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Rétromobile Paris 2014 - Blitzvisite im TGV

Paris, mon amour

Retromobile Paris 2014 Foto: Franz-Peter Hudek 28 Bilder

Franz-Peter Hudek besuchte erstmals die Rétromobile in Paris und reiste von Stuttgart aus an einem Tag hin und zurück. Hat sich der Aufwand gelohnt?

07.02.2014 Franz-Peter Hudek Powered by

Es ist 6 Uhr 50. Irgendwo in der Großbaustelle des Stuttgarter Bahnhofs wartet der silbergraue Super-Schnellzug TGV nach Paris, der dort in dreieinhalb Stunden ankommen wird. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass es sich um Doppelstock-Waggons handelt, die bei uns normalerweise nur bei Bummel- und Vorortzügen zum Einsatz kommen. Aber die Franzosen haben offenbar ihre Schienenfahrzeuge gut im Griff: Hinter Straßburg pendelt sich das Reisetempo zwischen 310 und 330 km/h ein. Und der hoch bauende Doppelstöcker bleibt brav in seiner Spur.

Sunbeam 450 cv
Rekordfahrzeuge auf der Retromobile 2014 20 Sek.

Komplettes Oldtimer-Spektrum in einer Halle

Vom Gare de L’Est bis zum Parc des Expositions de la Porte Versailles, wo die Rétromobile stattfindet, sind es mit der Metro (einmal Umsteigen) rund 30 Minuten. Gegen 11 Uhr 30 durchschreite ich den Haupteingang in die Halle 1 des weitläufigen Messegeländes, dessen erste Bauten noch aus dem Jahr 1923 stammen.

Die Halle 1 zählt zu den jüngeren und stammt wohl aus den Neunzigern. In ihr ist auf einem fast quadratischen Grundriss die komplette Oldtimer-Messe mit dem üblichen Spektrum untergebracht: eine Großauktion von Artcurial, große und kleine Oldtimer-Händler, Ersatzteil-Markt, Modellautos, Clubs, Automobilia und Nippes. Im Vergleich zur Techno Classica oder Retro Classics in Stuttgart ist die Gewichtung jedoch völlig verschieden.

Pagodenfreie Zone

Es beginnt bereits mit den mehr als 500 präsentierten Autos, die zu Dreiviertel aus Frankreich und Italien stammen. Man hält es kaum für möglich: Kein Mercedes Pagode! Keine Heckflosse! Kein Ponton! Kein SE-Coupé oder Cabrio! Kein 107er-Roadster (falls ich welche übersehen habe: Sorry). Und es kommt noch härter: Vielleicht gerade mal 3 oder 4 Porsche 911. Hat das Probleme gemacht? Ehrlich gesagt: Überhaupt nicht - man kennt ja alle.

Weitere Unterschiede: Ersatzteile und Werkstattzubehör gibt es nur im engen Rahmen, Gebrauchtware nur in Form von Modellautos. Deren Händler sind dagegen am häufigsten vertreten, gefolgt von Literatur mit Büchern, Prospekten, Zeitschriften etc. (auch viel antiquarisch). Die Clubs treten flächenmäßig sehr bescheiden auf, bringen aber dafür echte Raritäten zur Messe. Und alles auf rotem Teppichboden.

Auch die Werksauftritte der Marken von Citroën, Mercedes, Peugeot, Renault, Skoda Porsche und anderen gestalten sich vergleichsweise bescheiden. Im Durchschnitt zeigt jeder Hersteller zwischen 5 und 10 Autos. Relativ groß ist dagegen die Fläche mit Gemälden und anderen Kunstwerken zum Thema Automobil-Klassiker. Man spürt hier die Nähe zum Pariser Künstlerviertel Montmartre.

Wieviele Wow-Effekte gab es in Paris?

