Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Spaß-Kalt

Gaisbergrennen 2006

Foto: 26 Bilder

Überwiegend nasskaltes Wetter vermochte weder Fahrer noch Zuschauer um den Spaß beim 4. Gaisbergrennen zu bringen:
150 exquisite Oldtimer heizten die Salzkammer-Glut kräftig an.

14.01.2007 Malte Jürgens Powered by

Kanppe Kassen sind gut für den Motorsport. Weil dem Landeshauptmann Franz Rehrl 1928 die nötige Marie fehlte, um den Salzburger Hausberg per Seilschwebebahn zu erschließen, verfügte er Plan B: Zur Gaisbergspitze wird eine wunderbare Straße gebaut, über deren Verwendbarkeit als Rennstrecke die internationalen Automobilclubs bereits vom ersten planierten Meter an nachdenken.
Ein Jahr später wird es Ernst. Die Straße liegt da und wartet darauf, genommen zu werden. Zum
ersten Gaisbergrennen am 8. September 1929
melden 84 Sportsleute, und das Ganze wird ein enormer Erfolg: 20 000 Zuschauer überfordern die Kartenverkäufer, die zum Bedauern der Stadt nur jedem zweiten Besucher die obligatorischen zwei Schillinge Eintritt abnehmen können.
Im folgenden Jahr bricht das Gaisberg-Fieber richtig aus. Das Rennen zählt 1930 zwar noch nicht zur Berg-Europameisterschaft, aber 144 Starter melden. Sprecher im Übertragungswagen der Österreichischen Radio Verkehrs AG ist Wolfgang von Karajan, Bruder des späteren Dirigenten Herbert, der sich seine ersten Vollgassporen bei Motorradrennen verdient. 1969 läuft am Gaisberg die letzte moderne Rennveranstaltung – dann fällt die Strecke für 34 Jahre in einen Dornröschenschlaf.
2003 unternimmt der Salzburg Rallye Club SRC eine kräftige Wiederbelebung des Gaisbergrennens, und zwar als historisches Spektakel. Gert Pierer, Hermann Schwarz und Thomas Matzelberger orientieren sich dabei an alten Vorgaben. Gestartet wird wie einst in drei Klassen: Sportwagen, Tourenwagen und Rennwagen, jeweils unterteilt in die Kategorien Vorkrieg und Nachkrieg.
Aus den Strafpunktlisten der sechs Klassen wird die Gesamtwertung erstellt. Damit die Oldtimer-Chauffeure keinen Steigungskoller bekommen, stehen zum Einstimmen auf den mythischen Berg vorher noch zwei Rundkursprüfungen an.
Am 25. Mai ging es in Salzburg beim Stadt-Grand-Prix über Staats- und Karolinenbrücke, am Tag danach standen nasse Runden auf dem Salzburgring an, und dann folgten zwei Trainings- und drei samstägliche Wertungsläufe hinauf zur 1286 Meter emporragenden Gaisbergspitze.
Zu Ehren des 125. Geburtstags von Ettore Bugatti sprach der SRC in diesem Jahr den Autos aus Molsheim die Hauptrolle im Marken-Reigen zu: Das Programm listet stolz 16 Exemplare der legendären Vier- und Achtzylinder aus dem Elsass auf.

Zur Einstimmung auf das große Fahren malt
jedoch Hannes Arch aus der Red-Bull-Kunstflugstaffel mit seiner Edge 540 T derart gekonnte Qualmknoten in den Himmel über der Salzach, dass allein diese 15 Minuten eine Reise nach Salzburg gerechtfertigt hätten. Als Arch zum Abschluss auch noch unter dem Mozartsteg hindurchdonnert, dass die alte gusseiserne Konstruktion nachschwingt wie die tiefste Bass-Seite in einem Bö-sendorfer Konzertflügel, kommt der Applaus für den kühnen Flieger von Herzen.
Der Stadt-Grand-Prix ist im Grunde ein Schaulaufen des gesamten Starterfeldes, garniert mit zwei Regularity-Sonderprüfungen, in denen jede Hunderts-telsekunde Abweichung von der Sollzeit einen Strafpunkt bringt. Peter Wiesner muss sein BSA-Dreirad von 1929 wegen Lenkungsdefekt auf dem Rückspiegel abstellen – was zum Glück ohne ernste Folgen bleibt.
Zu den Besonderheiten im Feld zählen dabei die Startnummern 23 und 46: Denzel auf Denzel und Enzmann auf Enzmann. Peter Denzel fährt eines der von seiner Famile bis 1958 auf VW-Chassis gebauten Kunststoff-Cabrios aus Österreich. Karl Enzmann rückt mit der Schweizer Version des Themas vom Polyester-Cabrio auf Wolfsburger Plattform-Rahmen an: Großvater und Vater hatten ab 1956 offene Sportwagen-Karosserien ohne Türen gefertigt und sie mit dem Käfer-Chassis verheiratet. Heute lässt Karl Enzmann die alte Idee neu aufleben: Unter www.enzmann-506.ch lässt sich im Internet das Ergebnis betrachten.
Fast könnte man als Zuschauer vor all den gebotenen Attraktionen der Gaisberg-Sideshows den Berg an sich vergessen. Nicht so die rund 150 Teams: Die 8,352 Kilometer mit ihrem Höhenunterschied von 673 Metern sind drei Mal in exakt zehn Minuten zu nehmen, was einem Schnitt von 50km/h entspricht.

Der Dreiliter-Invicta von Eck- hard Lüngen und Thomas Rupf kommt übersetzungsbedingt zwar nicht unter 10:40 min, doch zeigen die Vorkriegs-Rennwagen, was möglich ist.
Im voll gefahrenen ersten Training – schließlich will man ja wissen, was geht – schmirgelt etwa Christoph Burckhardt seinen Bugatti 37 mit dem Typ-44-Motor in 5:50 min auf den Berg, und Wiesner im BSA Threewheeler macht es in 5:20.
Die Vorgabe vom 50er-Schnitt erweist sich dann für die Rennfahrzeuge und ihre ambitionierten Piloten als zu enges Kostüm: Sigi Innauer treibt seinen Porsche 911 S, Baujahr 1966, im dritten Wertungslauf in 4:58 min auf die Spitze. Paul Koppenwallner bringt es im Rennsport-Spider Huffaker Genie Mk VIII, Baujahr 1963, dank 5,7 Liter Hub-raum und 435 PS auf 4:32 min.
Trotz der forcierten Gangart fällt diese Zeit noch in die Kategorie des gemäßigten Oldtimer-Sports: 1969 dampfte Gesamtsieger Arturo Merzario im Abarth SP‑2000 in weniger als vier Minuten über die Strecke. Wirklich beschaulich waren die alten Zeiten also nicht – wenigstens nicht am Gaisberg.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Autokredit berechnen
Anzeige