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Rennfahrer-Porträt Marc Basseng

Rennfahrer-Comeback als Mister-Nordschleife

Marc Basseng Foto: Jan Brucke/VLN 107 Bilder

Wer zwei Mal seine Karriere neu aufbauen muss, hat es doppelt schwer. Marc Basseng hat das trotzdem geschafft: Sein Wohnzimmer, die Nürburgring-Nordschleife, war der Schlüssel zum Comeback.

07.10.2009 Marcus Schurig Powered by

In jeder Rennfahrerkarriere taucht eine Wendeboje auf, die über die Richtung entscheidet. Man muss sie nur erkennen. 2004 schwamm eine solche Boje an Marc Basseng vorbei - es war bereits die zweite seiner Karriere. Der Kölner hatte sich in den vorangegangenen Jahren als Pilot durchgewurstelt: da ein wenig Puma Cup, hier ein bisschen Clio Cup. Die Boje kam also zur rechten Zeit.

Sein Chef und Förderer, Rainer Stiefel, hatte da was Läuten gehört: Bilstein wolle mit Land-Motorsport in die Langstreckenmeisterschaft einsteigen. Porsche war gut, das Thema kannte Basseng wie seine Westentasche. Nordschleife war ebenfalls gut. Zwar glich das Ring-Zeugnis des Marc Basseng im Jahr 2004 eher einem weißen Blatt Papier. Nur wenige Starts und ein paar kleine Siege standen zu Buche. Die Leidenschaft für die Nordschleife begleitete Basseng seit Mitte der 90er Jahre, als ihn sein Bruder jedes Wochenende zu den Touristikfahrten schleppte und ihn mit seinem Golf 3 VR6 herumkariolen ließ. Aber reichten diese Anekdötchen, um sich bei Wolfgang Land Gehör zu verschaffen?
 
Basseng verkaufte sich als Ring-Gott
 
Basseng trug dick auf: „Ich erzählte Land wilde Märchen, wie viele tausend Kilometer ich da oben schon abgespult hatte. Das muss so geklungen haben, als sei ich ein Ring-Gott.“ Land schluckte den Köder und gab dem damals 26-Jährigen eine Chance. „Beim zweiten VLN-Rennen 2004 war es so weit, aber ich musste auch liefern, sprich gute Zeiten fahren. Bei Youtube habe ich Onboardaufnahmen von Frank Stipler studiert.“ Er musste unter neun Minuten fahren, am besten auf Anhieb, gleich in der ersten Runde.
 
Die GT2-Porsche waren damals noch Biester - kein ABS, keine Traktionskontrolle, keine elektronischen Lassoseile für den Fall, dass etwas verrutscht. Männerautos eben. Basseng hatte also Druck. Seine erste Runde stand bei 8.57 Minuten. Herr Land war beeindruckt - und Basseng war wieder im Geschäft. Rennen an Rennen spulte Marc Basseng bis Ende 2008 im Land-Team ab und reihte dabei Sieg an Sieg. 19 ganz große Trophäen holte der Kölner mit wechselnden Partnern. Und nur Siegesserien werden zur Kenntnis genommen, so ist das eben im Motorsport. Basseng war schon mal im Geschäft, und zwar ganz dick, als Junior im Porsche-Nachwuchsprogramm.
 
Das kam so: 1997 wurde die Idee der Nachwuchsförderung bei Porsche geboren. Acht Piloten wurden eingeladen, darunter Basseng. Der weiß bis heute nicht, wie er zu der Ehre kam: „Bis zum damaligen Zeitpunkt hatte ich noch keinen Blumentopf gewonnen. Zwei Jahre bin ich im Gokart herumgerutscht, dann fuhr ich Formel BMW, da wurde ich Achter. Die anderen Teilnehmer waren alle Meister oder Vizemeister.“ Doch der Test in Mugello flutschte höllisch. „Ich war Zweitschnellster, knapp hinter Dirk Müller.“ Eine Woche später kam die Verkündung: Matthias Wolf und Marc Basseng sollten als Porsche-Junioren fahren, ein Fest für Katzen!
 
Es kam alles fürchterlich anders, im doppelten Sinn
 
Rückblickend wäre seine Karriere damit vorgezeichnet gewesen: Carrera Cup Champion, Einsätze im GT-Porsche, Werksfahrer. Vielleicht wäre er irgendwann im RS Spyder gesessen, wer weiß das schon? Es kam alles fürchterlich anders, im doppelten Sinn. Beim ersten Test als Junior auf dem Kurs Anneau du Rhin hatte Teamkollege Matthias Wolf einen schrecklichen Unfall: Der 21-Jährige flog in einer lang gezogenen Kurve in einen Erdwall und stieg auf. Basseng war Augenzeuge: „Ich rannte zum Auto und wusste: Das sieht nicht gut aus. Ich war völlig fertig.“ Zu seiner Überraschung wurde das Junior-Programm wie geplant weitergeführt, Dirk Müller nahm den freien Platz ein. Zu Beginn lief alles nach Plan: Basseng holte den ersten Sieg und die erste Pole Position in der Geschichte des Junior Teams und wurde Dritter in der Meisterschaft.
 
