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Reise Südafrika im Mercedes-Benz 300 SL

Mit dem Oldtimer ganz unten in Afrika

Reise Südafrika, Mercedes-Benz 300 SL Foto: Dieter Losskarn 30 Bilder

Viel ist über die Schönheit Südafrikas geschrieben worden - und auch bei der Fussball-WM präsentierte sich das Land von seiner attraktivsten Seite. Grund genug, bei einer Oldtimerreise die besten Strecken rund um Kapstadt zu erkunden.

12.10.2010 Michael Schröder Powered by

Es ist ein einzigartiges Schauspiel. Abend für Abend. Und anscheinend wollen es sich unzählige Kapstädter und Touristen aus aller Welt nicht entgehen lassen. Gleich einer Prozession sind sie über eine schmale Straße bis knapp unter die Spitze des Signal Hill gepilgert, einem Aussichtsberg direkt oberhalb der Metropole im äußersten Südwesten von Afrika. Sie alle warten darauf, dass die Sonne einem Feuerball gleich im Meer versinken und mit ihrer letzten Kraft den Tafelberg, der wie ein überdimensionaler Amboss über diese Stadt wacht, für einen Moment in fast schon halluzinogen wirkendes, rosa Licht tauchen wird.

An den Linksverkehr gewöhnt man sich schnell

Doch seit einiger Zeit hat der markante Hausberg Konkurrenz bekommen: Das neue Greenpoint-Fußballstadion droht ihm in Sachen beliebtestes Fotoobjekt den Rang abzulaufen. Es müssen abertausende von Lampen sein, die die geschwungene Konstruktion erhellen, deren Dach und Außenhaut aus einer lichtdurchlässigen Membran besteht. Mit ihrer Leuchtkraft überstrahlt die 68.000 Zuschauer fassende Arena fast schon die Lichter der Stadt und des benachbarten Hafens - sie wirkt wie ein fremdartiges Raumschiff kurz vor dem Abheben. Offensichtlich ein Signal an den Rest der Welt: Südafrika ist stolz darauf, 2010 Gastgeber der WM gewesen zu sein.

Früh am nächsten Morgen. Die erste Runde im offenen SL, einem 300er aus dem Jahr 1986, durch die Stadt. Mit dem Linksverkehr arrangiere ich mich schnell, ebenso mit der Orientierung im rechtwinklig angeordneten Straßennetz. Die Waterfront, eine Ansammlung von Restaurants und zahlreichen Geschäften im historischen Teil des Hafens, sieht in Wirklichkeit tatsächlich besser aus als auf den vielen Postkarten oder Aufnahmen in Reiseführern. Dann die Longstreet, Kapstadts heimliche Hauptstraße mit schicken Restaurants, Bars und Geschäften, und schließlich der Abzweig ins Bo-Kaap-Viertel, dem historischen Bezirk der islamischen Gemeinde an den Hängen des Signal Hill. Unglaublich steile Straßen. Und die farbenfrohesten Häuser, die man sich vorstellen kann.

Das Wijnland Auto Museum gilt als Südafrikas größte klassische Autosammlung

Dass diese Stadt bebt, spüre ich an jeder Ecke. Vor Begeisterung darüber, dass die Fußball-WM erstmals auf afrikanischem Boden ausgetragen wurde. Und von den unzähligen Bauarbeiten zuvor. Quer durch die "Mother City", wie die Kapstädter ihre Heimat gern bezeichnen, wird der Fan-Walk verlegt, eine fast drei Kilometer lange Fußgängerzone, die vom Bahnhof bis zum Stadion führt. Hotels, Kneipen und Restaurants putzen sich heraus, viele Straßenzüge werden von Grund auf renoviert. Die Stadt, von der nicht wenige behaupten, sie sei die schönste der Welt, nutzte ihre Chance und machte sich fein für die Fussballwelt.

