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Rekorde auf der Nürburgring-Nordschleife

Giulia in 7:32 Minuten über die Nordschleife

Alfa Romeo Giulia QV, Quadrifoglio, Fahrbericht Foto: Arturo Rivas 57 Bilder

Statt bedeutungsvoller Rennen tobt auf der Nordschleife die Bestzeitenjagd mit Serienautos – als Marketing-Turbo für neue Modelle. Welche sind die schnellsten straßenzugelassenen Serienfahrzeuge auf der legendären 20,832 Kilometer langen Strecke und mit welchen Tricks kämpfen sie? Wir sagen es Ihnen. Neu: Die Rundenzeit der Alfa Romeo Giulia.

09.09.2016 Andreas Haupt 2 Kommentare Powered by

Beinahe monatlich brüsten sich die Automobilhersteller damit, mit ihren straßenzugelassenen Serienfahrzeugen bestehende Bestzeiten pulverisiert und neue Rekorde aufgestellt zu haben. Unter sieben Minuten hier, neue Bestzeit für einen Fronttriebler dort. Selbst schwergewichtige SUVs wie Porsche Cayenne Turbo S oder Range Rover Sport SVR können sich der Zeitensucht ihrer Entwickler nicht entziehen.

Rekorde gut für das Marketing

Doch warum das ganze Tamtam? Warum lechzen zahlreiche Automobilhersteller nach den Rekorden? Die Zeitenhatz taugt für die PR-Schlacht. Nürburgring-Nordschleife – das ist längst ein Gütesiegel, ein Label für Sportlichkeit. Außerdem gehen die Hersteller ohnehin auf den Eifelkurs zum Ausprobieren ihrer neuen Modelle. Zusammen im Industrie-Pool für 18 Wochen im Jahr. Die 20,8 Kilometer lange Bahn eignet sich aufgrund ihrer Charakteristik mit einem Mix aus schnellen und langsamen Passagen bestens dazu, einen Prototyp auf Herz und Nieren zu testen. Ganz nebenbei noch eine neue Bestmarke setzen – das ist bestes Marketing und poliert das Firmenimage auf. Und das Ego, versteht sich.

Einen Haken hat die Zeitenhatz gegenüber ehrlichen Rennen jedoch: Die Rekordrunden werden zum größten Teil selbst gestoppt, eine unabhängige Instanz ist meist nicht geladen. Überprüfen geht in vielen Fällen nur anhand von YouTube-Videos. Das gilt auch für den Zustand der Autos. Wer weiß schon, wann ein Hersteller mal ein Schräubchen zu sehr aufdreht, um dem eigenen Fahrzeug den Extra-Kick zu verleihen?

Mit Internetvideos kann man das nicht gegenchecken. Aber wenn man selbst vor Ort ist schon. Oder sogar selbst ins Steuer greifen darf. Dann mischen uns auch wir von sport auto unter die Rekordjäger. Wenn wir gelassen werden. Nicht, weil wir auf neue Bestzeiten aus sind, sondern weil wir die Sportwagen für unsere Leser an ihre Grenzen bringen wollen. Um dann fundierte Urteile fällen zu können. Unser Paradetest: der Supertest.

Für die Ausgabe 1/2016 schickte Renault seinen Clio R.S. 220 Trophy zu uns. Und Supertester Christian Gebhardt flog mit der kleinen Rennsemmel in 8:23 Minuten um die Nordschleife. Damit war der 220 PS starke Clio nicht nur 36 Sekunden schneller als sein 200-PS-Bruder im Supertest 10/2013, sondern gleich auch mal der schnellste je gemessene Serienkleinwagen. Nebenbei wildert der Franzose sogar in ganz anderen Revieren, wie unsere Supertest-Datenbank verrät: Porsche Cayman S (987c) 8:25 min, BMW Z4 3.0si Coupé (E86) 8:32 min, Ford Focus RS 8:26 min.

Alfa Giulia unterbietet Porsche Panamera Turbo

Mit dem neuen Panamera Turbo machte sich Porsche auf, einen neuen Rekord aufzustellen. Der 550 PS starke Gran Turismo mit neuentwickeltem Biturbo-V8 sollte den Titel „schnellste Luxuslimousine auf der Nordschleife“ erobern. Und der Panamera, der sich mit Sport Chrono-Paket trotz zwei Tonnen Gewicht in nur 3,6 Sekunden auf Tempo 100 wuchtet, schaffte es. Porsches Luxusliner pflügte im Juni 2016 in 7:38 Minuten über die 20,8 Kilometer.

