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Silvretta Classic Rallye Montafon 2012

Die Cardinal-Frage

Silvretta Classic 2012, Tag 2, Hardy Mutschler Foto: Hardy Mutschler 24 Bilder

Im Klassiker auf Entdeckungsreise in die Rallyegeschichte gehen: Mit einem kardinalroten Ford Taunus 12 M TS Coupé aus dem Baujahr 1964 folge ich bei der Silvretta Classic den Spuren der Historie in den 1960er Jahre.

09.07.2012 Dirk Johae Powered by

Aber ist ein Ford Taunus 12 M aus der P4-Baureihe wirklich ein würdiges Fährtensuch-Mobil für die Geschichte des Rallyesports? Ein Blick in die Geschichtsbücher gibt die Antwort: Von 1964 bis 1966 schickte Ford Köln einige 12 M Coupés in die großen Wettfahrten wie die Rallye Monte-Carlo, die Tour de Corse oder die Tour d'Europe. Also lautet die Antwort ganz klar: Ja!

Silvretta Classic auf den Spuren von Burckhardt/Zertani

Zu den startenden Teams gehörten der Stuttgarter Ford-Händler Alfred Burkhardt und sein Beifahrer Heinz Zertani, ein Fahrlehrer aus Gaildorf. Mit ihrem ersten Platz bei der Tour d’Europe 1963 in einem Taunus 17 M TS brachten sie in Köln die Sport-Bewegung ins Rollen: „Dieser Erfolg ist ein Beweis dafür, wie erstklassig unsere Produkte sind“, betonte Robert Layton, der stellvertretende Generaldirektor von Ford Köln. Burkhardt/Zertani setzten später auch auf den 12 M und feierten bei der Rallye Monte-Carlo 1966 den Klassensieg. Da war Burkhardt der aktuelle Deutsche Rallyemeister.

550 Kilometer mit 55 PS-V4

Auch das Coupé des Schwaben trieb jener damals für das Modell neu entwickelte V4-Motor an, der mit 1,5 Litern in der TS-Version zunächst 55 PS und ab 1964 65 PS leistete. Erstmals bei einem Ford-Modell wurde die Kraft über die Vorderräder auf die Straße gebracht: Genau wie bei unserem Coupé, mit dem wir jetzt auf die Startrampe der Silvretta Classic rollen. Gut 550 Kilometer Strecke, unterteilt in drei Tagesabschnitte, liegen vor uns. Die Startflagge hebt sich und mit leise säuselndem Vau-Vier verlassen wir Partenen Richtung Silvretta-Hochalpenstraße, die uns bis zur Bieler Höhe auf über 2.000 Meter führen wird. In 30 Kehren schraubt sich die Pass-Straße, die zu den schönsten Strecken Europas gezählt wird, den Berg hinauf.

Im Käfer-Schreck auf der Silvretta Classic

Die breiten und bequemen Sitze bieten in den scharfen Kurven aber viel zu wenig Seitenhalt. Der Taunus ist auf Komfort und Raumangebot ausgelegt: Entwickelt wurde er ursprünglich für den US-amerikanischen Markt, wo die Marktforscher einen zunehmenden Bedarf für Compact Cars ermittelten. Dort sollte er Cardinal heißen: Doch Fords Kleiner war nicht nach dem Kirchenamt benannt, sondern nach einem amerikanischen Singvogel. Als Lee Iacocca den Thron des Ford-Chefs bestieg, hatte der Cardinal ausgezwitschert. 35 Millionen US-Dollar sollen bis dahin bereits in das ehrgeizige Projekt geflossen sein. Doch Iacocca befand: "Hässlicher Kleinwagen".

Da Ford Köln auf der Suche nach einem Nachfolger für den Taunus P3 war, erhielt der Amerikaner die deutsche Staatsbürgerschaft und wurde auf den Namen „Taunus“ getauft. Im Juli 1962 feierte Ford die Premiere von P4, zunächst mit der zweitürigen Limousinen-Karosserie. Das Coupé folgte im Jahr darauf, erstmals zu sehen auf der IAA in Frankfurt.

