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Restaurierung

Jensen Interceptor

Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Wenn die Liebe durch den Wagen geht: Das Schweizer Ehepaar Iris und Marcel Werdenberg restaurierte in seiner Freizeit einen aus Familienbesitz stammenden Jensen Interceptor Mark I.

27.06.2008 Bernd Woytal Powered by

Normalerweise sind es die Väter, die bei ihren Söhnen die Leidenschaft für ein bestimmtes Automobil entfachen. Bei Marcel Werdenberg war es die Mutter. In den 60er Jahren fuhr sie einen Jaguar E-Type, dem bald ein noch exotischeres und exklusiveres Fahrzeug folgte - 1972 erwarb sie bei einem Jensen-Importeur in Basel einen drei Jahre alten Interceptor MK I.

Der Jensen wird zum Familienmitglied

Dieses mit italienischem Design aufwartende Coupé mit der riesigen Heckscheibe nutzte sie lange Zeit im Alltag und besonders gern für ausgedehnte Reisen. Ihr Sohn Marcel sah in dem extravaganten Briten mit US-Motor schon bald eine Art Familienmitglied, auf das er ungern verzichten wollte.

Um zu vermeiden, dass der Jensen in fremde Hände geriet, übernahm er ihn schließlich selbst. Das war 1984, "und von da an beschäftigte ich mich immer intensiver mit der schon damals so fortschrittlichen Technik des Wagens und der zugehörigen Firmengeschichte", sagt Werdenberg, der mittlerweile etliche Literatur, Modelle und diverse mit Jensen-Schriftzug geschmückte Accessoires zusammengetragen hat.

Dabei geht ihm ein fleißiger Helfer zur Hand - seine Frau Iris. Die hatte seinerzeit den Studenten Werdenberg sehr beeindruckend gefunden, der mit einem Triumph TR 6 zur Uni brauste. Nach der Eroberung des Fahrers merkte sie bald, dass auch sie ein Faible für klassische Automobile entwickelte. Und so geschah es, dass sie wie ihr Gatte den Jensen ins Herz schloss und sogar bei der Restaurierung des Wagens assistierte.

Doch der Reihe nach. Im Grund begann die Verjüngungskur des Jensen bereits im Jahr 1988. Marcel Werdenberg donnerte über die deutsche Autobahn, als er plötzlich bedrohliche Klopfgeräusche aus dem Motorraum vernahm. Die sofort unterbrochene Ausfahrt endete schließlich in einer Werkstatt, wohin der gestrandete Wagen von einem Pannendienst geschleppt worden war. Die Diagnose lautete Motorschaden.

Mechaniker macht einen Fehler, der sechs Monate Stillstand bedeutet

Die Überholung des Chrysler-Achtzylinders sollte eigentlich kein Problem sein, "doch die Reparatur dauerte insgesamt über ein halbes Jahr", erinnert sich Werdenberg. Das lag daran, dass der Mechaniker aus Unachtsamkeit den Auspuffkrümmer beschädigt hatte. Dabei handelte es sich, im Gegensatz zu anderen Triebwerkskomponenten, um ein spezielles Jensen-Teil, das damals lange Zeit nicht zu bekommen war.

1994, die Werdenbergs hatten sich mittlerweile in der Nähe von Basel niedergelassen, traten sie in den Jensen Car Club of Switzerland ein, was die Bindung zu ihrem Wagen nochmals vertiefte. Immerhin war ihr Interceptor unübersehbar in die Jahre gekommen und wies zunehmend Alterungsspuren auf. Keine Falten, aber das eine oder andere Rostpünktchen deutete auf den drohenden Zerfall hin. Das Auto musste restauriert werden.

Bei der Auswahl einer entsprechenden Werkstatt nutzten die Werdenbergs die Erfahrungen der Clubmitglieder. Die Garage sollte die Arbeiten federführend übernehmen, "doch ich vereinbarte, dass ich dabei helfen durfte", sagt Marcel Werdenberg. Aus dem ich wurde ein Wir - und so begann das Ehepaar gemeinsam mit der Demontage des Wagens. "Schließlich sind bei manchen Arbeiten schlanke Finger von Vorteil", erklärt Iris Werdenberg und bedauert gleichzeitig, dass ihre technischen Kenntnisse nur für kleinere Taten reichten.

