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Sachsen Classic 2013

Ein Sachse auf Achse

Foto: Dino Eisele 23 Bilder

Unweit von Zwickau, dem Startort der Sachsen Classic, wuchs Olympia-Goldmedaillen-Gewinner Lars Riedel auf. Im 60 Jahre alten und eher gemütlich veranlagten VW Käfer Cabriolet erkundet der Rekord-Diskuswerfer die Route der Oldtimer-Rallye.

29.07.2013 René Olma Powered by

Ob das passt? Ein VW Käfer Cabrio wirkt im modernen Verkehr schon zierlich genug. Doch wenn ein Hüne wie Lars Riedel versucht, hinter dem Volant Platz zu finden, zählt jeder Zentimeter, den sich der Sitz nach hinten rücken lässt. Doch der 1,99 Meter lange Athlet passt überraschend gut auf den weichen Sitz. Lediglich im Fußraum geht es mit Schuhgröße 48 ein wenig beengt zu. Somit ist das größte Hindernis für diese Erkundungstour auf den Spuren der Sachsen Classic genommen.

Der Olympiasieger von 1996 in Atlanta kennt die Region - schließlich ist er im Örtchen Thurm, keine zehn Kilometer vom Zwickauer Stadtzentrum entfernt, aufgewachsen. Heute lebt er am Tegernsee. Und so ist auch der 46-Jährige gespannt auf den Ausflug in den südwestlichen Teil des Freistaats. Manche Orte hat er seit der Wende nicht mehr besucht. Wie etwa Burg Schönfels: "Da waren wir als Kinder mit meinen Eltern, bin mal gespannt, wie es dort heute aussieht."

Lars Riedel auf der Sachsen Classic Route

Das sorgsam restaurierte Gemäuer entspricht so gar nicht den Erinnerungen: "Sagenhaft, wie sich das verändert hat." Zwei Damen, die sich um das Gemäuer kümmern, können sein Erstaunen nicht so ganz verstehen. "Ich war zu DDR-Zeiten das letzte Mal da, ich hatte einfach keine Zeit." Eine Ausrede, die nicht zu ziehen scheint, doch mit einem Eintrag ins Gästebuch und dem Versprechen, bald wieder vorbeizuschauen, laviert sich der stets charmant lächelnde mehrmalige Weltmeister aus der Affäre.

Eigentlich bleibt viel zu wenig Zeit, um die Region der Sachsen Classic angemessen zu erkunden. Und das liegt nicht nur am begrenzten Zeitbudget und der Vielzahl an Attraktionen am Straßenrand, sondern eben auch daran, dass der große Sachse an jeder Ecke erkannt wird. Und für einen Plausch mit den Fans nimmt  sich  Riedel  immer  Zeit.

Mit 25 PS käfert sich Riedel durch

Der Käfer setzt sich wieder in Bewegung. Im Gegensatz zu seinem Piloten widersetzt sich der Oldie, seit er 1952 vom Band lief, jeder Form von sportlicher Betätigung. 25 PS aus 1,1 Litern Hubraum haben so ihre Mühe, 800 Kilogramm Auto plus Insassen zügig zu befördern. Zumindest nach heutigen Maßstäben.

Dennoch taugt der in zwei Grüntönen lackierte Volkswagen als Genussmittel. Nicht einmal muss auf dieser Tour das Dach geschlossen werden. Sonnenschein, blauer Himmel und sommerliche Temperaturen sind die perfekten Zutaten für diesen Cabrio-Ausflug über kurvenreiche Landstraßen in Mitteldeutschland, wo auch die Teilnehmer der Sachsen Classic fahren werden. Und auch wenn der Käfer nur mit Mühe in dreistellige Geschwindigkeitsbereiche vorstößt, reagieren die potenziell schnelleren Verkehrsteilnehmer gelassen auf den bummelnden Wolfsburger.

Geduld scheint den Sachsen im Blut zu liegen. Das beweist die Göltzschtalbrücke bei Mylau. Mit einer Gesamtlänge von 574 Metern und 78 Metern Höhe an sich schon eine monumentale Erscheinung, ist sie zugleich auch die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. Von 1846 bis 1851 wurden täglich bis zu 50.000 Ziegel aufeinandergeschichtet. Insgesamt besteht das Wahrzeichen des Vogtlands aus rund 26 Millionen Bausteinen, alle Made in Sachsen. Wer das Meisterwerk der Ingenieurskunst ausgiebig bewundern möchte, kann in der Nähe mit einem Fesselballon 150 Meter in die Luft gehen.

