Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Schnäppchen

Jaguar XJ 40

Foto: Frank Herzog 17 Bilder

Katzenjammer hinter Zäunen, Mäusenester unter der Haube. Ein Hundeleben auf dem Kiesplatz. Der verarmte Jaguar-Adel lebt im Grenzbereich der Großstadt. Doch ab 2.000 Euro gibt es gute Chancen für ein neues Zuhause.

22.02.2008 Alf Cremers Powered by

Der billigste kostet 999 Euro, hat einen vollgeschriebenen Ersatzbrief und TÜV bis Juli 2009. Er springt nicht an, sonst hätten wir ihn gezeigt. Es ist ein 89er Daimler 4.0 in Saville-Grey mit 243.000 Kilometern auf dem Katzenbuckel. Er ist waidwund geschossen mit kräftigen Beulen in der rechten Flanke. Dort, wo die beliebte Jaguar-Skulptur gar nicht hingehört, klafft ein Loch in der Haube. Sein neunter Besitzer, Jahrgang 1921, kam zu spät und ging zu früh. Wenn dieser XJ 40 laufen würde - sofort hätte man ihn mit nach Hause genommen und gesund gepflegt.

Bitte recht englisch: Prachtvoller Langhuber

Hey Leute, kapiert doch, das ist kein alter Corolla, den man einfach so wegwirft wie eine leere Cola-Dose. Es ist ein Jaguar, pardon ein Daimler, edel möbliert, in Vollausstattung getaucht. Mit einem prächtigen Sechszylinder- Reihenmotor vorn längs, Typ AJ 6, konstruiert wie aus dem Lehrbuch. Ganz aus Leichtmetall, vier Ventile pro Zylinder, zwei obenliegende Nockenwellen über Duplexkette, direkte Tassenstößel, die Zündkerzen in der Mitte, ein massiver, geriffelter Alu-Ventildeckel obendrauf.

Eine Augenweide, wenn man die Motorhaube öffnet. Der 222 PS starke Vierliter ist wieder langhubig nach alter Jaguar-Manier, zuerst kam der quadratische 3.6 mit 197 G-Kat-PS, später gesellte sich noch ein kurzhubiger 3,2- Liter mit 199 PS dazu. Das Fahrwerk des XJ 40 ist nicht minder aufwändig, Querlenker vorn und hinten an Hilfsrahmen, Niveauregulierung - das Beste für Komfort und Fahrsicherheit, keine Allradfisimatenten. Ein großer Wagen, ehrlich und geradeaus. Keine Diva mehr wie das kompliziert konstruierte, wartungssüchtige Vormodell, sondern auch im Alter bei guter Service-Historie berechenbar. Sogar Euro 2 geht beim AJ 6.

Auf der Suche nach dem guten Gebraucht-XJ

Wir sind unterwegs in Süddeutschland und suchen längs der A 8 zwischen Karlsruhe und Rosenheim nach preiswerten XJ 40, die noch etwas taugen. Das kantige Nachfolgemodell, dessen Entwicklungscode zum Markenzeichen wurde, weckt die Liebe auf den zweiten Blick.

Zu schön war die Serie III mit ihren sinnlichen Rundungen. An einem weißen V12 in Holzkirchen konnten auch wir nicht vorbeigehen. Aber der konsequent kantige XJ 40 ist bei der typischen Jaguar-Proportion breit und flach so angenehm straight, so geradeaus und eigenständig in der Linie, dass man wohl Architektur studiert haben muss, um es zu begreifen.

Automarkt Giesing , eine Bauminsel in Münchens Tegernseer Landstraße. Enzo trägt ein Louis Vuitton-Halsband und bewacht den idyllisch gelegenen Platz mit den hohen Kastanien. Enzo, ein Weimaraner, ein edler Vorstehhund mit kurzem Fell, das wie Velours schimmert, schleicht um die Katze. Der Daimler 3.6 leuchtet schon von Weitem in elegantem Nightfire-Red - ein früher 88er, noch mit grünen LCDs statt analoger Zusatzinstrumente.

Nur 116.000 Kilometer für unter 5.000 Euro

Der Zustand der eleganten Limousine ist zunächst bestechend, der Preis beglückend: 4.990 Euro für einen luxuriösen Daimler mit schwarzem Connolly, Picknick- Tables und reichlich Chromschmuck. Erst 116.000 km gelaufen, dritte Hand. Die minimalen Rostbläschen am Kofferraumdeckel und am Kotflügel vorn links unten lassen sich verschmerzen. Sven Pieper führt uns den Wagen vor. Das Öffnen der Motorhaube ist die typische Reflexbewegung bei einem Jaguar, pardon Daimler.

Wir stehen beeindruckt vor dem Riesentrumm von Reihensechszylinder - Starthilfe hat ihn zum Leben erweckt. Kein Stößelklappern oder Kettenspanner-Rasseln. Mäuse oder Eichhörnchen haben vor dem Bremsgerät einen Wintervorrat Kastanien angelegt. Sven, der momentane Mercedes G 320 CDI-Fahrer, bedauert die lange Standzeit: "Den Leuten geht offenbar das Geld aus. Früher hätte sich so eine Luxuslimousine in diesem Zustand schnell gedreht - mal Daimler fahren für ein, zwei Sommer. Aber der Spieltrieb ist weg."

Zeit für einen kurzen Turn rund um den Giesinger Berg. Rote Nummer dranschrauben, tief durchatmen im Sitz, erst mal alles auf sich wirken lasssen. Diese Welt ist eine fremde, anders als BMW und Mercedes. Läuft der Motor überhaupt noch? Leise und geschmeidig fühlt sich der Wagen an. Okay, der Wendekreis ist ein bisschen groß für die eng stehenden Kastanienbäume. Aber die Lenkung zeigt beim Fahren viel Gefühl um die Mittellage, und die ZF-Viergang-Automatik mit dem bizarren J-Gate-Wählhebel schaltet weich. Nur den Bremsen fehlt der Biss, der grob gepixelte Monitor meldet "Brake Failure".

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk