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Rundgang Tokio Motor Show 2011

Lächelnde Japaner unter Strom

Tokio Motor Show 2011, Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn Foto: Jens Katemann 30 Bilder

Immer schön Lächeln, lautet das Motto auf der diesjährigen Tokio Motor Show. Doch die Stimmung hinter den Ständen ist getrübt - und das nicht nur wegen Tsunami, Atomunfall und Flutkatastrophe, sondern auch wegen des starken Yens.

30.11.2011 Jens Katemann

Alles Hampelmänner - nur so lässt sich das beschreiben, was sich da morgens um sieben Uhr auf einer Baustelle in der Tokioter Innenstadt abspielt. Die Bauarbeiter machen tatsächlich Frühsport im Kollektiv. Drumherum wuselt der Verkehr zwischen den zahlreichen Hochhäusern, es wimmelt von Menschen, die in ihre Bürotürme strömen. Als hätte es den verheerenden Tsunami und die Atomkatastrophe von Fukushima nie gegeben. Auch die Stände auf der Tokio Motor Show, jetzt in einem neuen futuristischen Gebäude beheimatet, signalisieren Optimismus. Dabei steht die japanische Autoindustrie unter einem Druck, wie sie ihn lange nicht verspürt hat.

Doch manche Probleme werden weggelächelt, bunt inszeniert überspielt. Der große Trend auf der diesjährigen Tokio Motor Show heißt mal wieder Elektromobilität. Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn berichtet der anwesenden Weltpresse, wie viel CO2 er schon mit dem Elektroauto Leaf, von dem 20.000 Einheiten weltweit verkauft wurden, bereits eingespart hat. Wie der Strom für den Betrieb des Leaf produziert wurde, hat er allerdings in seiner Rechnung nicht berücksichtigt. Egal, Hauptsache Zero Emission Vehicle. Kein Wunder: Schließlich wollen die Japaner bis 2020 über zwei Millionen E-Autos bauen. Wo der Strom dafür herkommen soll? Bitte lächeln!

Ausrangierte Batterien als Zwischenspeicher im Mitsubishi MiEV-Haus

Das Ganze geht sogar noch weiter: Nissan zeigt gleich ein ganzes Haus, in dass das Energiemanagement eines Elektroauto integriert wird. Das in Anlehnung an den gleichnamigen Elektrowagen so genannte MiEV-Haus von Mitsubishi nutzt nicht, wie phonetisch zu vermuten, Energie aus Biomasse, sondern ausrangierte Batterien aus alten E-Autos zur Speicherung von elektrischer Energie in Haushalten. So kann in Spitzen produzierter Strom zwischengespeichert und damit Elektroautos geladen werden. Überhaupt stehen alle Japaner unter Strom. Kein Stand ohne E-Auto, Plug-In-Hybrid, Brennstoffzellenfahrzeug oder E-Roller.

Die Realität sieht dagegen noch bescheiden aus: Gayu Uesugi, Entwicklungschef von Mitsubishi erwartet, dass sein Unternehmen bis Ende des Geschäftsjahres (März 2012) nur knapp 10.000 Elektroautos bauen wird, nächstes Jahr werden es mit etwas Glück 25.000. Ohne Partnerschaften würde das Ganze überhaupt nicht funktionieren. Den E-Kleinwagen i-MiEV verkaufen ja schon Peugeot und Citroen, nun folgt im nächsten Jahr ein kleines Nutzfahrzeug für Japan, das von Suzuki und Nissan übernommen wird. Nur gemeinsam kommen sie auf die notwendigen Stückzahlen, um das Auto zum angepeilten Preis von 17.000 Euro anbieten zu können.

In der "Smart Mobility City", einer herstellerübergreifenden Ausstellung für Zukunftstechnologien, hätten sich die Hampelmänner von der Baustelle sicherlich auch wohl gefühlt. Wahrscheinlich mittellose Studenten belustigen in skurrilen Kostümen die Besucher. So hüpft einer als überdimensionales Logo eines Automobilclubs durch die Halle. Der Club hat sich offenbar der Verkehrssicherheit verschrieben. In einem Video wird´s erklärt, dazu präsentiert eine überaus gut gelaunte junge Dame eine neongelbe Warnweste.

