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FIA-GT 24h-Rennen Spa 2009

Familien-Coup beim Langstreckenrennen

FIA-GT 24-Stunden-Rennen Spa Foto: FIA GT 40 Bilder

Zwei Corvette-Teams mit Mickey-Mouse-Budget schrieben die Märchenstory beim 24h-Rennen in Spa.

25.08.2009 Powered by

Wer am Donnerstag vor dem 24h-Rennen das Fahrerlager in Spa betrat, konnte schon auf Grund der Teamzeltgrößen eine klare Prognose für das Rennen erstellen: Der Sieger konnte nur Vitaphone Racing heißen, alles andere war unmöglich. Drei Siege in vier Jahren sprachen für das deutsche GT-Vorzeigeteam, drei Maserati MC12 hatte man am Start, eingesetzt von einer 90 Mann starken Truppe. Dazu ein Vorzelt hinter der Box, so groß als wolle man fünf Peugeot 908 in Le Mans einsetzen oder zum Mond fliegen.

Die Schrauberfraktion in der alten Langstrecken-Boxengasse
 
Wer von oben - sprich vom Formel 1-Fahrerlager - nach unten zur alten Langstrecken-Boxengasse wandert, scheint in eine andere Welt einzutauchen. Bei starkem Regen läuft das Wasser wie in Pissrinnen hinunter zum Camp der Aussätzigen. Dort hausen in großer Abgeschiedenheit und Gemütlichkeit die Underdogs, die Schrauberfraktion. Zu ölverschmierten Händen werden klebrige Fritten gereicht, am Nebentisch baden die Getriebegangräder im Ölsud. Das ist die Welt von Toine Hezemans und Patrick Selleslagh. Die Herren gehören zu den älteren Semestern, was sie zu guten Gesprächspartnern macht.
 
Anstatt Marketing-Phrasen gibt es handfeste Ansagen, niederländische Flüche und vor allem wahre Einblicke in den Rennsport. Dass nun ausgerechnet diese beiden Mannschaften in einem innigen Zweikampf um den Gesamtsieg in Spa verstrickt waren, mutet in Anbetracht der Vitaphone-Allmacht wie ein Wunder an. Toine Hezemans ist knorrig wie eine Eiche, aber ein Racer durch und durch. Der 66-jährige Holländer und dreifache Tourenwagen-Europameister hat im Motorsport alles gesehen und erlebt. 2009 führt er sein Team PK Carsport für Pilot und Sohn Mike Hezemans in die GT-Schlacht. Genau genommen kämpft er dabei mit den Händen auf dem Rücken, wie er verschmitzt zugibt: „Mein Team besteht aus mir und Mike und zwei festangestellten Mechanikern. In Spa haben wir dazu noch acht Freiwillige an Bord. Einer arbeitet als Mechaniker in einer Autowerkstatt, der andere ist Bäcker.“
 
Rennladen als erweiterter Familienbetrieb
 
Nachdem der letzte im Kampf um den Sieg verbliebene Maserati wegen eines Felgenbruchs ausschied, mussten sich die Hezemänner noch mit einem letzten Gegner herumplagen - die baugleiche Corvette C6-R von Patrick Selleslagh mit den Fahrern Oliver Gavin, Bert Longin, Maxime Soulet und James Ruffier konnte dabei auf eine ähnlich erlesene Infrastruktur zurückgreifen wie das Hezemans-Team. Denn auch das belgische SRT-Team besteht aus zwei festangestellten Mitarbeitern. Der Teamchef führt den Rennladen als erweiterten Familienbetrieb: Seine Frau erledigt das Catering und die Zeitnahme an der Boxenmauer.
 
Glücklicherweise ist Selleslaghs Sohn ausgebildeter Mechaniker, und die Tochter ist für das Nachtanken zuständig. Ergänzend helfen zwei Wochenend-Krieger beim Schrauben. Die Relation zwischen Aufwand und Ergebnis fällt faszinierend aus. PK Carsport siegte in Spa mit den Piloten Anthony Kumpen, Mike Hezemans, Jos Menten und Kurt Mollekens bereits zum zweiten Mal nach 2007. Bei PK Carsport wird alles Geld in die Autos gesteckt - der schöne Schein muss auf dem Rücksitz Platz nehmen.
 
Teure Rennautos, aber Streit um die Fritten
 
„Wenn ich Catering will, dann drückt mir jemand ein Sandwich in die Hand“, sagt Toine Hezemans. „Wenn es kein Sandwich gibt, dann gehe ich an die Frittenbude, das kostet vier Euro.“ Aber der Mann rechnet genau: „Die Fritten kosten eigentlich nur drei Euro, die Sauce kostet noch mal einen. Ich gebe viele hunderttausend Euro für Rennautos aus, aber ich streite mich jedesmal mit dem Typ von der Frittenbude, warum die Sauce einen Euro und nicht 50 Cent kostet!“
 
Auch beim Thema Unterkunft gehen die Teams von Hezemans und Selleslagh eigene Wege: Anstatt Tausende von Euro für Hotels zu verblasen, bevorzugen die Teams im Fahrerlager zu übernachten. Zusammen mit dem aus Belgien stammenden Prospeed-Team bildet man sprachlich betrachtet den niederländisch-flämischen Block, der in allen Fahrerlagern Europas berühmt ist für ausgelassene Grillfeten. „Wir schlafen entweder im Motorhome oder im Truck, und wir mögen das“, bekennt Selleslagh. „Ich finde den Auftritt von Vitaphone wirklich bemerkenswert. Toll, dass sie Sponsoren haben, die so was bezahlen. Aber wirklich brauchen tut man das nicht. Mein Truck ist zehn Jahre alt - was soll‘s? Das Rennauto wird ja nicht langsamer, nur weil der Truck alt ist.“
 
Hezemans und Selleslagh sind abgekochte Schlitzohren
 
Natürlich benötigen auch diese Teams Sponsoren, um mit den großen GT1-Kalibern schießen zu können. Bei PK Carsport tragen Hezemans Immobilienfirma und die Ridley-Fahrradfirma von Anthony Kumpen zum Budget bei. Hezemans stellt das Auto und die Ersatzteile. Bei Selleslagh fungieren Sponsoren sowie die Mitgift der Fahrer als Schmiermittel des Rennstalls. Hezemans und Selleslagh sind abgekochte Schlitzohren, die jede Finte in diesem Geschäft kennen.
 
So wählten beide Teams die alte, schäbige Boxengasse als Unterkunft. Nicht ohne Hintersinn. „In der alten Box darf man das Nachtankgeschirr etwas geradebiegen, das bringt zwei Sekunden pro Stopp“, grinst Hezemans, der 1973 zusammen mit Dieter Quester beim 24h-Rennen in Spa als Fahrer siegen konnte. „Und das Beste: Man hat sogar seine Ruhe vor den Journalisten, die nur selten den langen Weg in die alte Boxengasse finden!“

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