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Restaurierung VW 1303

Goldfieber

Foto: Hardy Mutschler 19 Bilder

Der - oder keiner. Das wusste Norbert Kilens, als er dem goldenen 1303 das erste Mal begegnete. Doch dann barg der Luxus-Käfer noch eine Menge Arbeit.

06.02.2007 Thomas Wirth Powered by

Entdeckt auf einem Schwimmbad-Parkplatz

Der Parkplatz vor dem Schwimmbad in Heiligenhaus ist exakt das, was man von ihm erwartet – ein Parkplatz. Als solcher scheint er kaum als Bühne großer Emotionen geeignet. Doch im Leben geschieht vieles, ohne Rücksicht auf einen würdigen Rahmen zu nehmen.

Die Situation war damals, an jenem Sommertag im Jahr 2002, folgende: Norbert Kilens, Vermessungsingenieur im Außendienst, hatte zur Mittagspause gehalten, und zwar auf besagtem Parkplatz vor dem Schwimmbad in Heiligenhaus.

Und dann kam er, unüberhörbar nagelnd, der luftgekühlte Boxer. Am Steuer des goldmetallicfarbenen VW 1303 eine Dame, sie parkte und stieg aus. Er sprach sie an, den Käfer im Blick. Zwei Mal pro Woche fahre sie mit ihm zum Schwimmen, mehr nicht. Und im Winter nehme sie ein Taxi. Eine richtige Dame war sie, erinnert sich Kilens: zierlich, elegant - und selbstbewusst.

So stand Emilie Knapp, 89 Jahre alt, neben ihrem goldenen 1303, von dem Norbert Kilens ahnte, dass sein Zustand alles andere als perfekt war. Dennoch bot sich der Käfer-Fan, der nun seit zehn Jahren ohne Käfer lebte, als Käufer an.

Erstes Abenteuer: Mit der Baustelle nach Hause

Sie zögerte, noch. Nur wenige Monate später rief Emilie Knapp ihn an. Sie würde ihren Käfer nun verkaufen. Für 1.500 Euro, schließlich sei er bereits ein Oldtimer. Und es gäbe, warf sie ein, noch einen zweiten Interessenten. Beide verhandelten lange, aber letztlich erfolgreich. Nur den umfangreichen Ordner, in dem sie alle Papiere über den Käfer gesammelt hatte, behielt sie: "Den kriegen Sie nicht", beschied ihm Frau Knapp resolut.

"Ich wusste, dass ich eine Baustelle gekauft hatte", sagt Kilens, "aber ich hatte nicht geahnt, dass sie so groß werden sollte." Schon die erste Fahrt war eine Katastrophe: Auf den zehn Kilometern zu ihm nach Hause starb der Boxer rund ein Dutzend Mal ab. "Das passiert manchmal", hatte Emilie Knapp noch gesagt, "dann starten sie ihn einfach wieder."

Doch er sprang nicht an, wie sie es versprochen hatte. Wann war der 1303 zum letzten Mal so weit gefahren? War er es je? Kilens gelang die Heimholung schließlich. Auch der Fehler war schnell gefunden: Ein Fremdkörper saß im Zulauf zur Schwimmerkammer. Heute halten zwei Benzinfilter, einer direkt am Tank, einer vor der Pumpe, allen Schmutz zurück.

Die gute (Original-) Ersatzteil-Lage hilft

Schwieriger gestaltete sich die Lösung der zweiten Aufgabe auf Kilens’ Liste. Das Einstellen der Ventile wollte nicht gelingen, die Schrauben hatten gefressen. Wie lange lag der letzte Service zurück? Die Lösung war einfach: Kilens baute die Kipphebelwelle samt Lagerböcken aus und ließ bei seinem VW-Autohaus neue Schrauben einsetzen. "Ich konnte sogar darauf warten", sagt er, "und für die Arbeit haben sie nicht einmal etwas berechnet."

Auch dieses Erlebnis war es, dass ihn dazu brachte, Ersatzteile direkt bei Volkswagen einzukaufen. "Nahezu alles war lieferbar", erinnert er sich und berichtet auch von den schlechten Erfahrungen, die er mit Internetbestellungen und Einkäufen auf Teilemärkten gemacht hatte: "Oft ist die Qualität deutlich schlechter, und die Preise liegen mitunter sogar höher."

Doch auch die originalen Teile passten nicht immer, wie er und Stefan Wienzek feststellen mussten. Sein Freund aus alten Tagen, ein Lackierer und Karosseriebauer, half Kilens beim Sanieren der Karosserie. Die rostigen und verbeulten Kotflügel sollten neuen weichen. Einer der vorderen passte, doch der andere stemmte sich mit aller Gewalt gegen jeden Anpassversuch. Zwei Mal pendelte er zwischen Kilens und Volkswagen hin und her, bis schließlich ein passendes Exemplar kam. "Sieht man den Aufwand", sagt Kilens, "dann hätten wir vermutlich die Originale richten können."

Kilens Motto: Originalsubstanz erhalten

Norbert Kilens lag viel an der vorgefundenen Substanz. So konnte er . nach Einweichen in Seifenlauge .die alten, farblich passenden Kotflügelkeder wieder einbauen. "In Schwarz gibt es problemlos neue", sagt er, "aber eben nicht in der Wagenfarbe."

