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Silvretta Classic 2013

Generationen-Treffen

Foto: Dino Eisele 20 Bilder

Da kommen einige Jahre Auto- und Motorsportgeschichte zusammen, wenn Ex-Formel 1-Pilot Karl Wendlinger und der frühere Tourenwagen-Fahrer Dieter Glemser im Mercedes 300 SL und SLS AMG Electric Drive das Montafon erkunden.

01.07.2013 René Olma Powered by

Wer stiehlt hier wohl wem die Schau? Eine Frage, die sich bei der Tour mit Karl Wendlinger am Steuer des Mercedes 300 SL und Dieter Glemser im SLS AMG Electric Drive durchs Montafon mehr als einmal stellen lässt. Zwei Motorsport-Ikonen in zwei begehrenswerten Autos. Und doch müssen sich alle vier angesichts der Reizüberflutung durch das Bergpanorama gehörig anstrengen. Zumindest theoretisch. In der Praxis versucht das Wetter Ende Mai alles, um zu verschleiern, dass hier Berggipfel in den Himmel ragen. Wolken hängen im Tal. Die Schneefallgrenze sinkt stetig in immer tiefere Regionen.

Ausflug in die Vergangenheit

Zum Glück bietet die Region, durch die im Juli Oldtimer und Elektroautos bei der Silvretta Classic beziehungsweise der gleichzeitig stattfindenden E-Auto-Rallye rollen, reichlich Möglichkeiten, um ein Alternativprogramm aufzustellen. Der Tiroler Wendlinger und der Schwabe Glemser lassen die Flügeltürer daher erst mal in der Tiefgarage und begeben sich auf eine Zeitreise. Das Heimatmuseum in Schruns gewährt einen Blick in die Vergangenheit. Und die war alles andere als rosig, wie Michael Kasper, der Leiter der Montafoner Museen, den Rennfahrern erläutert.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein exportierte die Region vor allem Arbeitskraft. Die Männer zogen von März bis November in die Ferne, um sich als Handwerker ein Zubrot zu verdienen. Im Tal konnte man sich nur mit Landwirtschaft durchschlagen. Diese Aufgabe übernahmen die zurückbleibenden Frauen.

(Im folgenden Video gibt es eine kurze Vorschau zur Silvretta Classic mit Karl Wendlinger und Dieter Glemser:)

Armut zwingt den Nachwuchs zum Wandern

Bedrückender erscheint jedoch das Los des Nachwuchses. Schon Siebenjährige zogen aus, um sich im wohlhabenden Nachbarland als Hilfskräfte auf den Bauernhöfen zu verdingen. In Ravensburg und Friedrichshafen wurden die Kleinen wie auf einem Sklavenmarkt versteigert. Daher auch der Name Schwabenkinder. "Entlohnt wurden sie oft nur mit neuen Kleidern. Für die Familien zählte vor allem, dass ein Esser weniger am Tisch saß", so Kasper. Nur mit viel Glück gab es auch ein geringes Entgelt.

Erst der Fremdenverkehr sorgte für eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation im Montafon und vielen anderen Alpentälern. Die ersten Wintersportler brachten Geld ins Tal und lösten einen zunächst zaghaften Wirtschaftsaufschwung aus. Mittlerweile gilt der Tourismus im Tal als eines der wichtigsten Standbeine. Im Winter kommen die Skifahrer, im Sommer Wanderer, Mountainbiker, Genießer und eben die Autofans.

Käseherstellung für jedermann

Angesichts des noch immer durchwachsenen Wetters steuert das Quartett das Käsehaus in Schruns an. Dort kann man nicht nur Wegzehrung und kulinarische Souvenirs erwerben, sondern sich auch in die Kunst des Sennens einweihen lassen. Christian Tschofen ist mit der Kunst der Milchverarbeitung aufgewachsen. Einst stellte jeder Hof Käse und Butter selbst her. Anders ließ sich die Milch kaum verwerten. Heute wird, was einst lebensnotwendig war, in zwei Stunden interessierten Touristen beigebracht.

"Im Prinzip ist es ganz einfach, man muss es den Bakterien nur angenehm machen." Die mit Lab versetzte Milch muss angenehm temperiert sein, maximal 40 Grad vertragen die Bakterien. Dann bilden sich erste Käsebrocken. Die werden geschnitten und anschließend die Flüssigkeit aus der Masse gepresst. Fertig ist der erste von Glemser und Wendlinger  fabrizierte Käse.

