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Sachsen Classic 2015

40 Jahre VW Polo

Sachsen Classic 2015, 40 Jahre VW Polo Foto: Arturo Rivas 14 Bilder

Der VW Polo R WRC wurde im Werkstrimm zum Rallye-Weltmeister. Bei der Sachsen Classic 2015 fährt das Basismodell als Vorausfahrzeug. Wir zeigten ihm schon mal die Sehenswürdigkeiten an der Strecke.

09.08.2015 Malte Jürgens Powered by

Der kleine runde Aufkleber links neben dem unten abgeflachten Sportlenkrad mit seiner Zwölf-Uhr-Markierung zum präzisen Gegenlenken nimmt in einem serienmäßigen VW Polo dann doch Wunder. Er warnt: nicht schneller als 240 km/h, Winterreifen! Der kleine Zweitürer wirkt auf den ersten Blick zwar sportlich, aber doch gedämpft gedopt. Kein Wahnsinnsabtrieb-Spoiler wulstet da im Millimeterabstand über den Asphalt, keine Kotflügelverbreiterungen blasen die Backen auf, und auch die Kriegsbemalung bleibt dezent. Im blauen Dekorstreifen steht WRC, das genügt.

WRC? World Rally Championship, die Weltmeisterschaft jener Lenkradartisten, die im Sumpf, auf Glatteis und durchs Unterholz oft schneller unterwegs sind als die meisten von uns auf der Autobahn. Weltmeister und Vize wurden 2014 die Polo-Piloten Sébastien Ogier und Jari-Matti Latvala.

Zum 40. Geburtstag des kleinen Bruders vom Golf kam Volkswagen auf die sportliche Idee, den nur in einer Kleinserie von 2.500 Exemplaren gefertigten Polo R WRC als Vorauswagen bei der diesjährigen Sachsen Classic einzusetzen. Um Land und Leute gebührend auf den 220-PS-Zwerg und seine 243 km/h Höchstgeschwindigkeit vorzubereiten, stellte das Werk die Nummer 0006 bereits jetzt zur Verfügung: So wird diese Vorschau vom Öldruck eines weltmeisterlichen Volkswagen geschmiert, und schneller als diesmal haben wir uns noch nie von Streckenpunkt zu Streckenpunkt geworfen, über 628 Rallye-Kilometer. Volles Rohr freilich nur auf dem Sachsenring.

Queckenberg und Omega

Für die Rallye-Teilnehmer kommt es auf der 3.671 Meter langen Strecke darauf an, in Runde zwei und drei möglichst exakt jene Zeit noch einmal zu fahren, die in der Startrunde selbst gesetzt worden ist. Als störend wird dabei oft empfunden, dass es zehn Links- und vier Rechtskurven gibt mit seltsamen Namen wie Queckenberg und Omega, zwei Bachüberquerungen, ein gut zwölfprozentiges Gefälle und später auch noch eine zehnprozentige Steigung.

Wer da mit seinem Oldie die Sollzeit zweimal auf die Hundertstelsekunde exakt trifft, hat sich die dann strafpunktfreie Wertung redlich verdient. Allerdings kann sich niemand daran erinnern, dass dieses Kunststück schon einmal geglückt ist.

Über welche Rundenzeiten geredet wird? Audi hat mit einem RS 5 TDI gerade mit 1.35,35 Minuten einen neuen Dieselrekord eingefahren, mit einem Porsche 911 GT2 geht es noch einmal zwei Sekunden hurtiger. Vorkriegs-Oldies nehmen sich schon mal fünf Minuten. Unsere Polo-Zeit liegt irgendwo dazwischen, eingeweicht von der Streckenbewässerung, die anlässlich eines Drift-Lehrgangs aus allen Düsen sprühte.

Der Rest des ersten Rallye-Tags rund um den Ring ist der beachtenswerten sächsischen Kultur gewidmet. Dazu zählt natürlich ein topografisches Ausrufezeichen wie die Steile Wand von Meerane, die zur Kulisse der Sachsen Classic gehört wie der TV-Sketch „Dinner for One“ zu Silvester.

In Meerane wird automobiler Fortschritt klar und deutlich: Der 220 PS starke Polo saugt die 12,4-prozentige Steigung in sich hinein wie ein gerade angekommener Tourist den ersten Caipirinha an der Copacabana. Diese Performance steht im krassen Gegensatz zu der eines 125er Kleinschnittger mit 6 PS, dessen Fahrer einst mit Tränen in den Augen die Wertungsprüfung Steile Wand auslassen musste, um seine Kupplung über den Tag zu bringen.

Wenn die Rallye-Route auch den Hauptweg durch Sachsen vorgibt, so lockt die Historie doch auf nahe Nebenwege. Wer etwa an Schloss Wolkenburg vorbeifährt, verpasst nicht nur eine umfangreiche prunkvolle Bibliothek im venezianisch-neugotischen Stil, sondern auch die Raffinesse einer Technik, die das Automobil erst möglich machte.

Detlev Carl Graf von Einsiedel und sein Sohn erfanden am Ende des 18. Jahrhunderts zusammen mit der Gießerei in Lauchhammer ein Verfahren, um selbst große Skulpturen aus Eisen hochfein zu gießen. Damit bekam der Klassizismus einen dekorativen, stabilen Werkstoff, und als in der folgenden Epoche der Markt für vaterländische Zäune, Bismarck-Büsten, Gartenhäuschen und Giebelreliefs seiner Sättigung zustrebte, konnten Gottlieb Daimler und Karl Benz auf eine ausgetüftelte Eisengusstechnik für Motorengehäuse, Zylinder und ihre Köpfe zurückgreifen.