Starke Währung sorgt für getrübte Stimmung

Auch wenn die Tokio Motor Show auf fröhlich macht, die Stimmung in den Hinterzimmern der Messestände ist getrübt. Und das nicht nur, weil die Chinesen und Koreaner auf dem besten Weg sind, den Japanern das Wasser abzugraben. Immerhin hat der Hyundai-Konzern seinen Absatz in den vergangenen zehn Jahren auf über fünf Millionen Einheiten verdoppelt. Auch nicht wegen der Folgen der Naturkatastrophe. Nahezu alle hiesigen Autobauer haben die Produktionsausfälle wieder aufgeholt, werden bis Ende März 2012, wenn das Geschäftsjahr in Japan endet, so viele Autos bauen wie im Vorjahr - einige sogar deutlich mehr. Es ist vielmehr die starke Währung, die an den Gewinnen der japanischen Autobauer knabbert. Das gilt vor allem für diejenigen, die ausschließlich oder zumindest hauptsächlich in Japan produzieren.

Dazu gehört auch Mazda, deren einziges Werk außerhalb Japans in Mexiko erst im Jahr 2013 die Produktion aufnimmt. Los geht es dann auch nur mit weniger als 200.000 Einheiten im Jahr - ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, dass Mazda in diesem Geschäftsjahr (endet am 31. März 2012) voraussichtlich über eine Million Fahrzeuge produzieren wird.

Immerhin hat das Unternehmen mit dem neuen CX-5 einen vielversprechenden neuen kompakten Offroader im Programm, der ab April 2012 bei uns in den Handel geht. Mit ihm rollt Mazda außerdem die neue Motorenpalette namens Sky Activ aus. Der Clou: Die neuen Benzin- und Diesel-Triebwerke sind sich baulich so ähnlich, dass sie mit den gleichen Maschinen von einem Band laufen können. "Das sorgt für hohe Stückzahlen bei baugleichen Teilen und reduziert unsere Kosten deutlich", sagt Jeff Gayton, Chef von Mazda Europa. Und sparsamer und leistungsstärker sind sie übrigens auch.

Toyota auffallend kämpferisch

Die größte Show von allen liefert allerdings der Branchenriese Toyota ab. Gleich sechs Konzeptfahrzeuge sollen das Vertrauen in die Innovationskraft des Hybrid-Pioniers wieder herstellen. Überall auf dem Stand prangt auf Säulen der Slogan "reborn" - auf Deutsch wiedergeboren. Die Bandbreite reicht vom voll interaktiven, internetfähigen Spaßmobil bis über ein geräumiges Brennstoffzellen-Fahrzeug bis zum Sportwagen GT 86. Über allem steht das Motto: Fun to drive, again. Es macht wieder Spaß, zu fahren. Nur damit wir uns nicht falsch verstehen, Toyota-Chef Akio Toyoda geht es nicht darum, seine Autos auf das Handling-Niveau eines Audi zu trimmen. Toyoda versteht den diesjährigen Auftritt seiner Marke mehr als Wiedergeburt der gebeutelten japanischen Autoindustrie, die von Tsunami, Atomunfall und zuletzt der Flutkatastrophe in Thailand, wo viele japanische Autohersteller produzieren und 300 Zulieferer im wahrsten Sinne des Wortes untergegangen sind, schwer getroffen wurde. In einer emotionalen, ja kämpferischen Rede am ersten Pressetag stellte er klar, dass sich die Japaner nicht unterkriegen lassen werden.

Und die Laune lassen sie sich schon gar nicht verderben. Denn was wäre die Tokio Motor Show ohne ihre skurrilen blechgewordenen Zukunftsvisionen? Was zum Beispiel da in der "Smart Mobility City" steht, hat etwas von den Transformers im Teletubby-Land. Drei bunte Mini-Mobile der Firma Kobot. Eine Mischung aus Kobold und Roboter. Transformers eben. Nicht minder unwirklich ist die 5,1 Meter lange, vierachsige Limousinen-Studie der Eliica der Keio Universität. Das Gerät soll mit Hilfe seiner acht Radnarbenmotoren (800 PS) in 7,04 Sekunden auf 160 km/h beschleunigen und eine Höchstgeschwindigkeit von 370 km/h erreichen. Man habe bei den Tests einen Porsche 911 Turbo verblasen, heißt es in der ausliegenden Broschüre.

"Hätten die doch besser ein fliegendes Auto erfunden", geht es einem auf dem Rückweg zum Hotel im Mega-Stau durch den Kopf. Wir schleichen an der Baustelle von heute Morgen vorbei. Die Bauarbeiter haben ihr Tagwerk erledigt. Rund um das dunkle Loch blinkt es wie auf einem mittelgroßen Jahrmarkt. Alle hundert Meter sind zudem uniformierte Menschen mit roten Leuchtstäben postiert, die dafür sorgen, dass nichts passiert bis die Kollegen zum Frühsport anrücken. Die Szenerie gibt einem ein wenig das Gefühl der Sicherheit zurück - in Japan.

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