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Report: 15 Billige Youngtimer

Frisch vom Kiesplatz

Mercedes 300 SL Foto: Hardy Mutschler 24 Bilder

Auf der Suche nach einem billigen Youngtimer: Ein schöner Sonnentag, das Geld sitzt locker. Mal sehen, was es so gibt, am Rande der Metropolen. Gebrauchtwagen um die 20, zu Youngtimern gereift. Ein Paradies für Auto- Freaks. Camaro, Volvo oder Cherokee, heute ist einfach alles möglich.

01.12.2011 Alf Cremers Powered by

Wenn es heiß ist, gehen andere zum Baden an den Baggersee. Oder, noch viel cooler, sie feiern neuerdings Beach Partys auf künstlich angelegter Strandkulisse mitten in der City. Ich hole mir meine Reize woanders. Mein Strand ist der Kiesplatz im Speckgürtel der Großstadt, dahin gehe ich auf Zeitreise, hole mir die Achtziger zurück oder die frühen Neunziger. Samstags für ein paar Stunden, wenn meine Frau ihre Schwester besucht.

Ganze Flotten von BMW, Mercedes oder Volvo warten auf mich

Es ist nämlich nur was für einen - diese Pilgerfahrt zu meinen Lieblingsautos, den Youngtimern, die hier im pragmatischen Jargon der Aufkäufer mitleidslos "alte Karre", sachlich "Nummer Hundertachtundsechzig" oder unfreundlich abwimmelnd "nur für Export" heißen. Dort warten sie auf neue Besitzer, ungezählte 190er-Benze und 124er, alle Farben von Rauchsilber bis Bornit, alle Motorisierungen - DIESEL wird immer ganz groß draufgeschrieben -, und viele Ausstattungen, ob MB-Tex oder "Voll-Leder schwarz".

Ganze Flotten von alten Dreiern und Fünfern, Baureihe E36 und E24, dazwischen einzelne Kolonien alter VW Passat, Volvo 740 oder Opel Omega. Am schönsten sind die Exoten, mal ein Cadillac Allanté, ein Lada Samara, ein Lexus LS 400 oder ein Audi V8. Selbst 123er finde ich jedesmal, obwohl sie schon über 25 Jahre alt sind. Rostschorfige 200 D-Ruinen kosten immer noch 1.900 Euro. "Weißt du, ist Diesel, fährt fünf Personen mit acht Liter", sagt der Libanese wissend, als wäre es ein orientalisches Geheimnis.

Die Sonne beflügelt die Phantasie, gern stelle ich mir beim Inspizieren des beryllfarbenen 190 E 2.3 für 990 Euro oder knieend neben dem wunderbar gepflegten BMW 525 tds für 1.250 Euro vor, das könnte meiner sein. Jetzt gleich. Ich muss es nur wollen. So einen guten kriege ich für das Geld nie wieder. Die rote Plakette ist mir wurscht, ich bin Vielfahrer und wohne in keiner Umweltzone, meinen BMW 530i V8 würde ich für den Turbodiesel opfern.

Die größte Kaufhemmung ist stets der Platz nebenan

Dort könnte der lang ersehnte BMW 730i stehen, ein 89er, Burgundrot, II. Hand, 170.000 km für 990 Euro - und ich Narr hätte schon den tds gekauft. Es wäre der sechste E34, aber mein zweiter Siebener. Den finde ich eigentlich besser. Warum so billig, der Fünfer wie der Siebener? Weil es von diesen Altwagen, die wir Schwärmer verzückt Youngtimer nennen, immer noch viel mehr gibt als Liebhaber. Sie rosten nicht mehr so hemmungslos wie ihre Vorgänger. Doch haben sie Steuergeräte, die kaputtgehen und ABS-Kontrollleuchten, die nicht ausgehen.

