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Reportage: Klassiker-Kauf in London

Günstiges Pfund = günstiger Klassiker?

Hurst Park Automobiles Foto: Michael Schröder 24 Bilder

Das Pfund steht fast eins zu eins zum Euro – damit ist Einkaufen in England so günstig wie lange nicht mehr. Motor Klassik wollte wissen, ob sich der Trip nach London lohnt, wenn man auf der Suche nach einem Auto ist.

05.05.2009 Michael Schröder Powered by

London im Februar 2009. Die Metropole an den Themse leidet unter einem bleigrauen Himmel, und noch steckt den Briten der Schreck in den Gliedern.

Die meisten Oldies landen auf dem Kontinent
 
Die Schneefälle der vergangenen Tage hatten Südengland im Allgemeinen und die Hauptstadt im Besonderen für einige Zeit außer Gefecht gesetzt. Man ist mit Aufräumarbeiten beschäftigt, und ans lustvolle Einkaufen denkt in diesem Moment zumindest kein Engländer.
 
Dennoch herrscht in den legendären Einkaufsmeilen wie Bondstreet oder Kingsroad und in den Geschäften rund um den Piccadilly-Circus keinesfalls gähnende Leere. Shoppingfans aus den Euro-Ländern strömen aus unzähligen Billigfliegern in die Hauptstadt, seitdem das Pfund drastisch an Wert verloren hat und für rund 1,11 Euro zu haben ist (Stand 11. Mai 2009).
 
"England erwartet einen Ausverkauf" erklärt Kevin Wooding von Hurst Park Automobiles LTD im äußersten Südwesten der Großstadt. Sein auf den ersten Blick recht unscheinbares Unternehmen wurde bereits 1938 vom Großvater gegründet und ist die erste Station eines zweitägigen Händlerbummels rund um London. Um herauszufinden, ob es sich derzeit lohnt, im Königreich nach einem klassischen Auto Ausschau zu halten.
 
Seit der anhaltenden Pfund-Schwäche verzeichnet Wooding ein deutlich gestiegenes Interesse an seinem Angebot. Die meisten Anfragen kämen aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Der Bestand des erfahrenen Händlers, der keinen Showroom mag, weil zu ihm ohnehin keine Laufkundschaft kommen würde, ist inzwischen arg geschrumpft.
 
"Rund 75 Prozent meiner Autos, die ich in den vergangenen Monaten verkauft habe, sind auf dem Kontinent gelandet", sagt der Mann, der auf seiner Internetseite bereits händeringend nach Fahrzeugen sucht, die er übernehmen oder vermitteln kann.
 
Doch die Zeiten sind momentan offensichtlich schlecht: Wer nicht unbedingt darauf angewiesen sei, würde sein Auto derzeit auch nicht hergeben, erklärt Wooding. "Gute Fahrzeuge gelten als hervorragende Geldanlage." Etwas Vergleichbares könne keine Bank bieten.

Handicap vieler Angebote: Rechtslenkung
 
Beim Gang durch seine Garagen fallen besonders zwei Autos auf: ein Daimler Souvereign 4.2 Series I von 1970 mit rotem Lederinterieur und belegten 19.000 Meilen auf dem Tacho. Eine Probefahrt fällt wegen des Unwetters aus, doch die geforderten 16.000 Pfund, rund 17.800 Euro, erscheinen auf Grund des tadellosen Zustand als nicht zu hoch gegriffen - sofern man mit einem rechtsgelenkten Fahrzeug leben kann. "Davon lassen sich einige Kunden leider abschrecken", erklärt Wooding.
 
Bei Fahrzeug Nummer zwei gibt es ohnehin keine Wahl: Das stilvolle Alvis TE 21 Drophead Coupé (Baujahr 1964) mit einem Dreiliter-Reihensechszylinder-Triebwerk wurde ausschließlich als Rechtslenker gebaut. Für das aufwendig restaurierte, viersitzige Cabriolet, von dem nur 95 Exemplare entstanden sind, verlangt Wooding umgerechnet 110.000 Euro. Trotz des hervorragenden Zustands ein stolzer Preis.
 