Die wichtigste Bilanz nach einem Messebesuch lautet immer: Wie viele Wow-Effekte gab es? Wie oft muss man sich beim Rundgang sagen: Mensch, so etwas habe ich noch nie gesehen, gut dass ich hergekommen bin? Soviel kann ich jetzt schon verraten: eigentlich dauernd. Meinen beiden Kollegen Kai Klauder und Dirk Johae ging es ähnlich, auch sie berichten über ihre Eindrücke und Favoriten. Hier sind eine kleine Auswahl meiner Messe-Kracher:

Im wahrsten Sinne des Wortes die beiden Rekordfahrzeuge aus den Zwanzigern "La BABS" mit über 500 PS aus 27 Liter Hubraum und der blaue Sunbeam mit 350 PS aus 18,3 Liter Hubraum. Beide V12-Motoren stammen aus Flugzeugen. Die Kettenmonster liefen damals 275 und 242 km/h. John Parry-Thomas, der Fahrer von Babs, verunglückte darin am 3.März 1927 auf den Pendine Sands in Wales tödlich. Das Auto wurde an Ort und Stelle im Sand entsorgt, wo man es erst 1969 ausgrub und restaurierte. Beide Rekordfahrzeuge hat man um die Mittagszeit vor die Messehalle gerollt und ihre Motoren gestartet (siehe Foto-Show und Video).

Weiter geht es mit den Wow-Effekten bei den Panzern und Lastwagen aus dem Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren ausbrach. Es ist schon eher ein Grusel-Effekt, den die Zwei-Mann-Panzer von Renault bei mir auslösen. Sie krochen im Schneckentempo (2-3 km/h) über die Schützengräben und waren deshalb relativ einfach mit Haftmienen oder mit Geschützen zu stoppen. Renault baute davon über 3.000 Stück.

Typisch Paris: Viele Rennsport-Klassiker

Typisch für Frankreich sind die vielen Rennwagen, die in Paris zu sehen sind. Die Franzosen haben ja mit der Tour Auto und Le Mans Classic zwei hochkarätige Rennsport-Events, bei denen es richtig zur Sache geht. Auf der Rétromobile fasziniert mich eine ganze Reihe an Alfa Romeo Bertone-Coupés im echten Racing-Look, die das Auktionshaus Artcurial zu Preisen zwischen 150.000 und 230.000 Euro anbietet. Alle in Paris angebotenen Artcurial-Klassiker sind übrigens auf www.artcurial.com/en/departments/classic_and_racing_cars aufgeführt und exakt beschrieben. Darunter natürlich viele teure Exoten, aber auch einige interessante Alfa-Youngtimer wie ein 155 Q4 für 7.000 bis 10.000 Euro. Die Auktion findet am 9. Februar statt.

Renault zeigt mehrere Espace-Generationen und als ganz besonderen Hingucker den Stufenheck-Van "Projet 900" aus dem Jahr 1959. Der Karosserie-Entwurf, bei dem Fahrer und Beifahrer direkt auf der Vorderachse sitzen, stammt von Ghia. Im Heck arbeitet ein V8-Motor, der aus zwei Vierzylinder-Blöcken des Renault Dauphine besteht: 1,7 Liter Hubraum, 90 PS und 140 km/h. Zu weiteren persönlichen Highlights kann man sich auf meiner Foto-Show durchklicken.

Zurück geht's 60 km/h langsamer

Zurück nach Stuttgart geht es dann um 19 Uhr sechs im ICE der Bundesbahn. Ankunft in Stuttgart kurz nach 23 Uhr. Der ICE fährt übrigens ohne Doppelstock-Waggons auf der Schnellstrecke nach Straßburg gerade mal 270 km/h. Das ganze Unternehmen hat mit Metro-Ticket und Eintrittskarte etwas über 100 Euro gekostet. Wichtig ist nur, dass man die Fahrkarte möglichst mehrere Wochen vorher schon bucht. Also dann im nächsten Jahr: auf zur Rétromobile mit dem TGV. Wer dieses Jahr noch hin möchte, der hat bis zum Sonntag Zeit. Es lohnt sich, ganz besonders für Pagoden-Besitzer, die mal etwas anderes sehen wollen.

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