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Sachsen Classic 2012 - Reise

Ein Erz und eine Seele

Sachsen Classic, 2012, Spezial Foto: Dino Eisele, Peter Kuckenburg 22 Bilder

Die Highlights der Sachsen Classic 2012: Jens Weissflog, Olympiasieger und Skisprung-Weltmeister, ist Erzgebirgler mit Herz und Seele. Im VW-Porsche 914 stellt er Sehenswürdigkeiten seiner Heimat vor, die ihn seit jeher begeistern - und nahe der diesjährigen Sachsen-Classic-Route liegen.

23.07.2012 Malte Jürgens Powered by

Das Berggeschrei machte Christiansdorf 1218 zu Freiberg

Wer das Skispringen von der Pike auf gelernt und ein kompliziertes Wortgebilde auszusprechen hat, kann vermutlich die Zunge auf 31 Grad Schanzenwinkel programmieren und den Begriff darauf einfach hinausgleiten lassen: "Obererzgebirgische Posamenten- und Effektenwerke". Punktlandung. Deutschlands erfolgreichster Skispringer Jens Weissflog, 47, erinnert sich mit Vergnügen an seinen einstigen Arbeitgeber, der damals, zu Zeiten der DDR, Schulterstücke für Uniformjacken herstellte - und elastische, international gefragte Bänder: "Ich war da als Elektriker und habe an der Entwicklung eines Roboters mitgearbeitet, der unseren Schlüpfergummi automatisch auf die Pappkärtchen zum Verkauf aufwickeln sollte."

Vergangene Zeiten. Heute lebt Weissflog in dem Kurort Oberwiesenthal, führt ein gut ausgelastetes Appartement-Hotel und übernimmt als Ratsmitglied Verantwortung im Parlament seiner Stadt. Darüber hinaus ist Weissflog Oldtimer-Fan ("Ich träume von einem Horch") mit drei olympischen Goldmedaillen, drei Weltmeisterschaften, mit vier Gesamtsiegen bei der Vier-Schanzen-Tournee und 33 Weltcup-Erfolgen.

Erzgebirge heißt seit Jahrhunderten Bergbau

Das Angebot, mit dem VW-Porsche 914 eine Führung durch sein Revier zu unternehmen, reizt ihn. Hier kommt die Sachsen Classic am 18. August vorbei, genau gesagt in Freiberg, der Universitätsstadt mit einer der ältesten Bergbau-Akademien der Welt. Am Rande des Erzgebirges geht es auch schon am ersten der drei Fahrtage los, liegen Zwickau und der Sachsenring doch in der Region. Der Ausnahme-Athlet erweist sich als bodenständiger und höchst sachkundiger Führer. Ihm ist eine Reise in die Tradition am liebsten: "Erzgebirge heißt seit Jahrhunderten Bergbau, und der liegt mir am Herzen wie die ganze damit verbundene Kultur."

Erste Station nach dem Start in Oberwiesenthal ist  Neudorf. Im alten Forsthaus in der Ortsmitte stellt Jürgen Huss neben Blechspielwaren auch eine Spezialität der Region her: Räucherkerzen. Mit Holzkohle wird Kartoffelstärke verknetet, danach sind Spezereien wie Sandelholz oder Weihrauch beizumengen; zum Schluss rollt die Fingerspitze einen kleinen Kegel.

Spezialgeruch "heiße Dampflok"

Weil der Räucherkerzen-Spezialist Huss auch eine Blech-Lokomotive als Abbrenn-Station im Angebot hat, traf ihn die Kritik der Eisenbahnfreunde hart: "Eine Lok riecht doch nicht nach Weihrauch." Also rückte der Duft-Fabrikant aus, schnüffelte sich drei Wochen lang durch die mit Dampf betriebene Fichtelbergbahn - und kreierte eine Kerze, die nun nach heißer Dampflok duftet. Zweite Station ist Crottendorf, wo die Grenzwald-Brennerei bei der Verfertigung unzähliger Kräuterschnäpse noch auf Destillerie- Anlagen zurückgreift, die bereits seit mehr als 100 Jahren unverändert ihren Dienst tun. Spezialitäten des Hauses, das heute als "produzierendes Schnaps-Museum" gilt: der "Jens-Weissflog-Bitter" und der Kräuterlikör "Überflieger".