Schon früh legten er und Wienzeck fest, die Teile des originalen Lacks zu erhalten, die in gutem Zustand den Lauf der Jahre überdauert hatten. Das Dach und der Vorderwagen zählten dazu, und so überlebte auch der Lackaufkleber, der das noble Gold als "Hellasmetallic L 98 C" kennzeichnet.

Der Rest des Blechs verlangte allerdings nach Schweißarbeiten. Es waren typische Stellen, die zerfressen waren: So demontierte Stefan Wienzeck die Außenhäute der Türen, um unten handgefertigte Blechstreifen stumpf einzuschweißen. Rost zeigten auch die Areale der Kotflügelbefestigung, doch in den gefährdeten Seitenteilen hinter den B-Säulen war fast keine Korrosion zu finden.

Es war wohl Glück, dass Emilie Knapp die defekten Heizklappen ihres Käfers nie reparieren ließ: So ersparte sie dem Blech den ständigen Wechsel von warm und kalt, der in den Heizkanälen Kondenswasser produziert – und das beschleunigt den Rost im Schwellerbereich. Heute funktioniert die restaurierte Heizanlage wieder, doch Kilens benutzt sie nie.

Oberstes Gebot: Dauerhafter Rostschutz

Die Rostvorsorge war ihm wichtig. Deshalb sitzen die Trittbretter nun nicht mehr, wie einst ab Werk, direkt am Blech der Karosserie. Er hat sie mit Kunststoffringen auf Distanz montiert, um zukünftig jede Korrosion auszuschließen. Und derzeit überlegt er noch, Innenkotflügel zu montieren, um diese anfälligen Bereiche dauerhaft zu schützen.

Mit einem weiteren Freund ging Norbert Kilens die Aufgabe an, den Motor zu überholen. Es ist, wie die Nummer belegt, noch das Exemplar, das der Konzern einst eingebaut hatte. Seine 76.000 Kilometer Gesamtlaufleistung belegt der gute Zustand der Technik. Sogar das kleine Messingröhrchen, das der zweite Zylinder irgendwann aus dem Vergaser angesaugt hatte, war völlig ohne Spuren verbrannt - das einzige, aber typische Indiz war eine verbogene Elektrode der Zündkerze.

Trotz des permanenten Kurzstreckenbetriebs fand sich kein Ölschlamm im Motor. Allein der Einfüllstutzen aus Blech hatte dem Kondenswasser nicht standgehalten und war durchgerostet. Die Folge zeigte sich in einer feinen Öl-Schmutz- Melange, die sich im gesamten Motorraum niedergeschlagen hatte.

Besser gemacht

Mit neuen Ventilen und gehärteten Auslass-Sitzringen, die den Bleifreibetrieb ohne Risiko erlauben, mit einem Tausch der Stößelrohre und der Dichtungen blieb der Aufwand im Rahmen einer üblichen, kleinen Motorüberholung.

Wie viele Käfer- und Bus-Motoren litt auch Kilens’ Exemplar unter einer festgegangenen Kühlluftregelung. Die beiden Klappen samt ihrer Verbindungsstange verharrten nahezu geschlossen und saßen wie festgeschweißt. Die Folge: Es gelangt kaum Kühlluft an die Zylinder. Auf schnellen Etappen sorgt dies besonders beim empfindlichen dritten Zylinder für Überhitzung. Doch richtig warm war dem Käfer auf dem Weg zum Schwimmbad Heiligenhaus wohl selten geworden.

Kilens verzichtete auf diese Mechanik und das mit ihr verbundene Risiko. Dafür achtet er beim Kaltstart auf sensiblen Umgang mit dem Gaspedal: "Die Gefahr der Überhitzung ist so gebannt."

Lohn der Arbeit ist ein sparsamer Käfer

Dem Käfer ist das Programm bekommen. Er läuft und läuft und läuft wie einst, und ab und zu nutzt ihn Norbert Kilens sogar für Einsätze im Außendienst. "Nur rund neun Liter verbraucht er dabei", sagt er. Der unbändige Spritsäufer, als der er oft kolportiert wurde, ist der 1303 also nicht.

Eines jedoch hat der Lauf der Dinge nicht mehr zugelassen: Das Wiedersehen mit seiner ehemaligen Besitzerin, das sich alle gewünscht hatten. Emilie Knapp war nur zehn Monate nach dem Verkauf gestorben. Und den Ordner, in dem sie die vielen Unterlagen gesammelt hatte, muss einer der Erben entsorgt haben.

Doch ihre Geschichte lebt in ihrem Käfer weiter. Norbert Kilens kennt die Anekdoten. Dass sie schwamm, weil sie als Turmspringerin bei den Olympischen Spielen 1936 dabei war. Und wie wild das Leben damals war - mit Feiern, Trinken, Rauchen. Geraucht hat Emilie Knapp bis zuletzt, auch im Auto. Nur den Ascher benutzte sie dabei nie. Dafür war ihr der goldene Käfer zu fein.

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