Smart Dragster: Der kleine Wolf im Smart-Pelz

Smart Dragster

Bo Schröers Smart beschleunigt in 3,2 Sekunden von Null auf 100 km/h. Bei Viertelmeilenrennen hat der getarnte Dragster schon so viele Porsches und Ferraris in Grund und Boden gefahren, dass Schröer sich seine Gegner unter Motorradfahrern suchen muss.

"Warum wir das machen? Weil wir einen Nagel im Kopf haben!" Bo Schröer muss fast schreien, um sich verständlich zu machen, denn ein paar Zentimeter hinter seinem Rücken bricht gerade die Hölle los.

Die 210 PS-Hölle im Smart-Heck

Wo normalerweise der Kofferraum und das schwachbrüstige Motörchen des unscheinbaren Smart Fortwo sitzen, hat sich der auf 210 PS hochgezüchtete Vierzylinder aus einer Kawasaki Ninja ZX-10R eingenistet. Bo Schröer dreht das Motorrad-Aggregat bis 12.500 Touren hoch, tritt mit gefühlter Lichtgeschwindigkeit die Kupplung und lässt das Jüngste Gericht über den Asphalt hereinbrechen. 3,2 Sekunden später ist von dem Smart nichts mehr zu sehen als eine dicke schwarze Gummischicht auf der Straße. Dafür kann man ihn noch kilometerweit hören - der Motorlärm ist ohrenbetäubend.

Kein Smart der Welt ist schneller
 
"Keine Angst, ich weiß schon, was ich mache", ruft Schröer, während man sich auf dem Beifahrersitz am Türgriff festkrallt. Mit Knöpfen am Lenkrad wechselt der Smart-Fan die Gänge und jagt über die leere Landstraße. Man fühlt sich wie ein blinder Passagier in einer Boden-Boden-Rakete. Mit dem passenden Getriebe läuft der Smart deutlich über 200 Sachen, auch wenn bei hohem Tempo jeder Windstoß das Wägelchen in arge Bedrängnis bringt. "Ich kenne auf der ganzen Welt keinen Smart, der schneller ist", grinst Bo Schröer und jubelt den Kawasaki-Motor noch einmal richtig hoch.

Mach doch einen Smart richtig schnell, sagte meine Frau
 
Es muss nun aber kein Porsche-Pilot befürchten, demnächst von einem Smart von der linken Autobahnspur geblasen zu werden. Schröers Zwergen-Dragster hat nämlich keine Straßenzulassung, wird nur mit roter Nummer bewegt - oder an dem Ort, für den der Smart-Händler aus dem westfälischen Borken den Renner konstruiert hat: Auf dem Dragstrip. Dort aber haben die meisten Gegner keine Schnitte gegen den Kawa-Smart. Bo Schröer ist schon bei zahlreichen Viertelmeilen-Rennen angetreten. "Ich wollte wieder einmal Rennsport machen", beschreibt er die Ideenfindung für sein Projekt, "und Viertelmeilenrennen sind vergleichsweise ungefährlich. Da sagte meine Frau: Mach doch einmal einen Smart so richtig schnell!"

Die Antriebskette flog durchs Glasdach
 
Gesagt, getan. Ein Unfallauto mit defektem Motor lieferte die Basis. Rund drei Monate werkelte Schröer an dem Dragster. Die ersten Fahrversuche endeten allerdings kläglich: Immer ging etwas kaputt. Einmal löste sich gar die Antriebskette, flog durchs Auto und durchschlug das Glasdach. Schröer schaute sich in der Dragster-Szene um, besorgte sich eine Kette aus der amerikanischen Superbike-Serie, eine handgemachte Antriebswelle und ein Cosworth-Differenzial. "Ich wollte ein Fahrzeug, dass auch außerhalb des Dragstrips fahrbar ist. Über den Anlasser kann der Wagen nun sogar kurze Strecken rückwärts fahren", erzählt Bo Schröer. Rund 25.000 Euro habe er schließlich in sein Projekt investiert. 

Zehnmal anfahren, dann sind die Pneus fertig

Für den smarten Ausflug zu zweit ist der unscheinbare Dragster trotz zweier Sitzplätze kaum geeignet, dafür sorgen schon das infernalische Motorengeräusch und das äußerst nervöse Fahrverhalten. Auf dem Dragstrip fühlt sich der Smart dafür umso wohler. Das Leistungsgewicht: 3,2 Kilogramm pro PS. An jedem Renntag muss Schröer reichlich Reifen-Nachschub mitnehmen: "Zehnmal anfahren, dann sind die Pneus fertig", erzählt der Dragster-Pilot. Zuletzt ging er bei einem Rennen in Leipzig an den Start.

Ich habe schon Porsche-Fahrer weinen sehen

Die Regeln solcher Beschleunigungswettkämpfe sind einfach - zwei Autos fahren auf einer abgesperrten Strecke nebeneinander, die traditionelle Renndistanz ist die Viertelmeile (rund 400 Meter). Neben Serienfahrzeugen gehen oft wild verbastelte Autos an den Start. "Mein Smart schafft die Viertelmeile in rund 13 Sekunden - schneller als ein Ferrari F 430. Man gewinnt praktisch gegen alles, was serienmäßig ist. Ich habe schon Porsche-Fahrer weinen sehen", sagt Bo Schröer.
 
Doch selbst von den Verlierern schlage dem Zwergen-Dragster immer viel Sympathie entgegen. "Ein Ferrari-Fahrer verliert lieber gegen meinen Smart als gegen eine Corvette oder einen Mustang", glaubt der Extrem-Tuner. Weil ihm trotzdem so langsam die Gegner ausgehen, trat er schon gegen Motorräder an. Soviel Spaß Schröer an seinem Über-Smart auch hat, nun will er ihn für 20.000 Euro verkaufen. Denn ihm schwebt schon das nächste Projekt vor: "Das wird wieder ein Fortwo mit Motorrad-Motor, diesmal mit Turbolader und 330 PS. Ich will das Leistungsgewicht des Bugatti Veyron erreichen", kündigt Schröer an.

Auch im Betrieb werden Smart getunt
 
Wer nun meint, dass Bo Schröer seine Lust an der Leistung nur in der Freizeit ausübt, der irrt. In seinem Kfz-Betrieb werden ausschließlich Smarts veredelt und verkauft. Dabei steht eine extravagante Optik im Vordergrund, etwa matte Lackierung – statt simpler Folie - oder spezielle Innenausstattung. "Alle Smarts, die wir verkaufen, haben aber auch eine Leistungssteigerung", betont Schröer. Für die Kunden darf es dann aber doch etwas mehr Normalität sein – das Angebot reicht bis 120 PS.

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Sebastian Viehmann

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