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Rallye Le Jog

Bis ans Ende der Welt

Foto: Mike Johnson

1.552 Rallyemeilen liegen zwischen den beiden Enden der britischen Welt, Land‘s End in Cornwall und John O‘Groats in Schottland, dazwischen hetzen 50 Teams von einer Prüfung zur nächsten. Warum tun die das?

11.02.2009 Hans-Jörg Götzl Powered by

Spätestens seit den amourösen Eskapaden eines Max Mosley lastet ein gewisser Generalverdacht auf den Briten, der durch die Existenz von Le Jog nicht gerade entkräftet wird. Ganz im Gegenteil: 1.552 Meilen sind vom äußersten Zipfel Cornwalls zur nördlichsten Ecke Schottlands zu absolvieren, meist auf buckligen Nebenstraßen und nur unterbrochen von knapp 50 Sonderprüfungen, deren Verlauf man sich oft selbst in die Karten eintragen muss.

Blauer Himmel über Cornwall

Die Sonnenblenden sind durch den Überrollkäfig unbrauchbar, aber wer denkt schon bei Le Jog an Sonne? Tatsächlich genießen wir den gesamten Tag quer durch Cornwall einen Himmel in bestem südfranzösischen Blau, und die Strecke entlang der Westküste gehört zum Schönsten, was wir bei Le Jog erlebt haben. Zeit zum Genießen, geschweige denn Anhalten, bleibt indes nicht, selbst kleinste Fehler in der Navigation führen zu hektischen Aufholjagden nach der verlorenen Zeit. Dazu kommen die Sonderprüfungen, von denen es im Prinzip zwei Arten gibt: Reine Speed-Tests wie die Aktion auf den Klippen, bei denen auf abgesperrtem Gelände schlicht so schnell gefahren wird, wie es geht - rund um Pylonen, Hauswände oder Felsen.

Das größte Problem ist das Finden der Strecke

Und dann die Gleichmäßigkeitsprüfungen, bei denen das größte Problem im Finden der Strecke liegt. Diese trägt der Navigator zunächst anhand von geographischen Höhepunkten oder Kartenkoordinaten in spezielle Detailkarten ein (allein davon benötigt man bei Le Jog über 30 Stück), anschließend muss man die verwinkelten Feldwege in der Realität auch finden. Eine Pfadfinderausbildung schadet dabei nicht.

Die Flussdurchfahrt in Bury

Zwischendurch darf natürlich der große Le Jog-Klassiker nicht fehlen, die obligatorische Flussdurchfahrt. Diesmal steht Bury in der Grafschaft Somerset auf dem Plan, und das gurgelnde Gewässer sieht nicht gerade einladend aus. "Da haben wir erst einmal geschaut, ob der Mini vor uns da durchkommt", lacht der Schweizer Roland Woodtli. Sein Austin-Healey 100/4 hält den Fluten stand, Pech haben dagegen Tony Sheach und John Kiff im Triumph TR 4: Sheach geht die Sache zu forsch an, in der Bugwelle stirbt der Vierzylinder ab.

Bis die Marshals das Auto geborgen haben, steht der TR 4 bis Oberkante Getriebetunnel unter Wasser. Beste Voraussetzungen für die folgende Nachtetappe, zumal die Temperaturen in den Keller fallen. "Das wird hart", prophezeit ein Marshal. Zuvor allerdings müssen die Navigatoren die nächsten Prüfungen eintragen, während die Fahrer nach den Autos schauen und erste Ausbeulhämmer geschwungen werden. Ein schon leicht erschöpfter Beifahrer schaut genervt von Leselupe und Detailkarte auf und meint zu Peter Nedin: "Ich habe dich nie wirklich gemocht."

Le Jog muss hart sein

Der Waliser grinst und fasst es als Kompliment auf: "Le Jog muss eben so sein - hart." In der Nacht zeigen sich erste Ausfallerscheinungen: Elliott irrt mit dem Bentley lichtlos durch die Dunkelheit und muss aufgeben, Inge Zielinski schlägt mit ihrem 1978er Passat auf glatter Bahn erst vorn links und dann hinten rechts ein, kommt aber jedesmal aus dem Unterholz wieder raus. Auch wir müssen uns in den walisischen Wäldern aus der Wertung verabschieden, der Magen rebelliert. Gegen vier Uhr morgens kommen die ersten Teams im Etappenziel Runcorn nahe Manchester an, exakt fünf Stunden nach Stempeln der Bordkarte geht es weiter.

Unpassierbare Straßen in Yorkshire

Heftiger Schneefall hat in Yorkshire etliche Straßen unpassierbar gemacht, die Organisation sagt einige Prüfungen ab. An einem steilen Hügel kommen die eineinhalb Tonnen von Sue Shoosmith‘ Bentley ins Rutschen, quer zur Straße geht es ins Tal. Unten kommt sie neben einem verdutzten Autofahrer zum Stehen und rät: "Fahren sie besser nicht da hinauf. Es ist ein wenig rutschig." In Carlisle kurz vor der Grenze zu Schottland können die Teams endlich zwölf Stunden ausruhen, sofern sie nicht an ihren Fahrzeugen herumdengeln müssen. Nun folgt die Königsetappe - 26 Stunden am Stück, einen kurzen Tag und eine lange Nacht durch die Lowlands und Highlands nach John O‘Groats.

Der Tag beginnt mit Regen, der bald auf dem Boden gefriert, in Schnee übergeht und sich in der Nacht zu veritablen Blizzards steigert. Wieder müssen einige Prüfungen abgesagt werden - wodurch Sue Shoosmith zu der zweifelhaften Ehre kommt, die meisten Le Jog-Kilometer in diesem Jahr zu absolvieren, weil eine Prüfung erst geschlossen wird, nachdem sie unterwegs ist. Dreher sind nun an der Tagesordnung, auch Inge und Hans Zielinski geht nochmals der Asphalt aus. Die Verhältnisse sind kriminell, und spätestens jetzt fragt man sich, was man hier eigentlich zu suchen hat. "Zwischendurch mussten wir uns immer gegenseitig aufmuntern", meint Healey-Pilot Woodtli.

Die 2008er Ausgabe von Le Jog war eine der härtesten

Beim Frühstücks-Stop in Lybster zeigt selbst Peter Nedin angesichts der katastrophalen Straßenzustände Gnade und bläst die letzte Wertungsprüfung ab: "Ihr habt wahrlich genug gelitten." Tatsächlich wird die 2008er Ausgabe von Le Jog als eine der härtesten in die Geschichte eingehen. Dennoch kann Peter Nedin in John O‘Groats sechs Gold- und zwei Silbermedaillen verteilen, eine an Familie Zielinski. Zum Abschied gibt es eine Lehrstunde in englischem Sportsgeist: "Thank you for the good competition", sagt Goldmedaillen- Gewinner Ed Chambers und schüttelt den Münchnern die Hand. Es sind diese Szenen, um deretwillen man Le Jog fährt. "Außerdem", so Christian Rüter, "halten einen die Daheimgebliebenen für Helden." Lassen wir sie besser in dem Glauben.

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