In den Mercedes-Flügeltürern durchs Montafon

Aber langsam ist es genug mit dem Rahmenprogramm. Schließlich warten die beiden Flügeltürer auf ihren Einsatz. Obwohl rar und teuer, zählt der 300 SL zu den bekannten Größen bei den Oldtimer-Rallyes. Mancher verspottet ihn gar als "VW Golf der Oldtimerszene". Doch hat man in den Schalensitzen mit karogemusterten Polstern Platz genommen, stellt sich schnell die Faszination ein. Wendlinger zieht am Schalter für die elektrische Benzinpumpe, die prompt losrattert. Schlüssel drehen, der Reihensechszylinder springt augenblicklich an. Benzinpumpe  an  -  los  geht’s.

Wie zierlich der einstige Supersportwagen ist, bemerkt man im direkten Vergleich mit dem SLS AMG Electric Drive. Doch auf den engen Bergstraßen ist man über jeden Zentimeter froh, der außen fehlt.

Bis Kehre 15 ist die Silvretta-Hochalpenstraße frei

Karl Wendlinger genießt jedenfalls den Trip im 58 Jahre alten W 198: "Wenn man sich an das Fahrverhalten gewöhnt hat, geht es." Neid auf Glemser im kräftigen Elektro-Flügeltürer kommt da gar nicht erst auf: "Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich für den SL entscheiden." Ohne Hektik lenkt er den Klassiker durch Gaschurn und Partenen: "Die Leute sehen uns gar nicht", grinst der Ex-Formel 1-Pilot. Kein Wunder - der glänzend-blaue SLS vor uns zieht alle Blicke an.

An der Mautstelle der Silvretta-Hochalpenstraße wartet bereits Christian Kasper. Der Streckenwart muss uns enttäuschen, denn nach erneuten Schneefällen wird es nichts aus dem Plan, die kurvenreichen Passstraße zu bezwingen. Noch ist die Strecke nicht freigegeben. Doch immerhin gestattet er dem Vorauskommando der Silvretta Classic die Auffahrt bis zur 15. Kehre. Bis dort sind die Aufräumarbeiten fortgeschritten. Alljährlich müssen die Straße von Geröll befreit und die Hänge auf loses Gestein untersucht werden. Die Vorstellung, ein fußballgroßer Brocken würde die Stabilität eines Flügeltürers auf die Probe stellen, ist nicht gerade verlockend.

Station bei den Kraftwerken in Partenen

Also wieder zurück ins Tal. Und bevor jetzt eine Diskussion über das Für und Wider von batteriebetriebenen Supersportwagen aufkommt, lassen sich die beiden zeigen, wie im Montafon die Energie für den SLS gewonnen wird. Von außen eher unscheinbar verbergen sich bei Partenen zwei Kraftwerke tief im Fels - Kops I und II.

Das ältere besteht bereits seit 1968. 392 Millionen Kilowattstunden Strom liefert das 200 Meter tief im Berg verborgene Wasserkraftwerk jährlich. Mit einer Geschwindigkeit von 205 km/h treffen jede Sekunde 37.000 Liter Wasser aus dem Stausee auf die Schaufelräder der Turbinen. Glemser und Wendlinger  zeigen  sich  beeindruckt.

3 x 238.000 PS durch Wasserkraft

Doch das sei noch gar nichts, erklärt Werksführer Tschanhenz: Im angrenzenden moderneren Kops II sind es 80.000 Liter pro Sekunde, die mit Tempo 460 in den Generator strömen. Wem das noch nicht beeindruckend genug ist: Jede der drei Maschinen leistet  238.000 PS. Da ist Glemser  baff.

Nachdem die Herkunft der Energie geklärt ist, gilt es, sie richtig einzusetzen. Der 75-Jährige ist da mit Eifer dabei. Das Sprintvermögen des futuristischen Flügeltürers kommentiert er mit breitem Grinsen: "Da brauchst  du  ja  einen  Waffenschein."

Vom Wetter lassen sich weder er noch Wendlinger die Laune verderben. Zurück im Hotel betrachtet Glemser die Flügeltürer: "Ich  glaub’, wir fangen mal an zu sparen."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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