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Sportwagen-WM in Fuji

Blamage für den Motorsport

Sportwagen-WM, Fuji, Safety Car Foto: John Brooks 7 Bilder

Die Sportwagen-WM quälte die Fans auf dem Fuji Speedway mit 16 Runden unter Gelb - ein Rennen, das kein Rennen war, sondern eine Blamage und keinen Sieger verdiente. Wie kam es zu dieser Torheit?

20.12.2013 Marcus Schurig Powered by

Was für ein Jammer: Ausgerechnet in Fuji, dem nach Le Mans zweitschönsten Austragungsort der Sportwagen-WM mit den begeisterungsfähigsten Fans der Welt, präsentierte sich der Sport von einer ziemlich unschönen Seite: Nach 16 Zuckelrunden hinter dem Safety Car und drei Rennabbrüchen verteilt über die quälende Dauer von 4 Stunden und 35 Minuten "siegte“ in Fuji Toyota vor Audi. Hurra!

Keine einzige Runde unter Grün

Dieser Sieg bei einem Autorennen, das keines war, sorgte für Ernst zu nehmende Kritik. Denn wie kann es sein, dass ein Rennen überhaupt gewertet wird, obwohl das 29-Wagen-Feld nicht eine einzige Runde unter Grün absolvierte und somit Positionswechsel aus eigener Kraft – die Essenz eines Autorennens – vollständig ausgeschlossen waren?

Und wieso veräppelt sich der Sport dann auch noch selbst mit einer "Siegerehrung“, der Übergabe von Pokalen, der Verteilung von Punkten und einer zwangsläufig peinlichen "Sieger-Pressekonferenz“? Wer ist schuld an diesem Desaster und warum? Die Antwort ist leider recht kompliziert, denn rein formal hat der Rennleiter Eduardo Freitas nichts falsch gemacht. Das sportliche Reglement der WM legt in Paragraf 22 klar fest: Wird ein WM-Lauf gestartet und legt das führende Fahrzeug mindestens zwei Runden zurück, so handelt es sich um ein Rennen.

Keine Zeile darüber, ob die Runden unter Gelb oder Grün absolviert werden müssen. Und wenn ein Rennen stattfand, gibt es eben auch ein Podium und Pokale und eine Pressekonferenz. Und Punkte gibt es auch, bis zu einer Distanz von 75 Prozent zwar nur halbe, darüber dann volle. Das sind die Regeln.

Aber man kann mit Fug und Recht behaupten, dass diese Regeln falsch sind, ja noch mehr – dass sie dem Ansehen des Motorsports Schaden zufügen. Denn einem zahlenden Zuschauer kann man nicht mit Paragrafenreiterei kommen. Der will für sein Geld ein Rennen sehen. Nicht minder irritierend war der Umstand, dass in Fuji auch Piloten Punkte erhielten, die keinen einzigen Meter gefahren sind. Es kann also nur ein Fazit geben: Das Regelwerk muss dringend überarbeitet werden.

Sind Sportwagen zu Schönwetter-Prinzessinnen geworden?

Womit wir zum zweiten Teil der Schuldfrage von Fuji kommen: Waren die Bedingungen wirklich so schlecht, dass man in Japan nicht fahren konnte? Sind Sportwagen zu Schönwetterprinzessinnen geworden? Und wo liegt die Grenze zwischen noch vertretbaren Bedingungen und unhaltbaren Verhältnissen – und wer entscheidet das?

Hier ist der Rennleiter in der Pflicht. Er entscheidet, aber nicht aus einer Laune heraus. Er hat Zugriff auf die Radio-Kommunikation aller Teams, er kann Fahrer direkt über Funk zum Zustand der Strecke befragen oder den jeweiligen Teammanager bitten, dies zu tun. Während einer Unterbrechung unterstützt ein erfahrener Ex-Profi den Rennleiter bei der Einschätzung der Streckenverhältnisse.

