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Stefan Müller im Interview

"Wollen Marke mit bezahlbaren Autos bleiben"

Stefan Müller, Porträt, Interview Foto: Renault 4 Bilder

Renault-Konzernvorstand Stefan Müller über alte Schwächen und die Neuausrichtung von Renault, die Zukunft der Billigmarke Dacia, und warum er nichts von Plug-in-Hybriden hält, sondern weiterhin auf reine Elektrofahrzeuge setzt.

23.12.2014 Jens Katemann
Der europäische Automarkt hat sich 2014 bislang besser entwickelt als prognostiziert. Was erwarten Sie bis zum Jahresende und für 2015?

Müller: Ich rechne damit, dass der europäische Markt mit rund drei bis vier Prozent in diesem Jahr wachsen wird. Dieser positive Trend dürfte sich 2015, wenn auch leicht abgeschwächt, fortsetzen. Trotzdem: Wir sind von dem Niveau früherer Jahre noch weit entfernt.

Was bedeutet das für ein Unternehmen wie Renault, das immer noch stärker vom europäischen Markt abhängig ist als andere Autobauer?

Müller: 2013 konnten wir in Europa dank des Erfolgs von Dacia so stark wachsen wie kein anderer Autohersteller, und das setzt sich 2014 fort. Auch die Marke Renault kann in diesem Jahr wieder zulegen. Zusammen mit dem positiven Marktumfeld ergibt sich ein Plus, das klar über unseren Planungen liegt. Bis 2017 wollen wir mit unseren Pkw und leichten Nutzfahrzeugen Renault zur zweitstärksten Marke in Europa machen. Wir profitieren von unserer Stärke in Europa, um die geringeren Verkäufe in gegenwärtig schwächeren Märkten zu kompensieren.

Welche Stückzahl peilen Sie mittelfristig in Europa an?

Müller: Das hängt stark davon ab, wie schnell sich der Markt weiter erholt. 2013 konnten wir 1,3 Millionen Fahrzeuge in Europa absetzen, in diesem und im nächsten Jahr werden es mit Sicherheit mehr. Ziel ist es, bis 2017 unsere Werke im Zwei-Schicht-System zu 100 Prozent auszulasten.

Trotzdem ist Renault für viele nur eine von zahlreichen Volumenmarken. Wie wollen Sie sich stärker von der Masse absetzen? Wofür soll die Marke in Zukunft stehen?

Müller: Der Markenkern von Renault lässt sich gut mit dem Slogan "Voitures à vivre – Autos zum Leben" umschreiben. Wir wollen wieder verstärkt mit neuen Konzepten die Kunden überraschen. Dabei spielt das Thema "Wellness on Board" eine große Rolle. Darunter verstehen wir lebensfreundlich gestaltete Innenräume mit einer intuitiven Bedienung. Und das Ganze mit einem attraktiven Außendesign. Mit Clio, Captur und auch dem E-Auto Zoé haben wir bereits einen ersten Schritt in die Einführung einer neuen, wie ich finde, gelungenen Designsprache gemacht.

"Autos zum Leben" ist der alte Werbeslogan von Renault, der durch den eher beliebigen Slogan "Drive the Change" ersetzt wurde. Warum nutzen Sie den alten Slogan nicht, wenn er so gut passt?

Müller: Es gibt keine Entscheidung, "Drive the Change" für immer zu behalten. Aber der Slogan hat für uns aktuell nicht oberste Priorität. Zunächst wollen wir unsere Modelloffensive perfekt umsetzen. Ich meine, dass erst die Produkte und deren Qualität stimmen müssen, dann kann man auch über einen passenden, auch glaubwürdigen Slogan nachdenken.

Auf welchen Technologiefeldern wollen Sie vorne sein?

Müller: Die Renault-Nissan-Allianz liegt beim Verkauf von Elektroautos bereits mit weitem Abstand an erster Stelle. Per Ende September waren es weltweit fast 200.000 verkaufte Einheiten. Außerdem wollen wir beim Thema Konnektivität punkten. Nicht indem wir das beste Multimedia-System am Markt bieten, sondern das mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Mit unserem R-Link-System haben wir einen ersten Schritt gemacht, aber da kommt noch viel mehr.

In einigen Bereichen hat Renault aber noch Schwächen, besonders bei Lenkung und Fahrwerk.

