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Mit Käfer und 911 auf Reisen

Auf den Spuren der Rallye Monte Carlo

Memminger-Tour Foto: Daniel Roeseler 14 Bilder

Auf den Spuren der Rallye Monte Carlo reisten elf VW Käfer und drei Porsche 911. Eine Tour mit so viel Enthusiasmus und Frohsinn, dass selbst das übelste Tiefdruckgebiet des Jahres kapitulieren musste.

31.08.2012 Markus Stier Powered by

Ein alternder Engländer mag beim Aufbruch in den Urlaub manches vergessen; seinen britischen Humor verliert er niemals. Und so stoppt der rüstige Siebziger nebst Gattin bei der Auffahrt von La Bollène zum Col de Turini seinen Renault-Mietwagen neben dem Transporter des Kamerateams mit den Rallye-Aufklebern: "Was meinen sie?" fragt er den Erstbesten am Straßenrand. "Bei diesem Wetter sollte ich Slicks aufziehen, oder?" Der Gefragte spielt den Ball umgehend zurück. Die Reifenwahl sei schon richtig, aber er solle einen Blick in den Rückspiegel haben, denn gleich käme der Walter Röhrl in einem Porsche 911 mit Schwung den Berg hoch.

Walter Röhrl fegt im Porsche 911 ums Eck

Der Herr von der Insel hätte einem Kraut so viel spontanen Witz gar nicht zugetraut, und er hat recht. Der Mann mit der Rallye-Weste meint es ernst. Mit tiefer gelegten Kiefern wird das Ehepaar Zeuge, wie sich ein roter Porsche 911 eilig die Kehren heraufschraubt, um die Ecke schießt, knapp das Kamerateam passiert und bellend um die nächste Ecke verschwindet.

Am Steuer arbeiten zwei Weltmeistertitel und vier Monte-Carlo-Siege, auf dem Beifahrersitz hocken 48 Jahre. Achim Zimmer hat Geburtstag, und so hat Walter Röhrls bessere Hälfte Monika für ein halbes Stündchen ihren Stammplatz hergegeben. Das Geschenk kommt an: "Der ist voll gefahren, mit 130 auf die Kurven zu und rum", schwärmt das spürbar verjüngte Geburtstagskind.  Der 93er Carrera RSR mit knapp 380 PS ist eigentlich ein Rundstreckenauto vom 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Der Rallye-Champion entschuldigt sich: "Die Übersetzung ist viel zu lang."

Georg Memmingers Plan B

Dass er sich erst drei Wochen nach einer großen Mitfahraktion mit Audi schon wieder am 1.607 Meter hohen Gipfel herumtreibt, liegt an Peter Göbel. Der Sauerländer, der den Superstar einst als Fan mit Mama Christas Zitronenrolle becircte, eine historische Rallye mit ihm zu fahren, suchte und fand in seinem Freund Röhrl den hochkarätigsten aller Reiseleiter.

Der sechsfache Histo-Monte-Sieger Göbel kennt die Provinz Alpes Maritimes wie seine Westentasche und ging seit einem Jahrzehnt mit der Idee einer geführten Ausfahrt auf den wilden Monte-Carlo-Prüfungen schwanger. Das kam Georg Memminger gerade recht.  Der Mann, der sein Brot mit der Restaurierung und Aufrüstung von VW Käfern verdient, sah sich im Vorjahr bei einer Oldtimer-Rallye mit einem Grüppchen seiner Kundschaft ausgeladen. Zu viele Käfer, zu wenig original, klagte der Veranstalter angesichts von Zweieinhalbliter-Motoren mit über 200 PS, verstärkten Querlenkern, ABS, verzinkten Türen oder Bixenon-Scheinwerfern. Memminger zog seine Armada zurück und ließ Göbel Plan B ausarbeiten: "Man müsste eine Fahrt ohne Wettbewerbsstress machen."

In einer Viertelstunde 300 Liter Super Plus

Seinem Ruf folgten rund zwei Dutzend Boxer-Freunde, auf drei Lastwagen rollten elf VW Käfer und drei Porsche 911 nach St. Paul de Vence, wo der sizilianische Besitzer des Hotel Le Hameau der autobegeisterten Kundschaft stolz seine Schätze von Mercedes SLK bis Lamborghini Diablo zeigt. "Dabei sieht der gar nicht wie ein Mitglied der ehrenwerten Gesellschaft aus", sagt eine der Damen. Memminger nickt: "Das ist doch immer so. Schaut mich an."

