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Silberpfeile von Mercedes - Lack oder nicht Lack

Stimmt die Legende der Silberpfeile wirklich?

Mercedes-Benz Silberpfeile Foto: National Media Museum 10 Bilder

Die Zweifel an der Geschichte über die 1934 vom Lack befreiten Silberpfeile scheinen unbegründet zu sein: Zoltán Glass fotografierte die lackierten W 25 Mercedes-Benz beim Eifelrennen.

06.09.2010 Malte Jürgens Powered by

Am Sonnabend, den 2. Juni 1934, wechselte kurz nach 13:00 Uhr die Gesichtsfarbe des Mercedes-Benz-Rennleiters Alfred Neubauer spontan von rot nach weiß: Das Wiegen der Stuttgarter Silberpfeile vor dem Eifelrennen am 3. Juni hatte soeben ergeben, dass die Grenze von höchstens 750 Kilogramm von den neuen W 25 um genau ein Kilo überschritten wurde. Neubauer, so die Legende, findet eine Lösung: In der Nacht vom 2. auf den 3. Juni werden in einer Garage am Nürburgring die weißen W 25 abgeschliffen, bis auf das gewellte Aluminium-Blech. Beim Nachwiegen liegen die nun silbernen Rennwagen von Manfred von Brauchitsch und Luigi Fagioli exakt im Limit.

Ein Historiker-Streit um die Silberpfeil-Legende bricht aus

Später kommen Zweifel an dieser Version auf. Hatte Alfred Neubauer sich die Geschichte von der dramatischen Schleifaktion nur ausgedacht? Der daraufhin ausgebrochene Historiker-Streit lohnt einen Blick zurück. Mercedes stand beim Eifelrennen unter öffentlichem Druck. Das Avus-Rennen am 27. Mai war eigentlich als Premiere der neuen deutschen Grand-Prix-Boliden aus Stuttgart-Untertürkheim geplant. Die Auto Union aus Zwickau, ebenfalls Empfänger beachtlicher staatlicher Subventionen, trat an - und zwar silbern. August Momberger holte einen beachtlichen dritten Platz. Auch Mercedes hatte gemeldet, ebenfalls mit silbernen Monopostos.

Das Mercedes-Silber war nicht etwa das stumpfe, blanke Aluminium der nackten Leichtmetallkarosserie, sondern ein silberner Überzug aus einer Art Ofenbronze, leicht und glatt wegen besserer Aerodynamik. Mercedes-Benz muss dabei Anfang des Jahres 1934 noch geplant haben, in der internationalen deutschen Rennfarbe Weiß anzutreten. Bei einer Probefahrt im März 1934 fliegt der Rekordmann Ernst Henne am Nürburgring dramatisch ab. Chris Nixon veröffentlicht in seinem Buch "Racing the Silver Arrows" auf Seite 27 ein Bild des Wracks, das klar die bereits weiß lackierten Räder des verbogenen W 25 zeigt. Weshalb wurden die Räder im März weiß lackiert, wenn Mercedes-Benz im Mai doch silbern antreten wollte?

Caracciola schreibt von einem weißen Rennwagen

Vor dem Avus-Rennen am 27. Mai ließ Rennleiter Neubauer den noch an den Folgen seines Monaco-Unfalls vom Vorjahr laborierenden Rudolf Caracciola den W 25 testen. Caratsch erinnert sich in seiner Biographie "Meine Welt": "Der Wagen stand da, klein und weiß." Auf der anderen Seite ist unstrittig, dass Mercedes-Benz warum auch immer auf der Avus mit silbern lackierten Rennwagen antrat. Die Ullstein-Tageszeitung "BZ" berichtet 1934 vom Eintreffen der Konkurrenten: Bei Mercedes werden die "silbernen" Rennwagen abgeladen. Doch zum Rennen starten die Mercedes-Benz nicht: Ein Fehler in der Kraftstoffzufuhr muss im Werk behoben werden.

