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Spionage-Affäre

McLaren-Joker abgelehnt

Foto: dpa

Nicht auf der Rennstrecke sondern am Grünen Tisch wird am Donnerstag (13.9.) in Paris über den WM-Titel entschieden. Kurz vor der Verhandlung musste McLaren-Chef Ron Dennis allerdings seine Verteidigungsstrategie noch einmal ändern.

13.09.2007 Michael Schmidt Powered by

Am Donnerstag (13.9.) schaut die ganze Motorsportwelt nach Paris. Auf der Tagesordnung des FIA-Weltrats steht erneut der Spionagefall zwischen Ferrari und McLaren-Mercedes. Die 26 Mitglieder des Weltrates wurden wegen neuer Beweise zum zweiten Mal nach dem 26. Juli zusammengerufen. Bei den sogenannten Beweisen handelt es sich um einen E-Mail-Austausch Ende März zwischen Fernando Alonso und McLaren-Testfahrer Pedro de la Rosa über Abstimmungstricks bei Ferrari sowie einer genauen Auflistung der Telefongespräche und des E-Mail Verkehrs zwischen Ferrari-Saboteur Nigel Stepney und seinem Kumpel Mike Coughlan bei McLaren.

McLaren darf "Karte Renault" nicht spielen

Ferrari glaubt, mit den neuen Indizien den WM-Rivalen in die Knie zwingen zu können. Dagegen wollte McLaren während der mehrstündigen Verhandlung in Paris eigentlich zwei Trümpfe aus dem Ärmel ziehen, die die Formel 1-Welt erschüttern könnten: Der englische Rennstall hat offenbar Beweise in der Hand, dass ihr früherer Ingenieur Phil Mackereth drei Disketten mit Konstruktionsplänen und Berechnungen von über 20 Details des McLaren zu Renault mitgenommen und dort verwendet hat. Die Pläne über das Kühlsystem und die Elektronik sollen in die Konstruktion des Renaults eingeflossen sein.

Angeblich liegt McLaren aufgrund der klaren Indizienlage eine schriftliche Bestätigung von Renault vor, intellektuelles Eigentum eines fremden Teams verwendet zu haben. Teamchef Flavio Briatore hatte deswegen in Monza zwei Mal mit McLaren-Direktor Ron Dennis konferiert. Briatore lief den Rest des Wochenendes niedergeschlagen durch das Fahrerlager und sperrte sich stundenlang mit Bernie Ecclestone in seinem Büro ein.
Der Weltverband will diesen neuen Dokumentenklau allerdings nicht zum Gegenstand der Verhandlung machen. Eine FIA-Sprecher richtete aus: "Die eine Sache hat mit der anderen nichts zu tun. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wird die FIA eine gesonderte Untersuchung einleiten."

Unklare Beweislage

Während der Renault-Fall scheinbar zweifelsfrei dokumentiert ist, beruhen Ferraris Vorwürfe gegen McLaren bisher nur auf Vermutungen. Sicher ist nur, dass Coughlan von Stepney ein 780 Seiten starkes Dossier mit brisanten Ferrari-Interna erhalten hat, und dass mindestens vier McLaren-Mitarbeiter von der Existenz dieser Dokumente gewusst haben. Die E-Mails der Fahrer wurden bereits einen Monat vor der Übergabe der Ferrari-Geheimnisse geschrieben, zu einem Zeitpunkt, an dem Coughlan und Stepney nur telefonisch Kontakt hatten.

Nicht nachgewiesen ist, ob McLaren die Informationen genutzt hat und ob sich der englische Rennstall dadurch einen Vorteil erschwindelt hat. Demnach müsste Renault im Falle einer Verurteilung von McLaren noch viel härter bestraft werden. Hier wurde eindeutig Material eines fremden Teams bei der Konstruktion des eigenen Autos verwendet. Und die FIA hätte vor zwei Jahren Toyota bestrafen müssen, als der Kölner Rennstall ein Simulationsprogramm für den Windkanal einsetzte, das zwei übergelaufene Ferrari-Mitarbeiter im Gepäck hatten.

Angeblich laufen gerade Untersuchung gegen weitere Teams, die durch Überläufer zu fremdem Material gekommen sind. Erhärten sich die Verdachtsmomente, müsste der Weltverband das halbe Feld ausschließen.

