Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Skoda 645

Schnitt-Modell

Foto: Hardy Mutschler 20 Bilder

Er suchte lange, und ganz bewusst. Was er fand, war ein trauriger Rest: Als Peter Sudeck den 1930 gebauten Škoda 645 entdeckte, lagerte die Karosseriezerschnitten auf dem Chassis. Jetzt fährt der große Tscheche wieder.

30.01.2008 Thomas Wirth Powered by

Überall fegten die kleinen Heckmotor-Škoda damals noch über die Straßen. 1991 war Peter Sudeck von Wolfsburg nach Tschechien gezogen. Er erinnert sich noch gut an die Bilder. Zwei Jahre nach der friedlichen Revolution war das. Eine längst unauslöschbar geglaubte Weltordnung hatte sich fragmentiert, als habe eine gewaltige Implosion stattgefunden. Der Ostblock war nicht mehr. Doch seine Autos fuhren noch.

Das Skoda-Erbe war in Tschechien kaum noch etwas wert

"Irgendwann hatte ich bewusst eine Felicia wahrgenommen", sagt der frühere VW-Manager Sudeck, der bei Škoda die Qualitätssicherung übernommen hatte. Und staunte: "Das war ein richtig schönes Auto." Die Tschechen interessierte das nicht mehr. Sie kauften Gebrauchtwagen aus dem Westen, und das Škoda-Erbe war kaum etwas wert. Sudeck griff zu, kaufte erst eine Felicia, wenig später einen Popular - jenen Volkswagen, mit dem Škoda der erste erfolgreiche Anlauf gelang, auf Stückzahlen zu kommen.

Peter Sudeck blieb in Tschechien. Er lernte sogar die Sprache, die Ausländern meist ein Geheimnis bleibt, weil die anspruchsvolle Grammatik viel Eifer fordert. Ebenso wusste Sudeck über die lange Škoda-Geschichte nun mehr - über die Wurzeln des Unternehmens bis hin zum Namen Laurin & Klement. "Damit kam der Wunsch", erinnert sich der heute 65-Jährige, "ein wirklich altes, großes Modell zu finden." Kein leichtes Unterfangen, das wusste er aus dem Škoda-Werksmuseum, das schon seit Jahrzehnten sammelte. Alles verbraucht, verschlissen, weggeworfen.

Heiße Spur: Technik-Geschichte auf dem Bauernhof

Das Studium eines tschechischen Oldtimerblattes führte schließlich 2001 auf eine Spur. In einer Kleinanzeige waren zwei Škoda 645 offeriert. Der Besitzer hatte eine Restaurierung begonnen, aber irgendwann die Lust verloren. Oder den Mut. Kein Wunder. Denn das, was Peter Sudeck in Ostmähren, schon nahe der slowakischen Grenze, auf einem Bauernhof besichtigte, waren nur Reste: Eine zersägte Limousinen-Karosserie lagerte auf einem oberflächlich überholten Chassis, während der zweite 645 nicht viel mehr war als ein Chassis samt Motor und einer alten Traktorkabine - man hatte den einstigen Tourenwagen irgendwann zum Dienst in der Landwirtschaft zwangsverpflichtet.

Alte Autos wurden im real existierenden Sozialismus nicht entsorgt, dazu war der Nachschub zu knapp. Sie wurden umfunktioniert. Dieses Schicksal ereilte auch die zweigeteilte Karosserie. Sie war 1961, wie ein Firmenschild noch berichtete, geteilt worden, um aus der Dreißiger-Jahre-Limousine einen Pick-up zu bauen. "Ein typisches Kapitel tschechischer Nachkriegsgeschichte", weiß Peter Sudeck. Warum der Plan einst scheiterte, weiß niemand mehr. Für rund 6.500 Euro konnte der Škoda- Manager die Reste übernehmen.

Im April 2001 erhielt er auf Antrag die Ausfuhrgenehmigung, ein in Tschechien noch heute nötiger Behördenakt: Das Land will verhindern, dass technisches Kulturgut unkontrolliert das Land verlässt. Illusionen machte sich Sudeck keine. Dazu ist er, seiner Škoda-Liebe zum Trotz, doch zu sehr Pragmatiker: "Vom wirtschaftlichen Standpunkt gesehen", so seine nüchterne Einschätzung, "kann eine solche Restaurierung nur ein Verlustgeschäft werden." Für große Limousinen aus der Vorkriegszeit gibt es selbst dann kaum Nachfrage, wenn Mercedes oder gar Rolls-Royce auf den Kühlern stünde.

