Shared-Space-Zonen: Neue Konzepte zur Verkehrs-Beruhigung

Verkehrsberuhigung Shared Space

Nutze Straßenraum gemeinsam - so heißt eine neue Zauberformel, die Verkehrsprobleme in den Innenstädten lösen soll. Sie erweist sich aber als riskantes Experiment, wie die Unfallforschung der Versicherer belegt.

Schöne neue Verkehrswelt: "Rechts vor links" ist die einzige Regel, die noch gilt. Verkehrsschilder, Markierungen und Ampeln sind weitgehend abgeschafft. Es gibt auch keine Geschwindigkeitsvorgaben mehr. Stattdessen sollen soziale Umgangsformen das Verhalten steuern.

Verkehrsberuhigung durch Eigenverantwortung

Die Eigenverantwortung der Menschen - ob zu Fuß, auf dem Fahrrad, im Auto oder Lkw - möge alles im Fluss halten. Der motorisierte Verkehr soll sich als Gast im selbsterklärenden Straßenraum fühlen, was erhöhte Vorsicht und somit mehr Sicherheit bewirke. Nichts als Utopie und Spinnerei? Weit gefehlt. Seit einigen Jahren wird das Prinzip des Shared Space - gemeinsam genutzter Straßenraum - von Verkehrsexperten und Politikern heftig diskutiert. Erfunden hat es der niederländische Verkehrswissenschaftler Hans Mondermann - allerdings wenig griffig definiert, mit möglichst viel Handlungsspielraum. Ein EU-finanziertes Verkehrsprojekt soll das neue Konzept zur Verkehrsberuhigung konkretisieren.

Shared-Space-Zonen in sieben Städten

Mit von der Partie sind sieben Städte in den Niederlanden, in Belgien, Dänemark, England und in Deutschland. In einer zweiten Stufe sollen europaweit über 100 Shared-Space-Zonen eingerichtet werden. Auch mehrere deutsche Städte, darunter Berlin und Hamburg, haben Interesse signalisiert. Verkehrsplaner kritisieren indes, dass es bereits ausreichend Instrumentarien gebe, die den Gedanken des gemeinsam genutzten Straßenraums aufgreifen - gemeint sind die Möglichkeiten, Fußgängerzonen, verkehrsberuhigte Bereiche oder Tempo-30-Zonen einzurichten.

Konzept Shared-Space-Zonen funktioniert angeblich nicht

Die Erfahrungen damit sind eher ernüchternd. "Das angestrebte harmonische Miteinander von Autofahrern, Radlern und Fußgängern funktioniert nicht", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Umso kritischer seien solche Gestaltungskonzepte bei mehr Verkehrsaufkommen und höherem Geschwindigkeitsniveau. "Das Konzept zielt in erster Linie auf eine bessere bauliche und optische Gestaltung der Straße", meint Brockmann. Derzeit lägen keine aussagekräftigen Untersuchungen vor, die eine Verbesserung der Verkehrssicherheit aufgrund von Shared Space bestätigen könnten.

Shared-Space-Zonen-Versuch in der Gemeinde Bohmte

Bislang hat nur eine Gemeinde in Deutschland das von der EU geförderte Konzept umgesetzt - die niedersächsische Gemeinde Bohmte. Dort wurde die Ortsdurchfahrt auf etwa 400 Metern Shared-Space-gerecht umgebaut. Kostenpunkt: 2,35 Millionen Euro, von denen 576.000 Euro die EU übernahm. 13.000 Fahrzeuge, darunter 1.000 Lkw, fahren jeden Tag auf der Landesstraße 81 durch Bohmte. "Autofahrer bewegen sich langsamer, aufmerksamer und umsichtiger", sagt Bürgermeister Klaus Goedejohann. Er stützt sich dabei auf seine Beobachtungen seit Mai 2008. Es liegen allerdings noch keine abschließenden Erkenntnisse vor. "Das Unfallgeschehen hat sich im neu gestalteten Bereich positiv entwickelt", behauptet der Bürgermeister aber.

Unfallstatistik zeigt keine Verbesserung

Die offizielle Unfallstatistik der zuständigen Polizeiinspektion Osnabrück spricht dagegen eine ganz andere Sprache: In den ersten elf Monaten nach der Umgestaltung des Bohmter Ortskerns wurden insgesamt 16 Unfälle registriert. "Besorgniserregend ist, dass bereits drei Radfahrer verunglückt sind", sagt Unfallforscher Brockmann. In den vier Jahren vor dem Umbau habe es insgesamt nur vier Unfälle mit Radfahrern gegeben.

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Brigitte Haschek

Autor:

auto motor und sport, Heft 18 / 2009

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