Die Straßen von China: Bunte Verkehrsinsel

Smart in Shanghai

Bereits seit längerem gibt es auf Chinas Straßen eine smarte Mogelpackung. Doch der Noble von Diamond on the Crown ist nicht mehr als ein billiger Abklatsch des deutschen Smart Fortwo. Seit Anfang April schickt Daimler sein Original in die Höhle des Löwen.

Es regnet in Strömen an diesem Sonntag. Ben ist Anfang 30 und schwört Stein und Bein, dass es bis zum Verkaufsraum von Smart nur noch ein paar Minuten seien. Schließlich baut sich nach rund einer halben Stunde Stauorgie im Tunnel unter dem Huangpu-Fluss das größte Mercedes-Benz-Center von Shanghai vor einem auf. Kein Smart-Turm, keine überdimensionalen Hinweisschilder - die potenziellen Smart-Kunden sollten wissen, wohin sie ihr Weg führt.

Daimler mit dem Smart ein Vorreiter

Im Erdgeschoss stehen bekannte Limousinen aus Stuttgarter Produktion. Der Bestseller ist hier die Mercedes S-Klasse. Alles was einen langen Radstand hat, läuft gut. Daher wird ab nächstem Jahr auch die Mercedes E-Klasse mit mehr Beinfreiheit für den Fond verfügbar sein. Hier muss man BMW und Audi hinterher hecheln, die auch A4, A6 und 5er-Reihe als L-Versionen anbieten. In der kleinen Klasse sieht das anders aus. Hier ist Daimler mit dem Winzling Smart einmal mehr der Vorreiter.

"Einkaufswagen" für China

 
Nachdem die erste Smart-Generation für Mercedes nicht mehr als ein Milliardengrab wurde, hat man sich bei der Neuauflage mehr Gedanken gemacht. Nach Europa nahm man nicht nur die USA ins Visier und verkaufte hier 2008 respektable 25.000 Einkaufshelfer im ersten Jahr. "Auch in China beobachten wir ein immer stärkeres Interesse der Kunden an unserem hochwertigen und gleichzeitig verbrauchsarmen Smart Fortwo. Ich bin sicher, dass er durch sein einzigartiges Konzept binnen kurzer Zeit viele Lifestyle-orientierte Kunden in den Großstädten Chinas begeistern wird", hatte Daimler-Vorstandschef Dr. Dieter Zetsche auf der Peking Autoshow vor einem Jahr verkündet. Ein Jahr später gibt es in den Ballungsgebieten des Milliardenstaates 19 Händler.

Die Straßen von ...

Zetsche: "Plagiate rauben uns nicht den Schlaf"

Seit der Einführung der ersten Modell-Generation im Jahr 1998 wurden mehr als eine Million Smart Fortwo ausgeliefert. Mit dem Verkaufsstart in China Anfang April 2009 sollen nicht nur neue Kleinwagenkunden gewonnen werden, sondern auch ein Zeichen im Reich der Mitte gesetzt werden. Man will sich von Plagiatsfirmen wie Diamonds on the Crown nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Der chinesische Hersteller brachte 2008 mit dem Noble einen allerdings viersitzigen Smart-Zwilling auf die überfüllten Straßen. Dr. Dieter Zetsche: "Wir müssen uns gegen die Plagiate natürlich formell wehren und haben die nötigen Schritte unternommen. Doch den Schlaf rauben die uns nicht."

Smart Fortwo: "Schon cool"


"Seit dem 8. April bieten wir den Smart Fortwo nun auch hier in China an", läutet Asiens Mercedes-Chef Ulrich Walker ein, "Coupé und Cabriolet in jeweils zwei Ausstattungsvarianten mit 71 PS. Wir hatten über 100.000 Interessenten, 6.500 Probefahrten und gut 1.000 Vorbestellungen, die vorab 388 RMB Anzahlung hinterlegt haben." Im größten Smart-Verkaufsraum von Shanghai unweit des belebten People’s Square glänzen Schriftzüge und auch die Theke im Lounge-Look wurde erst vor ein paar Tagen in Betrieb gekommen. Fahrer Ben ist vom Smart angetan: "Doch, doch der ist schon cool. Aber viele wollen eben ein Auto für vier Personen, sodass auch einmal andere mitfahren können." 

Er selbst fährt eine preiswerte Nissan-Limousine. "Das automatisierte Getriebe mit den Zugkraftunterbrechungen ist im Stop-and-Go-Verkehr besonders nervig", sagt Ben, "das wird kaum jemandem gefallen. Und der Preis des Smart ist einfach happig. Aber für viele ist der Fortwo ein cooler Zweit- oder Drittwagen."
 
Smart ist vergleichsweise teuer


Maggie Zhang ist die Sales-Managerin und dementsprechend überzeugt von ihrem neuen Produkt. Eine hübsche junge Frau in coolen Designer-Klamotten soll Vorbild sein für den typischen Smart Kunden. Fest steht, dass der nicht auf den Pfennig schauen muss. In einem Land, in dem Klein- und Kompaktwagen zwischen 50.000 und 100.000 RMB kosten, schlägt ein Smart der Geldbörse fast den Boden aus. "Das Basismodell des Smart Fortwo startet bei 158.000 RMB", erzählt Maggie mit einem charmanten Lächeln. Die Top-Version Style mit elektrischem Cabriodach kostet 206.000 RMB - umgerechnet gut 20.000 Euro. Zum Vergleich: ein Mercedes B 200 kostet in China 290.000 RMB; eine Mercedes C-Klasse rund 400.000 RMB.
 
Smart will im Revier des Mini wildern

So will der Smart Fortwo auch im Revier des Mini räubern. "Das Mini-Klientel ist durchaus ähnlich", räumt Verkaufsleiterin Maggie ein, "unsere bisherigen Kunden sind zwischen 20 und 60 Jahren alt." 150 Fahrzeuge wurden in den zwei Händlerbetrieben von Shanghai verkauft. Die ersten Modelle werden Anfang Mai ausgeliefert. Zur chinesischen Massenmobilisierung wird der Zweisitzer aus Europa angesichts des hohen Preises jedoch kaum beitragen. Mercedes bemüht sich, bei potenziellen Kunden mächtig die Werbetrommel zu rühren. Maggie Zhang: "Diese Woche veranstalten wir an drei Abenden Partys in unserem Smart-Center. Da kommen jeweils rund 100 Personen."

Smart-Party für coole Kunden


In cooler Lounge-Atmosphäre soll das in Asien besonders gute Mercedes-Image auf die Trendmarke Smart transferiert werden. Der Showroom selbst ist an sieben Tagen in der Woche zwischen zehn und 22 Uhr geöffnet. Weitere Partys und Events nicht ausgeschlossen.
 
Es soll kein Zweifel daran bestehen, dass der hochpreisige Smart Fortwo und sein ungleicher Zwilling namens Noble nichts miteinander zu tun haben. Zwar fallen die Ähnlichkeiten zwischen dem Noble und seinem Vorbild aus Hambach im deutsch-französischen Grenzgebiet innen und außen sofort auf. Technisch liegen der 2,70 Meter lange Smart und sein 3,01 Meter langes Gegenüber dagegen alles andere als eng beieinander. So ist der Noble ein kleiner 2+2-Sitzer, während im Fortwo nur Platz für zwei Personen plus Gepäck ist. Für den Antrieb des Noble stehen zwei kleine Vierzylinder mit Leistungen von 55 und 69 PS zur Verfügung. Einem Verbrauch von 4,2 Litern steht die Höchstgeschwindigkeit von knapp 140 km/h gegenüber. Die Leistungsdaten des Fortwo mhd sind nahezu identisch.

Chinesen interessieren Design und Farben

Dass der Smart Fortwo serienmäßig als Microhybridversion mit Start-Stopp-Automatik angeboten wird, interessiert in Chinas Metropolen übrigens kaum jemand, räumt Maggie Zhang ein: "Hier geht es mehr um das ungewöhnliche Aussehen und die Farbe. Rot und weiß laufen besonders gut." Auch das Thema Parkplatzsuche ist beim Autokauf nachrangig. Die Straßen von Shanghai sind aufgrund der knapp 20 Millionen Einwohner sowieso verstopft und Parkplätze muss man sich teuer erkaufen.

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Stefan Grundhoff

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