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Sachsen Classic 2011

Alles fliesst

VW Typ 3, Schloss Hubertusburg Foto: Achim Hartmann 68 Bilder

Alles fließt ... und nichts bleibt gleich – was schon die Griechen wussten, konnten die Teilnehmer der 9. Sachsen Classic gleich mehrfach erleben: bei neuer Routenführung, neuen Highlights und wechselhaftem Wetter.

09.09.2011 Kai Klauder Powered by

Uns erwischt es bei der WP 12 „Görlitz Ring“: „Los, raus!“, ruft mein Beifahrer Andreas Laidig. Wir springen aus dem VW, knöpfen die Persenning ab, klappen das Verdeck nach vorn und verriegeln es mit zwei Hebeln am Scheibenrahmen – genial einfach.

Die ganze Aktion dauert weniger als 60 Sekunden, dabei sind wir nicht in einem modernen Roadster unterwegs, sondern in einem VW Typ 3 Cabriolet. Und der 50 Jahre alte Prototyp überzeugt nicht nur mit seiner Verdeck-Mimik, sondern vor allem mit seinem neutralen Fahrverhalten.

Mit 45 PS durch Sachsen

Die Gewichtsverteilung ist dank des Unterflurmotors im Heck ausgewogen – der Typ 3 macht nichts, was er nicht soll. Eine Servolenkung vermissen wir selbst beim Zirkeln durch die engen Spaliere auf den Marktplätzen nicht, und mit den Kofferräumen vorn und hinten gibt es genügend Ladekapazität für ein längeres Abenteuer wie die Sachsen Classic. Wer jetzt nach der Leistung fragt: Klar, mit 45 PS reißt man keine Bäume aus, doch zum Landstraßengleiten ist der 1,5-Liter-„Pfannkuchen-Boxer“ prädestiniert, das maximale Drehmoment von 105 Nm liegt schon bei 2.000/min an.

So lässt sich der Wagen auch über den komplett unter Wasser liegenden Görlitz Ring sicher steuern. Andere müssen da stärker gegen die Elemente kämpfen. Dabei sah es gestern noch ganz anders aus. Zum Auftakt zeigte das Thermometer auch im Schatten 33 Grad an, und die am häufigsten nachgefragten Ersatzteile waren Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30 aufwärts sowie eine UV-dichte Kopfbedeckung.

Auch manchem Motor wurde die Hitze auf der ersten Etappe zu viel. Ein paar Fahrzeuge machten auf der 108 Kilometer langen Schleife von Dresden über die Neuklingenberger Höhe und den Erzgebirgsring Lichtenberg schlapp und konnten nur mit einem außerplanmäßigen Zwischenstopp im Schatten zum Weitermachen überredet werden. Davon kann am zweiten Tag, bei der internationalen Etappe „Dreiländereck“, keine Rede mehr sein. Denn wer sich auf die gleiche Wetterlage wie beim Auftakt einstellte, wird überrascht.

Scheibenwischer bringen nix

Vormittags bei der Wertungsprüfung „Paul Pietsch“ kommt der erste schwere Regenguss vom Himmel. Thomas Noth lässt zu diesem Zeitpunkt das Verdeck des Jaguar XK 140 DHC noch verpackt: „Einen Engländer macht man doch nicht beim ersten Tropfen zu.“ Recht hat er, und zur Mittagspause im tschechischen Krásná Lípa klart es dann auch wieder auf. Die Teilnehmer können das Volksfest, ein Höhepunkt der 9. Sachsen Classic, bei Sonnenschein genießen.

Nach der Pause folgt dann allerdings ein Unwetter, das auch Dieter Quester im 1938er BMW 328 vom Stuhl haut: „Also so was habe ich noch nie erlebt. In Sekunden war der Himmel duster. Es goss und stürmte. Ich musste den Kopf seitlich aus dem Auto strecken und mit der Hand vorm Gesicht fahren – die Nadelstich-Regentropfen schmerzten zu sehr. Orientiert habe ich mich nur an der Mittellinie. Ein fast blinder Ritt war das. Wenn ich mein eigener Beifahrer gewesen wäre: Ich wäre ausgestiegen.“

Am heftigsten trifft der Platzregen Johannes Gasser und Christian Haake. Die beiden Sunny Boys der Rallye waren in farbenfroher Siebziger-Jahre-Klamotte unterwegs – passend zu ihrem in giftgrünem Glitzerlack lackierten Karmann Buggy. Ihr Fazit: „Scheibenwischer bringen gar nix, wenn das Wasser von der Seite einschlägt.“ Dirk von Barby im Riley 12/4 Special von 1938 nimmt es gelassen: „Wir sind natürlich auch komplett nass geworden. In unserem Auto schwappte das Wasser, und die Wachsjacke hat kapituliert. Aber da muss man eben durch.“

