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Rallye-WM Zukunft

Formel 1-Piloten im Rallyesport-Einsatz

Rallye Finnland 2009 Foto: Mc Klein 76 Bilder

Mag sein, dass der Motorsport in der Krise steckt, doch die Rallye-WM erhebt sich gerade aus dem Tief. Die zeitweilig zweitklassige Meisterschaft bot in Finnland packenden Spitzensport und wird neuerdings zum Tummelplatz für Formel-1-Fahrer.

02.09.2009 Markus Stier Powered by

Die Sonne schien, der Wetterbericht versprach 25 Grad - dennoch sah es nach einem schwarzen Tag aus. Am Morgen sprach sich im Service-Park blitzschnell die Nachricht herum, dass BMW aus der Formel 1 aussteigt. Wieder ein Schlag für den Automobilsport, die Einschläge kommen näher. Doch dann kam alles anders. „Jeder weiß, dass dies eine schwere Zeit für die Autoindustrie ist. Wir wissen nicht, wann wir da herauskommen“, sagte Europas Ford-Vizepräsident Ian Slater. Dann ließ er die Katze aus dem Sack: „Wir freuen uns, bekannt geben zu dürfen, dass Ford weiter in der Rallye-Weltmeisterschaft bleibt.“

Ford und Citroen bleiben der Rallye-WM treu

Keine Stunde war vergangen, da griff sich Citroën-Sportchef Olivier Quesnel ein Mikrofon und verkündete: „Es ist nur fair, wenn wir nachziehen. Auch Citroën wird 2010 teilnehmen und ein Auto für 2011 bauen.“ Weder Ford-Europa-Chef John Flemming, noch Slater oder Sportchef Gerard Quinn konnten die Zahl der Gratulanten beziffern. „Mit so vielen Reaktionen hätte ich nicht gerechnet. Das hat mich sehr berührt“, sagte Flemming. Für die Rallye-WM war es die wichtigste Mitteilung des Jahres. Noch im Frühjahr, als der Schock über den gleichzeitigen Ausstieg von Subaru und Suzuki noch nicht verdaut war, hielten viele einen Ford-Abgang für hoch wahrscheinlich. Die Zahlen des ersten Quartals waren mies. Nun geht es für zwei Jahre weiter, aber die Zeit geht auch am Rallye-Engagement nicht spurlos vorbei.

Den Super 2000-Fiesta entwickelte das Werksteam M-Sport ohne Geld von Ford, künftig wird das Budget knapper ausfallen. Dennoch sagt Ian Slater: „Man kann nicht nur Kosten sparen, man muss auch in die Marke investieren.“ Ford investiert damit auch in den Sport. Das Statement zum Bleiben soll Hersteller wie Volkswagen oder Fiat anlocken. Bei der Konkurrenz herrschte großes Aufatmen: „Ohne Ford hätte es keine WM mehr gegeben“, sagt Olivier Quesnel. Der Citroën-Sportchef hatte bereits befürchtet, Ford würde bis zum Herbst mit einer Entscheidung warten und womöglich den Rückzug verkünden. Das hätte auch seine Rallye-Abteilung gefährdet. Offiziell endet das Citroën- Programm Ende 2009, Verträge mit den Fahrern sind noch keine unterschrieben. Nun sagt Quesnel: „Ich denke, das wird kein Problem.“

Sébastien Loeb im Formel 1-Rennwagen?
 
Auch Citroëns Superstar Sébastien Loeb, der im Vorjahr schon gelangweilt wirkte, weil ihm das Siegen so leicht fiel, sendet seit dem Frühling positive Signale. Rechneten manche Apokalyptiker zum Jahreswechsel noch fest mit einem Abwandern des erfolgreichsten Rallye-Fahrers aller Zeiten auf die Rundstrecke, scheint Loeb nun seinem Kerngeschäft treu zu bleiben - abgesehen von einem Ausflug nach Le Mans 2010 vielleicht, womöglich sogar einem Formel-1-Einsatz in Abu Dhabi in einem Toro Rosso Ende Oktober. Vom psychologischen Blickwinkel aus hat sich die Situation komplett gewandelt. Die gebeutelte Rallye-WM - der Veranstalter wie die Rallye Monte Carlo und die Teilnehmer davonliefen, und die ihren einzigen echten Star zu verlieren drohte -, entwickelt sich plötzlich zum Spielplatz für Formel-Fahrer.
 
Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen mietete sich einen Fiat Punto Super 2000 für den heimischen WM-Lauf. Entspannt wie selten erschien der öffentlichkeitsscheue Ex-Weltmeister 20 Minuten zu früh zur Pressekonferenz, hockte im Auditorium des Kongresszentrums in Jyväskylä mit Ford-Speerspitze Mikko Hirvonen in der letzten Bank wie ein schwätzender Schulbube, ließ sich am Mikrofon von 40 Fotografen aus nächster Nähe anblitzen, redete so viel wie bei drei Formel-1-Rennen zusammen und betonte, wie sehr ihm die Entspanntheit der Rallye-Welt gefiele. Er war so im Redefluss, dass er sogar auf Fragen antwortete, die gar nicht an ihn gerichtet waren. „Klar, könnte Sébastien Loeb Formel 1 fahren. Sein Talent hat er doch hinreichend bewiesen“, bestimmte der GP-Pilot, der Betroffene hinter ihm lächelte milde. Trotz des Medienrummels um Räikkönen war die Begegnung von Formel 1 und Rallyesport ein Treffen auf Augenhöhe. Das hier ist Finnland, das Epizentrum der Rallye-Welt, die schnellste und verrückteste Schotter-Rallye des Universums. „Das ist nichts für Kinder“, warnte der viermalige Weltmeister Tommi Mäkinen seinen Landsmann Räikkönen.
 
F1-Pilot Räikkönen im Rallyesport
 
Das Volk nahm den Besuch aus der höchsten Motorsport-Liga der Welt wohlwollend zur Kenntnis, setzte aber Prioritäten. Am Räikkönen-Service warteten regelmäßig 50 bis 100 Fans vor einem meist leeren Zelt mit einem wichtigtuerischen Sicherheitsbeamten davor. Bei Ford dagegen erwarteten mindestens doppelt so viele Finnen ihre Helden. Als Räikkönen auf dem Zuschauerrundkurs der Pferderennbahn in Killeri angesagt wurde, prasselte ihm warmer Applaus entgegen. Den richtigen Jubel ernteten jedoch die Herren Latvala, Hirvonen und Neuling Matti Rantanen. Finnland ist eine kleine Welt, und den Umgang mit Sportgrößen pflegt man im Alltag eher unaufgeregt. Auch das erhöht den Wohlfühlfaktor der Aktiven. Räikkönen wurde weniger beklatscht weil er eine Berühmtheit ist, sondern weil er eine starke Leistung bot. Trotz waidwundem Motor verlor er im veralteten Fiat nur eine Sekunde pro Kilometer auf den überragenden Landsmann Juho Hänninen im Skoda Fabia. Auch Räikkönens Abgang war aller Ehren wert. Mit einer zweifachen Rolle überschlug er sich schwungvoll in den Wald. Die Boulevard-Presse zeigte am kommenden Morgen genüsslich, wie der Formel-1-Held sich anschließend in einen Hubschrauber flüchtete. Doch es war nicht die überhastete Abreise, als die sie dargestellt wurde.
 
Räikkönen wird wiederkommen. Er schließt sogar einen Wechsel in den Rallyesport nach Ferrari-Vertragsende im Dezember 2010 nicht aus. „Ich könnte mir das vorstellen. Außerdem bin ich zu jung, um nichts zu machen.“ Der Abgang des Finnen war ein weiteres Symbol zugunsten des Rallyesports. Die Welt realisierte, dass auch ein Formel-1-Weltmeister hier nur Fahrschüler ist. „Wenn ich FIA-Präsident wäre, würde ich jeden Formel-1-Fahrer zwingen, mindestens eine Rallye-Saison zu bestreiten, damit die Jungs mal Fahren lernen“, flachste Chef-Vermarkter Neil Duncanson. Bei manchen GP-Stars rennt der North-One-Chef damit offene Türen ein. BMW-Fahrer Robert Kubica hat längst ein Rallye-Auto in der Garage stehen, das er bisher aus vertraglichen Gründen nicht benutzen durfte. Immer wieder taucht der Pole als Zuschauer bei WM-Läufen auf. Ein weiteres Grand-Prix-Ass hat seine Leidenschaft für unbefestigte Waldwege entdeckt: Deutschlands Hoffnung Sebastian Vettel verlegte seinen Urlaub nach Finnland, um sich nach einem Treffen mit den Red Bull-Kollegen Loeb und Sordo deren Arbeit live anzuschauen. „Das ist schon faszinierend“, bekannte er. Und schließt nicht aus, sich demnächst auch mit Beifahrer und Dach über dem Kopf zu versuchen. Mit der Presse sprach Vettel kaum, was nicht daran lag, dass er so wortkarg oder abweisend gewesen wäre, er hatte schlicht keine Zeit.
 
