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Jaguar XJS im Selbstversuch

6 Gründe, warum ein Rechtslenker cool ist

Jaguar XJS Rechtlenker Foto: Karl-Heinz Augustin 16 Bilder

Ob Pop-Sternchen Adele mit ihrem Hit „Hello from the other side“ die Probleme eines Rechtslenkers in Deutschland thematisieren wollte? Überholen auf der Landstraße und ein Parkticket an der Schranke ziehen: Das sind die typischen Handicaps. Gibt es außer dem günstigen Kaufpreis wirklich nur Nachteile? Schonungsloser Selbstversuch mit einem Jaguar XJS im Großstadt-Getriebe.

07.10.2016 Alf Cremers 1 Kommentar

Der XJS hat ein Problem. Nein, es ist nicht das für viele Jaguar-Fans immer noch gewöhnungsbedürftige Design, das so gar nicht zur klassischen Eleganz der Marke passt. Es besteht auch nicht in der versäumten Chance, ein wahrer E-Type-Erbe zu werden, denn dem hypercharismatischen Sportwagen folgte ein artfremdes Boulevard-Coupé. Das Problem des immerhin stramme 126.000 Meilen in der Grafschaft Sussex gelaufenen XJS in der betörenden Farbe Nightfire Red ist banal – und gravierend zugleich. Es dreht sich gleich doppelt ums Lenkrad. Das Moto-Lita-Volant mit dem dünnen vernieteten Holzkranz passt wunderbar in besagten E-Type, aber im sonst garnicht filigranen XJS wirkt es so deplatziert wie eine Bleikristallvase auf einem Adjustable von Eileen Gray.

Rechts ist billiger

Aber dieser Stilbruch ist Geschmackssache. Dass es auf der falschen Seite sitzt, wiegt deutlich schwerer. Das nach rechts gerückte Lenkrad macht den noblen Wagen billig (für unseren Testwagen stehen 9.000 Euro als Verhandlungsbasis zur Debatte), aber im Rechtsverkehr vor allem wegen seiner ausgewachsenen Breite von eins achtzig auch schwer händelbar. So denke ich, will es aber genau wissen. Entschlossen fahre ich zum XJS-Anbieter Sevencar in den Süden von München. Der freundliche Gebrauchtwagenhändler, wohl wissend um seine aristokratische Standuhr, zögert nicht, sie mir für meinen Rechtslenker-Selbstversuch zur Verfügung zu stellen. Der imposante Wagen macht einen gepflegten Eindruck.

Jaguar XJS RechtlenkerFoto: Karl-Heinz Augustin
Den schalten sie doch mit links. Kein Problem: Die Viergang-Automatik von ZF übernimmt das.
Jaguar XJS RechtlenkerFoto: Karl-Heinz Augustin
Parktickets ziehen klappt nicht so problemlos im Rechtslenker. Aber die Blöße des falschen Heranfahrens ans Terminal kann man sich quasi nicht geben, weil man ja immer aussteigen muss.
Jaguar XJS RechtlenkerFoto: Karl-Heinz Augustin
Ein kurzer Plausch mit Passanten? Kein Problem, denn Sie sitzen dafür ja auf der richtigen Seite.

Bei der ersten Tuchfühlung mit dem flachen Coupé fallen jedoch die tiefe Sitzposition und die extrembreite Mittelkonsole auf. Seine eigenwillige Schönheit spricht mich an, der XJS ist der Bohemian, er wirkt cool und nicht so demonstrativ etepetete wie die Herrenfahrer-Limousinen. Fotograf Karl-Heinz Augustin begleitet mich bei meinem Selbstversuch, und schon auf den ersten paar Hundert Metern wird deutlich, dass der nun unvermittelt links sitzende Beifahrer gute Nerven braucht. Denn er hockt auf der verkehrsexponierten Seite, fragt sich, wer das Lenkrad abgeschraubt hat, sucht verzweifelt Blickkontakt mit den drei Spiegeln und kommentiert meine ersten Abbiege- und Einordnungs-Vorgänge mit ängstlich hochtönigem Gezeter, als säße er in der Achterbahn.

