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Rallye-Meister Familie Wallenwein

Portrait des deutschen Motorsport-Clans

DRM-Rallye, Wallenwein Foto: Hoffmann 9 Bilder

Die Familie Wallenwein ist vermutlich der größte Motorsport-Clan der Welt. 2011 krönte das Familienunternehmen aus Stuttgart die Stammes-Chronik mit dem deutschen Meistertitel. Wir stellen die Familie vor.

23.01.2012 Markus Stier Powered by

Als Gerda Gassmann 1955 vor den Traualtar trat, hatte sie keine Ahnung, auf was sie sich da eingelassen hatte. Schön, in den Adern ihres Kurt floss in nicht unbeträchtlichem Anteil Benzin. Der Schwabe arbeitete in der Motorenentwicklung beim Daimler, machte eine Tankstelle auf, gründete den Motorsportverein Untertürkheim, fuhr kleine Orientierungsfahrten mit dem Motorrad, nichts Ernstes.

Allerdings hatte er bereits da seinen ersten Frühstart hingelegt. Schon bei der Hochzeit war ein Kind unterwegs. Der Stammhalter mit Namen Thomas erblickte am 7. September 1955 das Licht der Welt. Kurt Wallenwein und seine Gerda hatten soeben einen Clan aus der Taufe gehoben.

Beim MSC Stammheim bestritt Kurt Bergrennen und Rallyes, war Lokalmatador beim Slalom an der Solitude. Irgendwann kam der zweite Sohn. An der Tanke traf man Gerda oft mit den Sprösslingen allein zu Haus. „Es kann doch nicht sein, dass sich immer alles ums Auto dreht“, fluchte die Chefin und feuerte den zur Besänftigung gereichten Fleurop-Strauß in die Ecke. „Dann musst du nach einem Schuhmacher oder Frisör gucken“, blaffte Kurt zurück.

Renneinsätze in ganz Eurpoa

Die Lösung: Gerda fuhr nun eben mit, wenn der Göttergatte loszog. Kurt fuhr überall, wo es vom Veranstalter Einladungen und Ermäßigungen gab. „In Europa war ich schon in jedem Land, von Irland bis zur Türkei.“ Zuweilen ging es abenteuerlich zu. „In Russland stand früher an jedem Abzweig einer mit ner Knarre“, erzählt Kurt. In Rumänien landete er nach einer Kollision mit einer Kutsche im Knast, bis sich herausstellte, dass der Kutscher sternhagelvoll war.

Doch der Kosmopolit holte in Rumänien mit einem dritten Rang auch einen seiner größten Erfolge. Meistertitel gewann Kurt keine, aber wenige Rallyefahrer können ihr Niveau so lange halten. Als 65-Jähriger kämpfte er beim spanischen WM-Lauf 1996 noch um den Klassensieg und fuhr unter die besten 20.

Während der Senior selbst nicht kaputtzukriegen war, kriegte der Junior zunächst alles kaputt. Kaum 18, machte auch Thomas seine Lizenz und fiel bei seiner ersten Rallye mit einem NSU in Führung liegend aus. Er brachte es zum Alfa-Werksfahrer. Ergebnis: neun Ausfälle bei neun Rallyes. Den vom Vater übernommenen Fiat 128 vernichtete er gleich. Der Superstar Walter Röhrl zu den Auftritten des mehrfachen Regionalmeisters: „Den muss man fördern.“

Das tat Opel-Tuner Günther Irmscher, doch 1976 bei der Chiemgau-Rallye hatte Thomas eine folgenschwere Begegnung mit einer Tanne. „Die Gurte waren 15 Zentimeter länger, bis auf den Rücksitz lagen Getriebeteile verstreut. Mein Beifahrer war bewusstlos. Seitdem war ich nie mehr schnell.“ Bruder Jochen hatte seine Karriere nach einem Überschlag schon beendet, nun hängte auch Thomas den Helm an den Nagel - zunächst.

Die Familien-Tradition wird fortgesetzt

Es gab ja auch anderes zu tun. Thomas gründete eine eigene Familie, zeugte ebenfalls zwei Söhne. Sandro, der Ältere, fügte sich schnell in sein Rallye-Schicksal: „Wenn du in einer solchen Familie groß wirst, ist von vornherein klar, was du werden willst.“ Sandro hätte 1998 fast den Junior-Cup gewonnen, aber beim Finale sprang ein Reh vors Auto.