Doch manche Arbeiten, wie etwa das Herausnehmen der Scheiben, waren auch dem Gatten zu heikel. Das überließ er dann sicherheitshalber den Experten. Alle demontierten Teile wurden übrigens in Kisten verpackt und beschriftet, was den späteren Zusammenbau erleichtern sollte.

Urlaub in England mit vielen Mitbringseln für den Interceptor

Als ungefähr abzusehen war, welche Teile benötigt würden, machte sich das Team Werdenberg mit einem großen Kombi auf den Weg nach England. Zuvor wurden die entsprechenden Adressen von Teilehändlern mit Hilfe des englischen Clubs recherchiert.

Auf der Insel erstanden sie Kotflügel, Türblätter, Schweller, Bodenbleche, Karosserie- und Fahrwerksgummis und vieles mehr. Denn nach der Demontage und dem Entlacken waren zahlreiche "böse Sachen" zutage getreten, wie es Marcel Werdenberg formuliert.

"Am meisten hatte mich die extreme Durchrostung der Heckklappenaufnahme schockiert, weil das von außen überhaupt nicht sichtbar war", sagt er. Eher amüsant fand er hingegen jenen Händler in England, der mit Gebrauchtware handelte. Der hatte in einem Schuppen 20 marode und teils zerpflückte Interceptor stehen, und bei einem dieser Wagen trennte er kurzerhand mit einer Flex das Dachteil mit der noch gesunden Heckklappenaufnahme heraus.

Der Spengler in der Schweiz nahm dieses Mitbringsel aber nur als Muster und fertigte dann die benötigten Blechprofile lieber selbst an. Auch andere Karosseriepartien stellte er mit Eigenanfertigungen wieder in Stand, und an anderen Stellen bevorzugte er die sogenannte Abschnittsreparatur. Das heißt, er verwendete zum Beispiel von einem neuen Kotflügel nur bestimmte Abschnitte statt ihn komplett neu einzuschweißen, um möglichst viel der noch guten vorhandenen Substanz zu erhalten.

Um die Heckklappenaufnahme erneuern zu können, musste jedoch der Dachhimmel gelöst werden, der dabei allerdings Schaden nahm. Doch mit Hilfe eines Sattlers, der auch neue Bodenteppiche nach den Originalvorlagen anfertigte, konnte der Himmel erneuert werden. Die sympathische leichte Patina der schwarzen Ledersitze blieb dagegen unangetastet.

Nostalgische Gründe für die nicht originale Lackierung

Nach Abschluss der Blecharbeiten stand endlich die Lackierung an. Doch welche Farbe nehmen? Aus einem alten Dokument geht hervor, dass der damals neue Jensen am 8. Mai 1970 mit der Fähre um 18.30 Uhr von Dover nach Ostende überführt worden war, lackiert in "fawn", also in Rehbraun.

Der Erstbesitzer, über den nichts bekannt ist, hatte offenbar kurz nach dem Kauf das Auto in den beiden Grüntönen lackieren lassen, in denen sich der Wagen auch heute wieder präsentiert. Denn Marcel Werdenberg wollte den Jensen so haben, wie er ihn von Anfang an in Erinnerung hatte.

Etwas mühsamer als gedacht verlief übrigens der Zusammenbau des Interceptor. Denn es zeigte sich, dass nach so langer Zeit die Beschriftung der demontierten Teile nicht genügte. Man hätte zusätzlich Fotos machen sollen, was sehr viel Zeit bei der Montage gespart hätte.

"Profis hätten vieles sowieso schneller erledigt, als ich das zusammen mit meiner Frau konnte", gibt Marcel Werdenberg zu. Immerhin besitzt er aber die entsprechenden Kenntnisse, um die Überholung des Fahrwerks und speziell der Bremsanlage selbst durchführen zu können.

Was alles am Jensen repariert und restauriert worden ist, darüber hat Gattin Iris eine Übersicht angelegt. Außerdem achtet sie auf die Erledigung nötiger Service-Arbeiten. Marcel Werdenbergs Leidenschaft für den Jensen, die einst seine Mutter entfachte, wird nicht zuletzt dank seiner Frau so schnell nicht erlöschen - zumal sie mittlerweile Präsidentin des Schweizer Jensen Clubs ist.

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