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Schottische Straße in Eigenbau

Calum MacLeod, der National-Held

Straße in Eigenbau, Land Rover 88 Serie 2, Impression, Schottland Foto: Craig Pusey 17 Bilder

Seine Insel blutete aus, denn die Menschen zogen fort. Ein Mann fand sich damit nicht ab und baute eine Straße. Mehr als zehn Jahre lang arbeitete Calum MacLeod daran. Allein. Er wurde zum Nationalhelden. Eine Spurensuche in Schottland.

05.11.2015 Michael Harnischfeger Powered by

"Heute kommen keine Touristen", sagt der Fährmann am Anleger auf der Insel Skye. Er wendet das rote Gesicht in den bleigrauen Himmel, über den große Wolken jagen. "Zu regnerisch." So steht er da in seinem kurzärmeligen blauen Hemd im leichten Nieselregen bei 12 °C. Es ist August in Schottland, es ist Sommer auf Raasay, dieser 20 km langen Hebrideninsel, deren grüne Hügel zum Greifen nah scheinen. 20 Minuten dauert die Überfahrt, unser 50 Jahre alter Land Rover Serie II trollt sich gleich an Bord. Wir sind tatsächlich die einzigen Passagiere. Was soll man auch hier, auf diesem Häufchen Erde am Rande der Welt? So dachten auch viele der ohnehin wenigen Einwohner Raasays vor 100, 80, 50 Jahren. Reich werden konnte hier niemand, aber glücklich. Viehzucht, Gemüse, Torf - davon hatten sie lange Zeit in Frieden gelebt, bis Landreformen kamen. Der Süden der Insel, gesegnet mit fruchtbarem Land, fiel in die Hände mehrfach wechselnder Großgrundbesitzer. Pachtverträge für gutes Land wurden nicht verlängert, den Bauern wurde teurer Boden im Norden der Insel zugewiesen. Denn im Süden züchteten die neuen Herren Wild für die Jagd und Schafe fürs große Geldmachen. Einer von ihnen, Rainey mit Namen, ließ eine Mauer errichten.

Wetterchaos und Landflucht

Der Norden Raasays, das war "eine Schüppe Sand über Felsen", klagten die umgesiedelten Pachtbauern in Arnish und Torran. Der Ertrag ihrer harten Arbeit in dieser rauen Ecke Schottlands, wo sich an einem Tag Sonne, Regen, Wind und Schnee abwechseln können, reichte kaum zum Leben. Der Hafen war nur über einen kleinen Fußweg erreichbar, der sich durch die Hügel wand. Eine Straße dort hinauf wäre wichtig, ebenso wichtig wie die gerechtere Verteilung des Bodens auf der Insel. Und Pachtkonditionen, die Luft zum Leben lassen. So hatten sie argumentiert über Jahrzehnte hinweg, Eingaben geschrieben, Anträge gestellt. Nichts. Einer nach dem anderen gab auf, verließ seine Heimat, verließ Raasay, um anderswo sein Glück oder zumindest ein Auskommen zu suchen.

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Reportage Schottland Straße in Eigenbau
auto motor und sport 19/2015
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Buch, Schaufel, Schubkarre

Was war Ursache, was war Wirkung? Eine Straße lohne doch nicht, entschieden die Verwaltungen auf Skye und noch weiter weg. Sie scheuten die Kosten für Bau und Unterhalt der Straße, die durch sehr unwegsames Gelände gebaut werden müsste. Da oben wohne ja kaum noch jemand. Selbst Strom hatten sie nicht in den Norden legen wollen, der irgendwo oberhalb der schwarzen Ruine von Brochel Castle begann.Der Land Rover hat uns über eine einspurige Straße mit vielen Ausweichbuchten vom Hafen Richtung Norden getragen. Manchmal haben wir tatsächlich 50 km/h geschafft, durchgerüttelt und geschüttelt. Die Heizung bollert nach Leibeskräften und ringt dem Wind, der wegen der aufgerollten Plane von heckwärts ins Führerhaus züngelt, ein Unentschieden ab. Eine verrostete Schubkarre am Wegesrand, ein abgebrochener Spaten unter dem Schild.