Rostbratwurst am Straßenrand

Riedel bleibt auf dem Boden, die Tour geht weiter Richtung Süden durch Wälder und an ausgedehnten Feldern in einem weiten Bogen östlich an Plauen vorbei. Immer wieder locken am Straßenrand Imbisse mit Wurst vom Grill. Und auch wenn sie einer anderen Spezialität verblüffend ähnlich sieht: Eine Thüringer bestellt man im angrenzenden Nachbarland. In Sachsen ordert man Roster.

Gegen Mittag wird die Verlockung zu stark. In Oelsnitz stoppt der Käfer vor einem Grill-Imbiss. Dort herrscht gerade Hochbetrieb. "Unsere Hamburger sind sehr lecker", lächelt Besitzer Peter Neidel, doch dass es ein Roster mit Senf sein muss, stand schon vorher fest. Obwohl Riedel "eher ein süßer Typ" ist. "Ein Marmeladenbrot ist mir eigentlich meist lieber als ein Wurstbrötchen."

Unsynchronisiertes Getriebe meldet sich zu Wort

Doch schon bald dreht er wieder am putzig kleinen Zündschlüssel und drückt den Starterknopf. Der Boxer springt sofort an. Nur das Getriebe zickt auf der Tour. Besonders der Wechsel vom zweiten in den dritten Gang gelingt dem Autofan nicht immer geräuschlos. Mit lautem Kratzen mahnt die Schaltbox zum Doppelkuppeln an.
Beim Runterschalten möchte das unsynchronisierte Getriebe zudem mit ordentlich Zwischengas bei Laune gehalten werden. Kommentar des Fahrers nach einem erneuten Fehlversuch: "Schalten ist kein Geheimnis - das darf jeder mitkriegen." Ein Oldtimer erfordert eben doch ein wenig Eingewöhnungszeit.

Wie viele Sachsen hat auch Riedel reichlich Benzin im Blut: "Früher beim Training waren Autos immer das große Thema." Im Gegensatz zum Gros der DDR-Bevölkerung findet sich in seiner Auto-Biographie jedoch kein Trabant. "Fahren gelernt habe ich in einem Moskwitsch, in den Trabi habe ich einfach nicht reingepasst." Das erste eigene Auto kauft er sich erst nach der Wende 1991, einen Ford Orion mit 79 PS. Danach folgt schon ein Mercedes. Damals sponsern die Stuttgarter die Leichtathleten mit Dienstwagen. "Normalerweise bekam man einen 190er, aber in den habe ich nicht reingepasst. Also durfte ich zum gleichen Budget einen 124er wählen, das war dann allerdings ein 200 D mit 75 PS."

Blütenmeer und Heilwasser in Bad Elster

Angesichts des schlappen Diesels mag es erstaunen, dass Riedel damals reichlich Knöllchen sammelt, doch das ist schnell erklärt: "Bergab wollte ich den Schwung für den nächsten Anstieg mitnehmen, meist lauerten genau dort die Blitzer." Heute im Käfer bleibt er verschont.

Langsam nähert sich der grüne Käfer dem südlichsten Punkt der Tour, dem Kurort Bad Elster. Wieder so eine Stadt, die der Exilsachse lange nicht besucht hat. Dabei lohnt sich eine Visite nicht nur aus gesundheitlichen Gründen: Wenn mancherorts Kurgemeinden einen eher muffigen Charme verströmen, so werben hier im Dreiländereck die meist gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Kurhäuser charmant um Gäste. Übermannshohe blühende Rhododendron-Büsche in den Parkanlagen unterstreichen das Flair.

"Sind Sie Lars Riedel?" erkundigt sich eine Kurschwester, die zusammen mit einem weiblichen Gast durch den Park schlendert. Nach einem kurzen Plausch schmunzelt Riedel und erzählt, wie er sich auf solche Fragen schon mal als sein Bruder ausgegeben habe: "Guck mich doch mal an, sehe ich aus wie ein Spitzensportler? Mit den  dünnen  Armen?"
Die Heiterkeit leidet wenig später, als es zur Heilquelle geht. Nichts gegen Mineralwasser, aber wenn es nicht für die Gesundheit wäre, würde man um das metallisch schmeckende Heilwasser vermutlich einen weiten Bogen machen. Zumindest kann man diese Erkenntnis aus seinem kritischen Blick nach dem ersten Nippen gewinnen.

Ein Stück Schecke muss sein

"So, jetzt brauche ich aber eine Schecke", verkündet er wenige Kilometer später. Schecke? Die Spezialität als schnöden Blechkuchen zu bezeichnen, würde der süßen sächsischen Spezialität wohl kaum gerecht werden. Immerhin löst schon der Gedanke an seinen geliebten Kuchen beim Leichtathleten oft akutes Heimweh aus.

Glücklicherweise weist ein Schild in Morgenröthe-Rautenkranz zur Bäckerei Schürer. In der Auslage findet sich die ersehnte Versuchung als Eierschecke, Fruchtschecke oder leicht abgewandelt als russischer Zupfkuchen. Der ehemalige Diskuswerfer  nimmt  gleich  zwei  Kuchenstücke. 

Mekka für Raumfahrt-Fans

Rund 100 Meter hinter der Bäckerei dreht sich alles um den berühmtesten Sohn der Gemeinde: Sigmund Jähn, den ersten deutschen Kosmonauten. 1978 kreiste er in der russischen Raumstation Salut 6 rund sieben Tage um die Erde. Ein Jahr später wurde in seinem Heimatort die "Ständige Ausstellung des ersten gemeinsamen Kosmosfluges UdSSR-DDR" eröffnet. Seit 2007 befindet sich die Sammlung in neuen Räumen mit angrenzendem Planetenpark, Raumfahrtspielplatz und Jähns ausgemusterter MIG 21 vor dem Eingang.

Nicht nur für Raumfahrtfans lohnt der Besuch. Innen können Raumanzüge bestaunt sowie ein Original-Trainingsblock der russischen Raumstation MIR besichtigt werden. "Mich hätten die als Kosmonaut damals nicht genommen. Ich bin zu groß und muskulös." Maximal 1,90 Meter und ein Gewicht von 96 Kilogramm durften Sojus-Besatzungen mitbringen. In der Enge der Raumkapsel verwundern solch strikte Limits kaum.

Viel zu früh angesichts der umfangreichen und von einem Verein gemanagten Ausstellung folgt der Aufbruch. Nun geht es Richtung Chemnitz. "Da habt ihr eine schöne Strecke ausgesucht", lobt Riedel die Organisatoren der Sachsen Classic. An Kurven herrscht kein Mangel. Und der frühzeitig nach außen drängende VW bietet zusätzlich einen gewissen Unterhaltungswert  - trotz des gemütlichen Tempos.

Abschlag bei Chemnitz

Seit dem Ende seiner Profisportler-Laufbahn 2008 hat der Sachse eine neue Leidenschaft für sich entdeckt: Golf. Auf Charity-Turnieren für den Prominenten-Verein Eagles am liebsten für einen guten Zweck. Als sich der Käfer Klaffenbach nähert, beschließt Riedel, kurz ein paar Bälle zu schlagen. "Golf ist total entspannend." Dass dem Dreschen auf kleine weiße Bälle ein wenig schmeichelhaftes Altherrenimage anhänge, habe sich geändert. "Seit Tiger Woods wird weniger gelästert", schmunzelt Riedel und spielt damit weniger auf dessen Erfolge auf dem Platz als bei der Damenwelt an.

Das Geheimrezept liege vor allem in der Technik, dem richtigen Einsatz des Schwungs sowie einem guten Schuss positives Denken - er gibt heute zu diesem Thema Seminare. Und so drischt er den Ball auf der Driving Range über 150 Meter ins Grün. Dass Größe und Kraft dabei völlig belanglos sein sollen, fällt schwer zu glauben. Die jämmerlichen Versuche des Autors lassen zumindest ahnen, dass ein wenig Übung nicht  ausreichen  dürfte.

Deftiges im Zwickauer Brauhaus

Zurück in Zwickau wird es für den Oldtimer Zeit, sein Nachtlager in der Hotel-Tiefgarage zu beziehen. Seine Insassen steuern derweil das Brauhaus in der Altstadt an. Wie der Name schon sagt, kommt hier selbstgebrautes Bier auf den Tisch, da lässt man sich besser im Taxi chauffieren. Wer deftige Küche liebt, ist im gemütlichen Lokal jedenfalls richtig. Riedel wählt die Sudhauspfanne mit drei verschiedenen Steaks, Speck, Bratwurst, Sauerkraut und Bratkartoffeln. "Seit meine aktive Zeit vorbei ist, esse ich, was mir schmeckt. Es reicht, wenn ich mich gesund bewege und es nicht übertreibe." Kraftsport, so behauptet der ehemalige Hochleistungsathlet, betreibe er nicht mehr. Das klingt angesichts seines Körperbaus eher  nach  Tiefstapelei.