Ganz der Serie entsprach der Porsche Panamera Turbo aber wohl nicht. So sieht es zumindest auf dem von Porsche veröffentlichten Youtube-Video aus. Dort erspähen wir im Innenraum einen Überrollkäfig und einen Rennsitz für den Piloten. Die Rückbank blieb im Auto. Die Umbauten sollen den Rekord aber nicht schmälern. Es lohnt sich der Blick in unsere Testdatenbank, um die Rundenzeit noch besser wertschätzen zu können. Lamborghini Murciélago LP 670-4 SuperVéloce (7:42 Minuten), Porsche 911 GT3 (997) und Mercedes SLS AMG (beide je 7:40 Minuten): Diese Sportwagen waren in der Vergangenheit in unseren Supertests langsamer unterwegs als der Porsche Panamera Turbo.

Es gibt aber seit September 2016 eine schnellere Limousine als den Panamera. Die Alfa Romeo Giulia fuhr die über 20 Kilometer in 7:32 Minuten ab. Also sieben Sekunden schneller als bei einem ersten Versuch vor mehreren Monaten. Der Unterschied: Die 510-PS-Limousine war diesmal statt des Sechsgang-Handschalters mit einer Achtgang-Automatik (und Paddle Shifts) ausgestattet. Sie soll die Gänge in nur 150 Millisekunden wechseln. Ein paar Eckdaten, die sich aus dem Youtube-Video herauslesen lassen. Auf der Highspeed-Passage vom Schwedenkreuz erreichte die Giulia 261 km/h. In die Fuchsröhre stürzte sie mit über 250 Sachen. Ausgangs der Mutkurve, einem schnellen Linksknick, hatte sie 185 km/h drauf. Und auf der Döttinger Höhe fast 280 km/h. Die Stoppuhr hielt bei 7:31.92 Minuten an.

VW Golf GTI Clubsport S der schnellste Fronttriebler

Bunte Blüten treibt die Rekordjagd vor allem bei den Fronttrieblern. Im März 2014 luchste Seat mit dem León Cupra 280 der Konkurrenz von Renault den Rekord für Serienfahrzeuge mit Vorderradantrieb ab. Die Zeit für den Seat Leon Cupra 280 mit Performance Pack: 7:58,44 Minuten. Die Franzosen konterten drei Monate später mit ihrem Mégane R.S. 275 Trophy-R. Der Fronttriebler umrundete die Nordschleife in 7:54,36 Minuten – also knapp vier Sekunden schneller.

Was erst neun Monate später bekannt wurde: Diese Bestmarke wäre nie eine Bestmarke gewesen. Weil Honda dazwischenfunkte. Ein Prototyp des Honda Civic Type R soll bei Testfahrten im Mai 2014 eine Zeit von 7:50,63 Minuten in den Nordschleifen-Asphalt gemeißelt haben. 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbo, Antriebsstrang, Aufhängungen, Bremsen und Aerodynamik-Konfiguration sollen der Produktionsversion entsprochen haben, die auf dem Genfer Autosalon 2015 enthüllt wurde.

Ganz dem Serienstandard entsprach der Honda Civic Type R dann aber doch nicht. Die Japaner installierten einen Überrollkäfig. Laut eigener Aussage um die Sicherheit zu erhöhen. Und nicht, um die Steifigkeit zu verbessern. Aus Gewichtskompensationsgründen schmiss Honda dafür Beifahrersitz, Klimaanlage und Audio-Zubehör raus.

Ausgemistet hat auch VW. Der Golf GTI Clubsport S verzichtet auf die Rückbank, den variablen Laderaumboden, Dämmaterial, Hutablage, Fußmatten und Haubendämpfung. Dazu sorgt eine Portion Aluminium an der Vorderachse und den Bremstöpfen für ein paar Pfunde weniger. Die Magerkost würzt VW mit 310 PS und einer speziellen Abstimmung für die Nordschleife (>>> zur Vorstellung). Das Ergebnis: 7:49:21 min für den VW Golf GTI Clubsport, und damit rund 1,4 Sekunden schneller als der Type R – ein neuer Rundenzeitenrekord.

