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Rallylegend San Marino 2006

Foto: Enrico Schiavi, Peter Göbel 13 Bilder

Sie glauben, die wilden Zeiten eines Walter Röhrl, Juha Kankkunen, Markku Alén oder Sandro Munari sind längst vorüber? Falsch. Bei der Rallylegend in San Marino feierten die Helden von einst ein gelungenes Wiedersehen.

13.03.2006 Peter Göbel Powered by

Die erste Probefahrt endet bereits nach wenigen Zentimetern. Die Kupplungsscheiben des 33 Jahre alten Porsche 911 kleben bombenfest aneinander, nichts rührt sich. Walter Röhrl, der den 292 PS starken Wagen bei der dritten Rallylegend in San Marino steuern soll, grinst gelassen.

Angespannter ist die Lage im italienischen Balletti-Team. Schließlich möchte man dem Rallyeweltmeister von 1980 und 1982 für die kommenden Tage ein solides Gerät zur Verfügung stellen.

Eilig rotieren Schraubenschlüssel und der Gedanke an eine frühe Blamage. Als das Problem endlich gelöst ist, taucht ein anderes auf. Diesmal sorgen schmorende Kabel im Cockpit für Gesprächsstoff. Doch man gibt sich zuversichtlich.

In diesem Jahr stehen acht schnelle Etappen und rund 40 Kilometer auf dem Programm. Zwei WP werden sogar in der Nacht gefahren. Was auf dem Papier harmlos klingt, entpuppt sich als ordentliche Herausforderung für die in die Jahre gekommenen Autos. Schnelle Wege wechseln sich ab mit kniffligen Passagen. Rund 40 Prozent wird auf Schotter gefahren, steile Abschnitte mit großen Höhenunterschieden versprechen zusätzliche Würze.

Und weil die Regeln eher locker gehandhabt werden, darf hier das Wettbewerbsauto zur Freude der früh angereisten Zuschauer auch zum Abfahren der Wertungsprüfungen benutzt werden. Annähernd museumsreif ist gar der Fuhrpark. Während bei der ersten Rallylegend im Jahr 2003 noch 45 Autos an den Start gingen, sind es nunmehr über 130 gut erhaltene Fahrzeuge.

Viele davon Werkswagen mit Geschichte

Der Zuspruch unter Fahrern und Fans ist dabei so groß, dass der Veranstalter aus Furcht vor einem Verkehrschaos im begrenzt aufnahmefähigen San Marino auf jede Werbung verzichtet. 50 Teams erhalten zudem eine Absage.

"Dass es eine solche Rallye überhaupt noch gibt, ist eine Sensation", schwärmt Röhrl schon vor dem Start. "Zudem trifft man hier viele Fahrer wieder, mit denen man sich gern noch einmal an alte Zeiten erinnert." Zu denen gehören in diesem Jahr eine ganze Reihe von Prominenten. Der vierfache Weltmeister Juha Kankkunen startet mit Ex-Co Juha Repo im originalen Lancia Delta Integrale. Landsmann Markku Alén fährt nach 22 Jahren noch einmal gemeinsam mit Ilka Kivimäki "seinen" Lancia Rally 037. Und der vierfache Monte-Sieger Sandro Munari zieht im Alitalia-Stratos als Vorauswagen seine Kreise.

Zu den Ehemaligen gehört auch Antonino Tognana. Der italienische Rallye-Champ erkämpfte sich 1982 die Meisterschaft mit einem Ferrari 308, ehe er beruflich zum größten Keramikhersteller der Welt aufstieg. Dass sein Leben nach dem Sport nicht weniger turbulent ist, erzählt der smarte Italiener mit breitem Grinsen.

Zu seinem 50. Geburtstag habe er eine eigene Rallye organisiert, dummerweise habe man beim Driften durch den Schlosspark die übrigen Gäste vollständig mit Staub eingesaut. Andere Anekdoten unter den Altstars machen beim Abendessen die Runde, erzählt wird in Finnisch, Englisch, Italienisch und Deutsch. Über eine Geschichte, die hier in San Marino passiert ist, können mittlerweile auch Röhrl und Alén lachen.

