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sport auto-Perfektionstraining 2015

Unterwegs im BMW E30 und Ferrari 599

Perfektionstraining 2015, Startaufstellung Foto: Roman Domes 19 Bilder

Gefährlich ist sie, die Nordschleife. Verbremser verzeiht sie selten. Rettende Kiesbetten hat sie nur wenige. Grund genug für ambitionierte Piloten, die 20,83 Kilometer bei einem Fahrtraining kennen- und lieben zu lernen.

05.01.2016 Roman Domes Powered by

Frank ist nervös. Er zündet sich schon die zweite Zigarette innerhalb weniger Minuten an. "Bin ich hier mit meinem Auto morgen arg untermotorisiert?", fragt er, während er um einen - nicht seinen - schwarzen Porsche Cayman GT4 schleicht. Mit seinem orange lackierten BMW E30 325i ist er aus der Nähe von Zürich schon am frühen Nachmittag zum Nürburgring gekommen. Der leicht modifizierte und knapp 180 PS starke Youngtimer parkt auf einer Wiese, direkt an der B 258. Durch sein Inneres spannt sich ein Überrollkäfig.

Perfektionstraining 2015, BMW E30 325i
Die Nordschleife kennen- und lieben lernen 2:20 Min.

Erst lernen, dann frei fahren

"Das ist mein erstes Fahrtraining mit euch auf der Nordschleife", sagt der 36-jährige Schweizer und drückt seine Zigarette aus. "Ich bin ja schon ein bisschen aufgeregt." Die Nacht bricht mit einem Temperatursturz auf fünf Grad Celsius über die Eifel herein; die letzten Perfektionssuchenden 2015 sind angekommen und parken ihre Autos in der Tiefgarage. Am Nürburgring wird es still.

Das hochfrequente Sirren der Anlasser beendet die verschlafene Stimmung, übertönt von Motoren, die kernig kaltstartbrabbelnd ihre Nordschleifenlust mitteilen. Als sie ihren Unterschlupf verlassen, bohren sich die Scheinwerferkegel durch den Nebel, der das Örtchen Nürburg über Nacht erobert hat. Nordschleifen-Ass Friedhelm Mihm hat am Abend noch gesagt: "Siehst du die Burg morgens nicht, herrscht schlechtes Wetter. Und wenn du sie sehen kannst, kommt schlechtes Wetter." Doch selbst die undurchsichtige weiße Pampe in der Luft hält sich nicht lange.

Auf der Döttinger Höhe haben sich die insgesamt 120 Teilnehmer in 23 Gruppen formiert. Ziemlich am Ende der Schlange, bei den Ring-Novizen, blitzt Franks oranger E30 hervor. Der BMW steht in einer Gruppe, zu der noch ein schwarzer Maserati Quattroporte und ein Porsche 968 gehören. Beim morgendlichen Briefing wird den Teilnehmern der Tagesablauf erklärt: "Um 15.30 Uhr beginnt das freie Fahren. Dann könnt ihr das umsetzen, was ihr in den nächsten sechs Stunden lernen werdet." Die Ansage von Chef-Instruktor Ruben Zeltner ist klar. Kollektives Kopfnicken.

Dann bebt die Döttinger Höhe

Wie beim 24-Stunden-Rennen herrscht wenige Minuten vor Trainingsbeginn wuseliges Treiben auf der heute als Start-Ziel-Linie geltenden Döttinger Höhe. Mit einer Länge von mehr als 2,5 Kilometern ist sie die längste Rennstreckengerade der Welt. Mitten im Feld klappt Arvid den Kofferraumdeckel seines Ferrari 599 GTB nach oben. "Ich muss mich noch umziehen", sagt er mit Berliner Akzent.

Schuhe, Skimaske und der heute vorgeschriebene Helm. Seinen Kopfschutz hat Arvid schon lange, seinen Ferrari nicht. "Ich bin zum ersten Mal mit dem 599 hier, den hab' ich erst seit ein paar Monaten", merkt der Berliner an, während er den Kofferraum mit einem dumpfen "Klack" wieder zuschlägt. Der sechs Liter große V12-Motor seines Ferrari hat viel mit dem Triebwerk des Ferrari Enzo gemein, wütet unter der Haube mit gewaltigen 620 PS. "Mal schauen, wie er sich schlägt", sagt Arvid, der abseits der Rennstrecke sein Geld in der Arzneibranche verdient. Bislang fuhr der 42-Jährige einen BMW E46 M3.

Für den Ferrari ist die Nordschleife Neuland. "Den muss ich hier erst mal einfahren", sagt er. Dann fällt die Tür hinter ihm zu. Bitte zurücktreten! Die Bremsleuchte flackert kurz, dann erhebt der Zwölfzylinder seine nur im Leerlauf bassige Stimme. Mit ihm röcheln unzählige Boxer-Sechszylinder um die Wette. Und der hochfrequente Singsang der Zehnzylinder ist wahrscheinlich noch am Galgenkopf zu hören, als sich die Fahrer unter Volllast in die Senke nach der Antoniusbuche stürzen.

