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Reportage

Ein Elfer für 'nen Zehner

Foto: Hardy Mutschler 9 Bilder

Billige Elfer sind oft Blender und Bastelbuden. Trotzdem erwischten wir für 12.000 Euro ein fahrbereites Exemplar und fuhren damit von der Pfalz ins Allgäu, zum Check bei Alois Ruf.

16.09.2008 Powered by

Schon am Telefon formulierte Günter Hoffmann von Auto Horn in Landau eine vorsichtige Warnung. "Wenn Sie mit dem Targa so weit fahren wollen, wäre es vielleicht besser, ihn auf den Anhänger zu nehmen." Aber ich ließ mich nicht beirren, wenn Motor, Bremsen und Reifen okay sind, riskiere ich es.

Die Geschichte funktioniert nur auf eigener Achse. Denn der billige Elfer muss fahren, Spaß machen, soll beurteilt werden, ob er was taugt. Von keinem Geringeren als Alois Ruf, dem Porsche-Guru aus Pfaffenhausen. Hoffmann war schließlich überredet: "Geben Sie mir einen Vormittag, dann rufen Sie mich noch mal an." 11.990 Euro sind nicht viel für einen Elfer, gute G-Modelle kosten inzwischen ab fünfundzwanzig aufwärts.

Ein Elfer ist ein Elfer - auf zu Alois Ruf

Zwei Tage später stehe ich im riesigen Showroom eines ehemaligen Landauer Ford-Händlers, der knallrote 911 SC Targa steht mit der Schnauze nach draußen. Der Sechszylinder-Boxer atmet bereits einen wunderbar gleichmäßigen Leerlauf. Ein gutes Zeichen. "Es müsste klappen", sagt der freundliche und hilfsbereite Herr Hoffmann. Im Gegenzug gelobe ich, eine harmlose bewegungstherapeutische Fahrt ins Allgäu zu unternehmen. Ganz vorsichtig und liebevoll nach so langer Containerhaft, nach all dem Herumgeschubse in den Häfen. Nur maximal 4.000/min darf er drehen, keinesfalls mehr, selbst bei heißem Öl.

Jetzt ist es mein Elfer, er gehört mir zwar nicht, aber ich habe ihn mir hart erkämpft und trage Verantwortung für ihn wie für einen Hund aus dem Tierheim. Hoffmann schaut mir nach, aber nicht lange genug, um wirklich besorgt zu sein.

Ein Elfer ist nun mal ein Elfer. Weise Sprüche klingen oft erschreckend banal. Mein 78er Targa in US-Version erntet, obwohl keineswegs im Concours-Zustand, auf einem Scheinwerfer blind und mit prolligem Turbo-Heckspoiler bestückt, stets große Aufmerksamkeit. Der knallrote Targa fällt auf wie die Feuerwehr. Auf der Autobahn nicken die Vorbeifahrenden oft zustimmend, als wollten sie sagen: Respekt, hier hat sich einer seinen Traum erfüllt.

Vollgetankt, mit knapp drei bar in den Reifen und fünf bar Öldruck beim Gasgeben, das Ölthermometer genau auf Mitte und die Drehzahlmessernadel um 3.000/min pendelnd, fühlt sich mein Elfer pudelwohl und schnürt auf der Autobahn Richtung Stuttgart. Die Zeituhr ist stehen geblieben, der Tacho geht nicht. 3.000/min im Fünften sind Tempo 110, 4.000 sind 130 km/h, das fühlt man irgendwie. Der Wagen fährt sich gut, das Getriebe lässt sich leicht schalten, wenn man die Gänge langsam und mit Gefühl wechselt. Die Anspannung lässt nach, erst jetzt kann ich ihn in Ruhe auf mich wirken lassen. Das Interieur ist reichlich verwohnt und verbastelt. Alle Spiegel wackeln, der Fensterheber funktioniert nur rechts. Es ist heiß im Auto. Ich hätte das laute Targa-Dach abnehmen sollen.

"Fährt sich viel besser, als er aussieht"

So ein Elfer umarmt einen förmlich, ohne eng zu sein. Die Sitzposition ist eindeutig definiert: tief hinter dem steil platzierten Lenkrad, die stehenden Pedale mit dem sinnlichen Trittgefühl eng im schmalen Fußraum angeordnet. Der Boxer im Heck freut sich hörbar und fühlbar des Lebens. Er brabbelt, rauscht, scheppert und singt. Geradezu handzahm ist er geworden, der Dreiliter im SC, gerade einmal 180 PS bei 5.500/min, wie beim Opel Senator. Bei Günzburg verlasse ich die Autobahn, jetzt kommt das Dach runter, jetzt ist es viel leiser im Auto. Es ist beinahe grotesk, diesen waidwunden Discount-Elfer in der Edel-Manufaktur von Alois Ruf vorzuführen. Größer kann ein Kontrast nicht sein.

