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Autos, die man nicht vergisst (22)

Siata Spring

Foto: Archiv 6 Bilder

Die 60er-Jahre gehen unruhig zu Ende. Studentenrevolten um die Kultgestalt Rudi Dutschke erschüttern 1968 die Republik, Robert Kennedy, US-Justizminister und Bruder von John F. Kennedy, wird erschossen. Doch es gibt auch Harmlosigkeiten in diesem Jahr. Mit Bill Haley im Münchner Nobel-Tanzschuppen "Blow up" beginnt ein mehrjähriges Rock'n'Roll-Revival, mit dem Siata Spring versucht eine kleine Turiner Karosseriefabrik, Oldtimer-Gelüste bei jenen Menschen zu wecken, die sich vor einem wirklich alten Auto fürchten.

16.10.2008 Klaus Westrup Powered by

Formal zeigt der kleine Zweisitzer Anklänge an den MG TF. Ein breiter, chromblitzender Kühlergrill ziert den Wagenbug samt der frei stehenden Lampen, es gibt Speichenräder und ein lustiges Bootsheck mit außen liegendem Reserverad.

Moderne Zeiten: Fiat-Technik und Nichtraucherschutz

Die Türen sind winzig wie bei einem Karussellauto. Immerhin ist der Spring mit seinen beiden seitlichen Steckscheiben und der herunterklappbaren Frontscheibe ein Roadster in seiner wahren Definition. Doch der Spring ist, ebenso eindeutig, eine Mogelpackung. Hinter dem ausladenden vorderen Grill ist nichts zu kühlen, der Motor sitzt da, wo ihn keiner vermutet: im Heck. Und hinten gibt es auch keine starre Achse wie bei einem alten MG, sondern eine ganz fortschrittliche Einzelradaufhängung.

Bodengruppe und Heckmotor samt Getriebe stammen vom Fiat 850, und mit seinen 37 PS hat der kleine wassergekühlte Vierzylinder nicht nur den gleichen Hubraum wie die brave Limousine, sondern auch deren Leistung. Es ist ein fröhlich und emsig wirkendes Motörchen, dessen Ventile über Stoßstangen und Kipphebel betätigt werden und das sich mit nur drei Kurbelwellenlagern begnügt. Das spart Kosten und Reibleistung, und da der kleine Nostalgie-Roadster nur 650 Kilogramm auf die Waage bringt, ist das Temperament gar nicht so schlecht. 25 Sekunden braucht der Siata auf Tempo 100, der kleine Vierzylinder röhrt, und subjektiv fühlt sich alles - eingeschlossen Maximaltempo 125 - weit dynamischer an, als es ist.


Für Fotozwecke darf eine fahrtalentierte Schönheit aus dem Kraichgau (Hügellandschaft um Sinsheim) hinter dem zweispeichigen Sportlenkrad Platz nehmen und das seltene Glück genießen, in einem Oldtimer unterwegs zu sein, der sich anfühlt wie ein modernes Auto. Leichtgängige Lenkung, Kupplung und Schaltung wie Butter, dazu der freudvolle Blick auf ein altmodisch gestyltes Holzarmaturenbrett mit hübschen Rundinstrumenten. Man sitzt oldtimerhaft dicht am Lenkrad, mit angewinkelten Armen, und die Zufuhr an Fahrtwind ist auch mit geschlossenem Verdeck kaum von der auf einem Motorrad zu unterscheiden. Schon bei niedrigen Geschwindigkeiten bilden sich zwischen den Seitenteilen und dem Klappverdeck handtellergroße Lücken. Eventueller Zigarettenqualm wird umgehend abgesaugt - nichtrauchende Mitfahrer genießen einen Passivrauchschutz, wie er heute nicht besser vorgeschrieben werden könnte.

-Die Federung verlangt, im Gegensatz zu den optischen Vorbildern des Siata, keine Nehmerqualitäten. Geschmeidig schluckt der kleine Schwingachser auch gröbere Unebenheiten, in schnell gefahrenen engen Kurven wischt das motorbelastete Heck zur Seite wie bei einem alten Käfer. Auch das gehört zum Oldtimer-Gefühl - ebenso wie das kleine blaue Ölwölkchen, das manchmal nach der Schaltpause dem Auspuff entfleucht.

700 Siatas springen zu den jungen Käufern

Doch zum preiswerten Übersteuern kauft den knapp über 7.000 Mark kostenden Siata niemand. Man nimmt ihn, um für kleines Geld gesehen zu werden. Keiner weiß genau, wer er ist, aber jeder dreht den Kopf, wenn er kommt. Teenager stoßen spitze Schreie aus und gestikulieren, ältere Betrachter wundern sich in Unkenntnis der Sachlage meist, dass ein Auto aus den 30er-Jahren noch so gepflegt aussieht. Ist es ein Austin? Nein, sagt der Tester, auch kein MG. Ob man ihn wohl selbst gebaut habe? Welche Ehre für einen Ungeschickten. Siata habe ihn gebaut, der Münchner Importeur schon 700 Exemplare in einem halben Jahr verkauft, vorwiegend an jüngere Leute. "Interessant", sagt der Interessierte, aber von Siata hat er noch nie etwas gehört.

Kein Wunder, auch wenn Siata in Turin schon 1926 gegründet wurde. Aber man baute zu Anfang nur Auspuffanlagen und Zylinderköpfe zur Leistungssteigerung, und an den Amica von 1949, einen optisch verfeinerten Fiat Topolino, erinnert sich ohnehin kaum einer. Im Gegensatz zu Abarth wird Siata kein Begriff in der Autowelt, aber der kleine Spring insgesamt doch recht erfolgreich. Als die 70er-Jahre beginnen, läuft die Fertigung aus, da sind es schon 1.500 Exemplare.

Wo sind sie geblieben? Die Wahrscheinlichkeit, einem dieser kleinen Retro-Roadster auf der Straße zu begegnen, tendiert gegen Null. Aber es gibt noch welche. Ende Mai finden sich nicht weniger als 28 Exemplare zu einem losen Treffen in Gelnhausen ein, Deutsche, Engländer, Belgier und fünf Italiener. Günter Völker aus dem bayerischen Westengrund ist mit seinem Siata Spring auch dabei, berichtet, dass sein Auto Jahrgang 68 ist - wie der einstige Testwagen - und dass ein Italiener per Achse 600 Kilometer Anreise zurückgelegt hat. Nächstes Jahr trifft sich die kleine Fangemeinde wieder, Fronleichnam am Lago Maggiore. Spring Time.

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