Habe ich nicht langsam genug von BMW und Mercedes? Immer die gleiche Autokultur. Blind finde ich jeden Schalter, fühle die Farbe und rieche, ob es Velours oder Stoff Karo ist. Also doch kein Fünfer, her mit Audi, Volvo und VW, mit Nissan Maxima oder Mitsubishi Sigma.

Drüben steht ein VW Passat VR6 Variant für 890 Euro, GT-Ausstattung, Modell Nasenbär, wie ich meine, ein Youngtimer mit Riesenpotenzial. Aber das Preisschild liegt auf dem Beifahrersitz? Ein schlechtes Zeichen für spontanes Begehr. "Verkauft" fiebere ich bang, "reserviert" oder schon weg? Ein umgedrehtes Preisschild zerstört jede Illusion, dann ist das Auto für mich verloren. Ade du schöner VR6-Automatik, mit tollem Sound und 174 geschmeidigen Cruiser-PS.

Kein Auto über 1.000 Euro

Ich brauche dringend einen Kombi für kleines Geld, um die zwei Dutzend alten Winterreifen meiner vielen Spontankäufe endlich zu entsorgen. Vielleicht den Mitsubishi Sigma zwei Reihen weiter für 1.450 Euro? Dreiliter-V6, Automatik, okay, aber das "Made in Australia" macht mich skeptisch. Die Hitze bringt mich mehr und mehr auf dumme Gedanken.

Plötzlich kann ich sogar einem Daihatsu Feroza in Topzustand und mit buntem Zweifarbenlack etwas abgewinnen. Der sieht zwar auf den ersten Blick so aus wie ein Friseusen-Vitara, ist aber dank Kastenrahmen, Reduktionsgang und der Differenzialsperre ein ernst zu nehmender Geländewagen. Aber dann doch lieber den Cherokee Turbodiesel, ein paar Reihen vorher. Silber und so schön amerikanisch mit rotem Plüsch innen, mit dem kann ich mich notfalls bei den Kollegen blicken lassen. 2.450 Euro sind mir für den süssen Kleinen sowieso zu viel.

Da kaufe ich besser einen Jaguar XJ 40, wie der Siebener-BMW E32 oder der Audi V8 eine ewig unerfüllte Liebe. Vielleicht weil die Dinger mehr als 1.000 Euro kosten? "Kein Auto über 1.000 Euro", lautet mein brüchiges Credo. Die bunten Karossen glitzern verführerisch in der Nachmittagssonne, der aufgeheizte Kies gibt seine Wärme ab. Keine Regentropfen vertuschen Mattlack oder Hagelschaden, keine feuchten Scheiben soften die Pappschilder mit fetter Edding- Schrift.

"KM laut Tacho", heißt es lapidar - aber für "Nebel", "Color" und "Borbet 7 x 16i" ist immer noch Platz. An diesem Sonnentag ist meine Auto-Kauflaune auf optimaler Betriebstemperatur. Das schöne Wetter beschwingt auch die Händler. Sie kommen aus ihren Containern, putzen, saugen und polieren ihre Autos. Manche wechseln noch schnell die Bremsbeläge, oder lackieren einen rostigen Mercedes-Kotflügel mit der Spraydose. Das Klacken der Mischkugeln, das Heulen der Staubsauger, das rhythmische Gasgeben nach dem Starten der Motoren und die lauten Rufe in exotischen Sprachen sind Musik in meinen Ohren.

Waidwunde Youngtimer für kleine Preise

Selten fragt mich jemand, ungestört streife ich durch die Reihen. Auf dem Multikulti-Kiesplatz herrscht große Toleranz. Manchmal ist ein Auto offen, dann setze ich mich rein, oder ich öffne die Motorhaube. Keinen stört es. Wie bei dem perlmuttgrauen Mercedes 300 E-24, der so harmlos aussieht wie ein 230er. Verdammt, schon wieder ein Mercedes, aber ein ganz besonderer. "Kann ein 124er besonders sein?", frage ich mich selbstkritisch. Doch sofort bin ich wieder auf dem Trip. Schönes Auto, tolle Farbe, seltene Variante, ein Mords-Trumm von einem Motor. Leichter Seitenschaden, leider.