Erz, Holz und Uhren

Der zweite Rallye-Tag führt von Zwickau aus auf die Höhen des Erzgebirges, entlang der tschechischen Grenze, bisweilen parallel zum Kammweg, durch die Uhrenstadt Glashütte bis schließlich nach Dresden. Aber der Reihe nach.

Unter den schmucken Burgen und Schlössern, die den Pfad der Oldtimer-Karawane säumen, lädt zum Beispiel die bei Schloss Wolkenstein gelegene Burg Scharfenstein zu einem Stopp ein. Sie beherbergt ein reichhaltiges Museum, das die jüngere Geschichte des Erzgebirges bunt illustriert. Entstanden etwa um 1250, als der Silberbergbau begann, ist die Burg bis heute bewohnt − mehr als 750 Jahre lang, was ein schönes Beispiel für nachhaltiges Bauen mit dicken Mauern ist.

In der ersten Bergbaukrise um 1650 entstand aus Nebenerwerb und Heimarbeit heraus die Schnitzkultur mit ihren heute typischen erzgebirgischen Engeln, Wichteln, Räuchermännchen und Nussknackern. Dann siedelte sich die Uhrenindustrie in dem Örtchen Glashütte an. 1893 gründete der Kaufmann Johannes Dürrstein die Uhrenfabrik Union, die ihre ersten Baumuster nach Schweizer Vorbildern ausrichtete, mit Blick auf die oft noch schmale Geldbörse der Kundschaft: „Uhren, die alles haben, was sie präzise und schön macht, aber nichts, was sie teuer macht.“

Dürrsteins Geschäftsidee bewährte sich, und Meister Julius Bergter schuf in Dürrsteins Auftrag als Topmodell eine Universaluhr mit 18 Komplikationen, die lange Zeit als die komplizierteste Taschenuhr der Welt galt: mit Mondphase, Schaltjahranzeige, Doppelchronografen, Wecker und einer Minutenrepetition samt Grande Sonnerie. Die Geschichte von Union Glashütte und ihren ortsansässigen Wettbewerbern tickt und tackt im täglich geöffneten Uhrenmuseum vor Ort. Erwachsene zahlen sechs Euro Eintritt, Kinder bis sechs Jahre sind frei.

Umgebindehäuser der Weber

Da wir es gerade mit dem Handwerk haben: Die Rallye-Schleife am dritten Tag von Dresden nach Dresden führt ein Stück weit durch Tschechien und dann, wieder in Sachsen, durch das Weberdorf Obercunnersdorf. Die kleine Gemeinde ist bekannt durch die dort noch erhaltene große Anzahl sogenannter Umgebindehäuser. Deren Bauweise aus Blockwerk, Fachwerk und gemauerten Wänden koppelte die Webstube mit dem rüttelnden und vibrierenden Stuhl vom Rest des Hauses schwingungstechnisch ab.

Nicht weit von Dresden entfernt liegt Radebeul. Hier lebte und schrieb Karl May seine Winnetou-Romane, woran das Karl-May-Museum in der Karl-May-Straße 5 sehr authentisch erinnert. Während in den Büchern nur literarisch gestorben wird, ging es 1818 auf Schloss Rammenau nahe Bischofswerda drastischer zu: Christiane Fichtin und Gottlieb Kunze wurden geköpft, weil sich die rabiate Dame mittels eines Arsen-Buttermilch-Süppchens im Jahr zuvor von ihrem Ehegatten getrennt hatte. Die Suppe gehört bis heute zu den Schloss-Spezialitäten, jetzt allerdings ohne Arsen.

Schönheit an der Elbe

Während das kulturelle Erbe Karl Mays unzweifelhaft auch international anerkannt ist, wurden Dresden und das Elbtal den Status als UNESCO-Weltkulturerbe 2009 nach nur fünf Jahren wieder los. Der Grund: Eine neue Brücke über die Elbe ruiniere das gesamte Stadt- und Naturensemble.

Zum Glück bleiben die Elbauen davon zumindest teilweise und die barocke Architektur der sächsischen Hauptstadt vollständig unberührt. Nach der nahezu umfassenden Zerstörung des Stadtkerns am Ende des Zweiten Weltkriegs präsentiert sich Dresden heute wieder als architektonisches Gesamtkunstwerk mit unzähligen steinernen Juwelen wie Zwinger, Residenzschloss, Hofkirche, Semperoper, Taschenberg-Palais, Augustusbrücke und, an ihrem Ende, dem goldenen Reiter.

Dresden, so viel steht jedenfalls fest, ist ein faszinierendes, würdiges Ziel, mit oder ohne Weltkulturstatus. Am Freitag kommt die Rallye auf der Augustusbrücke an, von wo aus am Sonnabendmorgen wieder gestartet wird. Am Nachmittag grüßt der Zielbogen dann vor der Gläsernen Manufaktur, der Geburtsstätte des VW Phaeton.

Doch da steht jetzt einer, der ebenfalls Respekt verdient und sich mit dem Luxus- Viertürer gerne anlegt: der Polo R WRC. Tempo 250 schafft er auch fast, und ein Phaeton war noch nie Rallye-Weltmeister.

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