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Ross Brawn

"Ich kann keine Wunder wirken"

Foto: Honda F1

Drei Monate ist Ross Brawn nun im Amt als neuer Chef des Honda F1-Teams. Im Interview mit auto motor und sport spricht der Brite über seine nächsten Aufgaben und darüber, wie er den japanischen Rennstall wieder zurück an die Spitze führen will.

19.02.2008 Michael Schmidt Powered by

Sie hatten ein Jahr Urlaub. Fiel es Ihnen schwer, wieder ins Arbeitsleben zurückzufinden?
Brawn: Weniger schwer als erwartet. Das liegt vielleicht am Reiz der neue Aufgabe. Ein Freund hatte mich gewarnt, er habe in einer ähnlichen Situation drei Monte gebraucht, bis er wieder Fuß fassen konnte. Ich hatte eigentlich nur eine kurze Anlaufphase, bis der Motor im Kopf wieder auf vollen Touren lief.

Konnten Sie mit einem weißen Blatt Papier beginnen?
Brawn: Es gibt nichts bei Honda, was ich nicht ändern könnte, wenn ich es wollte. Das war auch ein wichtiger Punkt bei meinen Gesprächen mit Honda: Was erwarten sie von mir, welche Verantwortung bekomme ich übertragen? Ich bin ein Angestellter von Honda, ein Teil des Teams, und ich will auch nicht die Philosophie von Honda umkrempeln. Deshalb plane ich den Beitrag, den die japanische Entwicklungsabteilung liefert, besser zu nutzen. Das ist ein Pluspunkt, den es in keinem anderem Team gibt. In der Vergangenheit wurden viele Ideen aus Japan vom Rennteam in England nicht ernst genommen oder verworfen. Das lag meistens daran, dass die Aufgabenstellung nach Japan schon falsch formuliert worden ist. Das Rennteam hat Honda immer noch wie einen Motorenlieferanten behandelt, nicht als gleichwertigen Partner.

Wie sieht Ihre Aufgabenbeschreibung aus?
Brawn: Die guten Einrichtungen so nutzen, dass sie Ergebnisse bringen. Die Leute an den richtigen Platz setzen. Die Arbeitsmethodik so zu modifizieren, dass sie effizient ist.

Jedes Team hat seine eigene Kultur. Können Sie so einfach Ferrari-Mechanismen auf Honda übertragen?
Brawn: So verschieden sind die beiden Teams gar nicht. Ferrari ist in einigen Bereichen besser aufgestellt, Honda in anderen. In Maranello ist mehr Erfahrung vorhanden, da müssen wir nachlegen. Dafür hat Honda besser ausgerüstete Windkanäle. Wenn wir wollten, könnten wir vier Windkanäle nutzen. Das bessere Werkzeug bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass etwas Besseres dabei rauskommt. Meine Aufgabe ist es, das sicherzustellen.

Wieviel müssen Sie bei Honda ändern?
Brawn: Ich will nicht als der Messias auftreten und den Leuten technische Lösungen vorschreiben. Sie müssen jeden Schritt verstehen. Wenn du etwas am Auto änderst, und es wird schneller, du weißt aber nicht warum, dann wird das eine Eintagsfliege bleiben. Im letzten Jahr wurde blind in alle Richtungen geschossen, in der Hoffnung zu treffen. Es gab insgesamt drei verschiedene Hinterradaufhängungen. Eine Hinterradaufhängung löst in der Regel nicht deine Aerodynamikprobleme. Der Aktionismus hat nur Energien verschwendet. Es gibt sehr gute Leute hier bei Honda. Sie haben nur ihre Rolle in ihrem Aufgabengebiet nicht verstanden. Sie haben Ergebnisse kommentiert statt sie zu beeinflussen. Wir müssen wieder Selbstvertrauen finden. Selbstvertrauen durch Verständnis.

Wie groß ist der Nachteil, dass der Partner in Japan sitzt?
Brawn: Das bringt einige logistische Schwierigkeiten mit sich, aber nicht mehr. Ich will Japan besser in das Team integrieren. Tokio darf keine Außenstelle sein, dafür können wir zuviel von deren Wissen profitieren. Deshalb muss als erstes der Informationsaustausch zwischen Japan und England verbessert werden. Japaner haben ihre eigene Kultur, aber man muss sie als Stärke und nicht als Schwäche begreifen.