Porsche Cayenne Turbo S stiehlt Range Rover die Show

Unter den Dickschiffen führt der Porsche Cayenne Turbo S mit seinen 570 PS die Liste der Schnellsten auf der Nordschleife an. Das SUV soll Porsche zufolge in unter acht Minuten (7:59,74 Min.) über die Eifelbahn gebrettert sein. Damit knöpfte der Porsche Cayenne Turbo S seinem Rivalen Range Rover Sport SVR rund 15 Sekunden ab. So schnell geht’s: Das britische SUV hatte erst im August 2014 eine neue Bestmarke aufgestellt.

An der Rekordhatz nicht beteiligen möchte sich nach eigenen Angaben die BMW M GmbH. Man verzichtete darauf, von seiner neuen Wucht-Brumme X6M eine Nordschleifenmarke zu veröffentlichen. Nur so viel: Der 575-PS-Koloss soll den Range Rover Sport SVR locker unterboten haben. Ob es für den Cayenne gereicht hätte? Wohl nicht. Für den BMW X6 M wird eine Zeit von knapp über acht Minuten kolportiert. Vielleicht hüllt BMW daher den Mantel des Schweigens um die Zeit des Power-SUVs.

Ganz anders verhält es sich bei M2 und M4 GTS. Hier geht BMW mit den Nordschleifen-Zeiten in die Offensive. Der neue 370 PS starke BMW M2 donnerte laut Hersteller in 7:58 Minuten um die berühmte Strecke. Beachtenswert: BMW's neuer Kompaktkracher biss sich mit normalen Straßenreifen (Michelin Pilot Super Sport) in den Asphalt. Und nicht wie viele Konkurrenten auf deutlich griffigeren Semi-Slicks.

30 Sekunden flotter als der M2 kreiselte der BMW M4 GTS um die Nordschleife. Kein Wunder bei Cup-Bereifung, 130 PS mehr und dicker Theke für mehr Abtrieb in den Kurven. Testfahrer Jörg Weidinger trieb das Sondermodell über die Strecke. Nett: Er kommentiert auch seine Handlungen am Lenkrad. Die gestoppte Zeit: 7:27.88 Minuten.

Lamborghini Huracán Superleggera auf Rekordjagd

King of the Ring für straßenzugelassene Serienfahrzeuge ist bislang der Porsche 918 Spyder. Doch das könnte sich am 19.7.2016 geändert haben. Unseren Quellen zufolge hat sich der Lamborghini Huracán Superleggera - noch als Erlkönig getarnt – zu einem Rekordversuch aufgemacht. Der Leichtbausportwagen, der rund 100 Kilogramm im Vergleich zum Basis-Huracán (1.564 kg vollgetankt) verlieren dürfte, soll nur eine schnelle Bahn abgespult haben. Und dabei zumindest die Zeit des Lamborghini Aventador LP 750-4 SV von 6:59,73 Minuten unterboten haben. Augenzeugen berichten von jubelnden Lamborghini-Mechanikern. Die Zeit des Porsche 918 Spyder von 6:57 Minuten liegt nicht weit entfernt. Vielleicht hat der Superleggera sich sogar die Krone aufgesetzt. Von Lamborghini bekamen wir auf Nachfrage die Antwort zugesendet, man könne zu einem möglichen Rekordversuch nichts sagen. Das ist keine Bestätigung. Und ein Dementi klingt anders.

Die Woche zuvor stimmte Lamborghini sein neuestes Huracán-Derivat im Industrie-Pool auf die Gegebenheiten auf der Nordschleife ab. Für die mögliche Rekordfahrt mietete sich Lambo exklusiv die Strecke zwischen Industrie-Tests und Touristenfahrten. Einen Tag später rollte der Superleggera für Fotofahrten um die Nordschleife.

Im September 2013 hatte der Porsche 918 Spyder als erstes Straßenauto überhaupt die Schallmauer von sieben Minuten unterboten. Porsche-Werksfahrer Marc Lieb saß am Steuer. Halt mal, werden Nordschleifen-Fanatiker jetzt sagen: Sowohl Radical SR8 (6:55 Min.) als auch Radical SR8 LM (6:48 Min.) sind da aber schon mal schneller gewesen. Stimmt. Aber: Die Sportler besitzen nur eine britische Einzelzulassung und werden daher ausgeklammert.

Im Mai 2015 kam der Porsche 918 Spyder ins Zittern: Der Lamborghini Aventador LP 750-4 SV rückte zu Reifentests (Pirelli P Zero Corsa) auf die Nordschleife aus. Und der Lambo, angetrieben von einem 6,5-Liter-V12, bolzte mit ordentlich Schmackes durch die Grüne Hölle, und kam dem 918 gefährlich nah. Sein kleinerer Leichtbau-Bruder könnte dem Porsche jetzt sogar die zwei fetten Endrohre gezeigt haben. Und daraus kreischen: V10 schlägt Hybrid.