Vollgassprünge bringen 20 Meter-Flüge
 
Wer es darauf anlegt, kann in Finnland vier bis fünf Prüfungen am Tag sehen. Am Samstag kam Vettel auf sieben, noch bevor die Etappe vorbei war. „Sorry, ich muss los“, war ein viel gehörter Satz. Das Dargebotene war allerdings auch vom Allerfeinsten. Die Top-Männer des Rallyesports zeigten eine grandiose Show mit atemberaubender Fahrzeugbeherrschung oder spektakulärem Kontrollverlust. Evgeny Novikov landete nach einem Vollgassprung 20 Meter weiter als die Besten auf der Heckschürze, danach warf er sich wie sein Teamkollege Conrad Rautenbach ebenso in den Wald wie Subaru-Mann Mads Östberg oder Henning Solberg, der seinen Ford in einer riesengroßen Pfütze versenkte. Auch an Masse fehlte es nicht. Die Privatteams trotzen der Krise. Selbst wenn die Situation nach wie vor fragil ist: Vergessen scheinen die Tage, als zum Jahresbeginn nur rund 40 Autos über die Rampen rollten und die Werksteams zuweilen in menschenleeren Service-Parks vor sich hinwerkelten. In Jyväskylä brummte der Laden. An den Strecken stand eine Viertelmillion Leute, im Service herrschte Party bis in den späten Abend. 90 Teilnehmer brachen auf zu 23 Prüfungen mit hunderten von wüsten Sprüngen und Höchstgeschwindigkeiten von knapp 200 km/h.
 
Die beste Rallye der Welt?
 
„Das hier ist wahrscheinlich die beste Rallye der Welt“, erklärte Olivier Quesnel. Und so nutzte auch der globale Vermarkter ISC die Chance, eine Demonstration der Stärke zu zeigen. Noch vor Beginn gab er mit Veranstalter Jarmo Mahonen den Abschluss eines Vertrages für mindestens fünf weitere Jahre bekannt. Eiligst will man das verhasste Rotationssystem von Noch-FIA-Präsident Max Mosley vergessen machen und für Stabilität sorgen. Rallye-WM ohne Finnland, das wäre wie Formel 1 ohne den GP von Monaco. Ganz vorn passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: Der strahlende Weltmeister Sébastien Loeb schwebt nicht mehr allein auf einer erdfernen Umlaufbahn, denn der scheinbar so blasse Mikko Hirvonen hat sich heimlich still und leise auf eine neue Ebene geschossen. Der im Vorjahr noch so helle Stern des eigentlich als talentierter eingestuften Jari-Matti-Latvala befindet sich im Parabelflug zwischen steilem Aufstieg und bodenlosem Sturzflug, immerhin wurde auch sein Vertrag bis Ende 2011 verlängert. Trotz einer Magen-Darm-Infektion holte er mit einer für seine Verhältnisse extrem defensiven Fahrt Rang drei.
 
Für den Sieg kamen indes nur Hirvonen und Loeb in Frage. Selbst eingefleischte Patrioten wetteten ihr Geld teilweise auf Loeb, zu gut war die heftige Abreibung im Vorjahr in Erinnerung, als Loeb Hirvonen gezeigt hatte, wer der Chef im Ring ist. Damals musste Formel-1-Mann Kovalainen mit einem Sieg in Ungarn den Finnen das Wochenende retten. Das war in diesem Jahr nicht nötig. In dem Mann, der scheinbar nur auf zweite Ränge abonniert war, steckte auf einmal mehr Loeb als im Franzosen selbst. Egal, was der Weltmeister probierte, der Lokalmatador hatte eine Antwort. Schon seit einigen Rallyes nimmt Loeb zur Kenntnis, dass der Ford-Mann zu einem ernst zu nehmenden Gegner geworden ist - ein Muster an Beständigkeit, nervenstärker und auch schneller als zuvor. Schon am Samstagnachmittag gab sich Loeb geschlagen. „Wie soll ich Mikko jetzt noch 26 Sekunden abnehmen, wenn ich es nicht mal schaffe, ihm zwei zu stehlen?“ fragte er.
 
Hirvonen holte sich den dritten Sieg in Folge und führt plötzlich eine zur Saisonmitte aussichtslose Saison mit drei Punkten an. Teamchef Malcolm Wilson rechnet für die verbleibenden drei WM-Läufe mit weiteren großen Taten: „Wenn ein Finne erst einmal zu Hause gewonnen hat, gibt ihm das einen großen Schub Selbstvertrauen.“ Auch in den Augen seiner Landsleute ist der oft geringschätzig als netter kleiner Junge von nebenan betrachtete Mann aus Jyväskylä erheblich gewachsen. Vor der Siegerehrung bat ein finnisches Mädchen den Tabellenführer um ein Autogramm. Ungläubig starrte sie anschließend auf den geschrieben Namenszug im Programmheft, dann brach sie in Tränen aus.  

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