Der Weg raus aus Kapstadt ist leicht zu finden. "You have a very nice car, mister." Fliegende Händler nutzen die Rotlichtphasen, um Zeitschriften oder Blumen zu verkaufen. Freundliche Gesichter, zumeist heimische Zulu oder Xhosa, die selbst dann noch lachen, wenn kein Deal zu Stande gekommen ist. Lauwarmer Wind strömt ins offene Cockpit, sobald der Wagen wieder in Bewegung ist. Ende März - der afrikanische Herbst - ist die vielleicht beste Reisezeit für diesen Teil der Welt. Eine halbe Fahrstunde später.

Größte afrikanische Autosammlung: mehr als 400 Autos unter freiem Himmel

Zwei bis zur Frontscheibe in den Boden gerammte US-Cars markieren den Eingang ins Reich von Les Boshoff. Der 75-jährige Südafrikaner lebt östlich von Kapstadt in Kraaifontain und sammelt seit über zwei Jahrzehnten alte Autos. Genau genommen hortet er sie - ohne Rücksicht auf Marken und in allen erdenklichen Verfallszuständen - auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie zwei Fußballfelder. Dort überlässt er sie endgültig ihrem Schicksal. Was selbst auf den zweiten Blick aussieht wie ein überdimensionaler Schrottplatz, nennt sich "Wijnland Auto Museum" und gilt mit rund 400 Fahrzeugen als Südafrikas größte klassische Autosammlung. Als Kunstwerk sowieso.

Dass bei einigen Exponaten vermutlich nur noch Fachleute den Hersteller erkennen würden, kümmert den Mann mit den stahlblauen Augen und Händen, die noch immer über die Kraft eines Schraubstocks verfügen, nicht im Geringsten. Er sei einfach nur ein Sammler. "That‘s all." In einer riesigen Halle hortet Les zusätzlich Embleme, Schriftzüge, Zierleisten, Scheinwerfer, Anlasser, Türen oder Kotflügel. Ein Generator brummt, dahinter versteckt sich ein seltenes Skoda Felicia Cabriolet, das er im vergangenen Jahr als Requisit für die Dreharbeiten zum Spielfilm "The Prisoner" ausgeliehen hat. "But I don‘t sell." Bis heute, erzählt Les, habe er nicht eine Schraube seiner Sammlung hergegeben. Oder gar ein Auto zerlegt. In der heimischen Klassiker-Szene genießt dieser Mann Kultstatus.

Traumstraße zum Kap

Vorbei an unzähligen Weingütern bis ins charmante Franschhoek. Restaurants, Straßencafés, Boutiquen und Galerien. Den kleinen, von ausgewanderten Hugenotten gegründeten Ort würde man eher in der Provence vermuten als in Afrikas Süden. Gleich dahinter darf der 180 PS starke SL zum ersten Mal richtig von der Leine. Der 701 Meter hohe Franschhoek-Pass ist, gemessen an alpinen Verhältnissen, zwar nur ein Zwerg - in der Kapregion markiert diese Strecke jedoch den straßenbaulichen Höhepunkt. Mit Kurven und Kehren wie aus dem Lehrbuch. Das Umland erinnert zuerst an Kanada, im nächsten Moment an Oberbayern. Als bei Gordon's Bay wieder das Meer in Sicht kommt, fühle ich mich für einen Moment sogar an die italienische Riviera versetzt.

Ich will hinunter zum Kap der Guten Hoffnung, der Weg dorthin führt an den endlos scheinenden Stränden der False Bay entlang. Möwen schreien, und direkt neben dem Auto tanzen weiße Wellen auf dunklem Blau, bis in der Ferne Himmel und Wasser nicht mehr zu unterscheiden sind. Der bequeme SL gleitet über den piekfeinen Asphalt und entpuppt sich als perfekter Logenplatz für diese großartige Szenerie. Erst allmählich schält sich die Kaphalbinsel aus dem Dunst. Dann Muizenberg, St. James, Kalk Bay. Drei Strandbäder mit hübschen Holzhäusern, die bereits vor hundert Jahren errichtet wurden. Heute beherbergen sie Surfshops, Backpackerhotels oder Trödelläden. Urgemütliche Nester irgendwo zwischen malerisch und heruntergekommen, in denen sich ganz offensichtlich Kapstadts Boheme vom Großstadtleben erholt. Von dort aus ist es quasi nur noch ein Katzensprung bis zum Kap.

