ich sie nicht sponsern will“, lacht der Betreiber einer Internet-Plattform. Eine EM-Saison kostet etwa eine halbe Million Euro, Münnich sponsert sich bis auf Weiteres selbst, denkt aber keineswegs an Aufgabe, ganz im Gegenteil: Er baut seit über einem Jahr an einem Supercar für die große Klasse. Auf dem Computerschirm ist sein selbst entwickelter Audi A3 schon fertig.

Auch wenn zurzeit Citroën dominiert, herrscht Marken-Vielfalt. Dank des freien Reglements tummeln sich auch Ford Fiesta, VW Polo, Peugeot 207, aber auch Exoten wie Volvo und Saab in der Szene. IMG lässt gerade vom deutschen Ingenieur Karl-Heinz-Goldstein bei der FIA ein engmaschigeres Regelwerk entwickeln, sollten in den nächsten Jahren Hersteller einsteigen. Die im Rallysport involvierten Truppen von Citroën Racing, VW Motorsport oder M-Sport-Ford haben bereits ein Auge auf die Szene geworfen.

Tanner Foust nennt die Entwicklung im Rallycross – angelehnt an ein Wetterphänomen – "den perfekten Sturm.“ Martin Anayi wollte sich eigentlich mit frischem Wind begnügen, aber der überholt ihn gerade. Es gab anfangs einen Vierjahresplan. Doch wenn der FIA-Weltrat nicht überraschend dagegenstimmt, erhält die Rallycross-EM bereits 2014 erstmals in ihrer Geschichte WM-Status.

Angesichts der Aussicht, noch einmal Weltmeister werden zu können, hat Petter Solberg keine Lust, in die Rallye-WM zurückzukehren. Der Mann, der sich in Loheac hinter Landsmann Andreas Bakkerud euphorisch als Zweiter feiern ließ, ist sich sicher: "Warte ab, das hier wird ein richtig großes Ding.“

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