In der alten Bergstadt Annaberg, seit 1949 Annaberg-Buchholz, verlangt zuerst die Krone der Stadt Aufmerksamkeit. Die St. Annen-Kirche wurde 1525 vollendet und wirkt mit ihrer Feldstein-Fassade bis heute trutzig und stolz, höchst sehenswert sind die Altäre. Jener der Bergknappschaft etwa zeigt nicht nur geschnitzte Bergleute und ihre alten Zunftwappen, sondern auf der Rückseite auch historische Gemälde, die den Bergbau so darstellen, wie er vor einem halben Jahrtausend in der Gegend betrieben wurde.

Arschleder, Gezäh und Bergkgeschrey

Der Schurz ist da zu sehen, den sich der Bergmann zum Schutz um den Körperband und der im Jargon auf den passenden Namen "Arschleder" getauft wurde. Dazu sein Werkzeug wie Schlegel und Meißel, das als "Gezäh" bekannt ist, und das "Bergkgeschrey", womit der große historische Run auf  die mächtigen Silberadern gemeint ist. Die fand der Sage nach einst ein armer Bergmann namens Daniel Knappe, der von einem Engel geleitet unter den Wurzeln der mächtigsten Tanne am Fuße des Schreckenbergs auf ein sagenhaft reiches Silbervorkommen stieß. Zur Erinnerung an ihn werden die Bergleute bis heute Knappen genannt.

Einzigartig ist die Sammlung erzgebirgischer Schnitzarbeiten, die Annaberg in der Manufaktur der Träume ausstellt. Ganze Dioramen mit marschierenden Knappen in ihren Uniformen gibt es dort zu sehen, angetrieben durch Federwerke und begleitet von Tönen, die winzige Blasebälge erzeugen. Barockengel schweben unter den Klängen einer Bach-Kantate wie von Zauberhand geführt vom Himmel, und unablässig drehen sich gewaltige Pyramiden. Die seltsamste unter ihnen trägt auf der ersten Etage ein Miniatur- Meer, in dem wieder und wieder ein Schifflein mit zerfetzten Segeln untergeht, einmal pro Umdrehung. Jens Weissflog ist von den mannigfaltigen Schnitzwerken begeistert: "Alle überlieferten Traditionen sind hier wirklich kunstvoll dargestellt."

Der größte funktionierende Nussknacker der Welt

In Freiberg, wo das große Berggeschrei bereits 1168 anhob, präsentiert sich im Schloss Freudenstein die prächtigste aller Mineraliensammlungen. Ihr Bestand stammt zum einen aus der Sammlung der schon 1765 gegründeten Bergakademie, zum anderen aus Stiftungsbesitz: Erika Pohl-Ströher, Erbin des Wella-Haarkosmetik-Imperiums, sammelte in 60 Jahren die schönsten Stufen der Welt.

Auf der Rückfahrt nach Oberwiesenthal gilt der letzte Stopp dem Nussknacker-Museum von Neuhausen (www.nussknackermuseum-neuhausen.de). Vor dem Eingang hält ein pneumatischer Gigant des kontrollierten Zerbröselns Wache: Das Guinnessbuch der Rekorde verzeichnete ihn bereits als größten funktionierenden Nussknacker der Welt, 5,87 Meter hoch und 1,2 Tonnen schwer. Keine Erzgebirgstour ohne kulinarischen Abschluss.

Die Speisekarte in Weissflogs Restaurant ist eine pfiffige Hommage an die Konkurrenten und die Orte, zwischen denen sich die Skispringer-Karriere des Ausnahmetalents spannte: Da warten etwa unter dem Stichwort Trondheim Kartoffelrösti und Lachsstreifen, Zakopane ist die Überschrift für das "Schaschlik à la Adam Malysz", Engelberg die für das Schweizer Rahmgeschnetzelte à la Simon Ammann. Der Gast kann sich à la Carte sein Dreigänge-Springer-Menü nach eigenem Gusto kombinieren, im Pauschalpreis von 19 Euro ist ein Weissflog-Bitter inbegriffen.

