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Porträt über die Restauratorin Gundula Tutt

Restaurierung: Die Kunst der Stunde

Restauratorin Gundula Tutt Foto: Fact 13 Bilder

Die Patina gewinnt in der Oldtimer-Szene gewaltig an Bedeutung. Doch es fehlen praktikable Konzepte zum Erhalten authentischer Oberflächen - ein Thema, mit dem sich Gundula Tutt intensiv befasst. Motor Klassik hat sie besucht.

03.02.2010 Bernd Woytal Powered by

Eine Radikalkur, so lässt sich die übliche Vorgehensweise bei der Totalrestaurierung eines Oldtimers beschreiben. Die aufwendigen Arbeiten krönt in der Regel ein perfektes und glänzendes Automobil, das sich in manchen Belangen sogar makelloser präsentiert als im einstigen Neuzustand. In die Freude über eine solch prachtvolle Wiederauferstehung mischen sich mittlerweile schon mal Zweifel, und zwar dann, wenn dabei die über Jahrzehnte hinweg gewachsene Patina und damit die Geschichte des Fahrzeugs unwiederbringlich verloren geht.

Gundula Tutt hatte ursprünglich nichts mit Autos am Hut

"Natürlich ist es ungeheuer schade, wenn ein Wagen mit viel originaler Substanz, mit historischer Lackierung oder dem ursprünglichen Leder im Inneren komplett überarbeitet wird", findet Gundula Tutt. "Andererseits käme ich nicht auf die missionarische Idee, dem Besitzer in diesen Dingen Vorschriften zu machen." Doch der Rat der Diplomrestauratorin ist zunehmend gefragt.

Ursprünglich hatte die gebürtige Stuttgarterin nichts mit Autos im Sinn. Während eines dreijährigen Praktikums bei einem Restaurator war sie an der Restaurierung von historischen Gemälden, Skulpturen sowie Altären beteiligt. Anschließend studierte sie in der schwäbischen Landeshauptstadt Kunstrestaurierung mit dem Schwerpunkt Gemälde. Ausgerüstet mit allem Wissen rund um Farben arbeitete sie dann freiberuflich in der Denkmalpflege. Während der Restaurierung des Freiburger Münsters traf sie den Berufskollegen und Oldtimer-Besitzer Eberhard Grether.

Wie kann die Originalsubstanz erhalten bleiben

"Wir saßen nebeneinander auf einem Gerüst und kamen ins Gespräch", erinnert sie sich. Grether erkannte schon damals die Bedeutung der wenigen verbliebenen, originalen Oldtimer. Gerade war er vom Besitzer eines solchen Fahrzeugs gebeten worden, sich einmal über eine Restaurierung unter größtmöglicher Erhaltung der Originalsubstanz Gedanken zu machen. Bei dem Auto handelte es sich um einen Bugatti T 43. Die originale Lackierung aus dem Jahr 1930 war zwar noch vorhanden, aber sie wies Beschädigungen auf und war im Rahmen einer begonnenen Restaurierung vor vielen Jahren teilweise weggeschliffen worden. Der Bugatti-Besitzer wollte die patinierten, aber gesunden Lackbereiche erhalten und nur die Schadstellen ausgebessert haben, ein Wunsch, den alle befragten Restaurierer als nicht machbar abgelehnt hatten.

Gundula Tutt war von dieser Idee fasziniert und machte sich an Grethers Stelle an die Lösung des Problems - mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit. Sie begann intensive Recherchen über die Geschichte der Fahrzeugfarben und -lackierungen, wobei es in diesem Fall um Nitrolacke ging. Neben den bekannten Quellen wie das Glasurit Handbuch, das BASF Lackmuseum in Münster oder das Archiv des Deutschen Museums halfen ihr unzählige Fachbücher weiter, die sie in verschiedenen Bibliotheken Deutschlands aufspürte. "Manchen Werken sah man an, dass sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr aus dem Magazin geholt worden waren", lacht sie. Durch das Studium der kopierten Fachartikel, die heute eine ganze Regalwand füllen, bekam sie Informationen über die Rezepturen, die Herstellung und die Verarbeitung zeitgenössischer Lacke.

