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Restaurierung Audi 50 GL

Edel-Polo - in 800 Stunden zum Goldstück

Audi 50 GL von 1974 Foto: Fact 24 Bilder

Dieser Audi 50 GL ist der älteste Erhaltene aus dem Jahr 1974. Er ist nur in wenigen Details anders als das spätere Serienprodukt, er ist goldfarben, und er ist perfekt von Besitzer Michael Höcker restauriert.

20.03.2012 Bernd Woytal Powered by

Klick, Klick, Klick. Im September 1974 lichteten die Fotografen eifrig jedes Detail des auf Sardinien vorgestellten, neuen deutschen Kleinwagenstars namens Audi 50 ab. Knapp 35 Jahre später steht wieder ein Audi 50 im Rampenlicht. Diesmal allerdings nicht in Sardinien, sondern bei einem Motor Klassik- Fototermin in Iserlohn.

Heftige Liebe zum Polo entbrannte mit 18

Das Klicken der modernen Kameras klingt mittlerweile weicher, und es werden keine Diafilme belichtet, sondern Digitalbilder auf einer Speicherkarte hinterlegt. Die Zeiten haben sich geändert. Nur an dem goldfarbenen Audi 50 scheinen die dreieinhalb Jahrzehnte spurlos vorüber gezogen zu sein. Hatte man ihn damals eingefroren und nun wieder aufgetaut? Keineswegs. Der Mann, der diese ungewöhnliche Begegnung möglich machte, heißt Michael Höcker. Und er ist kein Magier, sondern ein kaufmännischer Angestellter. "Also ein Bürohengst mit zwei linken Händen", fasst Höcker das seine Berufsgruppe betreffende Klischee mit einem Schmunzeln zusammen. Aber es gibt ja auch Liebesgedichte schreibende Metzger, entsprechend trotzt Höcker den mit seinem Beruf verknüpften Vorurteilen. Er ist tatsächlich ein Schraubertalent. Wie konnte das geschehen, wird sich so mancher fragen. 

Der Auslöser war Höckers Liebe zum Audi 50 beziehungsweise VW Polo, die 1988 entbrannte. Der damals 18-jährige Führerschein-Neuling überzeugte seine Eltern, ihm einen gebrauchten VW Polo zu kaufen – aus erster Hand, mit nur 31.000 Kilometern auf der Uhr. "Auf den Rat, das marsrote Auto Hohlraum-konservieren zu lassen, hörte ich damals nicht, und nach drei Jahren war die Karosserie durchgerostet", erinnert sich Höcker. Viele seiner Altersgenossen sammelten in jener Zeit nach bestandener Führerscheinprüfung ihre ersten Erfahrungen im Straßenverkehr mit forsch gefahrenen Polos. "Ich bin mit diesen Autos groß geworden", erklärt er seinen Faible für diesen Kleinwagen, der mit dem Kauf eines rostfreien Polo im Jahr 1994 neuen Auftrieb bekam. 

Höcker beschloss, sich mehr um diese durch Korrosion zunehmend dezimierte Baureihe zu kümmern, speziell der in deutlich geringerer Zahl als der Polo vom Band gelaufene Audi 50 hatte es ihm angetan. Dass es hier und da mal etwas zu schrauben gab, blieb nicht aus. Aber Höcker beließ es nicht bei kleineren Schraubereien, er stieg tief in die Materie ein. Bei seinem Freund Wolfgang Lohoff von WL Motorsport in Hamm lernte er alles Wissenswerte rund um die Technik eines Autos. "Einen Motor kann ich mittlerweile fast im Schlaf auseinandernehmen und zusammenbauen", sagt Höcker. Aber auch das Reparieren von Karosserieschäden ließ er sich von Experten ebenso beibringen wie das Schweißen.

Kümmert sich: 1. IG der Audi 50 Freunde

Ein weiterer wichtiger Schritt, der den Erhalt des sogenannten Typs 86 sicherte, wie VW Polo und Audi 50 sowie der spätere Derby werksintern hießen, war die Gründung eines Clubs. Das liegt mittlerweile 15 Jahre zurück. Von Anfang bot die 1. IG der Audi 50 Freunde seinen Mitgliedern und anderen Typ 86-Interessenten jede mögliche Unterstützung, wenn es um Fragen und Probleme rund um diese Kleinwagen ging. Durch diese intensive Kommunikation mit Gleichgesinnten erfuhr der an der Spitze des Clubs stehende Michael Höcker im Jahr 2003 von einem zum Verkauf stehenden Audi 50 in Soest. Da dies nur einige Gasstöße von seinem Wohnort entfernt war, fuhr er eine Woche später dorthin, um sich den Wagen einmal anzuschauen. Vor ihm hatten schon andere das im Farbton Hellas lackierte Exemplar inspiziert. "Doch die diversen Rostflecken und der Kantenrost hatten die Interessenten anscheinend abgeschreckt", erinnert sich Höcker.

Da er sich schon eine Weile sehr intensiv in Theorie und Praxis mit dem Typ 86 befasst und ein geradezu lexikalisches Wissen darüber erworben hatte, fiel ihm natürlich sofort anhand der Fahrgestellnummer auf, dass hier eines der ersten gebauten Exemplare eines Audi 50 GL vor ihm stand. Die Rostflecken schienen weit weniger schlimm zu sein, als sie aussahen. Lediglich der Klarlack auf dem Dach hatte sich beim Anheben der darauf wohl schon lange liegenden Gummimatten gelöst. Das alles schreckte ihn nicht, doch der geforderte Preis war heftig. Mehrere Wochen verhandelte Höcker, bis der Verkäufer schließlich nachgab und mit weniger Geld zufrieden war. Der Motor des nur 31.000 Kilometer gelaufenen Wagens ließ sich noch in Gang bringen, und so fuhr er seine Neuerwerbung auf Achse nach Hause. 