Der muss dann allerdings mit einem Straßenauto erkunden, ob die Verhältnisse noch tragbar sind, und zwar nicht nur für GT-Wagen, sondern auch für die Prototypen, die aus konstruktiven Gründen wegen der geringen Fahrzeugstandhöhe naturgemäß mehr Probleme mit stehendem Wasser haben als die Rennwagen aus der GTE-Klasse – ein kniffliger Job.

"Warum haben wir denn überhaupt Regenreifen?"

Das Fahrerlager in Fuji war bei der Einschätzung, ob Fahrbarkeit und Sicherheit noch gewährleistet waren, gespalten. Jene, die sich unter diesen Umständen einen Vorteil ausrechneten, glaubten, man hätte zumindest phasenweise unter Grün fahren können. Porsche sah das so, denn man hatte viel Zeit, Geld und Mühe in die Entwicklung von Regenreifen gesteckt, und nicht nur Marc Lieb fragte: "Warum haben wir Regenreifen, wenn wir sie dann nicht einsetzen dürfen?“

Andere sahen es anders: „Ich habe mir bei einer freien Runde nach einem Reparaturstopp vor Angst fast in die Hose gemacht.“ Das sagte nicht irgendein Hasenfuß, sondern Audi-Werkspilot André Lotterer, fraglos einer der besten LMP-Piloten unserer Zeit und jemand, der schwierige Herausforderungen eigentlich abgöttisch liebt. Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich machte klar: "Wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht.“

Besteht ein Championat aus unterschiedlichen Rennklassen, dann kommt man leider nicht umhin, die Grenze für das schwächste Glied zu definieren – auch wenn es sich hier ausgerechnet um die Topklasse mit der höchsten Technologiestufe handelt. Und das muss man dann wohl so akzeptieren.

"Wir sollten uns den Spott über NASCAR besser verkneifen"

Doch damit sind wir bei der Lösung des Problems leider noch keinen Schritt weitergekommen. Als arrogante Europäer machen wir uns nur allzu gerne über die Amis lustig, die mit ihren NASCAR-Trümmern im Oval bei Regen gar nicht fahren. Wenn "unsere“ Sportwagen es aber auch nicht können, dann sollten wir uns den Spott künftig verkneifen.

Und zweitens sollten wir das Thema Regen dann ebenso pragmatisch behandeln wie die amerikanische NASCAR-Serie: den Start abblasen und auf Wetterbesserung warten. Und wenn das nicht hilft, dann muss das Rennen eben auf den Folgetag verschoben werden – so wie auch in Amerika.

Das bedeutet natürlich, dass die Macher der WM die Verträge mit allen Rennstrecken neu verhandeln müssten, und ebenso hätte jede Verschiebung Rückwirkungen auf den Weitertransport der Fahrzeuge zum nächsten Rennen und die gesamte WM-Logistik. Und ja, auch die Satellitenzeiten fürs Fernsehen wären davon betroffen. All das sind jedoch lösbare Probleme. Doch ein Verschieben ist allemal besser, als sich vor einem weltweiten TV-Publikum und einer enthusiastischen Live-Fangemeinde bis auf die Knochen zu blamieren, wie es in Fuji leider geschehen ist.

Toyota in Fuji mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit unter 25 km/h

Wenn das Fahrertrio von Toyota mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24,88 km/h (!) und ohne ein einziges echtes Überholmanöver siegt und dann aus Gründen der Unternehmensraison auch noch aufs Podium gejagt wird, um fröhlich winkend Pokale entgegenzunehmen und anschließend in der Pressekonferenz peinliche Nicht-Statements absondern muss, dann wird dem Motorsport ein Bärendienst erwiesen. Das ist einer Weltmeisterschaft unwürdig.

Und das ausgerechnet in Fuji, vor den begeisterungsfähigsten Fans der Welt – was für ein Jammer!

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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