Steile Pässe im Montafon

Bei den Steigungen der Silvretta Classic hat der Ford 12 M zu kämpfen. Wolfgang Laufer, der bei den Kölnern die klassischen Autos betreut, muss zeitweise sogar in den zweiten Gang herunterschalten. Die Gänge werden beim P4 per Lenkradschaltung eingelegt. Neben dem Sicherheitslenkrad mit drei Speichen im Topfdesign wirkt der Ganghebel recht mickrig, ermöglicht aber ein leichtes Bedienen der Schalteinheit. Im Zentrum des Lenkrads fehlt übrigens die Ford-Pflaume wie auch am Kühlergrill. Stattdessen prangt dort das Stadtwappen von Köln. Die Konzernmutter in Dearborn erlaubte dem deutschen Unternehmen noch nicht die Nutzung des Markenzeichens. Am bei der Silvretta Classic eingesetzten Taunus 12 M war immerhin schon eine kleine Pflaume mit dem geschwungenen Ford-Schriftzug am unteren Kotflügel zwischen Radlauf und vorderem Türspalt gestattet.

Von Rauno Aaltonen im Mini Cooper überholt

Auf der zweiten Etappe erleben wir eine Szene mit Symbolwert: Beim Aufstieg zur Passhöhe des Hochtannberg bei 1675 Meter über NN röhrt der Mini Cooper S mit Rauno Aaltonen am Steuer an uns vorbei – es ist das originale Auto der Tausend-Seen-Rallye in Finnland von Pauli Toivonen. Der rote Mini mit weißem Dach und der Cooper-Power unter der Fronthaube ist schon ein Tourenwagen der neuen Generation, ein in kleiner Stückzahl gebauter Homologation Special mit allen Finessen für den Wettbewerb. Unser Taunus dagegen ist ein Tourenwagen alter Schule, nämlich ein geräumiges und kostengünstiges Familienauto. 

Zarte kölsche Töne

Im Konzert der Hersteller, deren Modelle auf der großen Rallyebühne zu sehen waren, spielte Ford Köln eher die Triangel als die große Pauke. "Die deutschen Ford-Werke in Köln waren ein folgsamer Fordfahre der amerikanischen Mutterfirma", schrieb Joachim Springer 1966 in seinem Standardwerk über den Rallyesport. "Getreu dem bisherigen Prinzip - große Stückzahlen, kleine Experimente - wurden lange nur ‚normale’ Autos gebaut." Aber es waren eben in den 1960er Jahren solche "normalen" Autos, die viele Rallyefahrer zum Einsatz nutzten. Die Veranstaltungen waren noch keine reinen Bestzeitrallyes mit Wertungsprüfungen auf abgesperrten Strecken sondern in erster Linie Zuverlässigkeitsprüfungen über lange Distanzen. Joachim Springer war damals ebenfalls im Taunus-Team dabei: zum Beispiel gemeinsam mit Jochen Neerpasch, der am 1. Mai 1968 der erste Leiter der Motorsport-Abteilung von Ford Köln werden sollte.

Geräumiger Rallyewagen

Wir haben ohne ein großes Problem am Auto nach drei Etappen das Ziel der 15. Silvretta Classic in Vandans erreicht. Der kardinalrote 12 M ist ein bequemes Auto für eine Oldtimerrallye, zwar unspektakulär, aber mit viel Platz im Innen- und im Kofferraum. Damit hat er auch in den 1960er Jahren schon gepunktet - und mit seinem Image aus dem Sport-Studio der Rallyepisten, auch wenn für viele Fans heute die Motorsportgeschichte von Ford Köln erst 1968 mit dem Hundeknochen-Escort anfängt.

Stets galt der große Bruder im motorsportbegeisterten England als der wesentlich sportlichere Bruder.

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