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Silvretta Classic Rallye Montafon 2012

Ein Tag in der Großen Wanne

Silvretta Classic 2012, Tag 1, Hardy, mokla 0712 Foto: Hardy Mutschler 33 Bilder

Klar, der Ford Taunus P5 20M heißt im kundigen Volksmund "Große Wanne". Das weiß ich nun auch schon seit mehr als zwei Jahrzehnten. Doch warum er so heißt, habe ich erst heute wirklich am eigenen Leib erfahren können.

05.07.2012 Kai Klauder Powered by

Die Linie des Ford P5 20M kann ruhigen Gewissens als nüchtern beschrieben werden. Er folgte auf den Taunus P3, die "Badewanne". Dass der Entwurf schon fast 50 Jahre alt ist, mag man allerdings kaum glauben. Die schnittige zweitürige Limousine, in dem wir heute unterwegs sind, wurde 1965 gebaut.

Die Classic Abteilung von Ford bekam diesen Ford Taunus P5 20M TS von einem Kasseler Zahnarzt geschenkt, der mehr Platz für seine Praxis benötigte - kurzerhand bot er seinen Taunus P5 mit gerade mal 48.000 Kilometern "für umme" an. "Bei so einem Angebot, sagt man natürlich nicht nein", sagt Wolfgang Laufer, Leiter von Ford Classic Cars, "und jetzt ist er passend zur Silvretta Classic fertig geworden." Die Basis war sehr gut erhalten, eine Neulackierung war allerdiungs nicht zu vermeiden. "Ansonsten wurde nur die Technik überholt, die zentimeterstarke Teroson-Unterbodenschicht entfernt und das Ganze ein bisschen poliert", erinnert sich Laufer.

Jungfernfahrt auf die Silvretta Hochalpenstraße

Um 12.58 Uhr fällt für uns die Startflagge. Am Steuer sitzt Ralph Caba, Direktor Öffentlichkeitsarbeit von Ford. Die pragmatische Klimaanlage der 60er-Jahre - ausklappbare Dreiecksfenster vorne und die ebenfalls ausstellbaren hinteren Fenster - funktioniert auch heute prima. "Und zum Glück stand der Wagen die letzten drei Stunden im Schatten", freut sich Caba. Nun also los, Motor angelassen. Upps, was ist denn das? Die Zweiliter-Maschine hört sich nach deutlich mehr Hubraum an. Die Ford-Mannschaft wird doch nicht etwa ein US-V8 eingebaut haben?

Nein, haben sie nicht -. und das bedeutet die erste handfeste Überraschung. Der 90 PS-V6 produziert ein sattes Blubbern, das sich nach mindestens drei Litern Hubraum anhört. Die zweite Überraschung sind die Sitze. Beim Hineingleiten fühlt es sich an wie ein formidabel gepolstertes Sofa im American Diner: Schön gemütlich - und man wird halb verschluckt. Seitenhalt kann man sich auf diesen Fauteuils allerdings noch nicht einmal einbilden.

Drive-In-Kühe-streicheln auf der Bielerhöhe

Typisch amerikanisch ist auch das Armaturenbrett, das mit seinen zwei Dächern an die Corvette C1 erinnert. Mittlerweile rollen wir mit blubberndem V6 im Leerlauf auf die Startrampe. Die Startflagge fällt, Caba legt den ersten Gang des knackig zu schaltenden Getriebes ein und wir fahren von der Startrampe. Das war schon zu viel Aufregung für den Beifahrer - Ich habe doch glatt vergessen, den Tripmaster zu nullen. Fortan begleitet mich eine Rechenaufgabe. Bei jeder Wegstreckenangabe muss ich 370 Meter hinzurechnen. Doch kein Problem, so bleiben wenigstens die Hirnzellen in Bewegung.

Gleich die erste Wertungsprüfung läuft prima - ich habe allerdings die Ergebnisse noch nicht gesehen. Jetzt geht es zu Silvretta Hochalpenstraße. Und spätestens jetzt ist mir der Beiname des Ford Taunus P5 20M klar: Das Fahrgefühl ist schiffig, die Fuhre wankt und schaukelt wie eine emaillierte Entspannungsröhre auf hoher See. Zum Glück habe ich einen erfahrenen Hobby-Segler als Steuermann. Er lenkt die Große Wanne flott durch die insgesamt 32 Kehren. Oben auf der Bielerhöhe angekommen, gibt es zum einen eine herrliche Aussicht, zum anderen die seltene Gelegenheit, eine der wunderhübschen blonden Bergkühe aus dem Auto heraus zu streicheln.

Auf der weiteren Strecke verpasse ich eine Abfahrt in Ischgl, was wir aber sofort merken. Nun ist aus der 370 Meter-Subtraktion eine 60-Meter-Addition geworden. Man will ja geistig fit bleiben. Das hilft auch beim Zählen. Normalerweise. Doch bei der Dreifach-WP in Schruns ist es zu viel für mich. Drei Mal von 18 Sekunden rückwärts zählen klappt nicht. "Zu wenig Erfahrung", beruhige ich mich, doch das macht es auch nicht besser. Dass in den ersten 18 Sekunden 70 Meter, in der zweiten 100 Meter und in der dritten 130 Meter zurückzulegen ist, steigert den Schwierigkeitsgrad enorm.

Die sechste und letzte WP des Tages läuft viel besser. 30 Meter in sechs Sekunden sind schließlich auch eine überschaubare Aufgabe. Im Tagesziel auf dem Kirchplatz von Schruns werden wir von hunderten begeisterten Zuschauern empfangen, die die Große Wanne feiern, als hätten sie selbst schon mal drin gelegen. Wir zirkeln durch das Spalier und haben das erste Highlight der Silvretta Classic erlebt. Spuren gibt es auch: Mein linker Arm wirkt unnatürlich blass im Vergleich zum rechten. Morgen fahre ich also besser selbst - damit der lässig auf dem Fensterrahmen geparkte linke Arm nachbräunt.

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