Ruf begrüßt mich keinesfalls herablassend, sondern mit Humor und Herzlichkeit. "Wollen Sie den kaufen?", fragt er spontan, als ich ihm den Zündschlüssel in die Hand drücke und ihn bitte, eine Probefahrt zu machen. Während Ruf Platz nimmt, schüttelt er verständnislos den Kopf über die aufgeklebte Holzfolie, das hässliche Momo-Lenkrad und die bratpfannengroßen Lautsprecher unter der Targa-Panorama-Scheibe. Anfangs fährt er vorsichtig tastend los, voll konzentriert wie ein Arzt beim Auskultieren des Patienten.

Dann dreht Ruf auf, geht in die Vollen, lässt das Auto um die Kurven fliegen, bremst, gibt Zwischengas, schaltet in den Zweiten, dreht den Motor dann über 5.000/min. Plötzlich hängt der Drehzahlmesser, Ruf reagiert, schaltet sofort hoch, fährt danach ein paar Kilometer beinahe untertourig, so dass der Sechszylinder- Boxer so richtig schön brabbelt. Mit den Worten "Er fährt sich viel besser, als er aussieht, im Ernst, der Wagen fühlt sich richtig gut an", rollt er zurück in die Restaurierungswerkstatt. Mit dem Befund übergibt er an seinen Werkstattleiter Hans-Peter Lieb, seit 22 Jahren bei Ruf, bei Porsche in Zuffenhausen hat er einst gelernt. Lieb fühlt, riecht und schmeckt alle Leiden des Elfer. Er weiß genau, wo er hinfassen muss. Lieb ist strenger als sein Chef, der Targa findet bei ihm zunächst keine Gnade.

Rabenschwarze Diagnose vom Werkstattleiter

"Vieles fehlt, vieles ist derb verbastelt. Alle Karosseriedichtungen sind verbraucht, allein die ums Targa-Dach kosten 1.200 Euro. Der Klimakompressor ist nicht original und abgehängt, das Faltrad ist jetzt irgendein Notrad. Das zusätzliche Heizgebläse im Motorraum und die Scheibenreinigungsanlage vorne wurden einfach komplett amputiert. Vom Interieur ganz zu schweigen, allein das wiederherzustellen, kostet bei uns einen Zehner." Ruf-Qualität ist eben kompromisslos.

Das ist nur der Anfang von Liebs rabenschwarzer Analyse, die sich erst bei einem Blick auf den Wagenboden langsam aufhellt: "Nur die Schweißpunkte einer Unfallreparatur zeigen leichten Flugrost, sonst sind Boden, Träger und Schweller absolut rostfrei." Doch plötzlich alarmieren Lieb Tropfen von Bremsflüssigkeit, die sich unterm Pedal in einem Hohlraum zwischen Teppich und Bodenblech sammeln. "So können Sie nicht fahren", mahnt Lieb bedenklich und weist zwei Gesellen an, die kaputte Dichtung am Bremsflüssigkeitsbehälter zu tauschen und noch zwei Kabelstränge im Heck gründlich zu isolieren, bevor ein Kurzschluss entsteht. Liebs Endabrechnung stimmt traurig. Für 5.000 Euro gibt es Technik, TÜV und H-Kennzeichen ohne Schönheitsreparaturen. Für 25.000 Euro ist der Wagen innen und außen wieder vorzeigbar und für 70.000 Euro strahlt er wieder wie neu. Sein nüchternes Resümee: "Lieber gleich einen Besseren kaufen."

Aber genau der soll es doch sein, dieses geschundene Exemplar. Jeder Elfer ist doch erhaltenswert. Schritt für Schritt mit Teilen aus eBay, eine rollende Low-Budget-Restaurierung könnte es werden. Mitleid paart sich mit Zukunft. In ein, zwei Jahren steht er schon ganz anders da, den Fahrspaß gibt es schon jetzt. Das alles geht mir durch den Kopf, während ich in der rosaroten Abendsonne nach Hause fahre und den herrlichen Sound des Boxers hinter meinem Rücken spüre. Kostet nicht schon eine Motorrevision 15.000 Euro?

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