Die geheimnisse des Skispringens

Eine Gratis-Lektion im Skispringen steht an, wenn sich der Chef mit an den Tisch hockt. Da wird dann das Geheimnis enthüllt, weshalb ein brauchbarer Springer-Anzug einst immer von alleine stand, warum ein langsamerer Anlauf manchmal zu größeren Weiten führt als ein höheres Tempo, und wie es kam, dass im Windkanal rein zufällig die ideale Absprunghaltung gefunden wurde. Ganz nebenbei dann die Information, dass der Bergbau im Erzgebirge aller Wahrscheinlichkeit nach vor einer neuen Blüte steht: Steigende Rohstoffpreise nicht nur für Silber, Zink, Zinn und Uran sowie neue Förderverfahren machen das Anfahren längst aufgelassener Gruben plötzlich wieder interessant. So wird das Mittelgebirge an der böhmischen Grenze seine einzigartigen Wahrzeichen weiter tragen: eine Landschaft mit Erz und Seele.

Tipps für Trips in Sachsen

  1. Räucherkerzen: Jürgen Huss in Neudorf ( www.juergen-huss.de ) führt seine wunderbare Manufaktur mit dem sehenswerten Kräutergarten zur Erzeugung der unterschiedlichen Duftnoten schon in der dritten Generation. Zu den Spezialitäten des Blech- und Duftzauberers gehört eine kleine Blech-Lok, in der Räucherkerzen mit Eisenbahn-Aroma stilechtes Dampfbahn-Odeur verbreiten - nicht nur zur Weihnachtszeit.
  2. Crottendorfer Schnaps-Museum: Die Grenzwald-Brennerei (www.grenzwald.de), zu deren Haupterzeugnissen Kräuterschnäpse wie der dem Skisprung-Champion gewidmete „Jens Weissflog Bitter“ sowie der „Überflieger“ gehören, arbeitet bis heute mit zum Teil mehr als 100 Jahre alten Brenn-Gerätschaften. Das Museum und die aktuelle Schnaps-Herstellung bilden eine Einheit.
  3. Manufaktur der Träume: In Annaberg-Buchholz lädt eine staunenswerte Sammlung erzgebirgischer Schnitzereien zum Träumen von längst vergangenen Zeiten ein. Viertelstündlich schweben im dritten Stock der Ausstellung herrlich gearbeitet Barockengel durch einen magischen Raum, fantasievoll und verklärend. Mehr Infos unter: www.manufaktur-der-traeume.de

Zur Person: Jens Weissflog

Geboren am 21. Juli 1964 in der Erzgebirgs-Gemeinde Steinheidel-Erlabrunn, wuchs Jens Weissflog in Pöhla auf und ging in Oberwiesenthal auf die Kinder- und Jugendsportschule. Sein Verein war der ortsansässige SC Traktor. Schon als 19-Jähriger gewann er zum ersten Mal bei insgesamt vier Triumphen die Vierschanzen-Tournee.

1984 sicherte sich Jens Weissflog bei den Olympischen Spielen in Sarajewo eine Gold- und eine Silbermedaille. 1994 holte der leichtgewichtige Sachse in Lillehammer auf der Großschanze einzeln und im Team wiederum Gold. Weissflog brachte es auf insgesamt 33 Weltcup-Siege. Er beendete seine sportliche Karriere 1996. Danach begann er seine Laufbahn als Hotelier.

Heute führt er das Jens-Weissflog-Appartementhotel in Oberwiesenthal. In dem Kurort, mit 914 Höhenmetern Deutschlands höchstgelegene Stadt, ist Weissflog auch als Stadtrat tätig. Eines seiner Steckenpferde ist es, das im Erzgebirge wegen seiner oft steilen Straßen nicht eben übermäßig populäre Radfahren zu etablieren, und zwar mit finnischen E-Bikes.

Sein Konzept klingt überzeugend: "Wenn wir in Nachbargemeinden mehrere Hotels hätten, die sich an der Struktur beteiligen würden, wäre es ein Selbstläufer. Man radelt etwa die 30 Kilometer nach Johanngeorgenstadt, trinkt dort einen Kaffee und wechselt den Akku, dann geht es ohne Probleme wieder zurück."

Ob es für ihn noch einmal zurück auf die Schanze gehen könnte? Weissflog lacht: "Das ist vorbei. Skispringen ist einfach kein Hobby-Sport."

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