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Klassiker im TV

Foto: Gargolov, ZDF, SWR 7 Bilder

Wahren Charakter gibt es nicht für Geld. Auch deshalb müssen manche Charaktertypen der Fernseh-Welt einfach Oldtimer fahren – das finden ihre Dramaturgen, die Serien-Redakteure und meistens auch sie selbst.

01.10.2003 Thomas Wirth Powered by

Tatort Oldtimer

Er ist ein Typ, der einem beim Oldtimerstammtisch gegenübersitzen könnte. Dreitagesbart und Bauchansatz. Redet viel, isst viel, hat Stress mit seiner italienischen Mama, den Frauen und – vor allem – seinen alten Autos.

Seine Giulia Super haben sie ihm aus Versehen verschrottet, weil er den Alfa dummerweise auf dem Hof der Shredderanlage geparkt hat. Der aus Italien importierte Fiat 500 war nie wirklich alltagstauglich. Und jetzt hat er diesen verlebten Croma, weil er nach Giulia und Cinquecento einfach gefrustet ist.

Alles erfunden, wenn auch mit scharfem Blick auf die wahren Schicksale der Oldtimerszene: Seit Jahren ist das Leben mit Klassikern ein besonderes Kennzeichen im Serien-Charakter von Mario Kopper, Assistent der Ludwigshafener "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal.


Zwei Giulia Super im Fundus

Vor allem aber ist Kopper das klassische Beispiel einer Fernsehfigur, "die einfach keinen neuen Golf fahren könnte". So sagt es Melanie Wolber, Redakteurin beim Baden-Badener Südwest-Rundfunk und verantwortlich für die Tatort-Folgen aus der pfälzischen Industriestadt.

"Der Oldtimer verstärkt einen Charakter, macht ihn im Idealfall charmant und sympathisch. Der Kommissarin Lena Odenthal haben wir eine Katze gegeben – Kopper die alten Autos."

Obwohl er, so will es die Dramaturgie, im Moment aussetzen und Croma fahren muss. Dennoch mögen die Baden-Badener Tatort-Macher nicht ausschließen, dass der von Andreas Hoppe gespielte Deutsch-Italiener rückfällig wird: "In unserem Fundus stehen für alle Fälle zwei identische rote Giulia Super", sagt Tatort-Requisiteur Rüdiger Kowollik. Und auch der Fiat 500 ist noch greifbar. Er gehört dem Dramaturgen, der die Ludwigshafener Tatort-Folgen betreut.


Der Bulle im 635 CSi

Etwas weiter südlich, in Bad Tölz, wird ein metallicgrauer BMW 635 CSi des Baujahres 1987 aus gleichen Gründen als Reliquie gehütet: Hinter sein Lenkrad wuchtet sich seit sieben Jahren der 160-Kilo-Cop Benno Berghammer als "Bulle von Tölz". "Ein Totalschaden wäre fatal", sagt Hauptdarsteller Ottfried Fischer, der den 6er-BMW bei der Geburt des Seriencharakters persönlich ausgesucht hat. "Es gehört schließlich zu den Erfolgsgeheimnissen der Figur, dass sie sich in den sieben Jahren bis heute nicht verändert hat."

Ein anderes Auto für den Bullen – undenkbar. Die Fans der Serie rufen schon beim Sender SAT1 an, wenn der Youngtimer innerhalb einer Spielszene erst auf Sommer- und Sekunden später auf Winterreifen steht, weil zwischen beiden Sequenzen eine Drehpause lag. "Kaufangebote", sagt Ottfried Fischer, "kommen ständig".


Bestbewachter seiner Art

Und ein Fan schaffte es, sich während einer Drehpause den Zündschlüssel zu organisieren und den populärsten aller 6er-BMW zur zweistündigen Spritztour auszufassen. Dumm gelaufen: Die Suchmeldung lief im Radio, ein anderer Serien-Enthusiast ortete den flüchtigen Dieb auf der Autobahn. Seitdem ist der dunkelgraue Bullen-6er auch der bestbewachte 635 seiner Art.

Ottfried Fischer hat ihn sich gewünscht, "weil ein Bulle ein buchstäblich bulliges Auto braucht." Ein individuelles. Eines, das durch keine andere Serie fährt und als Gebrauchtwagen trotzdem zur realen Besoldung eines Kriminalbeamten in der bayerischen Provinz passen würde.

"Möglich wäre auch sowas wie ein Mercedes 190 D gewesen", sagt Fischer. Was schon wegen des Format füllenden Hauptdarstellers nicht funktionieren konnte. Das Oberklasse-Coupé war damit die Idealbesetzung, auch BMW sah es so und stellte es als Dauerrequisite zur Verfügung.


Oldtimer unterstreichen die fernseh-Charaktere

Dass es manchmal noch einfacher geht, zeigt der rote GMC-Pick-up-Truck, mit dem der ZDF-Tierarzt Dr. Quirin Engel durch das Berchtesgadener Land pflügt. Den hat sich Hauptdarsteller Wolfgang Fierek, sonst mehr praktizierender Harley-Davidson-Reiter, eigens für die Serie aus Amerika mitgebracht – und vor Drehbeginn knallrot lackieren lassen, damit sich der 1956 gebaute Nutzwert-Klassiker gebührend vom Landschaftsgrün abhebt.

"Das Auto passt perfekt zum Tierarzt, der über Land unterwegs ist und viel transportieren muss", sagt ZDF-Redakteur Matthias Pfeifer. Vor allem unterstreicht es das Rebellenimage des Fernseh-Veterinärs: Wer in einem Kaff namens Hinters-kreuth lebt, gegen illegale Tiertransporte und Hormone im Futter kämpft, den kleidet keine industriegraue VW-T3-Doppelkabine.

Die Alt-Opel-IG gerät in Wallung

Fast wie im wirklichen Leben: Oldtimer-Fahrer sind Individualisten, Menschen-freunde und Gerechtigkeits-Verfechter. "Natürlich sagt es viel über einen Charakter aus, wenn er mit seinem Auto in ähnlich inniger Beziehung leben kann wie mit einem Menschen", sagt Tatort-Redakteurin Wolber. Manchmal freilich schlägt die Zuneigung auch drehbuchgemäß ins Gegenteil um – sogar dann, wenn Katzenhalterin Lena Odenthal und Croma-Dulder Mario Kopper ermitteln.

"Schöner sterben" hieß die Tatort-Folge, die vor einigen Monaten die Alt-Opel-Szene in Wallung versetzte. Denn auch hier passte nur ein Oldtimer – für den mörderischen Altenheim-Insassen nämlich, der sich aus der Rock’n’Roll-Welt der fünfziger Jahre ebenso wenig verabschiedet hatte wie von seinem Opel Kapitän L. Der hechtete zum Finale über eine Bergkuppe und ging in Flammen auf.

Die Wahrheit beruhigt - sie werden gepflegt

Noch Wochen später beschäftigten sich die Diskussionsteilnehmer in Internet-Foren mit dem öffentlich-rechtlichen Opel-Sterben – obwohl der Kapitän bis heute wohl gepflegt im Baden-Badener SWR-Fundus parkt: Den Burnout musste eine kunstvoll zurechtgespachtelte und verkaufslackierte Grotte erdulden.

"Einen gut erhaltenen Klassiker zu schrotten, das bekämen wir nie übers Herz", sagt Requisiteur Rüdiger Kowollik. "Selbst dann nicht, wenn wir das Budget für sowas hätten."

Die Radkappen des verfeuerten Opel waren noch gut. Das Team vom SWR hat sie für den eigenen Kapitän weggelegt.


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