Bei der Rallye San Remo 1980 fahren beide für Fiat, der Stadtstaat ist das Etappenziel. Vor dem Schlafengehen bekommt Röhrl seine obligatorischen Vitamin A-Tabletten für die Augen. Doch der Teamarzt vertauscht die Medikamente mit den Beruhigungspillen für den stets aufgedrehten Finnen. "Bei mir bewirkten sie damals aber genau das Gegenteil", erzählt Röhrl. "Ich habe kein Auge mehr zubekommen, war nicht weit weg von einem Herzinfarkt. Die ganze Nacht bin ich wie ein Verrückter durch die Gassen gelaufen. Am liebsten hätte ich damals unseren Doktor umgebracht."

Alén: "Oh, I remember. A funny story."

Markku Alén, der gut gelaunt zugehört hat, prostet Röhrl zu und ergänzt: "Oh, I remember. A funny story." Als die Rallye am nächsten Tag beginnt, wird in den Zuschauermassen am Parc fermé sogar Deutsch gesprochen. Der Grazer Peter Freisinger ist durch halb Italien gereist, um dabei zu sein, wenn zehn Lancia Rally 037, ebenso viele Stratos, noch mehr Fiat 131 Abarth und fünf der seltenen Lancia Delta S4 zwischen den anderen Opel, Porsche, Peugeot oder Alfa über die Rampe rollen.

"Wo sonst gibt es ein so hochkarätiges Starterfeld zu sehen", sagt der 42-Jährige. Ganz zufällig trifft er hier zum wiederholten Mal auf Edgar Glas aus Kehlheim. Der 55-jährige Rallye- und Röhrl-Fan versprüht gar italienische Begeisterung. "Da stehst du in einer Ortschaft und die Polizei macht einen Teilnehmer zur Schnecke, weil der zu langsam gefahren ist. Dabei würdest du einen Tag nach der Rallye bei gleichem Tempo sofort eingesperrt."

Die Teams beschränken ihren Tatendrang auf die erste abgesperrte Wertungsprüfung. Direkt danach wartet die erste faustdicke Überraschung auf die Akteure. Auf einem kleinen Parkplatz hat sich die Ex Lancia-Crew aufgebaut. Stromaggregate röhren durch die Nacht, vor dem Service-Bus wirbeln die Schrauber von einst nur so zum Spaß mit Putzlappen und Werkzeug, um nach langer Zeit ein "echtes" Wiedersehen zu feiern.

Mit dabei sind sogar Lancia-Teamchef Cesare Fiorio und Technik-Guru Giorgio Pianta, aber auch Kamerateams und Fotografen interessieren sich für die herzlichen Momente im grellen Licht der Service-Scheinwerfer. Danach wird es wieder dunkel, besonders für Walter Röhrl. Bereits auf der ersten Prüfung streikte die Beleuchtung des Drehzahlmessers, jetzt ist es die gesamte Batterie der Zusatzscheinwerfer.

Doch anstatt mit dem Porsche behutsam durch die Nacht zu stochern, fühlt sich Röhrl durch den Vorfall geradezu animiert. Am Ende ist Alén im elf Jahre jüngeren Lancia Rally 037 rund zehn Sekunden langsamer – und der Deutsche Weltmeister zufrieden. "War doch gar nicht so schlecht für einen Blinden", meint Röhrl im Ziel.

Leider lässt sich seine Gelassenheit am Service nicht auf das Team übertragen. Hektisch wird ein gerissener Keilriemen als Ursache für die plötzliche Finsternis diagnostiziert. Doch als der Ersatz fünf Minuten vor dem Ende der Servicezeit erneut den Geist aufgibt, bekommt die Stimmung jenen Hauch von italienischer Sachlichkeit, die nur mit einem außer Kontrolle geratenen Banküberfall zu vergleichen ist.

Zangen und Schraubenzieher verlassen die Werkzeugkisten im Formationsflug. Auch die Tonart wird rauer – doch die lautstarken Befehle des Chefmechanikers wirken ebenso wenig entkrampfend wie die Tatsache, dass der Wagen in spätestens zwei Minuten einsatzbereit sein muss, sofern man keine Strafzeit kassieren möchte. Am Ende rollt der Porsche zwar spät, aber nicht zu spät zur letzten Kontrolle vor der Nachtruhe. Am Morgen des zweiten Tages sieht die Welt nicht viel besser aus. Die höher gelegene Altstadt ist im Nebel verschwunden, dazu gießt es in Strömen. Pro forma kündigt sich Alén schon beim Frühstück als eines der kommenden Opfer an.

