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Sébastien Ogier im Interview

"Ich habe noch mehr Hunger“

Sébastien Ogier, Portrait Foto: McKlein 7 Bilder

Der frischgebackene Rallye-Weltmeister Sébastien Ogier im Interview über seinen ersten Titel, seine prominente Freundin, sein Idol, Arroganz, Ängste und seinen Zukunftstraum.

25.01.2014 Markus Stier Powered by

Du bist ja eher spätberufen zum Rallyesport gekommen. Von welchem Beruf hast du geträumt, als du ein Kind warst?

Ogier: "Fahren war immer mein Traum, aber schien lange unerreichbar. Meine Eltern haben schon alles getan, um mich zu unterstützen, aber sie sind keine reichen Leute.“

Haben deine Eltern nicht irgendwann gesagt: "Junge, lern lieber was Ordentliches“?

Ogier: "Es ist ja nicht so, dass ich nichts gelernt hätte. Ich habe schließlich eine Ausbildung als Skilehrer. Aber meine Eltern haben sich nie beklagt.“

Wie bist du überhaupt zum Motorsport gekommen?

Ogier: "Wenn du in Gap wohntest, kommt zwangsläufig im Januar die Rallye Monte Carlo vorbei. Mein Vater war außerdem ein großer Formel 1-Fan und vor allem ein Fan von Ayrton Senna. Wir sind immer freitags zum Monaco-Grand-Prix gefahren. Damals kostete das Freie Training keinen Eintritt.“

Wer war dein Idol?

Ogier: "Auch ich war ein Senna-Fan und bin es noch.“

Was ist so herausragend an Senna?

Ogier: "Er war einfach damals der Größte. Charismatisch, extrem talentiert und schnell. Ich habe es geliebt, mit welcher Konsequenz er seine Rennen fuhr. Sennas Slogan lautete: Driving to Perfection. Dieses Streben nach absoluter Perfektion hat mich sehr beeindruckt, und das ist auch für mich ein ständiger Ansporn.“

Wann hast du gemerkt, dass es mit dem Beruf Rallyefahrer wirklich etwas werden könnte?

Ogier: "Als ich den Nachwuchswettbewerb Rallye Jeunes gewonnen habe. Da habe ich gesehen, dass ich schnell fahren kann und auch schnell lerne. Danach gab es erstmals die Situation, dass andere Leute die Rechnungen bezahlten. Und plötzlich hatte ich Leute um mich herum, die mir weiterhalfen und mir die richtige Richtung zeigten. Zwei Jahre später war ich in der Junioren-WM.“

Als du die gewonnen hast, sagte dein Mentor Simon-Jean Joseph, du müsstest vor allem darauf achten, dass du nicht den Boden unter den Füßen verlierst. Hast du bei dem steilen Aufstieg tatsächlich nie abgehoben?

Ogier: "Ich glaube und ich hoffe nicht. Ich kann es selbst nicht leiden, wenn ich das bei Leuten um mich herum wahrnehme. Ich sage meinen Freunden immer: ‚Wenn ihr das bei mir feststellt, sagt es mir sofort.‘ Ich weiß, dass ich bei manchen den Ruf habe, arrogant zu sein. Aber es ist klar, dass du nicht immer zu allen nett sein kannst, wenn du so eingespannt bist.“

Was unterscheidet den früheren Sébastien Ogier vom dem von heute?
Ogier: "Ich glaube, dass ich besser geworden bin, vor allem erwachsener – oder, wie sagt man: reifer. Die Schwierigkeiten, ein neues Team mitaufzubauen, und das Warten auf den ersten Einsatz haben mich dazu gebracht, ein Stück zurückzutreten und einen weiteren Blick auf das Ganze zu werfen, mehr Distanz zu gewinnen. Und ich habe 2012 gelernt, dass es wichtig ist, nicht nur im Auto ein Profi zu sein.“

Dabei warst du kurz vorher noch mitten im Clinch mit Sébastien Loeb. Wie nah warst du dran, bei Ford zu unterschreiben, um nach deinem Ausscheiden bei Citroën gegen ihn zu kämpfen?

Ogier: "Nah dran. Heute ist es natürlich leicht, sich zurückzulehnen und zu sagen: Es war die richtige Entscheidung. Zwei Monate lang habe ich über die Optionen nachgedacht. Der Knackpunkt am Vertrag mit VW war tatsächlich das volle Jahr Pause. Ich habe lange alles abgewogen und mich am Ende dafür entschieden. Aber wäre das vergangene Jahr anders gelaufen, hätte mich das auch nicht umgebracht. Ich bin nicht der Typ Mensch, der ewig zurückblickt und hadert.“

Wenn man auf die abgelaufene Saison zurückblickt, war das nicht alles ein Stück zu leicht?

