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Sportwagenkult in Japan

Der Club der schnellen Autos

Sportwagenkult in Japan, Reportage, Impression Foto: Yoshi Kimura 17 Bilder

Sie treffen sich mehrmals in der Woche auf irgendeiner Rennstrecke oder einfach zum Cruisen. Aber der Höhepunkt für den Club der schnellen Autos aus Japans Hauptstadt Tokio ist Halloween. Da verkleiden sich Mensch und Maschine.

18.02.2016 Jens Katemann Powered by

Noch ist es ein ganz normaler Samstag. Die Sonne scheint, es sind angenehme 20 Grad, und rund um den Kaiserpalast sind wie jedes Wochenende die Straßen gesperrt. Ganz Tokio scheint auf den Beinen, um joggend oder mit Kinderwagen oder dem Fahrrad um den Kaiser und seine Familie zu kreisen wie ein Schwarm Bienen um ein Blumenfeld. Doch nicht alle Einwohner setzen auf körperliche Betätigung. Einige Blocks weiter an der breiten Allee Omotesando künden heiser bellende Motoren von einer Freizeitbeschäftigung der besonderen Art.

Schnuller-Baby und Kätzchen

Nicht nur, dass kurz vor 15 Uhr plötzlich ein Supersportwagen nach dem nächsten sich in die Schlange am Straßenrand einreiht. Nein, diejenigen, die aus den Autos klettern, sehen zudem alles andere als normal aus. Ein erwachsenes Baby mit überdimensionalem Schnuller klebt auf die Haube seines Lamborghini Aventador noch schnell einen "Need for Speed"-Aufkleber. Als ob die goldglänzende Folierung nicht reichte, um seine Einstellung zum Leben klarzumachen. Begleitet wird er von einem knappen Tigerkostüm, an dessen Stoffschwanz die gertenschlanke weibliche Trägerin namens Luna verlegen rumspielt. Es folgen ein Kreuzfahrtschiff-Kapitän, der im richtigen Leben Shinichi Okada heißt, samt Stewardess und Bentley Continental GT und einige Superhelden aus der Marvel-Welt.

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Sportwagenkult in Japan Der Club der schnellen Autos
auto motor und sport 01/2016
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Sportwagenkult in Japan, Reportage, ImpressionFoto: Yoshi Kimura
Bis zu 100 Autofreaks treffen sich zur Parade.

Was geht denn hier ab? Der Club der schnellen Autos trifft sich seit vier Jahren zur Halloween-Parade durch Tokio. Die Idee hatte Shinichi Morohoshi, der ganz in Schwarz mit Darth-Vader-Helm an seinem Murciélago lehnt. "Supersportwagen sind eben einfach unser Leben", sagt er, während mit dem Chevrolet Camaro das erste Muscle-Car eintrifft. Morohoshi organisiert alles über das Internet und jedes Jahr kommen mehr und machen bei dem großen Halloween-Spaß mit. "Wir treffen uns bis zu dreimal in der Woche irgendwo und fahren zusammen, aber die Parade auf der Omotesando ist definitiv das Highlight im Jahr." Und was machst du so beruflich? "Zum Arbeiten bleibt da ja nicht viel Zeit", grinst er nur, nimmt Batgirl, das mit Katzenöhrchen und einem weißen Lamborghini Gallardo gekommen ist, in den Arm und gibt einem TV-Team das nächste Interview.

Albtraum für TÜV-Prüfer

Ein weiterer der bis zu 100 Autofreaks des Club der schnellen Autos heißt Toshi Yoneda, ist erst 37 Jahre alt und hat sein Geld mit Nudel-Shops, Fast Food auf Japanisch, gemacht. Viele Mitglieder sind in der Medien- und IT-Branche oder Investmentbanker wie Takeshi Hasebe. Er sitzt auf der Haube seines Ultima Sports, eines roten Kit-Cars mit Chevrolet-Sechszylinder. Zu Hause stehe noch ein Koenigsegg, wenn es schneller gehen muss. "Ist die Parade eigentlich angemeldet?" Hasebe lacht sich kaputt und schüttelt den Kopf. "Wenn die Polizei kommt, dann hauen wir halt ab", erklärt er.

Mittlerweile sind an die 30 Luxus- und Supersportwagen angekommen, einige mit Anbauten und Blinkleuchten, bei denen TÜV-Prüfer in Deutschland Amok laufen würden. Und dann passiert es. Ordnungshüter biegen auf die Allee ein, fahren aber zunächst lediglich mit prüfendem Blick an den wie Perlen an einer Schnur aufgereihten Autos vorbei. Das ist das Stichwort. Die Clubmitglieder begeben sich in ihre Ferrari, Lamborghini und Bentley und lassen die Motoren an. Überraschend gesittet setzt sich der Tross in Bewegung, um auf der nächsten großen Kreuzung erst mal den Verkehr komplett lahmzulegen.

Duldung und insgeheime Freude seitens der Polizei

Kein Halloween-Cruise ohne Gruppenbild. Und die Polizei? Die will sich gerade unser Auto vornehmen, das wir wie die Sportwagen-Truppe zuvor im Halteverbot abgestellt haben. "Nur noch ein paar Fotos und dann sind sie auch schon weg", versichert Hasebe den Beamten, bevor auch er mit seinem Ultima Sports das Weite sucht. Wir reden mit den freundlichen Beamten – nicht über das Strafmaß, sondern über Autos.

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