Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Rennanalyse GP Japan

Fuji sorgt für Zündstoff

Foto: dpa 60 Bilder

Neben der Triumphfahrt von Renault-Pilot Fernando Alonso beim Japan-GP sorgten die Durchfahrtsstrafen für die WM-Titelkandidaten Felipe Massa und Lewis Hamilton für Zündstoff.

13.10.2008 Marcus Schurig Powered by

Waren die Strafen für Massa und Hamilton gerechtfertigt?

Die ersten zwei Runden beim GP Japan in Fuji hatten es in sich: zwei strittige Aktionen resultierten in Durchfahrtsstrafen für die aussichtsreichsten WM-Kandidaten Felipe Massa und Lewis Hamilton. Der erste Vorfall ereignete sich beim Start: WM-Leader und Polesitter Lewis Hamilton verlor das Startduell gegen Kimi Räikkönen. Doch der Brite versuchte sein Malheur beim Anbremsen der ersten Kurve mit Gewalt zu korrigieren: Mit einem Ultraspätbremsmanöver und stehenden Rädern setzte er sich auf der Innenseite wieder neben Räikkönen, überschoß dabei den Einlenkpunkt und musste einen weiten Bogen bis hinaus auf die asphaltierte Auslaufzone nehmen. Mit diesem Manöver zwang er auch alle Piloten links von ihm, eine weitere Linie zu nehmen.

In Runde 15 hatten die FIA-Stewards dann ihr Urteil gefällt: Hamilton musste eine Durchfahrtsstrafe antreten. Begründung: Er habe andere Fahrer dazu gezwungen, die Strecke zu verlassen. Hamilton selbst gab zu, sich verbremst zu haben, reklamierte aber: "Ich war nicht der einzige, der sich verbremste. Viele Piloten mussten in Kurve 1 einen weiten Bogen fahren. Allerdings fuhr ich wohl den weitesten von allen." McLaren-Teamchef Ron Dennis wurde mit seiner Kritik an der Entscheidung der FIA-Stewards deutlicher: "Rennfahrer verpassen Bremspunkte und fahren einen weiten Bogen - diese Dinge passieren eben im Motorsport."

Der Tenor im Fahrerlager von Fuji war eindeutig: Die Strafe für Hamilton war nicht gerechtfertigt. Doch fast alle Beobachter fragten zu Recht: Was ritt Hamilton, so ein extrem riskantes Manöver mitten im Titelkampf zu starten? Sein Gegner heißt Massa - und nicht Räikkönen. Wer Meisterschaften gewinnen will, darf sich nicht von seinen Instinkten leiten lassen, sondern muss den Kopf einschalten, um mögliche Stolpersteine auf dem Weg zum Titel clever zu umschiffen.

Der zweite Vorfall betraf die direkte Konfrontation der Titelanwärter Massa und Hamilton, die nach den Turbulenzen der ersten Kurve direkt hintereinander lagen. Massa musste in der zweiten Rennrunde auf Grund eines Fahrfehlers einen weiten Bogen durch Kurve 10 nehmen, Hamilton setzte sich auf der Innenseite daneben. Die folgende Kurve führte nach links, Massa setzte zum Gegenangriff auf der Innenseite an, doch Hamilton hatte klar die Nase vorne. Trotzdem stach Massa mit einem Gewaltmanöver innen durch und torpedierte Hamilton, der sich sofort drehte.

Die Stewards der FIA sahen die Schuld für die Kollision bei Massa und verfügten abermals eine Durchfahrtsstrafe. "Ich habe ihm extra innen Raum gelassen", behauptete Hamilton nach dem Rennen, "aber er traf mich hart und schickte mich in einen Dreher." Massa sah das komplett anders: "Hamilton drückte mich in der Linkskurve auf den Kurb auf der Innenseite. Dadurch konnte ich nicht mehr bremsen und traf ihn."

Die Onboard-Kamera von Hamilton lieferte die Fakten: Der Brite ließ - anders als er behauptet - Massa keinen Raum auf der Innenseite, doch Hamilton war klar vorne. Also gehörte die Kurve nach gängigen Rennsportgepflogenheiten Hamilton. Nicht Wenige im Fahrerlager unterstellten Massa bei seiner Aktion gezielte Absicht, übrigens auch Hamilton: "Das war so absichtlich wie es nur sein konnte." Andererseits genießt Hamilton unter seinen Fahrerkollegen keinen guten Ruf was sein Zweikampfverhalten betrifft. "Hamilton muss einsehen, dass auch andere Piloten da draußen ein Rennen fahren", kritisiert beispielsweise Toyota-Pilot Timo Glock die oft rüde Fahrweise des McLaren-Stars. Glocks Teamkollege Jarno Trulli will Hamilton sogar bei der nächsten Fahrerbesprechung in Shanghai zur Rede stellen: "Er hat mich in Fuji zwei Runden lang geblockt, obwohl ihm blaue Flaggen gezeigt wurden." 