Hier hat Calum MacLeod, damals schon über 50 Jahre alt, irgendwann in den 1960er-Jahren - genau wusste er es später nicht mehr – die Sache selbst in die Hand genommen. Will sagen: die etwa drei Kilometer lange Verbindungsstraße zu seinem Wohnort Arnish begonnen, die die Behörden nicht bauen wollten.

Langsam aber stetig

Zuvor hatte der Pachtbauer, der sich mit einem Nebenjob als Briefträger und einem als Teilzeit-Leuchtturmwärter auf der nördlich gelegenen Insel Rona durchschlug, ein Fachbuch über Straßenbau genau studiert. Er wusste dann, wie es geht. Die Ränder des schmalen Fußweges verbreitert. Heidekraut gejätet. Bäume gefällt, zersägt und nach Hause getragen, wo er am Morgen mit Karre, Schaufel, Hammer, Hacke und Proviant gestartet war. Dann kurz die Tiere versorgt, Feierabend.

Die Straße nimmt an einem Hügel in einer Rechtskurve Anlauf. Der Land Rover brummelt die Steigung hinauf, auf den ersten Metern von Calum’s Road prasselt der Split unters Auto wie Schrotkugeln. Kaum einmal geht es für 500 Meter geradeaus. Vorbei an steilen Hängen fahren wir, unter denen das Meer liegt, vorbei an Moorflächen, an Felswänden und an grünen Flächen, aus denen graue Felsen ragen.

Kontrollierte Sprengungen

Viele von ihnen hat Calum mit dem Hammer zerkleinert, um sie für die Unterkonstruktion zu verwenden oder zum Glätten der eigentlichen Fahrbahn. Manche hat er einfach entsorgt. Hochgehebelt, immer wieder. Gerollt, gewuchtet. So lange, bis er sie den Hang runter ins Meer kippen konnte. "Schätzungen zufolge wog der größte Felsbrocken, den er bewegte, neun Tonnen", sagt Roger Hutchinson, der Calum MacLeods Geschichte in dem Buch "Eine Straße in Schottland" aufgeschrieben hat. Als die Erzählungen über diesen Irren, der da auf Raasay allein eine Straße baut, lauter wurden und lauter, schickten die Behörden immerhin zwei Männer mit Sprengstoff-Kenntnissen. Sie kamen ab und zu und räumten - Bumm - mit Dynamit die dicken Felsbrocken aus dem Weg. Calum verarbeitete sie dann, grub und glättete, rodete und unterfütterte die nächsten Meter seiner Straße. Wochen-, monate-, jahrelang. Bei Sturm, bei Kälte, bei Nässe. Bis er irgendwann in den 70ern diesen Wendeplatz oberhalb seines Hauses anlegte. Fertig.

Ein Held ohne Führerschein

Da wohnten dort nur noch er und seine an Rheuma und Arthrose leidende Frau Lexi, die er fortan komfortabler zum Arzt bringen konnte. Die eigene Straße wurde gefeiert mit dem Kauf eines Land Rover. Und niemanden interessierte, dass Calum keinen Führerschein besaß. Calum MacLeod, geboren am 15. November 1911 und gestorben am 26. Januar 1988, war seit 1983 Träger der British Empire Medal und ist begraben auf Raasay. Am Wendepunkt, den Wanderer gern als Parkplatz nutzen, treffen wir Tessa und Jessica, Lehrerinnen aus Yorkshire. Ja, Calums Geschichte kennen sie, ein Held sei er.

Eine Straße als Lebensader

Was macht ihr denn hier, fragen wir beim Small Talk im Regen. Urlaub mit Fischen, Wandern, Gin und Whisky im Ferienhaus von Jessicas Eltern unten im Süden, antworten sie lachend. Später weht uns nasser Wind in die gute Stube von Roger Hutchinson. Der Chronist von Calum MacLeod hat sich hier im Süden in einem geduckten Häuschen niedergelassen, ist einer von etwa 170 Inselbewohnern.

Bitter, oder? Die Straße war fertig, aber alle waren inzwischen weg, sagen wir. Nein, erwidert Hutchinson: Calum ging seinen Weg, er war glücklich. Seine Straße sollte wieder Leben in den Norden bringen. Und nun baut da oben eine Familie ein Haus. Das würde ihn freuen. Das Kaminfeuer knistert, vor den kleinen Fenstern stürmt es. August auf Raasay. Bald kommt die Fähre.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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