Gundula Tutt gründete die Firma Omnia

"Mit historischen Materialien sind punktuelle Ergänzungen oder Retuschen innerhalb alter Lackierungen möglich", weiß Tutt. Und ergänzt: "Außerdem altern solche Materialien wie das Original und nicht anders." Dabei beruft sie sich auf ihre gesammelten Erfahrungen, denn seit ihren ersten Lackversuchen, noch im gemieteten Keller einer Fabrik für Krankenhausbadewannen, sind etliche Jahre vergangen. Im Verlauf dieser Zeit gründete sie ihre Firma Omnia. Wer sich in dem heute bei Freiburg ansässigen Betrieb umschaut, entdeckt neben vielem anderen Accessoires zum Herstellen von Farben wie zum Beispiel Gläser mit verschiedenen Pigmenten, eine selbst gebaute Kugelmühle oder eine Waage. Neulich hat sie sogar das von Sir Malcolm Campbell bevorzugte "Bluebird-Blue" nachgemischt. Das als Vorlage dienende Muster fand sich unter dem Polster der Sitzschale, wo es vor Witterungseinflüssen geschützt die Zeit überdauert hatte.

Und dann dieses große Mikroskop. Sie kann damit beispielsweise Lacksplitter untersuchen, die dazu auf einem Glasplättchen so in Kunststoff eingebettet werden, dass man die verschiedenen Schichten sieht. Aus diesen sogenannten Querschliffen lässt sich erkennen, wie oft der Wagen schon lackiert wurde, und wie die unterste Lackschicht aussieht. Manchmal betätigt sie sich auch detektivisch. Als vor einiger Zeit die Frage aufkam, ob ein bestimmter Wagen noch eine Vorkriegslackierung trägt, konnte sie dies klären. Sie entdeckte anhand eines Querschliffs unter dem Lack eine Spachtelmasse, die es erst in den 50er Jahren gab.Das genaue Alter einer Lackierung zu bestimmen, ist nicht einfach. "Man kann zwar zum Beispiel den Lack mit einem Infrarotspektrometer untersuchen, aber das ermittelte Resultat ist nur verwertbar, wenn entsprechende Referenzen vorliegen", sagt die engagierte Dame mit den roten Haaren. Daher hat sie begonnen, Proben nachgewiesener Erstlackierungen zu sammeln, "meine DNA-Datenbank", scherzt sie

Alte Rezepturen

Doch zurück zum Bugatti. Mit dem Besitzer vereinbarte die Restauratorin, dass alle Lackschäden größer als ihr Daumennagel beseitigt werden. Die entsprechenden Partien präpariert sie vor dem Lackieren so exakt, dass vom angrenzenden Originallack nur ein minimaler Bereich verloren geht. Für einen erforderlichen Höhenausgleich verwendet sie wenn möglich Nitrospachtel. Bei kleinen Flächen erfolgt der Farbauftrag mit einer Airbrush-Spritzpistole. Den Nitrolack hat sie zuvor nach alter Rezeptur gemischt. Im Prinzip ist es ein Grundton, der für jede zu retuschierende Stelle an den umgebenden Originallack angepasst werden muss. Denn die gealterte Farbe ist nicht an jeder Stelle des Autos gleich. Bei so viel Aufwand versteht sich auch, dass die Kosten für dieses Verfahren ähnlich hoch sind wie für eine Ganzlackierung.

Doch Gundula Tutt hat es nicht nur beim Restaurieren von Lackierungen belassen, sondern ihre Tätigkeit auch auf Leder, Textilien, Holzoberflächen und Metallüberzüge ausgeweitet. Dabei steht sie immer wieder vor neuen Herausforderungen. So wollte der Bugatti-Besitzer die Patina des aus Messing bestehenden Frontscheibenrahmens unbedingt behalten. Dazu passte aber der Fensterholm nicht, dessen Nickelschicht zum großen Teil wegkorrodiert war. Der Restauratorin gelang es, den Holm optisch anzugleichen, indem sie unter anderem in klassischer Vergoldertechnik mit einem speziellen Haftöl Zinnfoliestückchen auflegte. Der Rest des Verfahrens ist Betriebsgeheimnis.

Auf Wunsch passendes Restaurierungskonzept

Über das gesamte Leistungsspektrum der Firma Omnia und die Möglichkeiten der Kontaktaufnahme gibt die Internetseite Auskunft (www.omnia-online.de). Tutt kann mittlerweile auf ein großes Netzwerk von Fachleuten zurückgreifen, sei es für großflächigere Lackierungen, für Karosserie- und Technikreparaturen sowie Sattler- und Holzarbeiten.

Dabei steht ihr Eberhard Grether als Berater zur Seite. Für jedes Fahrzeug erarbeitet sie auf Wunsch ein passendes Restaurierungskonzept in enger Absprache mit dem Besitzer. Geht es um Ausbesserungen von Originallacken, führt sie an einer vereinbarten Stelle der Karosse eine Probelackierung durch, damit der Kunde weiß, was ihn erwartet. Gegenseitiges Vertrauen ist ihr wichtig. Und noch etwas sollte man wissen: Sie freut sich, wenn die Autos gefahren werden - "Ich strebe keine museale Restaurierung an."

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