Wie groß ist die Gefahr, dass einige Leute im Team glauben, mit Ross Brawn an der Spitze wende sich automatisch alles zum Guten?
Brawn: Ich arbeite hart daran, dass keiner in diesen Glauben verfällt. Ich kann keine Wunder wirken, weil es Wunder in der Formel 1 nicht gibt. Was ich dem Team geben kann, ist eine Richtlinie. Ich bin eine verlässliche Größe, und das schafft Stabilität.

Bei Ferrari hat es von 1996 bis 1999 gedauert, bis der erste Konstrukteurstitel nach Maranello ging. Wird es bei Honda auch drei Jahre dauern?
Brawn: Gut möglich, ja. Meiner Meinung nach müssen wir in dieser Zeitspanne in der Lage sein, ein respektables Ergebnis vorzuweisen. In der Saison 2009 wird man zum ersten Mal sehen, ob unser Weg richtig ist. Honda ist nicht interessiert an kurzfristigen Lösungen, die nur dazu taugen, das Gesicht zu wahren. Man hat mir keine Frist gesetzt, nur einen Auftrag: Es muss kontinuierlich Fortschritte geben.

Und was ist ein realistisches Ziel für dieses Jahr?
Brawn: Wir müssen Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, mit jeder Entwicklungsstufe besser werden, und uns in die Lage versetzen, regelmäßig Punkte sammeln zu können.

Hatten Sie noch Einfluss auf das neue Auto?
Brawn: Technisch kaum, auf die Prioritäten im Entwicklungsprogramm schon. Wir sind spät dran, weil die Fehleranalyse lange gedauert hat. Deshalb zeigen wir das neue Auto auf Raten. Zu Beginn bringen wir eine Basisversion, von der man sich keine großartigen Rundenzeiten erwarten darf. Was Sie beim ersten Test in Valencia gesehen haben, war ein Sammelsurium aus gerade fertiggestellten Teilen. Ab dem zweiten Test kommen Schritt für Schritt neue Aerodynamikteile ans Auto. Das lässt dann schon eine bessere Einstufung zu. Die endgültige Ausbaustufe und den großen Schritt erwarten wir aber erst kurz vor dem Saisonbeginn.

Wie ist Ihr Eindruck von dem Auto, was Ihnen Ihre Ingenieure da hingestellt haben?
Brawn: Wir wissen sehr genau, was im letzten Jahr schiefgelaufen ist, und meiner Meinung nach hatten die Ingenieure auch die richtigen Ideen, das Hauptübel abzustellen. Die Aerodynamik war zu sensibel. Das Vorjahresauto hatte zwar sehr viel Abtrieb, aber der war nicht konstant. Das hat es für die Fahrer in seinen Reaktionen unberechenbar gemacht. Button und Barrichello haben gleich in den ersten Runden gespürt, dass der neue RA108 viel gutmütiger reagiert.

Wie gut sind Ihre Fahrer?
Brawn: Ich kenne nur Barrichello von seiner Zeit bei Ferrari. Deshalb kann ich sagen: Gib ihm ein Siegerauto, und er wird gewinnen. Er hätte zwei Mal Weltmeister werden können, wäre ihm nicht Michael Schumacher im Weg gestanden. Jenson Button kann ich nur aus der Distanz beurteilen. Er ist im letzten Jahr einige exzellente Rennen gefahren, die leider untergingen, weil sie irgendwo im Mittelfeld stattfanden. An den Fahrern lag es nicht, dass Honda 2007 eine schwache Saison hatte.

FIA-Präsident Max Mosley redet über Budget-Begrenzungen. Wäre das für große Teams wie Honda ein Nachteil?
Brawn: Prinzipiell sind wir für den Vorschlag, auch wenn es sehr schwierig wird, eine klare Definition für das zu finden, was zu dem Budget zählt. Bei Herstellern ist es besonders schwierig. Wir profitieren von den Ergebnis der Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Japan. Welcher Anteil davon wird dem Rennteam angerechnet? Das setzt sich im kleinen fort. Sie gehen mit einem Bremsenhersteller eine Entwicklungspartnerschaft ein. Der Lieferant bezahlt einen Teil der Kosten. Wie wird das eingerechnet? Es bedarf eines sehr klugen Systems das alles zu kontrollieren, aber im Endeffekt ist es immer noch besser wie der Alternativvorschlag, die Aerodynamik und die Computersimulation einzuschränken. Zu sagen, dass nur noch acht Leute am CFD-Computer arbeiten dürfen, ist unmöglich zu überwachen. Honda wäre an einer derart eingeschränkten Formel 1 auch nicht interessiert.

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