Für 34.995 Pfund würde der Händler den daneben geparkten Ferrari 328 GTB von 1989 hergeben - nur 12.000 Meilen weit gefahren und mit komplett belegter Historie. Ein überraschend günstiger Betrag für das Gebotene. Dennoch wird sich kaum jemand auf dem Kontinent für diesen rechtsgelenkten Sportwagen ernsthaft interessieren, glaubt der Verkäufer. "Allerdings nehmen potenzielle Kunden aus Australien und Neuseeland sowie aus Japan unser Angebot wieder intensiver unter die Lupe." Vermutlich würde das Auto sogar dort landen - ein Deal, der online stattfindet.
 
Kunden aus EU-Ländern schauen dagegen fast immer persönlich vorbei, erzählt Wooding. Und möchten ihr frisch erworbenes Fahrzeug sofort mitnehmen. Vorteil: Bei der Überführung innerhalb von EU-Ländern fallen in der neuen Heimat weder Zoll noch Mehrwertsteuer an. Für den Transfer ist einzig ein Überführungskennzeichen nötig, das bei jeder Zulassungsstelle oder dem ADAC erhältlich ist.
 
Zu Hause muss das Fahrzeug entsprechend umgerüstet (Warnblinkanlage, Scheinwerfer) und anschließend für eine Vollabnahme dem TÜV präsentiert werden. Soll das Auto ein H-Kennzeichen erhalten, muss nachgewiesen werden, dass es den deutschen Zulassungsbestimmungen des Baujahrs entspricht.

Überlegenswert: 1970er E-Type für rund 28.000 Euro
 
Gut 30 Minuten dauert die Fahrt durch Londons nebelverhangene Straßen zu Händler Nummer zwei. Klassische Ziegelstein-Architektur mit großen Fenstern - anders als Wooding verfügt Gary Shortt von Classic Chrome über einen Showroom, der fast schon einem Museum ähnelt. Sein Angebot gleicht einem gut sortierten Gemischtwarenladen. Rund 25 Autos stehen vor Ort zur Ansicht bereit, darunter ein MG TA und ein Jaguar MK II, die neben einem Nissan Figaro parken. Oder ein AC-Cobra-Nachbau von Southern Roadcraft neben einem Porsche 911 Targa von 1972. Rund 200 weitere Fahrzeuge vermittelt Garry Shortt über seine Internetseite.
 
Autos mit dem Steuer auf der linken Seite finden sich allerdings bei ihm ebenfalls kaum. Dennoch stellt auch er eine deutlich erhöhte Nachfrage besonders aus Deutschland fest. Dorthin würde er am liebsten einen BMW Z1 vermitteln, ein Kundenauftrag für 19.000 Pfund "Das Auto befindet sich technisch und optisch in einem sehr guten Zustand", erklärt Shortt "und hat erst 21.000 Meilen auf dem Zähler." Durch sein auf der linken Seite montiertes Lenkrad sei der Wagen in England nur schwer verkäuflich.
 
Im Ausstellungsraum bleibt der Blick an einem roten Jaguar E Type 4.2 (Series2) von 1970 hängen. Rechtsgelenkt, leider. Für 24.995 Pfund dennoch eine überaus attraktive Versuchung. Lack und Leder befinden sich auf den ersten Blick in einem sehr gepflegten Originalzustand, und so, wie der Reihensechszylinder im Stand anläuft, erscheint die Aussage Shortts glaubhaft, dass man mit diesem Auto sofort überall hinfahren könne.
 
12.995 Pfund verlangt Garry Shortt für den ebenfalls rechtsgelenkten Triumph TR 6 PI, Baujahr 1975, in Mimosengelb. Das komplett restaurierte Auto mit dem 125 PS starken 2,5-Liter Sechszylinder- Triebwerk verfügt über einen Overdrive und offenbart nach kurzer Ansicht weder Rost noch andere offensichtliche Schwachstellen. Die Autos von Shortt scheinen gut, und er versteht es, sie mit freundlichen Worten schmackhaft zu machen.
 
Oder durch den Preis. Für 2.990 Pfund bietet er beim Abschied einen zehn Jahre alten, jedoch sehr gepflegt wirkenden MG TF 1.8i an. Blau, helles Leder und 50.000 Meilen auf der Uhr. Plus eine sechsmonatige Garantie für den Mittelmotor- Sportler. "Du kannst einsteigen und gleich losfahren", schlägt Shortt vor. Vermutlich wäre im Preis noch etwas drin, doch wir lassen es nicht darauf ankommen und verabschieden uns ohne Neuerwerb.
 
Auf der nächsten Seite geht es weiter: Coys, Classic Automobiles und andere Händler sowie den Adressen der vorgestellten Händler.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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