Der Chapman`s Peak Drive - die "Mutter aller Küstenstraßen"- wartet

Die Strecke zieht sich über eine dramatisch schöne, von Stürmen zerzauste Ebene - und endet völlig unspektakulär und ein wenig enttäuschend vor einem Holzschild, das mir erklärt, dass ich mich am südwestlichsten Zipfel des afrikanischem Kontinents befinde. Dort drängelt sich bereits die halbe Welt für ein Foto - es wird wohl für immer eines der großen Geheimnisse der Tourismusindustrie bleiben, warum dieser Ort soviel berühmter ist als das Kap Agulhas 300 Kilometer weiter im Südosten. Erst dort versinkt der Kontinent endgültig im Meer, vermischen sich Atlantischer und Indischer Ozean.

Später Nachmittag. Der Zeitpunkt ist gut, um im bestem Abendlicht zum großen Finale aufzubrechen. Auf der anderen Seite der Kap-Halbinsel lockt der Chapman's Peak Drive, eine jener Straßen, von der viele sagen, man müsse sie im Leben mindestens einmal gefahren sein. Schließlich handele es sich hier um nichts Geringeres als um die "Mutter aller Küstenstraßen." Allein schon der Weg dorthin ist große Klasse, führt - wie könnte es anders sein - am Wasser entlang, das mit voller Kraft gegen das Land brandet. Die Gischt, getrieben vom Wind, der hier regelmäßig mit bis zu 100 Stundenkilometern bläst, hüllt das Auto in einen feinen Nebel.

Die Orte Scarbourough und Sweetwater tauchen kurz darauf in den Dünen auf. Häuser mit großen Fensterfronten, die allesamt auf das Meer gerichtet sind. Aber jetzt! Der Drive. Die schmale Trasse holt Schwung, hangelt sich bergan, bis sie wahrhaftig recht verwegen im Fels hängt und nur noch eine kleine Mauer die Fahrspur gegen den Abgrund hin trennt. Nicht schlecht. Doch der ganz große Kick bleibt hinter den hoch geschürten Erwartungen ein wenig zurück, dafür ist diese neun Kilometer lange Strecke einfach zu kurz. Vielleicht lag's aber auch nur daran, dass der Verkehr kein Tempo zuließ. Ich hätte es beim Anblick der orangeglühenden Felsen ahnen müssen. Hier stauen sich die Sonnenuntergang-Fans über den Drive, stets auf der Suche nach der schönsten Aussicht. Wer fahren will, sollte besser am frühen Morgen auftauchen, wenn die Strecke im Schatten liegt.

Drehort legendärer Werbespots

Dennoch, dieser Ort hat etwas ganz Besonderes. Und dass 1989 der Fahrer eines Mercedes den Sturz über 100 Meter in die Tiefe unverletzt überstanden hatte, fällt angesichts der scharfkantigen Klippen schwer zu glauben - für den Automobilhersteller damals Grund genug, die Szene an genau jener Stelle für einen Werbespot nachzustellen, um damit auf die unverwüstliche Konstruktion seiner Produkte hinzuweisen.

Der Konter der Konkurrenz aus München folgte prompt: BMW schickte eines seiner Fahrzeuge über den Drive, welches natürlich nicht in den Abgrund fiel und stellte im Film die Frage, ob man denn nicht lieber gleich ein Auto fahren möchte, das auf der Straße bleibt? Unter Werbern gilt dieser Spot bis heute als legendär. Die Strecke beruhigt sich erst wieder in Hout Bay, windet sich gelassen in Richtung Kapstadt. Vorbei an den zahlreichen Villen von Camps Bay und Clifton. Absurd schöne Wohnlagen zwischen dem Meer und einem steil aufragenden, gezackten Bergrücken, der auf den Namen "Twelve Apostles" hört - optisch eine Mischung aus französischen Riviera und der kalifornischen Westküste. Könnte den Mannschaften, die in Kapstadt zur WM antreten, schwer fallen, wieder abzureisen. Mir geht es definitiv so.

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