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Singapur-Reise

Zum Formel 1-Nachtrennen in den Inselstaat

Foto: Beate Jeske

Doppelte Premiere in Singapur: Zum ersten Mal richtet der Inselstaat einen Grand Prix aus - und zwar das erste Nacht-Rennen der Formel 1-Geschichte. Wie bereitet sich die Stadt darauf vor?

30.10.2008 René Olma

Nur noch eine Linkskurve, dann ist die Zielgerade erreicht. Doch die Ideallinie ist verstellt. Viel langsamer, als dem 540 PS starken Zwölfzylinder lieb ist, beendet der blaue Ferrari 612 Scaglietti die Runde. Der Motorsound in dem mit beigefarbenem Leder ausgekleideten Inneren klingt gedämpft, fast ein wenig künstlich, weit entfernt vom kernigen Brüllen der sportlicheren Kollegen. Rund 150 km/h werden die Formel 1-Boliden beim Rennen an dieser Stelle erreichen. Unser Tacho zeigt nicht mal halb so viel an.

Singapur gibt Gas

Aus gutem Grund: Links rangiert gerade ein Stapler mit einer Ladung Streckenzaun auf den Gabeln, rechts liefert ein weiterer eine Beton-Barriere gegenüber dem Boxen-Gebäude ab. Dazwischen ist gerade Platz genug für den italienischen 2+2-Sitzer. Die Arbeiten laufen auf Hochtouren. Singapur gibt Gas, damit am 28. September 2009 der Rennzirkus auf 5,067 Kilometern reibungslos seine 61 Runden drehen kann. Wohlgemerkt, nicht auf einer Rennstrecke auf der grünen Wiese, sondern mit Ausnahme der Start-Ziel-Zone auf öffentlichen Straßen und das auch noch bei Nacht.

Wenn schon, denn schon. Doch Superlative liegen den Singapurern ohnehin im Blut. Nicht nur, wenn es darum geht, den Ruf der saubersten Stadt der Welt zu verteidigen. Gleich neben dem Eingang zur Boxengasse dreht sich wie als Beweis für den Erfolg der Insel das mit 165 Metern höchste Riesenrad der Welt: der 120 Millionen Euro teure Singapore Flyer. Während des Rennens kann man hier eine Kabine inklusive Champagner mieten. Kostenpunkt: Zwischen 50 und 250 Euro pro Person.

Strombedarf: 31,8 Millionen Watt

Rund 75 Millionen Euro kostet die Organisation des Rennens. Schon die Beleuchtung der Strecke ist kein einfaches Unterfangen: 110.000 Meter Kabel, 230 Stahlmasten und rund 1.500 Scheinwerfer werden die Piste mit 3.000 Lux illuminieren. Das ist immerhin vier Mal so hell wie eine Flutlichtanlage in Sport-Arenen. Der Strombedarf: 31,8 Millionen Watt. Die Boxenanlage schlägt mit rund 23 Millionen Euro zu Buche. Weitere Rennen im Jahr sind aber nicht geplant, erklärt Colin Syn, verantwortlich für die Organisation des Formel 1-Laufs.    

Die grün-weiß gestrichenen Gebäude inmitten des während der Bauphase noch feuchten rötlichen Lehms sollen in der rennfreien Zeit höchstens als Kongress-Zentrum genutzt werden. Rings herum unter Tropenbäumen werden während des Grand Prix die Gäste verköstigt. Erfahrene Formel 1-Besucher sollen eine Premiere erleben: Das Catering ist fest in der Hand der Singapurer. Schließlich ist Kochen hier eine Kunstform, und an den kulinarischen Köstlichkeiten will man die Besucher teilhaben lassen. Unvorstellbar, dass hier ein international agierendes Unternehmen irgendeine Allerweltskost serviert.

Essensstände mit allerlei Spezialitäten

Wer kein Ticket für den Bereich rund um die Boxengasse gelöst hat, muss auf lukullische Genüsse jedoch nicht verzichten. Direkt an der Strecke, neben den nachts wie riesige Facettenaugen funkelnden Kuppeln der Esplanade, erstreckt sich die Waterfront mit dem Foodcourt Gluttons Bay. Dicht an dicht reihen sich die kleinen Essensstände mit allerlei Spezialitäten aus ganz Südostasien aneinander. Mohd Hussin brät im Alhambra Padang Satay nahe der Straße seine Huhn- und Rindfleisch-Spieße. Dazu gibt es Erdnuss-Soße.