McLaren-Vorteilnahme zweifelhaft

Ferrari versucht McLaren in zwei Punkten festzunageln. Für Teamchef Jean Todt beweist der Dialog der McLaren-Fahrer den Tatbestand der Nutzung der Informationen. Tatsächlich aber kann er nicht nachweisen, ob Alonso je die Tipps, wie Ferrari die Reifen aufwärmt, umgesetzt hat. Sie hätten ihm auch nicht viel geholfen. Der Ferrari F2007 und der McLaren MP4-22 sind konzeptionell so verschieden, dass der Aufwärmprozess der Reifen bei Ferrari ein anderer ist als der bei McLaren. Ferrari muss mit einem hart getrimmten Fahrwerk fahren, McLaren dagegen kann sich mehr Federweg erlauben. Ganz abgesehen davon, dass bei Aufwärmen der Reifen Ferrari mehr von McLaren lernen könnte als umgekehrt. Gleiches trifft auf die Gewichtsverteilung zu, die Ferrari zu einem schlagenden Argument macht.

Aus Sicht von Ferrari spricht auch die Geschichte mit dem Unterboden beim GP Australien gegen McLaren. Der WM-Rivale hatte dort den Weltverband FIA um eine Untersuchung des Ferrari-Unterbodens gebeten, weil der angeblich mittels einer Feder über das erlaubte Maß hinaus verbogen werden konnte. Die detaillierten Informationen über den Unterboden-Trick seien Coughlan von Stepney verraten worden. Auch hier liegt aus Sicht von Ferrari ein klarer Fall von Vorteilsnahme vor.

Stepney hat ausgepackt

Doch dazu hat sich jetzt Nigel Stepney gemeldet, der Mann der die ganze Affäre ins Rollen gebracht hat. Der frühere Werkstattchef von Ferrari hat FIA-Präsident Max Mosley in einem ausführlichen Schreiben den Fall aus seiner Sicht dargelegt, vom Anschwärzen im Falle des Unterbodens bis zu Übergabe der Dokumente. Ferrari und McLaren haben eine Kopie des Stepney-Briefes erhalten.

Viele Passagen in dem Brief klingen reichlich unwahrscheinlich, vor allem die Geschichte mit dem Dokumententransfer. Dagegen erscheint die Story mit dem Unterboden glaubhaft, und sie wäre nachprüfbar, weil die Kommunikation über E-Mail stattgefunden hat. Stepney behauptet, dass er bei Ferrari dafür zuständig war, sämtliche produzierten Teil auf ihre Legalität hin zu prüfen. Bei dem vorderen Teil des Unterbodens mit der eingebauten Feder seien ihm Zweifel gekommen.

Er habe das auch intern mehrmals angemahnt, aber keine befriedigende Antwort bekommen. Deshalb habe er selbst bei der FIA angefragt, wie die technischen Kommissare besagte Komponente bewerten. Wieder keine Antwort. Schließlich habe er seinen Kumpel Coughlan eingeweiht, damit er via McLaren eine offizielle Klarstellung vom Weltverband in Gang setzt. Da Stepneys Kontakte auf elektronischem Weg stattgefunden haben, müssten sie zumindest in seinem Computer mit Datum und Zeit dokumentiert sein. Sollte sich die Geschichte als wahr herausstellen, hätte die FIA einige unangenehme Fragen zu beantworten.

McLaren drohen sechs Rennen Sperre

Ob McLarens Argumente für einen zweiten Freispruch ausreichen, wird von Experten bezweifelt. Aus Insiderkreisen ist zwar zu hören, dass ein kompletter Ausschluss für 2007 und 2008 eher unwahrscheinlich ist, doch FIA-nahe Kreise vermuten, dass der Weltrat trotzdem eine exemplarische Strafe verhängt.

Es wird von einer Sperre über sechs Rennen gemunkelt, vier in diesem Jahr und zwei Anfang 2008. McLaren würde unabhängig von der Schwere der Bestrafung sofort in Berufung gehen und den Weltverband möglicherweise auch auf Schadensersatz vor einem Zivilgericht verklagen.

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