Ogier: "Wenn du dir nur die Ergebnislisten anschaust, kann man es so sehen. Aber ich musste für viele dieser neun Siege hart kämpfen. Es war auch nicht so, dass mich die ersten Erfolge so schnell satt gemacht hätten. Ich habe davon eher noch mehr Hunger bekommen.“

Dein Team betont immer, was du für ein unglaubliches Selbstvertrauen hast. Gibt es eigentlich irgendetwas, das dir Angst macht?

Ogier: "Natürlich glaube ich an mich, sonst könnte ich nicht tun, was ich tue. Aber ich habe auch ständig Zweifel, und das ist auch wichtig. Mit den Zweifeln überprüfst du dich ständig. Aber ansonsten habe ich genauso Ängste wie andere Leute auch. Ich fürchte mich zum Beispiel vor Spinnen und Schlangen.“

Was war dein größter Fehler?

Ogier: "Das ist eine echt schwierige Frage. Ehrlich gesagt, bin ich mit meinem bisherigen Leben ziemlich zufrieden. Klar mache ich auch Fehler, jeder macht Fehler. Aber ich wüsste jetzt keinen, der so schwerwiegend war, dass ich ihn heute noch bereue.“

Dein Traum, Weltmeister zu werden, ist in Erfüllung gegangen. Hast du jenseits des Gaspedals einen Lebenstraum?

Ogier: "Oh ja. Ich möchte eines Tages eine Familie gründen, Kinder haben. Ich glaube, ich brauche das, um mich vollständig zu fühlen. Aber davon abgesehen werde ich ganz sicher auch immer irgendwas tun, was mit Adrenalin zu tun hat. Ich würde ganz gern mal die Formel 1 ausprobieren. Oh, und ich reise gern. Ich mag die Natur und würde mir gern mehr von der Welt ansehen. Ich war noch nie in Amerika. Es gibt vieles, was ich noch sehen möchte.“

Deine Freundin Andrea Kaiser ist eine prominente Fußballreporterin. Wie gut kennst du dich beim Thema Fußball aus?

Ogier: "Ich gebe zu, Fußball ist jetzt nicht gerade die Sportart, die ich am intensivsten verfolge. Abgesehen davon will Andrea gar nicht viel über Fußball reden und ich nicht über Rallyes. Wir beschäftigen uns beide so viel mit diesen Themen, dass wir lieber über anderes reden, wenn wir uns sehen. Aber davon abgesehen interessiere ich mich für jede Art von Sport und habe großen Respekt vor Leistungen wie denen eines Lionel Messi. Das ist immer eine Inspiration. Bei einem Termin in Barcelona hat mir letztens ein Journalist ein Trikot von Messi geschenkt. Es wäre natürlich ein Vergnügen, ihn mal zu treffen."

Auch wenn bei VW die Teamsprache Englisch ist, deine Freundin sieht es als Mission an, dir endlich Deutsch beizubringen. Wie wär’s mit einer Kostprobe?

Ogier: "Ich gebe zu, das ist ein wunder Punkt. VW hat mir Anfang letzten Jahres einen Sprachkurs spendiert, aber ehrlich gesagt, ich bin nur viermal hingegangen. Andrea und ich haben uns aber fest vorgenommen, dass ich Deutsch lerne und sie Französisch. Allerdings ist sie mir schon ein Stück voraus. Ich muss aufpassen, was ich mit Freunden in ihrer Gegenwart rede. Sie versteht schon ein bisschen zu gut Französisch.“

Seit 2003 sprach der Weltmeister immer Französisch. Wir haben mit Loeb neun Jahre den gleichen Weltmeister am Stück ausgehalten. Wie oft willst du Weltmeister werden, bevor es genug ist?

Ogier: "Im Moment habe ich keine langfristigen Pläne. Es kann natürlich sein, dass ich eines Tages etwas anderes machen will. Es hat zum Beispiel großen Spaß gemacht, den DTM-Audi zu testen. Auf der Rundstrecke zu fahren, wäre eine Möglichkeit. Aber eines kann ich dir versichern: Solange ich Rallyes fahre, tue ich das nicht, um Zweiter zu
werden.“

STECKBRIEF

  • Name: Sébastien Ogier
  • Geburtsort: Gap/Frankreich
  • Alter: 17.12.1983
  • Familienstand: ledig
  • Beruf: Skilehrer
Nach dem Gewinn des Nachwuchswettbewerbs Rallye Jeunes Sieger im Peugeot 207-Cup 2008, 2009 Junioren-Weltmeister auf Citroën, seit 2010 in der WRC. Als Citroën-Werksfahrer 2011 erster Sieg in Portugal. Nach Streit um eine Stallorder Ende 2011 zu VW gewechselt. Nach einem Jahr Testen im Polo WRC und Warmhalten im Skoda Fabia 2013 nach neun Saisonsiegen Rallye-Weltmeister.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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