Seitdem schien er zum ewigen Zweiten gestempelt. Erst stand mit Matthias Kahle über Jahre ein übermächtiger Gegner im Weg, als Sandro bei Ralliart Germany als Testfahrer den Fuß in der Tür hatte, machte der Laden wegen finanzieller Probleme dicht. Die Familie erfüllte sich mit einem World Rally Car einen Traum, 14 Tage nach dem Kauf eines Skoda Octavia schaffte der DMSB die WRC in der deutschen Meisterschaft ab.

Man besorgte sich einen Subaru Impreza. 2008 hätte ein dritter Rang für den DRM-Titel gereicht, dann platzte in der Lausitz der Motor. 2009 wurde Sandro Wallenwein Vizemeister hinter Hermann Gaßner Junior, 2010 kehrte das übermächtige Skoda-Werksteam zurück. Am Steuer eines der beiden Fabia S 2000: Mark Wallenwein, Sandros jüngerer Bruder.

Als der Verband nach Querelen Ende 2010 mit einer aus der Not geborenen Rumpfmeisterschaft Skoda aus der DRM vergraulte, hielten mal wieder die beiden Rallye-Familien Gaßner und Wallenwein der nationalen Szene die Stange. Die Beharrlichkeit wurde belohnt. Sandro konnte den viermaligen Meister Hermann Gaßner niederhalten. Dieses Mal platzte der Motor erst, nachdem die DRM-Punkte vergeben waren, Sandro ist Meister - für das Familienunternehmen der größte Erfolg.

Und doch geht der Blick des Clans schon weiter. Mark, der Jüngste im Bunde, gewann eine Nachwuchssichtung der ADAC Stiftung Sport, holte im Skoda 2010 im Saarland seinen ersten DRM-Sieg. „Ich bin stolz. Ich glaube, dass er jetzt schon auf einem höheren Niveau ist als ich“, sagt Sandro. In der Intercontinental Rally Challenge 2011 tut sich der Youngster schwer. Mit unterlegenem Material und kaum Testgelegenheiten war er bei den sporadischen Einsätzen immer wieder mal schneller als Rekordmeister Kahle, „aber ein 14. Platz in Ungarn bleibt eben nur ein 14. Platz.“

Alles eine Frage des Geldes

Rivalität unter den Brüdern gibt es im Clan keine. „Bei uns gibt es nur einen Topf, in den fließt alles rein.“ Vater Thomas ergänzt: Bei uns wäre jeder bereit, alles zu geben, um Mark weiterzuhelfen. Aber wir reden hier von 50.000 Euro, für eine WM-Saison bräuchtest du drei oder vier Millionen.“

Um die Rallye-Aktivitäten zu finanzieren, unterhält man in der Firma ein Rallyeteam, das Autos vermietet, verkauft feuerfeste Anzüge, leitet zwei Transportfirmen, organisiert Wintertrainings. „Jeder von uns sitzt wahrscheinlich länger im Büro als die meisten“, sagt Mark, der sein Studium in Technologiemanagement gerade parkt und an freien Wochenenden als Fahrinstruktor arbeitet. Mark hofft, dass es 2012 erst einmal mit Skoda weitergeht, vermutlich wieder in der DRM.

Dort kommt dann auch wieder der halbe Service-Park vorbei, wenn Gerda frischen Kaffee aufgesetzt und Kurt die Gummibärchenschale aufgefüllt hat. Thomas kümmert sich um Sandros Auto, seine Frau Michaela hilft auch im Team, Tochter Eve passt auf den Hund auf. Selbstredend hat sie auch schon erste Rallyeerfahrungen gesammelt, als Beifahrerin.

Die vierte Generation des Clans ist noch nicht in Sicht. Bis dahin könnten die vier Wallenweins ja noch einen Anlauf nehmen, als erfolgreichste Rallye-Familie ins Guinness-Buch zu kommen. 2006 scheiterte das Unternehmen nur, weil es zur Bedingungen gehörte, dass alle ins Ziel kommen. Das schafften nur Sandro und der Opa. Offiziell hat Kurt Wallenwein nie seinen Rücktritt erklärt. Sohn Thomas würde ihn gern in die historische Europameisterschaft schicken, aber der Senior fühlt sich mit 80 noch zu jung: „Die fahren mir da alle zu langsam.“

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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