Doch der junge Mann war zu schnell zu hoch gestiegen. Er war jung und unerfahren, aber er fuhr Porsche-Boxster und hatte ein tolles Gehalt. Die Welt lag ihm zu Füßen. In Imola beim Supercup-Rennen 1999 riss der Bremsfallschirm. Aus Frust über Platz 7 drehte er ein paar wilde Donuts, was im Reglement ausdrücklich nicht erlaubt war. Der Rest ist Geschichte, auf den Steigflug folgte der Absturz. „Die Aktion war einfach nur dumm, mir sind die Gäule durchgegangen“, so Basseng heute.
 
Meister im Clio Cup 2003
 
Der Kölner lernte seine Lektion. „2003 wurde ich Meister im Clio Cup, bis heute mein einziger Titel. Ich habe mich zusammengerissen und aus den Fehlern der Porsche-Zeit gelernt.“ Erst die Siegesserie auf der Nordschleife reanimierte seine Karriere. „Eine tolle Zeit!“ Nur bei einem Thema schwillt Basseng noch heute der Kamm: „2007 hätten wir das 24h-Rennen gewinnen müssen. Wir hatten das schnellste Auto im Feld und wurden nur Dritte, weil unser Reifenpartner ohne vorherige Tests neue Reifen zum 24h-Rennen karrte.“ Andererseits: „Olaf Manthey hat 20 Jahre benötigt, um dieses Rennen zu gewinnen.“
 
Kritik am Teamchef gibt es nicht: „Auf Wolfgang Land lasse ich nichts kommen, wir haben immer das Maximum aus unseren Möglichkeiten herausgeholt. Außerdem habe ich brutal viel gelernt: Weil wir keinen Renningenieur hatten, habe ich zusammen mit Christian Land das Setup ausgetüftelt und das Datenstudium erledigt.“ Ende 2005 plädierte Porsche-Ikone Roland Kussmaul dafür, den nahe Stuttgart wohnenden Basseng häufiger bei Tests in Weissach einzusetzen. Der verstoßene Sohn kehrte in den Kreis der Familie zurück. „Eine sensationelle Wendung, auf die ich sehr stolz bin.“ Immer häufiger erhielt Basseng auf Vermittlung von Porsche auch abseits der Nordschleife Möglichkeiten, sein Talent zu beweisen. Er fuhr in der ALMS und in der Grandam in den USA.
 
Klassensieg beim 24h-Rennen in Daytona 2007
 
Das Highlight war der Klassensieg beim 24h-Rennen in Daytona 2007, mit einem Underdog-Team: „Im Training waren wir 3,5 Sekunden zu langsam, im Rennen waren wir schnell, weil wir auf ein Misch-Setup setzten. So konnten wir nach einem Unfall zu Rennbeginn im Regen teuflisch Zeit gutmachen.“ Vor den Jubel hatten die Götter das Zittern gesetzt - eine weggeblasene Kopfdichtung ließ den Boxermotor 25 Liter Wasser konsumieren. „In der letzten Rennstunde habe ich mich in eine Ecke verkrochen und nur noch gebetet. Solche Zitterpartien kann ich gar nicht ab.“ Die Rolex-Siegeruhr trägt Basseng nur zu besonderen Anlässen, „zum Beispiel wenn ich auf befreundete Profi-Rennfahrer treffe, die noch keine haben.“ Basseng hat fraglos den Kölner Mutterwitz.
 
Als Audi 2009 werksseitig zum 24h-Rennen an den Nürburgring zurückkam, stand der Name Basseng ganz oben auf dem Spickzettel. Der Kölner, kein großer Trommler in eigener Sache, freute sich wie ein Schneekönig, Teil des Audi-Aufgebots zu sein. Er enttäuschte nicht und markierte in allen Trainings und im Rennen die schnellsten Zeiten, obwohl er zuerst Bedenken hatte: „Hoffentlich kann ich es auch mit einem Mittelmotorauto.“ Heute sieht er die Sache anders herum: „Vielleicht bin ich zu lange das falsche Auto gefahren.“
 
Der 30-Jährige hat zu viele Wendebojen gesehen

 
Ob er noch mal Werksfahrer wird? Basseng nimmt es gelassen: „Et kütt wie et kütt, sagt man in meiner Heimatstadt Köln.“ So lange übt er sich weiter im Multi-Tasking. Noch immer arbeitet er wochentags für seinen Förderer Rainer Stiefel in dessen Hydraulikgroßhandel. Er kommentiert fürs Fernsehen, er verdient Geld als Rennfahrer und als Instruktor bei Fahrertrainings. Das Aufbrausende und Überschießende seiner Jugend ist Gelassenheit und Zurückhaltung gewichen - der 30-Jährige hat einfach schon zu viele Wendebojen gesehen. 

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