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Rekorde auf der Nürburgring-Nordschleife

310-PS-GTI unterbietet die Konkurrenz

05/2016, Rundenrekord VW Golf GTI Clubsport S Sperrfrist 4.5. 00.00 Uhr Foto: VW 54 Bilder

Statt bedeutungsvoller Rennen tobt auf der Nordschleife die Bestzeitenjagd mit Serienautos - als Marketing-Turbo für neue Modelle. Welche sind die schnellsten straßenzugelassenen Serienfahrzeuge auf der legendären 20,832 Kilometer langen Strecke und mit welchen Tricks kämpfen sie? Wir sagen es Ihnen. Neu: Die Nürburgring-Rekordrunde des VW Golf GTI Clubsport S.

22.12.2015 Andreas Haupt Powered by

Beinahe monatlich brüsten sich die Automobilhersteller damit, mit ihren straßenzugelassenen Serienfahrzeugen bestehende Bestzeiten pulverisiert und neue Rekorde aufgestellt zu haben. Unter sieben Minuten hier, neue Bestzeit für einen Fronttriebler dort. Selbst schwergewichtige SUVs wie Porsche Cayenne Turbo S oder Range Rover Sport SVR können sich der Zeitensucht ihrer Entwickler nicht entziehen.

Rekorde gut für das Marketing

Doch warum das ganze Tamtam? Warum lechzen zahlreiche Automobilhersteller nach den Rekorden? Die Zeitenhatz taugt für die PR-Schlacht. Nürburgring-Nordschleife - das ist längst ein Gütesiegel, ein Label für Sportlichkeit. Außerdem gehen die Hersteller ohnehin auf den Eifelkurs zum Ausprobieren ihrer neuen Modelle. Die 20,8 Kilometer lange Bahn eignet sich aufgrund ihrer Charakteristik mit einem Mix aus schnellen und langsamen Passagen bestens dazu, einen Prototyp auf Herz und Nieren zu testen. Ganz nebenbei noch eine neue Bestmarke setzen - das ist bestes Marketing und poliert das Firmenimage auf. Und das Ego, versteht sich.

Einen Haken hat die Zeitenhatz gegenüber ehrlichen Rennen jedoch: Die Rekordrunden werden zum größten Teil selbst gestoppt, eine unabhängige Instanz ist meist nicht geladen. Überprüfen geht in vielen Fällen nur anhand von YouTube-Videos. Das gilt auch für den Zustand der Autos. Wer weiß schon, wann ein Hersteller mal ein Schräubchen zu sehr aufdreht, um dem eigenen Fahrzeug den Extra-Kick zu verleihen?

Mit Internetvideos kann man das nicht gegenchecken. Aber wenn man selbst vor Ort ist schon. Oder sogar selbst ins Steuer greifen darf. Dann mischen uns auch wir von sport auto unter die Rekordjäger. Wenn wir gelassen werden. Nicht, weil wir auf neue Bestzeiten aus sind, sondern weil wir die Sportwagen für unsere Leser an ihre Grenzen bringen wollen. Um dann fundierte Urteile fällen zu können. Unser Paradetest: der Supertest.

Für die Ausgabe 1/2016 (Vorschau) schickte Renault seinen Clio R.S. 220 Trophy zu uns. Und Supertester Christian Gebhardt flog mit der kleinen Rennsemmel in 8:23 Minuten um die Nordschleife. Damit war der 220 PS starke Clio nicht nur 36 Sekunden schneller als sein 200-PS-Bruder im Supertest 10/2013, sondern gleich auch mal der schnellste je gemessene Serienkleinwagen. Nebenbei wildert der Franzose sogar in ganz anderen Revieren, wie unsere Supertest-Datenbank verrät: Porsche Cayman S (987c) 8:25 min, BMW Z4 3.0si Coupé (E86) 8:32 min, Ford Focus RS 8:26 min.

VW Golf GTI Clubsport S der schnellste Fronttriebler

Bunte Blüten treibt die Rekordjagd vor allem bei den Fronttrieblern. Im März 2014 luchste Seat mit dem León Cupra 280 der Konkurrenz von Renault den Rekord für Serienfahrzeuge mit Vorderradantrieb ab. Die Zeit für den Seat Leon Cupra 280 mit Performance Pack: 7:58,44 Minuten. Die Franzosen konterten drei Monate später mit ihrem Mégane R.S. 275 Trophy-R. Der Fronttriebler umrundete die Nordschleife in 7:54,36 Minuten - also knapp vier Sekunden schneller.

Was erst neun Monate später bekannt wurde: Diese Bestmarke wäre nie eine Bestmarke gewesen. Weil Honda dazwischenfunkte. Ein Prototyp des Honda Civic Type R soll bei Testfahrten im Mai 2014 eine Zeit von 7:50,63 Minuten in den Nordschleifen-Asphalt gemeißelt haben. 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbo, Antriebsstrang, Aufhängungen, Bremsen und Aerodynamik-Konfiguration sollen der Produktionsversion entsprochen haben, die auf dem Genfer Autosalon 2015 enthüllt wurde.

Ganz dem Serienstandard entsprach der Honda Civic Type R dann aber doch nicht. Die Japaner installierten einen Überrollkäfig. Laut eigener Aussage um die Sicherheit zu erhöhen. Und nicht, um die Steifigkeit zu verbessern. Aus Gewichtskompensationsgründen schmiss Honda dafür Beifahrersitz, Klimaanlage und Audio-Zubehör raus.

Ausgemistet hat auch VW. Der Golf GTI Clubsport S verzichtet auf die Rückbank, den variablen Laderaumboden, Dämmaterial, Hutablage, Fußmatten und Haubendämpfung. Dazu sorgt eine Portion Aluminium an der Vorderachse und den Bremstöpfen für ein paar Pfunde weniger. Die Magerkost würzt VW mit 310 PS und einer speziellen Abstimmung für die Nordschleife (>>> zur Vorstellung). Das Ergebnis: 7:49:21 min für den VW Golf GTI Clubsport, und damit rund 1,4 Sekunden schneller als der Type R - ein neuer Rundenzeitenrekord.

Porsche Cayenne Turbo S stiehlt Range Rover die Show

Unter den Dickschiffen führt der Porsche Cayenne Turbo S mit seinen 570 PS die Liste der Schnellsten auf der Nordschleife an. Das SUV soll Porsche zufolge in unter acht Minuten (7:59,74 Min.) über die Eifelbahn gebrettert sein. Damit knöpfte der Porsche Cayenne Turbo S seinem Rivalen Range Rover Sport SVR rund 15 Sekunden ab. So schnell geht’s: Das britische SUV hatte erst im August 2014 eine neue Bestmarke aufgestellt.

An der Rekordhatz nicht beteiligen möchte sich nach eigenen Angaben die BMW M GmbH. Man verzichtete darauf, von seiner neuen Wucht-Brumme X6M eine Nordschleifenmarke zu veröffentlichen. Nur so viel: Der 575-PS-Koloss soll den Range Rover Sport SVR locker unterboten haben. Ob es für den Cayenne gereicht hätte? Wohl nicht. Für den BMW X6 M wird eine Zeit von knapp über acht Minuten kolportiert. Vielleicht hüllt BMW daher den Mantel des Schweigens um die Zeit des Power-SUVs.

Ganz anders verhält es sich bei M2 und M4 GTS. Hier geht BMW mit den Nordschleifen-Zeiten in die Offensive. Der neue 370 PS starke BMW M2 donnerte laut Hersteller in 7:58 Minuten um die berühmte Strecke. Beachtenswert: BMW\'s neuer Kompaktkracher biss sich mit normalen Straßenreifen (Michelin Pilot Super Sport) in den Asphalt. Und nicht wie viele Konkurrenten auf deutlich griffigeren Semi-Slicks.

30 Sekunden flotter als der M2 kreiselte der BMW M4 GTS um die Nordschleife. Kein Wunder bei Cup-Bereifung, 130 PS mehr und dicker Theke für mehr Abtrieb in den Kurven. In der Zwischenzeit hat die M GmbH auf Youtube auch ein Video zur Fahrt des Power-M4 veröffentlicht. Testfahrer Jörg Weidinger treibt darin das Sondermodell über die Strecke. Nett: Er kommentiert auch seine Handlungen am Lenkrad. Die gestoppte Zeit: 7:27.88 Minuten.

Die Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio Verde hat da das Nachsehen. Sie brauchte 7:39 Minuten, um die Grüne Hölle zu bezwingen. Doch immerhin unterbot sie den BMW M4. Der Bayer durchquerte die Nordschleife im Supertest in 7:52 Minuten (Artikel).

6:57 Minuten für den Porsche 918 Spyder

King of the Ring für straßenzugelassene Serienfahrzeuge ist der Porsche 918 Spyder. Der Hybrid-Supersportwagen durchbrach im September 2013 als erstes Straßenauto überhaupt die Schallmauer von sieben Minuten. Porsche-Werksfahrer Marc Lieb brannte eine Zeit von 6:57 Minuten ins Asphaltband. Halt mal, werden Nordschleifen-Fanatiker jetzt sagen: Sowohl Radical SR8 (6:55 Min.) als auch Radical SR8 LM (6:48 Min.) sind da aber schon mal schneller gewesen. Stimmt. Aber: Die Sportler besitzen nur eine britische Einzelzulassung und werden daher ausgeklammert.

Im Mai 2015 kam der Porsche 918 Spyder ins Zittern: Der Lamborghini Aventador LP 750-4 SV rückte zu Reifentests auf die Nordschleife aus. Und der Lambo, angetrieben von einem 6,5-Liter-V12, bolzte mit ordentlich Schmackes durch die Grüne Hölle. Seine Zeit: 6:59,73 Minuten – also unter der 7-Minuten-Grenze, aber knapp über der Marke des Hybridsportlers. Puh, dürfte da der 918 geröchelt haben.

Zwar leistet der Lamborghini Aventador LP 750-4 SV exakt 137 PS weniger als der Porsche, doch die fehlende Power könnte der Super Veloce durch sein geringeres Gewicht (1.595 zu 1.634 Kilogramm) kompensiert haben. Seine schnellste Runde drehte der Lambo auf Reifen der Marke Pirelli P Zero Corsa.

McLaren hat seinen Hybridsupersportwagen P1 ebenfalls schon auf die Nordschleife losgelassen. Es heißt von McLaren, der 916 PS starke Sportler habe die Piste in unter sieben Minuten gemeistert. Eine offizielle Zeit aber gibt es vom McLaren P1 nicht. Daher kann nur gemutmaßt werden, ob der McLaren P1 den Porsche 918 gebügelt hat, oder sich hinten anstellen musste.

Seitens Mclaren heißt es auch, die Bedingungen seien nicht optimal gewesen. Weil der Asphalt zu kalt gewesen sein soll. Die klimatischen Verhältnisse spielen auf einer Rennstrecke eine wichtige Rolle. Höhere Temperaturen bedeuten mehr Haftung. Doch zu hoch düfen sich nicht sein. Sonst beginnen die Reifen zu schmieren. Auch der Fahrer ist von Bedeutung. Ein guter Pilot - wie zum Beispiel Lieb - kann die letzten paar Sekunden rausquetschen.

Hat Corvette mit der Z06 einen Rekordversuch gestartet?

Zwar hat Seat seinen Rekord für den schnellsten Fronttriebler auf der Nordschleife verloren, dafür stellen die Spanier den flottesten Kombi. Laut Seat umrundete der Leon ST Cupra die Eifelpiste in 7:58 Minuten. Das wäre exakt dieselbe Zeit wie die vom Hot Hatchback.

Mit dem Titel "schnellstes Elektroauto auf der Nürburgring-Nordschleife" hätte sich 2012 gerne der Audi R8 e-tron gerühmt (8:09,099 Minuten). Das Problem: Der R8 e-tron hat es bis heute nicht in Serie geschafft. Besser machte es ein Jahr später der Mercedes SLS AMG Electric Drive. Der neongelbe E-Renner verschlang die Nordschleife in 7:56,234 Minuten. Die Zeit ließ Mercedes sogar notariell beglaubigen.

Im Januar 2015 kolportierte die Medienwelt eine Rundenzeit von 7:32,19 Minuten für den Ford Shelby GT350R. Damit wäre er das schnellste Muscle-Car auf der Nordschleife und fünf Sekunden flotter als der Chevrolet Camaro Z/28 gewesen, der seinen Versuch bereits 2013 unternahm. Allerdings unter halbfeuchten Bedingungen, wie es damals hieß.

Der 600 PS starke Nissan GT-R Nismo hält den Rekord für das schnellste Serienfahrzeug mit einem Turbomotor unterm Blech. Godzilla verspeiste die Nordschleife in 7:08,679 Minuten. Rund 7:08 Minuten soll einem Gerücht zufolge die Corvette Z06 mit Z07 Performance Package für einen Umlauf auf der Nordschleife gebraucht haben. Das berichtete "autoweek.com" unter Bezug auf eine Quelle, die viel Zeit am Nürburgring verbringt (und dort viel Geld investiert).

Demnach soll die Zeit damals nicht veröffentlicht worden sein, weil ein Rekordverbot bestand. Grund waren die Maßnahmen der Nürburgring GmbH in Folge des Unfalls eines Nissan im ersten VLN-Lauf 2015, bei dem ein Zuschauer ums Leben kam. Das Portal "roadandtrack.com" wollte dagegen von einer internen Quelle innerhalb von General Motors erfahren haben, dass die Zeit nicht stimme. Auf Nachfrage von sport auto betonte man bei Chevrolet zu jener Zeit das Wort "Gerücht".

In unserer Fotoshow zeigen wir Ihnen die Rekorde und Rekordversuche von straßenzugelassenen Serienautos auf der Nordschleife.

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