Lange bevor die ersten Gruppen über die kleine Kuppe am Schwedenkreuz brechen, hört man das Jaulen der Triebwerke bereits an der Arembergkurve. Nach der lang gezogenen Kehre geht es abwärts in die Fuchsröhre. Der Abschnitt heißt auch "T88" - ein Name, der bei den Streckenposten verbreitet ist. Einer davon steht auch heute am Aremberg und passt auf. Er heißt Günther Ley. "Ley bedeutet ,der Fels'", sagt er. Das passt. Groß gewachsen, mit einer starken Statur und einem beschnauzerten Gesicht lehnt er an seinem weinroten VW Golf, den er in einer der vielen Sicherheitstaschen geparkt hat.

"Dieser Ort ist schon etwas Besonderes!" Günther muss diesen Satz schreien, als die Autos mit frechen, teils höllisch lauten Zwischengassalven nur ein paar Meter von ihm entfernt runterbremsen. "Frische Luft, dieser Sound. Da ist es einfach, den Alltag zu vergessen. Ich liebe den Motorsport am Nürburgring", sagt der 60-Jährige lächelnd mit dem für die Eifel typischen Dialekt, in dem das "Sport" zu "Spocht" wird. In seiner Brusttasche klemmt ein Walkie-Talkie. Ab und zu dringen knarzend-krachend Wortfetzen aus dem Lautsprecher.

Unzufrieden mit einem Ferrari

Auch Fahrer und Lehrer sprechen über Funk miteinander. Frank soll in seinem E30 Tipps und Hinweise von Instruktor Domenico Solombrino bekommen. So war die Kommunikation zumindest geplant. Nach den ersten Runden erkennt Frank den Nachteil eines leer geräumten Autos, nämlich die unvorstellbare Lautstärke im Innenraum. "Ich habe leider nicht viel verstanden - mein Auto ist zu laut. Ich hatte auch genug mit mir und der Strecke zu tun", erzählt Frank und imitiert Lenkradbewegungen mit Armen und Händen. Umso mehr Klärungsbedarf besteht jetzt, während der kurzen Mittagspause.

Auch Ferrari-Fahrer Arvid sitzt mit Instruktor Ruben Zeltner am Tisch und videoanalysiert seine Linie am Laptop. Zeltner ist recht schweigsam - ein gutes Zeichen. "Ja, da gibt's nicht viel zu sagen, Arvid kennt sich ja schon gut aus, die Linie passt." Nur die berühmte Spiegelkurve - eine technisch anspruchsvolle Dreifachrechts nach dem Kallenhard - könnte er besser anfahren. Das gehöre aber schon zur sehr hohen Kunst, meint Zeltner. Trotz des Lobes scheint Arvid unzufrieden - nicht mit sich, sondern mit seinem Ferrari.

Zickig, launisch, wundervoll

"Der 599 ist kein Rennauto. Die Karosserie wankt, und die Bremse kommt mit dem hohen Gewicht nicht immer klar", klagt er. Zu allem Überfluss zickt dann noch die Elektronik und setzt die 620 PS für einige Minuten außer Gefecht. Erklärungsversuche: "Irgendwas stand im Display mit 'Katalysator-Temperatur'." Und jetzt? Der V12 startet einwandfrei, röhrt dann mit dumpfen Schaltschlägen und schriller Auspuffnote davon. "Trotz aller Macken: Das Gefühl, einen Ferrari zu fahren, ist einfach klasse - und er ist wirklich sauschnell", schreit er vom Fahrersitz rüber. Kurz nach dem Bergwerk überholt er einen Porsche 911 Turbo. Einfach so. Außen herum.

Ganz so flott ist Frank noch nicht. Die Hohe Acht passiert er am Nachmittag dennoch wesentlich schneller und gleichzeitig unverkrampfter als noch vormittags. "Ein geiler Tag", jubelt er. Vergessen ist die Furcht, völlig untermotorisiert unterwegs zu sein. "Ein schönes Gefühl, diese Rennstrecke in meinem eigenen Auto besser kennenzulernen", lautet sein Resümee nach etwas mehr als acht Stunden. Hat er schon eine Lieblingskurve? Frank schüttelt den Kopf: "Es gibt so viele beeindruckende Stellen. Die konnte ich mir alle gar nicht merken – ich musste ja fahren!" Dafür muss er wohl noch einmal kommen.

Auch Streckenposten Günther Ley kommt mit Sicherheit wieder. Doch jetzt - als er endlich Feierabend hat - macht er das, worauf er sich den ganzen Tag gefreut hat: Er fährt nach Hause. Sein Heimweg führt ihn über die Nordschleife und ihre 73 Kurven. Und ganz ehrlich: Wer würde sich da nicht freuen?

So sportlich waren unsere Instruktoren in diesem Jahr unterwegs

Unsere Instruktoren sind vor allem eines: rennsport- und nordschleifenerfahren. Das wissen auch die Hersteller ganz genau. Deshalb stellten sie uns ihre Sportwagen-Elite für das Perfektionstraining zur Verfügung - vom Audi RS 6 über den Nissan GT-R bis hin zum Porsche Cayman GT4. Am Steuer saßen unter anderem VLN-Ass Marc Basseng, Nordschleifen-Held Patrick Simon, Eifel-Urgestein Christian Menzel und Rallye-Legende Ruben Zeltner.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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