McLaren hat seinen Hybridsupersportwagen P1 ebenfalls schon auf die Nordschleife losgelassen. Es heißt von McLaren, der 916 PS starke Sportler habe die Piste in unter sieben Minuten gemeistert. Eine offizielle Zeit aber gibt es vom McLaren P1 nicht.

Seitens Mclaren heißt es, die Bedingungen seien nicht optimal gewesen. Weil der Asphalt zu kalt gewesen sein soll. Die klimatischen Verhältnisse spielen auf einer Rennstrecke eine wichtige Rolle. Höhere Temperaturen bedeuten mehr Haftung. Doch zu hoch düfen sich nicht sein. Sonst beginnen die Reifen zu schmieren. Auch der Fahrer ist von Bedeutung. Ein guter Pilot – wie zum Beispiel Lieb – kann die letzten paar Sekunden rausquetschen.

Hat Corvette mit der Z06 einen Rekordversuch gestartet?

Zwar hat Seat seinen Rekord für den schnellsten Fronttriebler auf der Nordschleife verloren, dafür stellen die Spanier den flottesten Kombi. Laut Seat umrundete der Leon ST Cupra die Eifelpiste in 7:58 Minuten. Das wäre exakt dieselbe Zeit wie die vom Hot Hatchback.

Mit dem Titel „schnellstes Elektroauto auf der Nürburgring-Nordschleife“ hätte sich 2012 gerne der Audi R8 e-tron gerühmt (8:09,099 Minuten). Das Problem: Der R8 e-tron hat es bis heute nicht in Serie geschafft. Besser machte es ein Jahr später der Mercedes SLS AMG Electric Drive. Der neongelbe E-Renner verschlang die Nordschleife in 7:56,234 Minuten. Die Zeit ließ Mercedes sogar notariell beglaubigen.

Im Januar 2015 kolportierte die Medienwelt eine Rundenzeit von 7:32,19 Minuten für den Ford Shelby GT350R. Damit wäre er das schnellste Muscle-Car auf der Nordschleife und fünf Sekunden flotter als der Chevrolet Camaro Z/28 gewesen, der seinen Versuch bereits 2013 unternahm. Allerdings unter halbfeuchten Bedingungen, wie es damals hieß.

Der 600 PS starke Nissan GT-R Nismo hält den Rekord für das schnellste Serienfahrzeug mit einem Turbomotor unterm Blech. Godzilla verspeiste die Nordschleife in 7:08,679 Minuten. Rund 7:08 Minuten soll einem Gerücht zufolge die Corvette Z06 mit Z07 Performance Package für einen Umlauf auf der Nordschleife gebraucht haben. Das berichtete „autoweek.com“ unter Bezug auf eine Quelle, die viel Zeit am Nürburgring verbringt (und dort viel Geld investiert).

Demnach soll die Zeit damals nicht veröffentlicht worden sein, weil ein Rekordverbot bestand. Grund waren die Maßnahmen der Nürburgring GmbH in Folge des Unfalls eines Nissan im ersten VLN-Lauf 2015, bei dem ein Zuschauer ums Leben kam. Das Portal „roadandtrack.com“ wollte dagegen von einer internen Quelle innerhalb von General Motors erfahren haben, dass die Zeit nicht stimme. Auf Nachfrage von sport auto betonte man bei Chevrolet zu jener Zeit das Wort „Gerücht“.

In unserer Fotoshow zeigen wir Ihnen die Rekorde und Rekordversuche von straßenzugelassenen Serienautos auf der Nordschleife.

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Diese Runde ist Sprichwörtlich auf der letzten Rille gefahren! Die in den einzelnen Streckenabschnitten erreichten Geschwindigkeiten sind enorm. Interessant wäre eine Info über die Bereifung. Die Geschwindigkeiten und Endzeit liegen fast genau auf dem Niveau des neuen Carrera S, und das bei höherem Gewicht und Schwerpunkt. Das in Kauf genommene Risiko bei dieser Runde erscheint jedoch recht hoch. Herr Gebhardt wird beim Supertest wohl nie so eine hohes Risiko gehen. Weder für seine Gesundheit noch für das Auto. Nichts desto Trotz, bleibt eine super Rundenzeit.

cossi 11. September 2016, 17:17 Uhr
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