Müller: Wir wollen uns in Zukunft in allen Bereichen des Automobils noch stärker mit anderen messen, und Deutschland ist dazu der ideale Markt, denn er gilt als der mit den anspruchsvollsten Kunden. Und Sie haben recht: Bei Lenkung und Fahrwerk können und müssen wir noch besser werden.

Ihre Kernmodelle Laguna und Mégane sind in die Jahre gekommen. Wie sieht die Modelloffensive konkret aus?

Müller: Wir werden zunächst den Laguna und dann auch zügig Mégane und Scénic erneuern. Dazu kommen noch einige Crossover-Modelle, die keinen Vorgänger haben. Dabei werden Sie auch eine klare Verbesserung bei der Qualität erleben, gleichzeitig werden unsere Autos nicht mit unnötig teuren Dingen ausgestattet, von denen der Kunde nicht unmittelbar etwas hat. Wir wollen eine Marke mit bezahlbaren Autos bleiben und trotzdem auch in Europa nachhaltig profitabler werden.

Investieren müssen Sie in Deutschland aber in den Handel. Von einer Welt, in der ich eine besondere Automarke erlebe, sind Sie noch weit entfernt, oder?

Müller: Im Handel in Deutschland haben wir sicher noch Nachholbedarf. In einigen Ländern haben wir diese Erlebniswelt Renault, die Sie zu Recht teilweise in Deutschland noch vermissen, bereits geschaffen – und haben mehr Erfolg als in Deutschland. Italien ist ein solches Beispiel, dort werden wir bis zum Jahresende bereits zwei Drittel unserer Betriebe auf unser neues Konzept umgestellt haben. Der Absatz von Renault und Dacia ist von Januar bis Ende September um 27 Prozent gestiegen.

Wie wollen Sie Dacia weiterentwickeln? Einfach weiter immer nur billig?

Müller: Eines ist uns bei der Marke Dacia zu 100 Prozent klar: Wir müssen auch in Zukunft immer die Autos mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten. Und wir wollen unsere Position verteidigen und ausbauen. Da unsere Modellpalette aber derzeit noch sehr frisch ist, schauen wir uns jetzt erst einmal in Ruhe an, wie die einzelnen Autos in ihren Segmenten angenommen werden. Und dann werden wir uns in einem nächsten Schritt überlegen, in welche Segmente wir noch zusätzlich gehen. Der zweite Schritt ist eine kontinuierliche Verbesserung der Produkte bei gleichzeitig weiterhin niedriger Kostenbasis. Das klingt trivial, ist aber eine riesige Herausforderung.

Sie haben gesagt, dass die Renault-Nissan-Allianz bei Elektroautos vorne liegt. Wie schätzen Sie die Marktentwicklung von Elektroautos in den kommenden Jahren ein?

Müller: Zunächst einmal ist der Markt für E-Autos in Europa per Ende September 2014 um rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Das entspricht einem Marktanteil von rund 0,4 Prozent.

Bei Plug-in-Hybriden sieht es noch viel bescheidener aus. Davon gibt es ja auch noch nicht allzu viele ...

Müller: Sicher sind diese Zahlen noch mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem ist doch allen in dieser Industrie klar, dass kein Weg an der Elektrifizierung des Automobils vorbei führt. Wir werden in den kommenden Jahren in jedem Fall eine deutlich breitere Ladeinfrastruktur sehen, und wir gehen davon aus, dass noch mehr Länder die Elektromobilität durch zusätzliche Subventionen fördern werden. Die sinkenden Preise und höheren Kapazitäten der Batterien werden das Thema ebenfalls weiter nach vorne bringen. Kundengewohnheiten werden sich ändern, das dauert allerdings länger als gedacht. Wer sich aber einmal dafür entschieden hat, ist ganz begeistert. Wir haben beim Renault Zoé eine so hohe Kundenzufriedenheitsrate wie bei keinem Renault zuvor.

Der VW-Konzern bringt nun flächendeckend Autos mit Plug-in-Hybrid-Technik. Werden Sie diese Übergangstechnologie ebenfalls einsetzen?

Müller: Wir sehen uns die Marktentwicklung jetzt in Ruhe an. Wir glauben, dass der rein elektrische Antrieb die sinnvollere Form ist. Zwei Antriebssysteme machen das Auto unnötig schwer und für eine Volumenmarke sehr teuer. Aber die Technik ist innerhalb der Renault-Nissan-Allianz vorhanden, so dass wir bei einer hohen Nachfrage nach Plug-in-Hybriden schnell reagieren könnten.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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