Das „richtige Autofahren“ gibt's hier in Sachsen

Wir müssen da jetzt auch durch – auf dem Görlitz Ring steht das Wasser, es regnet Lametta-Vorhänge, und wir versemmeln die WP gründlich. „Macht nichts“, sagen wir uns aufmunternd, „Hauptsache ist doch, hier unterwegs zu sein.“ Die neue Route mäandert durch die traumhaft schöne Landschaft auf Verbindungswegen der dritten Kategorie. Davon gibt es bei der Sachsen Classic reichlich, denn die Strecke verbindet die Sehenswürdigkeiten des Freistaates auf den „echten Straßen“, wie Carl Hahn die Landstraßen nennt. „Die Sachsen Classic ist immer wieder ein Genuss – das ist einfach noch richtiges Auto fahren.“ Der gebürtige Chemnitzer und ehemalige VW-Chef gründete 1990 die Volkswagen Sachsen GmbH und baute maßgeblich die Automobilindustrie des Freistaates wieder auf. Das hat man ihm nicht vergessen: Bei jeder Ankündigung auf den Marktplätzen jubelt die Menge dem rüstigen 85-Jährigen am Steuer eines Karmann-Ghia Typ 34 Coupé zu.

Überhaupt die Sachsen – ein sympathisches Volk von Automobilbegeisterten. Das erleben wir auf jedem Kilometer, den wir zurücklegen. Überall stehen, sitzen oder picknicken die Zuschauer am Streckenrand und winken begeistert den Teilnehmern zu. Manche werden am nächsten Tag mit einem ausgewachsenen Muskelkater aufwachen.

Sohn von Horch-Konstrukteur macht die Technische Abnahme

Wie sehr die Sachsen mit der 125-jährigen Geschichte des Automobils verwoben sind, können die Teilnehmer auch bei der Technischen Abnahme erfahren: Der verantwortliche TÜV-Prüfer Klaus Joachim trägt das Horch-Gen in sich. „Mein Vater war Konstrukteur bei Horch“, erzählt er, „und mein Großvater der erste Taxiunternehmer in Sachsen. Da bin ich natürlich mit dem Auto und seiner Technik aufgewachsen.“ Sein beruflicher Weg ist somit vorgezeichnet: Joachim wird Diplom-Ingenieur der Kraftfahrzeugtechnik.

Zur Sachsen Classic hat er den Horch-Personalausweis seines Vaters, weitere Dokumente und ein dickes Buch mitgebracht. „Da sind die Berechnungen und Zeichnungen meines Vaters drin.“ Über mehrere Seiten ziehen sich die Formeln zu Belastungsberechnungen sowie Brems-und Sturzwerten, angereichert mit detaillierten Zeichnungen. „Hier zum Beispiel von der Hinterachse des DKW F5 – alles mit Rechenschieber und spitzem Bleistift. Das war noch richtige Qualität.“

Nur zwei haben überlebt

Die können wir auch unserem Typ 3 Cabriolet bescheinigen, die wertige Verarbeitung überzeugte uns auf 652 Kilometern. Die steife Karosserie ächzt nicht mal beim Überfahren von Bahnübergängen oder Schlaglöchern. Wirklich schade, dass dieses gelungene Cabriolet nie in Serie gebaut wurde. Von den elf Prototypen, die bei Karmann entstanden, haben nur zwei überlebt

Ganz schön wankel-mütig: Fahrbericht Mazda RX-4 von Alexander Bloch

„Halt ihn bei Laune!“, der Ruf meines Beifahrers verhallt nicht ungehört im unklimatisierten Japan-Plüsch-Interieur des 1976er Mazda RX-4. Sein 1,3-Liter-Zweikolben-Wankelmotor leidet unter ADS, kurz Akutes-Dreh-Syndrom. Er will rotiert werden, ständig und ohne Unterlass. Dann schnurrt er wie ein Kätzchen, suhlt sich in hohen Touren und spricht gierig auf kleinste Gaspedalbewegungen an.

Aber wehe man vernachlässigt diese Rotationsgier nur für einen Moment, begibt sich gar unter 3.000/min in den Schiebebetrieb, dann protestiert der tief unten in der Karosserie sägende Wankel mit unwirschem Ruckeln, um im Standgas nach langer Fahrt auch mal ganz zu streiken. Das treibt seine Piloten vor den Zeitkontrollen zwar schier zur Verzweiflung und Passanten zum spontanen Anschieben, schmälert aber nicht die Sympathien, die man für dieses in Deutschland nie angebotene Coupé entwickelt.

Dafür cruist der japanische Charakterkerl einfach zu souverän über die Nachlässigkeiten ostdeutschen Straßenbaus, schaltet sich fünfstufig zu knackig und schmiert mit dem Heck zu lässig durch die regennassen Kurven des Deutschland-Rings. Cool wie ein amerikanischer Straßenkreuzer atmet er über lange Wellen und erklärt seinem Fahrer eindeutig: „Lenk schon mal ein, wann ich dann abbiege, entscheide ich.“ Aber vor allem ist er in der schier nicht enden wollenden Mercedes- und Porsche-Oldtimer-Rallye-Phalanx ein erfrischendes Unikat.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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