Erst dort wurde ihm bald klar, was für ein Goldstück er sich mit dem  Audi 50 GL tatsächlich an Land gezogen hatte. Da waren zunächst einmal die vielen Details wie die beiden Motorhaubenschlösser, die besonderen hinteren Schriftzüge und die zwei Nummernschildleuchten in der Heckstoßstange, die bereits bei ab März 1975 gebauten Versionen dem Rotstift zum Opfer gefallen waren. Als GL-typische Details besaß sein Auto seitliche Zierleisten mit Hartplastikkante, zusätzliche Schwellerleisten, Rammschutzleisten auf den Stoßstangen, zwei Gasdruckdämpfer an der Heckklappe und einen lastabhängigen Bremsdruckregler, um nur einiges zu nennen. Doch es gab noch mehr Gründe zum Jubeln.

Alles raus, alles auseinanderund Ärmel hochgekrempelt

Die Karosserie des vor 24 Jahren abgemeldeten Audi erwies sich als überraschend gesund, Höcker registrierte nur Oberflächenrost, aber keine wirkliche Durchrostung. Unglaublich. Im Jahr 2007 wagte er sich dann endlich an die Restaurierung, nachdem er zuvor an anderen Exemplaren genügend geübt hatte. Übrigens zeichnen seinen Anfang September 1974 produzierten Audi eine Reihe weiterer Besonderheiten aus wie die fehlende, unterhalb der Heckscheibe verlaufende Kante und etwa drei Mal so viele Schweißpunkte an der Karosserie wie bei anderen Audi 50. "Das liegt daran, dass der Wagen noch vor der Vollautomatisierung der Produktionsstraße entstand", weiß Höcker. Das spornte ihn natürlich an, noch akribischer zu arbeiten, als er es sonst tat.

Mit Elan machte er sich ans Werk, wobei ihm gelegentlich seine Freundin zur Hand ging. Nach der kompletten Zerlegung des  Audi 50 GL widmete sich Höcker zunächst dem Blech. Er entfernte allen Unterbodenschutz und alle Dämmmatten und entrostete mit einem Sandstrahlgerät die oberflächlich korrodierten Blechpartien. Sollte es noch irgendwo Rost geben, er würde diese Stellen finden, sagte er sich. Deshalb demontierte er auch den Dachhimmel, weil Audi darunter einen hygroskopischen Kleber verwendet hatte. Ja, er bördelte sogar die Haubenkanten und Türen auf, um dahinter nach möglichem Rost Ausschau zu halten. 

Selbst die Dichtmasse über den Schweißnähten entfernte er, um hier das Metall nachhaltig vor der braunen Pest zu schützen. Die Schweißpunkte des Frontblechs bohrte er auf, um verdeckte Falze inspizieren und bearbeiten zu können. Dieses Frontblech wies eine kleine Delle auf, weshalb es ausgebeult werden musste. Denn Höcker konnte es nicht durch ein Neuteil ersetzen, "weil die Formen, Knicke und Falze mit keinem verfügbaren Ersatzblech vergleichbar sind. Auch nicht mit dem Blech, das nur einen Monat später im  Audi 50 verwendet wurde", verrät Höcker.

In 800 Stunden zum perfekten Audi 50

Da dieses frühe Exemplar des  Audi 50 GL etliche einzigartige Bauteile aufweist, nützte ihm also manchmal auch sein großes Ersatzteillager nichts. Selbst in Teilekatalogen waren diese Komponenten nicht zu finden - es blieb also nur übrig, sie aufzuarbeiten. Ein kleines Loch im Blech hat Höcker letztlich dann doch noch gefunden, das durch ausgelaufene Batteriesäure entstanden war. Nur bei dieser Reparatur und beim Zusammensetzen des zerlegten Frontblechs musste geschweißt werden, sonst nirgends. Im lackierten Innenraum verzichtete Höcker übrigens auf das Verkleben von Dämmmatten, weshalb jeder das ungeschweißte, völlig intakte Bodenblech bewundern kann. Den grundierten Unterboden behandelte er mit überlackierbarem, Original-VW-Unterbodenschutz und die Radhäuser mit Original-VW-Steinschlagschutz.
 
Natürlich zerlegte Höcker auch den Motor in alle Einzelteile, trotz der nur geringen Laufleistung. Er erneuerte Haupt- und Pleuellager, Kolbenringe und -bolzen, Ölsieb und Dichtungen, Ventilfedern und alle Simmerringe. Etliche Anbauteile bis hin zum Gaszughalter wurden sandgestrahlt und schwarz pulverbeschichtet. Andere Teile wie Halter oder Schrauben wurden glasperlgestrahlt und dann gelbverzinkt. Mit ebensolcher Sorgfalt rückte Höcker dem Fahrwerk und allen anderen Teilen des Wagens zu Leibe. Entweder er verwendete ein Neuteil oder er überholte die entsprechenden Komponenten. Nichts überließ er dem Zufall, stets erledigte er alle Arbeiten mit großer Sorgfalt. Sein nun beendetes Werk stößt allenthalben auf große Bewunderung. Nach rund 800 Stunden Eigenleistung ist ein perfekter Audi 50 entstanden, der auch bei der Präsentation 1974 in Sardinien eine gute Figur gemacht hätte.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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