Zur Restaurierung des Blechs zurück nach Tschechien

Eine Maßnahme, die Sudeck zur Kostendämpfung einsetzte, war die Vergabe von Arbeiten an tschechische Restaurierungsfirmen. Das erste Gewerk allerdings entstand in Deutschland. Peter Sudeck lag ein faires Angebot von Stellmachern aus Braunschweig vor, die sich mit historischen Büssing-Lkw-Fahrerhäusern einen Namen gemacht hatten. Hier entstand in gut sechsmonatiger Arbeit das tragende Holzskelett des 645 neu - bei über fünf Metern Fahrzeuglänge eine umfangreiche Konstruktion.

"Der Škoda besitzt heute kein Stück altes Holz mehr", sagt Peter Sudeck. Zu sehr hatte das originale Material unter der Lagerung im Freien gelitten. Nur als Muster konnte es noch dienen. Bei den einfacheren Arbeiten half Sudeck mit. Als es ans Blech ging, brachte er den 645 jedoch wieder nach Tschechien. Nicht nur, dass sich dort deutlich leichter Experten für die alten, großen Škoda-Modelle finden lassen, auch die Kosten lagen deutlich günstiger als in Deutschland.

Arbeit gab es genug: Im unteren Bereich ist das Blech nahezu rundum neu, was auch für die Türen und die beiden hinteren Kotflügel gilt. Ein Tischler fertigte dazu eigens ein Klopfmodell aus Holz, der sehr originale Museums-645 gab die Maße vor. Andere Blechpartien wie das Dach, die Motorhaube oder die vorderen Kotflügel ließen sich hingegen sanieren. Auch um die konservative Technik des großen Chauffeurwagens kümmerte sich die tschechische Werkstatt.

Optimierter Motor mit mehr Drehmoment

Die Monteure bohrten die Zylinder aus, fertigten neue Ventile und Kolben an, überschliffen und nitrierten die Kurbelwelle. Heute trägt der seitengesteuerte Block den Kopf des zweiten Motors, das originale Exemplar wies Risse auf. Die Nockenwelle erhielt eine Spezialbehandlung. Ihre Nocken besitzen nun ein leicht geändertes Profil, aus dem andere Öffnungszeiten der Ventile resultieren.

Die bessere Zylinderfüllung zeigt Erfolg: "Die Leistung ist etwas gestiegen", sagt Peter Sudeck, "aber das war nicht das Ziel. Wichtig ist das deutlich höhere Drehmoment." Schließlich ist der Škoda 645 kein leichter Wagen: Bereits sein Chassis wiegt knapp eine Tonne, dazu kommt die große Karosserie. Damit muss der Sechszylinder mit seinen 45 PS fertig werden - aus dieser Kombination leitete sich damals übrigens die nüchterne Typenbezeichnung 645 ab.

Auch im Umfeld des Motors stand viel Arbeit an. So erhielt die Kardanwelle neue Gelenkgabeln, der komplette Auspuff ist nach Muster neu angefertigt, und auch das alte Kühlernetz ließ Sudeck tauschen. Bei einem Vorleben, wie es sein 645 durchmachte, ist es allerdings erstaunlich, dass immer noch der erste Benzintank seinen Dienst versieht - "ich habe ihn innen nicht einmal behandelt."

Weniger als sechs Exemplare sind noch bekannt

Das alles bedeutete viel Aufwand, forderte Zeit und Geld, Kommunikation und Geduld. Und letztlich manchen Kompromiss. Selbst wenn Sudeck das Glück hatte, in Südböhmen auf einen Sattler zu stoßen, der viele historische Stoffe auf Lager hatte und sogar neu weben ließ, konnte er seinen 645 in manchen Details noch nicht so fertigstellen, wie er es sich wünscht.

So hat er intensiv nach korrekten Fensterkurbeln gesucht, selbst auf kleinsten Oldtimermärkten in Tschechien - vergebens. Und die Chancen stehen nicht besonders gut. Zu rar sind die großen, alten Škoda-Modelle mittlerweile. Weniger als ein halbes Dutzend 645 sind noch bekannt, Sudecks Wagen eingeschlossen. Doch genau genommen gibt es noch die Reste seines zweiten Exemplars, den Ex- Traktor. "Vielleicht", sagt Sudeck unternehmungslustig, "baue ich daraus irgendwann einen leichten Lieferwagen."

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Gebrauchtwagen Angebote