Viele Autos haben hier ihre kleinen Wunden, die ihnen das Alter geschlagen hat. Durchgerostete Radläufe, gesprungene Frontscheiben, Hageldellen, ausgeblichene Polster, gerissene Instrumentenbretter oder einfach nur sehr, sehr viele Kilometer. Das macht sie billig - deshalb landen sie hier. Wer damit leben kann, wie ich, der wird eine Weile damit glücklich, bis zum nächsten. Vielleicht einen Sommer lang. "Achthundert Euro letzte Preis", schallt es laut zu mir herüber.

Entweder Auto-Adoption - oder Afrika

Der Mercedes 300 E-24 hat kein Preisschild, das bedeutet meist Afrika, Cotonou, dann ist der Wagen für mich verloren. Das regeln die Aufkäufer dann unter sich. Meist sind Käfige aus Bauzaun um diese Export-Häftlinge, und sie stehen dicht an dicht. Der dunkelhäutige Maghrebiner ruft mir nochmal "Siebenhundert!" hinterher. Ich ziehe den Kopf ein, trolle mich, ich habe zu Hause zu viele. Bis der 300 E-24 vorzeigbar ist, fließen locker 1.000 Euro rein.

Der silberne VW Passat für stramme 1.599 Euro macht schon von Weitem einen guten Eindruck. Modell Nasenbär, wie der Variant vorhin. Aber eine ungeliebte Stufe, stilistisch gewöhnungsbedürftig. Ich fand den Wagen schon immer gut. Unkaputtbar, Riesen-Raumangebot, endlich mal kein Daimler und keine Folgekosten. Kein Rost, überschaubare Kilometer, TÜV satt und innen wie neu. Alle Schlüssel, komplettes Bordbuch, alle Kundendienste. Jetzt noch vier Original-Radkappen bei Ebay ersteigern, und ich habe endlich einmal ein Auto mit Zukunft und ohne traumatisch erlebte Vergangenheit bei gnadenlosen Vorbesitzern. Ach, wäre es doch nur ein GL - mit Velourssitzen ist der nüchterne, neutrale Passat wenigstens innen viel freundlicher.

Ideal für den Winter. Frontantrieb, feuerverzinkte Bleche und vom Gesamteindruck stimmiger als Opas Audi 100 vorhin in leicht ergrautem Rot. Der kostet mit 1.650 Euro fast das Gleiche, krankt aber als 1800er am Phantomschmerz des amputierten fünften Zylinders.

Schöner Sacco-SL für 9.900 Euro

Beim properen Mercedes 300 SL der modernen Sacco-Baureihe 129 ist wohl die Farbe Signalrot das Problem. Der Preis von 9.900 Euro sprengt zwar mein übliches Budget, ist aber trotzdem günstig. Schöner Zustand, schwarzes Leder und ein dankbarer Motor. Der profane Einnockenwellen-Sechszylinder aus dem 300 E ist allerdings nicht so bissig, verspricht andererseits moderate Folgekosten. Vor allem im Vergleich mit V8 und V12, bei denen sind Steuergeräte und Motorkabelbäume ein kostspieliges Problem. Apropos, mein neues fragiles Credo heißt: "Was nicht drin ist, geht auch nicht kaputt."

Als ich am Döner-Stand im Wendehammer eine Cola Light zische, kommt mir die finale Erleuchtung. Allein aus dem heutigen Kiesplatz-Streifzug könnte ich mir einen komplett neuen Fuhrpark zimmern. Der frugale Mercedes 200 W 123 in Coloradobeige wäre mein Kandidat fürs H-Kennzeichen, den Nasenbär nehme ich für den Winter. Der Cherokee ist zum Spielen, und der komfortable 525 TDS wird mein Alltags- und Reisewagen. Wann treffen wir uns auf dem Kiesplatz? Hoffentlich noch in diesem Jahr.

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