Warum konnte Renault zwei Siege in Folge feiern?

Natürlich sind Alonsos Siegfahrten in Singapur und Fuji auch glücklichen Umständen zuzuschreiben. In Singapur profitierte Alonso vom Unfall seines Teamkollegen Nelson Piquet Junior und der dadurch ausgelösten Gelbphase. In Fuji gewann Alonso beim Start zwei Positionen, weil Hamilton durch seine Spätbremsaktion ein größeres Durcheinander auslöste. Doch man darf nicht übersehen, dass sich Renault in den letzten Monaten technisch stark verbessert hat: In Singapur glänzte Alonso bis zum letzten Qualifikationsabschnitt in jeder Trainingssitzung mit Topzeiten und im Fuji-Rennen markierten Alonso und Teamkollege Piquet die dritt- und viertschnellste Rennrunde.

Der Aufschwung begann bereits beim GP Belgien, wo sich Renault im Rennen bis kurz vor Schluss vor BMW-Sauber halten konnte. Der GP Italien auf der superschnellen Piste von Monza verdeckte die Fortschritte von Renault, weil die Franzosen nach wie vor an einem Leistungsdefizit beim V8-Motor leiden. In Singapur debütierte ein neuer Frontflügel, der konstanteren Abtrieb bei eingeschlagenen Vorderrädern liefert und den Piloten somit mehr Vertrauen in den Kurven einflößt.

"Am meisten haben wir uns jedoch bei der Fahrzeugabstimmung verbessert", so Fuji-Sieger Fernando Alonso. "Wir können jetzt die Möglichkeiten der Reifen viel besser ausschöpfen. Ich schätze, dass unser Rückstand auf die beiden Topteams bei vier bis fünf Zehntelsekunden liegt." Renault-Technikchef Pat Symonds vergleicht die Entwicklung beim Rückstand: "Zu Beginn der Saison 2008 lagen wir gemessen an der Rundenzeit 1,2 Prozent hinter dem schnellsten Fahrzeug, jetzt fehlen nur noch 0,5 Prozent." Damit hat sich Renault - übrigens zusammen mit Toro Rosso - in der zweiten Saisonhälfte von allen Formel 1-Teams am stärksten verbessert.

Welche Rolle spielte beim Fuji-Rennen das Graining der Reifen?

Das Wehklagen im Fahrerlager war unüberhörbar: Wann immer ein F1-Pilot nach dem Japan GP Auskunft über sein Rennen gab, fiel das Wort Graining. Mehr noch: Graining wurde dafür verantwortlich gemacht, wenn man Plätze verlor oder die eigene Position nicht verteidigen konnte. Sogar Rennsieger Fernando Alonso jammerte: "Ich hatte große Probleme mit den Reifen: Im ersten Stint hatte ich starkes Graining der Vorderreifen, vermutlich weil ich die ganze Zeit dicht hinter Kubica hinterherfuhr. Der zweite Stint mit der harten Reifenmischung war dann okay, weil ich freie Fahrt hatte. Im dritten Stint hatte ich wieder Graining, diesmal mit den weichen Reifen."

Was ist Graining und warum traf es die Piloten ausgerechnet in Fuji mit voller Wucht? Beim Graining rubbelt sich die obere Gummischicht eines frischen Reifensatzes ab und legt sich wie Kügelchen auf die Oberfläche. Das führt zu einem rutschenden Auto. Das Graining verstärkt sich, wenn die Außentemperaturen niedrig sind: in Fuji zeigte das Thermometer am Renntag maximal 16 Grad - Graining-Wetter. Das Graining tritt auch dann auf, wenn man dem Vordermann dicht auf folgt und Abtrieb verliert. In den meisten Fällen verflüchtigt das Graining nach mehreren Runden wieder.

So wurde zum Beispiel das faszinierende Duell um den zweiten Platz zwischen BMW-Sauber-Pilot Robert Kubica und Ferrari-Ass Kimi Räikkönen maßgeblich vom Thema Graining bestimmt: Kubica geriet nach dem letzten Boxenstopp unter Druck von Räikkönen, der ihn aber trotz mehrerer Versuche nicht überholen konnte. "Für die ersten fünf Runden nach dem zweiten Stopp war es sehr schwer, Kimi hinter mir zu halten,", erklärt Kubica, "weil ich sofort Graining mit den weichen Reifen bekam. Dann erholten sich die Reifen wieder." Bei Räikkönen war es genau umgekehrt: "Nach meinem letzten Überholversuch gegen Kubica musste ich in Kurve drei über die Auslaufzone ausweichen. Kurz danach bekam ich Graining, während sich Kubicas Reifen anscheinend wieder erholten."

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige