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Einkaufsreport

Wintermärchen - Attraktive Klassiker für Einsteiger

Foto: Hardy Mutschler 22 Bilder

Shopping nach Saisonschluss hat seinen besonderen Reiz. Die Preise fallen mit den Temperaturen, die Händler nehmen sich mehr Zeit. Sieben Sonderangebote wecken nicht nur bei Einsteigern die Kauflust auf Klassiker.

12.02.2009 Alf Cremers Powered by

Unsere Schnäppchenjagd für Einsteiger startet ausgerechnet beim berühmtesten Mercedes-Restaurierer. Der Blick weidet sich, dort in Heimerdingen, an einer märchenhaften Werkstattkulisse: Flügeltürer, Roadster, Pagoden und ein 300 S Coupé stehen Spalier. Auf einer Hebebühne thront ein cremeweißes 220 Cabriolet A.

Kandidat 1: 1983er Mercedes 230 E der Baureihe W 123 für 5.500 Euro

"Mein Mercedes ist von Kienle." Es gibt Sätze, die explodieren leise, aber mit verheerender Wirkung. Sie sprengen jede Party, und sonntags am Frühstückstisch ausgesprochen führen sie nach langem Schweigen zu einer Beziehungskrise: "Du, ich glaube, wir müssen reden." Wer jetzt an einen Egotrip nach abgeräumtem Gemeinschaftskonto denkt, der irrt. Es geht nicht um einen staatstragenden Mercedes 600, keine lupenrein restaurierte Klavierlack- Pagode steht zur Debatte, auch kein glamouröses Ponton Cabriolet, elfenbein mit rotem Leder. Es dreht sich um einen schlichten Mercedes 230 E, W 123. Ein gepflegtes Auto für gerade einmal 5.500 Euro, das man bei einem besseren Straßenhändler erwarten würde, niemals bei Kienle. Die 230 steht für ihn normalerweise als Vorkriegsziffer, W143 statt W123. Es ist, als würde Cartier Indianerschmuck verkaufen.

Dennoch spricht für den allürenfreien Klaus Kienle und seine tugendhaft-schwäbische Traumfabrik, dass sie offen sind für die ganze Welt des Sterns, für S-Klasse-Youngtimer sowieso. Warum gerade dieser 123? Klaus Kienle erklärt es uns: "Das Auto ist trotz der hohen Kilometerleistung in einem sehr guten Zustand, rostfrei und mechanisch tipptopp. Alle Kundendienste wurden bei Mercedes gemacht. Es hat eine reichhaltige Ausstattung mit Automatik, Klimaanlage, Tempomat. Ich kann es guten Gewissens empfehlen." Sagt der Meister, der früher selbst W 123 fuhr, vorzugsweise als 300 TD. Dreihundert ist für Kienle eine magische Zahl.

Wir gehen mit Sohn Alexander auf Probefahrt. Er bekennt, dass er eher dem 190 E 2.3-16 zugewandt ist als dem braven Biedermann mit dem gleichen Basismotor. Der Astralsilberne fährt sich stramm und satt, die Automatik schaltet weich, der Motor kommt forsch zur Sache. Nirgends werden die 180.000 Kilometer spürbar. Nur die bulligen 15- Zoll-Räder nehmen dem Wagen die Unschuld des Liebhaberstücks. Die 5.500 Euro sind ein fairer Preis.

Kandidat 2: 1980er MG B für 6.900 Euro

Joachim Gunst legt keinen Wert auf glänzend geflieste Schauräume. Eine saubere, aufgeräumte Werkstatt reicht dem asketisch wirkenden Mann mit dem wettergegerbten Gesicht. Jetzt parkt gerade ein silberner Jaguar XK 120 drin, auch der Austin-Healey 3000 Mk III auf der Hebebühne zeugt von anspruchsvoller Kundschaft. Gunst ist seit Jahrzehnten auf Engländer spezialisiert. Er lebt das Thema, sein Hof zeugt davon. Neben dem Tor eine Handvoll Land Rover, gegenüber die Triumph-Lane mit TR 4, TR 6 und einem weißen Stag. Hinten liegt eine Mini- Leiche, drüben sind zwei offene MG B-Gummiboote festgemacht. Eines davon, ein US-Modell, will Gunst für 6.900 Euro verkaufen. Russet Brown heißt die Farbe, was so viel heißt wie Rostbraun, sich aber am Objekt selbst nicht bestätigt. "Der Wagen hat eine sehr gute Karosseriesubstanz. Der Motor wurde erst vor 5.000 Kilometern überholt, mit neuen Kolben und zwei Vergasern wieder auf 95 PS gebracht, er hat einen G-Kat und Overdrive", erklärt Gunst und bedauert, dass die schrulligen Gummiboote wenig gefragt sind.

Er bittet zum Einsteigen und erwähnt noch kurz die neu gepolsterten und bezogenen Sitze. So ein MG B ist wie ein treuer Hund, der einen mit dem brummigen Knurren seines gusseisernen Vierzylinders auch nach langem Fortbleiben freudig begrüßt. Mit seiner hübschen Uhrensammlung samt Meilentacho im eng anliegenden Cockpit, mit der wunderbar exakten, kurzwegigen Schaltung und der enormen Leichtigkeit seiner archaisch-einfachen Technik. Die Karosserie ist zwar schon selbsttragend, aber am Fahrwerk finden sich noch Schmiernippel und Hebelstoßdämpfer.

Es ist kalt, der langhubige, brave BMC-B-Vierzylinder braucht noch etwas Choke-Unterstützung. Dann braust Gunst los und spricht das aus, was sein Beifahrer denkt: "Das ist kein Show-Car, aber eine ehrliche Haut, man sieht, was noch zu machen ist." Die hübschen Rostyle-Räder gehören aufgefrischt, ebenso die Türverkleidungen und der Teppichboden. Als das Öl warm genug ist, lässt Gunst den MG um die Ecken fliegen. "MG pur, das unverdünnte Fahrvergnügen, schrieb die Werbung damals. Es stimmt."

Kandidat 3: 1971er BMW 2000 für 10.450 Euro

Der nächste Fall für Einsteiger steht in der unscheinbaren Fellbacher Lagerhalle von DLS Automobile. Sie ist zweistöckig und beherbergt vor allem rare Porsche-911-Pretiosen und andere hochkarätige Klassiker von Jaguar, Ferrari, Lancia und Maserati. Inhaber Harry Utesch könnte Eintritt für seine illustre Sportwagen-Revue nehmen, in der sich der schlichte BMW 2000 für 10.490 Euro ausnimmt wie eine Wies’n-Maid unter den Showgirls des Pariser Lido.

Die kompakten, schnellen BMW-Limousinen der Neuen Klasse hatten ein schweres Schicksal - erst kamen die Raser, dann der Rost. Dieses späte 71er Exemplar entkam der Apokalypse. "Das Auto sprach zu mir in seiner unrestaurierten Originalität und fast gänzlichen Unversehrtheit. Alle Dokumente sind noch vorhanden", schwärmt Utesch mit sonorer Baritonstimme. Gern kauft er gegen den Strom ein.

Davon zeugen die Fiat 130-Limousine und ein Triumph Dolomite Sprint, der vor der Halle steht. Der BMW fährt sich straff wie ein junger Gebrauchter. Utesch kommentiert sachkundig und mit einer echten, natürlichen Begeisterung, die vergessen lässt, dass er mit Autos Geld verdient. Man sitzt vorn hoch zu Ross, kommt sich auf einer Zeitreise vor, als führe man den ersten Dienstwagen von Erik Ode.

Typisch sind die exakte Schaltung und der helle, metallische Klang des legendären Vierzylinders, der trotz Kälte schon früh ohne Choke rundläuft. Das Raumgefühl in der Trapezform ist großartig, die Übersicht noch besser. Utesch grinst, er hat Spaß. Leider fehlt die Radkappe rechts hinten.

Kandidat 4: 1969er VW Käfer Automatic

In Schwabmünchen stoßen wir in einem uniformen Industriegebiet auf eine Goldader hinreißender Klassiker und Youngtimer. Dieter Hagenbusch empfängt uns herzlich im sportlich-legeren Outfit eines Fußballtrainers. Rings um sein repräsentatives Anwesen spannt sich ein spannungsgeladener Bogen der jüngeren deutschen Automobilgeschichte. Helden wie der Porsche 928, der Mercedes SLC und diverse S-Klassen treten gleich rudelweise auf.

Der Blick fällt auf den miamiblauen VW 1300 Automatic. "Der Wagen stammt von einem VW-Sammler, der ihn lange liebevoll gehätschelt hat, deshalb auch das viele Zubehör", erzählt Hagenbusch. Doch das viele Lametta lenkt nur von seinem puristischen Wesen ab. Der 1300er ist einfach entzückend, er atmet dank seiner Farbe, seines Zustands und der dilettantisch anmutenden Halbautomatik so ein unschuldiges Hebammenflair. Man muss ihn einfach lieb haben.
Die seltsame Selektiv-Automatik funktioniert genau so wie beim NSU Ro 80. Drei Vorwärtsgänge, dazu P und R. Gekuppelt wird automatisch über einen Kontakt im Schaltknauf. Ein Wandler besorgt das Anfahren. David schaltet fleißig, hält den 40 PS-Boxer munter in Schwung, es geht flott voran. Dieter freut sich nebendran über den kerngesunden Boxer und die narrensichere Straßenlage der Schräglenkerachse, die im Automatik-Käfer ihr Debüt hatte.

Kandidat 5: 1971er Jaguar XJ6 4.2 Series I

Es ist der ewige Traum vom Jaguar XJ 6, der uns zum Autosalon Isartal nach Baierbrunn führt. Der lichte Pavillon wirkt freundlich wie ein zu groß geratenes Architektenhaus. Inhaber Thomas Franz handelt in erster Linie mit wertvollen Jungwagen hochkarätiger Marken. Doch im großzügigen Schauraum blitzen zwischen den fast neuen Porsche, Ferrari und Bentley zwei Jaguar-Limousinen auf. Pardon, der eine stellt sich indigniert als Daimler Double Six vor, ein später Zwölfzylinder Serie III in Westminster Blue. Der andere, ein früher schlichter XJ 6 in unscheinbarem Grau, ist unser Herzensbrecher. Sein rotes Leder wirkt im Antiquitätenkabinett der Kippschalter-Klaviatur und der Smiths-Instrumente geradezu aufreizend sinnlich. Es ist ein Flair, dem man sich kaum entziehen kann. Eine Probefahrt muss sein. Behutsam zirkelt der angenehm verbindlich und sachverständig auftretende Franz den sanften Sechszylinder mit dem majestätischen Gesicht durchs offene Schiebetor.

Er ruft 15.900 Euro für das Low-Mileage-Auto aus Vicenza, der Schmuckstadt Italiens, auf: "Nach dem Import hat ihn der Werkstattleiter eines großen Münchener Jaguar- Hauses lange gefahren und stets fachmännisch gewartet und gepflegt. Es ist ein seltenes Schaltgetriebe-Modell, Stickshift, wie die Briten sagen, mit Overdrive betont Franz lächelnd und lässt die graue Katze während der Kaltlaufphase vorsichtig auf der B 11 Richtung Hohenschäftlarn gleiten. Der Wagen ist im Innenraum recht knapp geschnitten. Die schlanke gestreckte Form verlangt Zugeständnisse. Sie erzeugt jedoch, hinter dem Hupring-bewehrten, dünnen Lenkrad jene Zufriedenheit, die Jaguar fahren ausmacht, wenn man lieber reist statt rast. Series I ist da unschlagbar.

Kandidat 6: 1972er Fiat 500 F

Horst Koch gehört zu den Großen der Oldtimerbranche. Der Spezialist für Bentley und Italo-Klassiker unterhält auf traditionsreichem Familiengrund einen hochkarätigen Oldtimerhandel. Schon von der Hauptstraße des kleinen Heilbronner Vororts sieht man die Ferrari, Maserati und Rolls- Royce in den großen Schaufenstern neben der AVIA-Dorftankstelle und glaubt an eine Fata Morgana.

Koch ist ein Szene-Original im besten Sinn. Er beweist Kennerschaft durch seinen Hang zum Skurrilen, wie die keilförmige Lagonda-Limousine aus den frühen Achtzigern beweist. Auch unser Einsteigerobjekt, der Fiat 500 F für 8.900 Euro, ist in seiner gesuperten Anti-Originalität etwas bizarr. "Der Kleine wurde komplett restauriert und technisch optimiert – ein absolut zuverlässiges und alltagstaugliches Spaßmobil", sagt Koch und zeigt auf den Fiat 126-Twin mit 23 PS.

Kandidat 7: 1976er Porsche 911 Coupé 2.7, US-Ausführung – 20.900 Euro

Matthias Pinske von der Klassik Garage in Kühbach bei Augsburg hat sich auf klassische Porsche 911 spezialisiert, die er meist in den USA kauft. Sein neues Firmengebäude in einem ländlichen Industriegebiet riecht noch nach frischer Farbe, doch der schlacksige Rheinländer mit dem jungenhaften Lächeln ist schon seit 1999 im Geschäft und fischt im Elfer-Haifischbecken. Seine Erfahrung wird im Gespräch sofort spürbar. Pinske ist ein angenehmer Tiefstapler, der seine Autos realistisch und in Rufweite hinter dem Marktwert beschreibt.

Der indischrote 76er 911, für 20.900 Euro ein Synonym für den erfüllbaren Traum vom Elfer, gefällt auf Anhieb, weil er so ehrlich und unverbastelt wirkt. Pinske beschreibt ihn kurz und bündig: "California-Auto mit original Blue Plate, absolut rostfrei, innen sehr schön, nichts UV-verbrannt oder gerissen, schwarze Lederausstattung, Schiebedach, getöntes Glas." Pinske räumt unumwunden ein: Okay, 250.000 Kilometer sind nicht ohne, aber der Motor klappert nicht, ist dicht und hat eine tadellose Kompression."

Auf der Straße begeistert das herrliche typische Fahrgefühl des Elfers, trotz nominell bescheidener 165 PS zeigt der warm gefahrene Motor sein Feuer. Als Pinske auf dem Feldweg wendet und nach Hause fährt, sehen wir die schöne schlanke Taille des roten Elfer im Rückspiegel verschwinden.

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