Sechs Argumente für den Kauf

  • Passanten nach dem Weg fragen und dabei lässig den (rechten) Ellbogen aus dem Fenster hängen
  • Vom Steuer aus Briefe einwerfen
  • FußgängerInnen mit echtem Blickkontakt anflirten
  • Zeitungen ziehen, ohne auszusteigen
  • Auf Blitzerfotos wird der Fahrer ausgegraut (nicht zur Probe empfohlen)
  • Schnell mal rechts ranfahren und aussteigen geht in einem Fluss

Mit gespielter Gelassenheit murmele ich ständig ein monotones, selbstermutigendes „Alles im Griff“ vor mich hin. In der Tat sind mir Rechtslenker nicht ganz fremd. Neulich fuhr ich gar einen ausgewachsenen S 280 der ausladenden Mercedes-Baureihe W 140 auf dem Lande Probe, nur 3.500 Euro sollte der Wagen im Topzustand kosten, ein echter Dumpingpreis. Deutsche Luxusautos aus England kriegt man erst recht nachgeworfen. Doch wir sind eben nicht auf dem Lande zwischen Haspelmoor und Mohrenweis. Mit dem XJS im Großstadtdschungel muss ich mich voll konzentrieren. Blicke ständig in die Spiegel, zwinge mich, meine Spur stets präzise zu halten, und vermeide es vor allem, unwillkürlich zu weit nach links abzudriften. Dazu neigt man offenbar unterbewusst als jahrzehntelanger Linkslenker.

Probleme werden im Vorbeifahren deutlich

Buchstäblich im Vorbeifahren fallen mir ein paar typische Rechtslenker-Marotten auf. Die am Straßenrand parkenden Autos erzeugen bei geöffnetem Fenster einen lauten Wah-Wah-Effekt, der anfangs lustig ist, später aber nervt. Man rumpelt auch viel öfter über Kanaldeckel und sonstige Unebenheiten, die eher an der rechten Rinne siedeln, links ist man viel weiter weg davon. Der Schulterblick für die Radfahrer beim Rechtsabbiegen fällt dagegen viel leichter. Beim Rückwärtsfahren drehe ich mich stets instinktiv nach rechts um, statt den Kopf nach links zu wenden. Mit leichter Hand gleite ich nun seit zwei Stunden durch den Verkehr, selbst das Moto-Lita fasse ich gerne an. Anfangs war es schon sehr fremd, auf der anderen Seite zu sitzen, aber der leise säuselnde und gelassen dahinschwebende XJS zeigt sich inzwischen sehr kooperativ bei meinem Experiment.

Vollkommene Harmonie zwischen Motor und Getriebe

Richtig Spaß macht es, mit ihm über die Münchener Boulevards zu gleiten, die unvermeidliche Leopoldstraße inklusive. Eine beinahe vollkommene Harmonie herrscht zwischen Motor und Getriebe, die souveräne Kraftentfaltung des langhubigen Vierliters wird von den unerhört sanften Schaltvorgängen der ZF-Viergangautomatik begleitet. Ich bin deshalb befreit vom Schalten mit der linken Hand, das bei Rechtslenkern als weiteres Handicap gilt. Kaum fühle ich mich wirklich sicher im Jaguar, packt mich der Übermut, auch die Vorzüge des Rechtslenkers im Straßenverkehr auszukosten.

Einfach rechts ranfahren, und man ist sofort auf der Sonnenseite der Straße. Nur auf Radler muss man höllisch aufpassen, die großen XJS-Außenspiegel helfen mir nicht nur dabei. Rechtslenkerfahren ist enorm kommunikativ, man kann coole Typen nach dem Weg fragen, mit Frauen am Gehsteig flirten, kurz mal im Halteverbot aussteigen und entschlossen in den Blumenladen sprinten. Alles ist viel leichter, kommt viel natürlicher, wenn man nicht erst um das Auto rumgehen muss. Die Leute schauen verdutzt bis amüsiert. Ich werfe einen Brief ein, ohne auszusteigen, ziehe im Vorbeirollen ein Boulevardblatt aus dem Zeitungsständer und frage mich allmählich, was denn so unangenehm ist an einem Rechtslenker.

Ein Auto für Paare

Zu zweit verliert er völlig seine Schrecken. Überholen geht nach Ansage, und ein Drive-in lässt sich mit Beifahrer auch ohne Akrobatik meistern. Aber das Schlimmste am Rechtslenker sind die Vorurteile: Dass das Fahren unfallträchtiger ist, stimmt definitiv nicht. Dass man einen Rechtslenker, wenn er nicht gerade Triumph TR6, MGB oder Austin-Healey heißt, kaum mehr loswird, stimmt leider schon.

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Neuester Kommentar

"Das Moto-Lita-Volant mit dem dünnen vernieteten Holzkranz passt wunderbar in besagten E-Type..." Was soll es da? Ein früher E-Type hat zwar ein Holzlenkrad, aber beiliebe kein Motolita und schon gar nicht genietet...

austinmini 10. Oktober 2016, 11:04 Uhr
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