Der umtriebige Bayer holte 1983, unterstützt von Ingenieurslegende Roland Kussmaul, in einem Porsche 930 Turbo wichtige Punkte für Porsche in der Sportwagen-WM. Das 911-Cabrio, dass ihm in Stuttgart zum Dank im Leder seiner Wahl ausgeschlagen wurde, ließ Memminger ebenfalls nach Süden bringen, damit der Spezi Kussmaul mit seiner Frau genauso ein bisschen Spaß habe. Röhrl, wie Kussmaul Rentner im Unruhestand, kokettiert mit dem Alter und warnt: "Die erste Pinkelpause ist erst nach 41 Kilometern." Kussmaul kontert: "Dann fahr ich nicht mit."

Splitternackt dem Tod entronnen

Reiseleiter Röhrl hält hinter dem Col de Bleine und geht kurz für kleine Monte-Sieger. Kussmaul unterhält derweil die VW Käfer-Kohorte mit der Anekdote, wie er mit Jürgen Barth bei einem Monte-Training hier oben im Schnee feststeckte, sich auf der Rückfahrt nach wildem Schaufeln und Schieben den verschwitzten Overall vom Leib riss und nur in Unterhose durch die Hotellobby schritt. "Splitternackt dem Tod entronnen", titelte damals der mitgereiste Kollege der Böblinger Bildzeitung.

In der atemberaubenden Schlucht von Aiglun mit ihren zwei Tunnels, der halsbrecherischen Brücke über den reißenden Fluss und den überhängenden Felswänden zücken die Reisenden ihre Kameras, fotografieren den schnöden Besenwagen vom Typ VW Polo und versuchen sich vorzustellen, es wäre ein zwei Meter breiter Gruppe-B-Quattro mit meterlangem Feuerschweif.

Wenig später hinter Sigale geht beim ersten das Feuer aus. Irgendwie sollten alle voll getankt sein, aber im 79er VW Käfer Cabriolet von Christoph von Tessin herrscht Ebbe. Flugs eilt Krisenmanager Memminger zurück und schwatzt einem Bauern für 100 Euro einen Zwanzig-Liter-Kanister samt Schlauch ab. In Puget Theniers fällt die ansonsten völlig defektfreie Truppe an der Tankstelle ein und pumpt in einer Viertelstunde 300 Liter Super Plus ab. Es geht das Gerücht um, die selige Pächterin sei danach umgehend zum Casino nach Monaco aufgebrochen.

Auf der Straße laufen Bäche

Im Var-Tal warnt Organisationschef Göbel vor einer Polizeikontrolle. Das weckt in Uniformallergiker Röhrl unangenehme Erinnerungen. Hier hat er mal eine durchgezogene Linie überfahren, weil Fans vor ihm die Straße blockierten. Die Flics wollten dennoch kassieren. Der trutzige Bayer ärgert sich noch heute: "Ich wäre glatt ins Gefängnis gegangen, aber der Geistdörfer hat heimlich gezahlt."

Zählt man die jährlichen Regentage, protzt Monaco mit nur deren 20. Doch heute ist so einer. Der Himmel zieht sich zu wie die Dächer der Cabrios. Schwere Wolken entleeren sich auch am nächsten Tag. In Monte Carlo stürmen drei Meter hohe Wellen die Kaimauern. Auf den Bergsträßchen von Appricale über Bajardo nach San Romolo, sonst angestammte Prüfungen der Rallye San Remo, aber 1975 auch Strecken der Monte, laufen Bäche über die Straße. Im Röhrlschen Porsche beschlägt die Scheibe. "Ich seh nix - aber ich weiß ja, wo es hingeht", meint der Champion lapidar.

Rasante Mitfahrt bei Walter Röhrl

Trotz Rigatoni al Pesto und Ravioli Salsa Aurora im berühmten Restaurant Dall’Ava ist die Stimmung gedrückt. Eigentlich war eine Mitfahrt mit dem großen Meister vorgesehen, aber bei dem Sauwetter winkt der ab. Mit einem Sport Quattro hatte er einen Kilometer von hier auf einer Pfütze den heftigsten Abflug seines Lebens. "Das brauche ich nicht noch mal."

Zwischen Saltimbocca und Stachelbeertorte geschieht das Wunder: Der Himmel reißt auf, der Wind bläst die Straße trocken, und Röhrl bläst bis Tempo 160 mit allen Gästen über die gesperrte Fünf-Kilometer-Prüfung. Und er wäre ja nicht der Röhrl, wenn er nicht die Stoppuhr dabei hätte. Schweißgebadet vermerkt er nach 110 WP-Kilometern zufrieden: "Mit zwodreißig habe ich angefangen. Zum Schluss waren es einsfünfzig."

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