Wenige Meter von seinem Stand werden Hamilton und Co. mit mehr als 280 km/h vorbeifliegen. Ein Ereignis, das den arabisch aussehenden Gastronom eher kalt lässt: "Autorennen interessieren mich nicht so sehr. Ich stehe auf Fußball", grinst er. Und fügt hinzu, dass er sich so bei dem erhofften Besucheransturm nicht grämen muss, etwas vom Renngeschehen zu verpassen. An den Ständen zeigt sich wieder das Faible der Stadt für Sauberkeit. Die Behörden kontrollieren monatlich die Küchen. Ein DIN-A4 großes Blatt mit einem "A" verrät, dass die höchsten Anforderungen erreicht wurden. Und da im Freien gegessen wird, erspart man sich auch den Kälteschock, der unweigerlich droht, wenn man aus tropischen Temperaturen in die durch Klimaanlagen gefrostete Innenwelt der Malls eintaucht.

Fortkommen spielt eine untergeordnete Rolle

Für deutsche Ohren erstaunlich begeistert fiebern die Singapurer dem Grand Prix entgegen. Sie lieben prachtvolle Feiern. Ein Großereignis mehr - neben Weihnachten, Neujahr, chinesischem Neujahr, dem exzessiven Schlussverkauf Singapore Sale und Nationalfeiertag - ist da nur willkommen. Hauptsache, es ist was los. Während man in Deutschland zunächst einmal Bedenken anmelden würde, dass die Umwandlung einer Stadt in eine Rennstrecke in einem Verkehrschaos enden könnte, sehen die Asiaten das Ganze gelassen. Das mag vor allem auch daran liegen, dass die Straßen der Fünf-Millionen-Stadt beim Fortkommen der Einwohner nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Selbst in der Rushhour erlebt man kaum Verkehrsbehinderungen, die über der Wartezeit an der Ampel hinausgehen. Kein Wunder: Der Besitz eines Autos ist für die meisten Einwohner schlicht zu teuer. Das fängt bei der nur zehn Jahre gültigen Lizenz für den Besitz eines Fahrzeugs an, die man teuer ersteigern muss, und hört bei 127 Prozent Steuer auf Neuwagen auf. Wer in Singapur von A nach B kommen möchte, nutzt eher den Mass Rapid Transit, abgekürzt MRT. Dessen U-Bahn-Netz gilt, typisch für Singapur, als eines der effizientesten der Welt. Zusammen mit klimatisierten Fußgänger-Tunnels, die die wichtigsten Shopping-Zentren und Hotels rund um die Rennstrecke verbinden, wird so jederzeit das Fortkommen gesichert. Die Unterführungen bewahren die Pendler davor, sich allzu lang im meist um die 30 Grad warmen, mit über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit drückend schwülen Freien aufzuhalten. Ein Autorennen wirkt sich da kaum negativ auf den Verkehrsfluss aus.

Ausfahrten auf gut ausgebauten Autobahnen

Hinterm Ledervolant des Ferrari genießt man die geringe Auto-Dichte und den extra für das Rennen erneuerten Straßenbelag - schwarz, topfeben und rau verspricht er reichlich Grip. Die ebenfalls neue Fahrbahnmarkierung ist nur aufgeklebt. Vor dem Rennen wird sie entfernt, schließlich haben Abbiegespuren und Haltelinien auf einem Formel 1-Kurs nichts verloren. Wir halten uns strikt an das Tempolimit. Allerorten lauern Kameras auf Verstöße. Kein Wunder, dass die Mitglieder der Ferrari-Clubs Singapur zu Ausfahrten lieber auf die gut ausgebauten Autobahnen des nahen Malaysia ausweichen. Dort gilt zwar auch ein Tempolimit, doch wie ein Insider augenzwinkernd versichert, sind die Geldstrafen so niedrig, dass sie die freie Fahrt nicht wirklich behindern.

In Singapur dienen vor allem Premium-Limousinen als Statussymbol. Ferrari sind unter all den Mercedes, Lexus und Bentley, die die Straßen bevölkern, eine Seltenheit. Entsprechend interessiert heften sich die Blicke von Passanten an den blauen Lack. Der Rundkurs windet sich zwar vornehmlich durch die von modernen Hochhäusern dominierte Marina Bay-Area, doch mit dem War Memorial-Park und dem im Kolonialstil errichteten Cricket-Club werden die Formel 1-Piloten auch Zeitzeugen des alten Singapur streifen. Gebäude, die zeigen, dass die einzige Konstante des Inselstaates die ständige rasante Veränderung ist. In diesem Punkt geht es der Metropole nicht anders als dem Renn-Zirkus: Wer nicht Vollgas gibt, kommt eben nicht auf die Pole-Position.

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