"Bei so einem Wetter ist es im 037 wie im Swimmingpool." In der Tat schwappt das Wasser in solchen Mengen durch die Dachluken, dass der schnelle Finne schon nach der ersten WP aufgeben muss. Zu allem Übel kollabieren auch noch die Scheibenwischer. "Wenn es hier nur um den Spaß geht, dann macht es keinen Sinn, ein geliehenes Auto zu quälen."

Während die Zuschauer das weitere Geschehen gut gelaunt mit aufgespannten Regenschirmen verfolgen und der vierfache Weltmeister Juha Kankkunen im modernen Gruppe A-Integrale eine Bestzeit nach der anderen holt, kämpft Röhrl erneut mit der Technik. "Die Bremsen gehen so schwer, dass ich mit beiden Füßen auf das mittlere Pedal springen muss. Außerdem ist gerade das Gas bei VOLL hängen geblieben, und die Hinterachse macht seit Kurzem sehr seltsame Geräusche", meint er kopfschüttelnd.

Dass der Regen die Windschutzscheibe dann noch zu einem undurchsichtigen Glasbaustein verwandelt, kostet Röhrl endgültig den Sieg. Knappe fünf Minuten lang kurbelt, wischt und lenkt Röhrl wie im Zeitraffer über die fünfte WP. Dennoch kostet der filmreife Drahtseilakt mehr als eine halbe Minute.

Am Ende trennen ihn nur 7,2 Sekunden vom Gesamtsieg. Trotzdem wird "Grande Walter" bei der Siegerehrung entsprechend gefeiert. Und einen Spruch hat er auch noch parat. "Zum Glück muss ich nicht mehr mit aller Gewalt gewinnen", erklärt er. "Und wenn du in dem Sport so alt geworden bist, hast du manchmal auch das Gefühl, dass du noch älter werden willst."

Tipps für Teilnehmer

Wem die Fahrt auf eigener Achse ins beschauliche San Marino zu weit ist, kann ohne Weiteres per Billigflug ins 25 Kilometer entfernte Rimini reisen. Die Fluggesellschaft Hapag Lloyd Express hat ihren Fahrplan mittlerweile um die Route Köln/Bonn - Rimini erweitert.

Die Angebote beginnen schon bei 20 Euro, doch inklusive Gebühren sind für den Hin- und Rückflug 150 Euro realistischer. Mit dem Auto sind es von Italiens Party-Strandmeile dann 20 Minuten über Schnellstraßen bis zur Altstadt von San Marino. Dort gibt es entgegen einiger Warnungen von Einheimischen und Tourismusbüros ausreichend Hotels.

Wer günstiger wohnen will, kurvt am Abend zurück nach Rimini. Sollte vor oder nach der Rallye noch ein Kurzurlaub geplant sein, empfehlen sich Abstecher ins rund 80 Kilometer entfernte Umbrien oder etwas weiter südöstlich bis in die Toskana. Besonders reizvoll sind Siena oder Arezzo. Beide haben wunderschöne historische Stadtkerne, deren malerische Kulissen schon bei der Rallye San Remo als willkommene Etappenziele dienten.

Ergebnis

3. Rallylegend in San Marino vom 7. - 8. Oktober 2005, acht WP über 35,33 km.

Gesamtwertung:
1. Rosati/Toccaceli (RSM), Talbot Lotus
2. Rilolo/Marin (I), Porsche 911 3.3
3. Röhrl/Göbel (D), Porsche 911 3.0
4. Bianchini/Baldaccini (I), Lancia Rallye 037
5. Calzolari/Costa (I), Ford Escort

Klasse GS (Baujahr nach 1986)
1. Kankkunen/Repo (FIN), Lancia Delta HF
2. Romagna/Riello (I), Lancia Delta 16V
3. Campedelli/Meloni (I), Lancia Delta HF

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