Gleichzeitig glühen die Telegrafendrähte: Mercedes möchte aus technischen Gründen auch auf das Eifelrennen eine Woche nach dem Avus-Desaster verzichten und erst am Großen Preis von Frankreich am 1. Juni teilnehmen. Doch das scheint den neuen Machthabern nicht zu passen. Mercedes-Benz-Historiker Dr. Josef Ernst: "Oberingenieur Alfred Neubauer wird die Sache persönlich genommen haben, denn so wichtig, wie der Auftritt beim Eifelrennen für das Regime und das Unternehmen war, wird vermutlich sein berufliches Schicksal damit verknüpft gewesen sein." In einfachen Worten: Wäre Mercedes am Nürburgring nicht gefahren, hätte man Neubauer gefeuert. Also reist man Hals über Kopf mit drei Rennwagen zum Ring, allerdings schon mit der Einschränkung, dass Caracciola nicht fahren wird.

Aus Gewichtsgründen kratzte man die Farbe der Silberpfeile ab

Es erinnert sich der damalige Mercedes-Chef Wilhelm Kissel später: "Durch Anstrengung Aller ist es uns möglich geworden, wenigstens zwei Wagen für das Eifelrennen fertig zu machen." Für Fagioli und von Brauchitsch. Die Zeugen des Rennens sind heute nicht mehr unter uns - bis auf Paul Pietsch, den Mitbegründer der Motor Presse Stuttgart, der damals mit am Start war: "Im Training sind die Mercedes-Rennwagen ein paar Runden in Weiß gefahren." Hermann Lang, 1934 noch Rennmechaniker von Fagioli und dann selbst 1939 Europameister auf Mercedes-Benz, erinnert sich im Nixon-Buch ebenfalls an die historische Renn-Weißheit: "Es wurde entschieden, die Farbe herunterzuholen, und wir begannen mit dem Abschleifen. Die Wagen sollten perfekt aussehen, ... also war jede Menge Spachtel aufgetragen worden. Vermutlich war es eher der Spachtel, der unsere Autos über die Gewichtsgrenze brachte. Als alles wieder runtergeschliffen war, überzogen wir die Autos mit einer dünnen Schicht von Aluminium-Farbe. Von da an waren sie immer silbern."

Bleibt die Frage nach dem Bildbeweis, und da tritt hier ein Zufall ein, von dem Historiker immer träumen. Mercedes-Benz bezahlte für die Saison 1934 den ungarischen Pressefotografen Zoltán Glass, der 1931 von Budapest nach Berlin zum "Berliner Tageblatt" gewechselt war: für das Dokumentieren der Rennsaison. Sämtliche Bilder von Glass liegen im Firmenarchiv - nur die Bilder vom Eifelrennen 1934 ausgerechnet nicht. Hatte Glass diesen Termin geschwänzt? Ernst: "Wir hatten nur ein einziges Bild vom Training zum Eifelrennen 1934, und das Bild haben wir vom Landeskriminalamt analysieren lassen. Das LKA sagt 'weiß'. Aber die Bilder von Glass blieben verschwunden, bis wir sie im britischen National Media Museum wieder gefunden haben. Das war eine Sensation."

Die Bilder von Fotograf Glass liefern den Beweis

Glass, Jahrgang 1903, musste als gebürtiger Jude 1938 Deutschland verlassen. Er übersiedelte nach London, wo er sich verstärkt dem Abbilden unbekleideter Damen widmete und zum Vorbild ganzer Generationen von Playboy-Fotografen wurde. Als er 1982 kinderlos starb, gelangte sein fotografischer Nachlass in die Archive des National Media Museums in Bradford. Dort suchte man zum Finanzieren der nötigen Digitalisierung aller Negative einen Sponsor - und fand ihn in Mercedes-Benz. Die Unterstützung des Archivs in Stuttgart fällt dafür großzügig aus: Mercedes bekommt den Zugriff auf sämtliche Zoltán-Glass-Fotografien. Ernst: "Ich war viermal in Bradford, und dann tauchte dort im Nachlass tatsächlich eine Kiste auf, die Negative vom Training des Eifelrennens 1934 enthielt. Sie zeigen die W 25-Rennwagen von Fagioli und von Brauchitsch, mit teils weiß lackierten Rädern und der Karosseriefarbe Weiß. Auf den späteren Bildern vom Rennen und danach sieht man klar, dass der weiße Lack tatsächlich runtergeschliffen wurde."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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