Am nächsten Tag steht das Städtchen Meerane auf dem Roadbook. Berühmt und mitunter auch gefürchtet wegen der "Steilen Wand". So nennt sich eine 340 Meter lange Straße mit zwölf Prozent Steigung, was nach weniger klingt, als es ist. Bei einem Radrennen in der DDR, der Friedensfahrt, gehörte der Abschnitt zu den Höhepunkten des Rennens. 

Die steile Wand von Meerane: Prüfung für echte Kerle

"Als Kinder sind wir hier mit dem Fahrrad hoch. Wer das geschafft hat ohne abzusteigen, war ein echter Kerl." Die besondere Tücke liegt darin, dass wenig Anlauf bleibt und zu allem Überfluss kurz vor Ende die Steigung noch ein wenig anzieht. Immerhin schafft der Käfer die Aufgabe souverän im zweiten Gang. Übrigens: Bei der Sachsen Classic wird hier eine Sonderprüfung stattfinden.

Von Meerane mit seinen schmucken Gründerzeitvillen - viele davon mitunter stark renovierungsbedürftig - ist es nicht weit bis ins Mülsental. In der Ortschaft Thurm wuchs der spätere Spitzensportler auf und wurde früh mit dem Autovirus infiziert. "Bei der DDR-Rallye-Meisterschaft wurde hier gefahren, und wir kannten als Kinder eine Doppelkurve, an der es viele erwischt hat". Für die Jungs waren die Abflüge der Piloten offenbar ein Glanzlicht.

Riedel besucht Stätten der Kindheit

Das Dörfchen zieht sich am Ufer des gleichnamigen Bachs dahin. Riedel zeigt seine alte Schule, die Turnhalle, den Sportplatz, und den Wald dahinter, in dem es reichlich Pilze gibt. Dann nötigt eine Umleitung zu einem Schlenker ans andere Bachufer. "Nach der Flut 2002 wurde hier viel für den Hochwasserschutz getan", erklärt der Fahrer noch, als der Grund für die geänderte Verkehrsführung sichtbar wird: Am anderen Ufer hat der Bach während des diesjährigen Hochwassers auf rund zehn Meter die Straße unterspült, die Asphaltdecke liegt dort  nun  gut  zwei  Meter  tiefer.

Vorbei an seinem ehemaligen Wohnhaus und über eine geschwungene Brücke rollt der Volkswagen zurück auf die Hauptstraße Richtung Zwickau. Aus dem Augenwinkel bemerkt er plötzlich eine Fahrradfahrerin: "Das gibt‘s ja nicht, das war meine Mutter." Also wenden und hinterher: "Ich habe ihr gar nicht Bescheid gesagt, weil ich dachte, wir haben ohnehin keine Zeit für einen Besuch." Auf einer Nebenstraße hält das grüne Cabriolet neben der erstmal ziemlich überraschten, aber dann erfreuten Mutter Sigrid. 

Der 16-Zylinder Auto Union brüllt

"Das glaubt uns kein Mensch, dass wir meine Mutter zufällig getroffen haben", vermutet Riedel bei der Weiterfahrt gen Zwickau. Dort steht noch ein Pflichtbesuch für Autofans in der August Horch-Stadt an: Wir wollen ins Museum im Herzen des alten Audi-Werks. Auf 3.000 Quadratmetern zeigt die Ausstellung die ganze Bandbreite des sächsischen Autobaus. Hier stehen edle Horch Luxus-Modelle in zeitgenössischem Ambiente wie einer nachgebauten Tankstelle. Ein Höhepunkt ist natürlich der prominent platzierte Auto Union Silberpfeil. "Wollen Sie mal hören wie der klingt?" Die Frage des Museumsführers sorgt erstmal für Verblüffung. Will er den 16-Zylinder-Motor extra für den prominenten Besuch anwerfen?

Schmunzelnd läuft er zu einem im Boden neben dem rechten Vorderrad eingelassenen Bildschirm: "Das ist jetzt nur halb so laut wie in echt." Und schon wenig später brüllt der legendäre Mittelmotor im Leerlauf - wenn auch nur virtuell per Lautsprecher. Für Menschen mit Benzin im Blut wohl die schönste Musik. Wenn auch nicht unbedingt auf Dauer.

Als wenig später der Boxer wieder anspringt, klingt das zwar viel unspektakulärer, aber dafür irgendwie beruhigend. Noch eine kleine Ehrenrunde durch Zwickau, dann ist dieser Trip auch schon zu Ende. Für Lars Riedel war es nur ein Vorgeschmack: Wenn nichts dazwischenkommt, wird er zur Sachsen Classic zurückkommen.

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